(c) Reinhard Winkler

Hermann Maier
(1973-2006)

Gründungsmitglied der
Aurora, Redakteur, Bauer.

 

Texte
 

"Dieser unglaubliche Egoismus"
(25. 05. 2006)
Erwin Wagenhofer, Regisseur
von "We feed the world",
im Interview.

Wiederbegegnungen: Bosnien
(27. 04. 2004)

Der große jugoslawische Krieg war bereits vor Jahren für beendet erklärt worden, und andere Schau-Plätze hatten die Journalisten und Blauhelme inzwischen massenweise vom Balkan weggelockt, als ich mich dazu entschloss, mit dem Fahrrad die ehemaligen Kriegsgebiete in Bosnien und Kroatien zu bereisen.

Terror und Widerstand
(23. 09. 2003)
Was bringt z.B. die 19jährige Hiba aus der Westbank dazu, sich vor einer israelischen Mall in die Luft zu sprengen?

Ein Fänger
(01. 02. 2003)
John Lennon hat mich berühmt gemacht und Salinger meine Geschichte erzählt. Glauben Sie mir, beiden bin ich unendlich dankbar! - Die Idee? Die Idee ist mir im Central Park gekommen. Beim Entenfüttern. Geh dorthin, habe ich mir gedacht, steck dir einen Revolver und Den Fänger ein und geh dorthin; in fünf Minuten ist die Sache erledigt.

Driving home for Christmas
(22. 12. 2002)

Als das Telefon läutete, stand er am Fenster und sah zu, wie ein Mann den ersten Schnee wegschaufelte. Seine Mutter war dran und faselte etwas von Besuch, Essen und Alleinsein. Manchmal ließ er sich keine Ausrede einfallen und nahm die Einladung an. Zuletzt geschah das nicht mehr oft: Das Haus war ihm fremd geworden.

Wir sind doch keine Kohlköpfe!
(31. 8. 2002)
Die überwiegende Zahl der Naturwissenschaftler sind heute Deterministen, das bedeutet: Sie halten das, was wir normal als unseren freien Willen bezeichnen, für eine lllusion. Doch sind wir tatsächlich alle nur willenlose Marionetten unserer äußeren oder inneren Umstände?

Perfect day
(13. 7. 2002)
Dieser Gesang, diese Stimme, sie gaben dem hiesigen Dunst aus Rauch, Schweiß und Alkohol etwas Heimeliges; versetzten uns in diese angenehm versöhnliche Stimmung. Alles erschien mir plötzlich in einem milderen Licht. Und als Lou Reed so sang und wir beschwipst mitsummten, wusste ich, dass es im Grunde schon o.k. war, mit M. beisammenzusein.

Jesus Christus - Superstar
(03. 04. 2002)

So am Kreuz zu enden, war wohl nicht ganz das, was er sich vorgestellt hatte: Er wollte leben. Die Welt verändern. Vielleicht geliebt und bewundert sein. - Es misslang: Verzweifelt stößt er sein "Eli, Eli, lema sabachthani?" hinaus. Dann verschwindet er.

Eine Million Gründe,
das Leben zu verneinen
(23. 12. 2001)
Am 17. Oktober 1978, kurz vor 14 Uhr, wird Jean Améry (eigentlich: Hans Maier) in einem Salzburger Hotelzimmer tot aufgefunden. Ein Mann schied hin: Schlafmittelvergiftung wird als Todesursache angegeben.

Anna Blume geht durchs
20. Jahrhundert

(11. 9. 2001)
Paul Auster ist ein Schriftsteller, der seine Figuren immer wieder an den Anfang zurückkehren lässt: Es ist ihnen nicht bestimmt, sich in Gewissheit zu wiegen: weder was das Wesen der Welt, noch was sie selbst betrifft. Sie bleiben Suchende: "Was heißt leben?" – "Wozu leben?" Diese Fragen lassen sie nie ganz los.


Gandhi oder: Die Macht
des Individuums

(31. 8. 2001)
Manchmal bezeichnet das Lesen eines bestimmten Buches den Beginn eines neuen Lebensabschnitts: Mahatma Gandhi etwa haben sich die Worte Henry David Thoreaus in Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat während seines Gefängnisaufenthaltes in Südafrika tief und unauslöschlich eingeprägt.

Die Schnäppchenwitschaft
(27. 7. 2001)
Es ist seltsam ruhig geworden um die Ökonomik. Sieht man von den paar "Globalisierungsgegnern" einmal ab, so herrscht tiefes Einverständnis darüber,
dass die Dinge so, wie sie jetzt laufen, richtig laufen: Das Vertrauen in den Markt ist unverbrüchlich, die Vergötzung des Billigen geradezu modern.

Der Steppenwolf tanzt
(28. 5. 2001)
Einer der schönsten Momente in der deutschsprachigen Literatur ist jener, wo Harry Haller, der Steppenwolf, mit Hermine tanzt. Für einen Augenblick bekommt man hier das gute Gefühl, als könne ein Mensch tatsächlich die Balance zwischen
dem Ja und dem Nein finden.

Findelgeschichten
Helmut Bräuer: Miniaturen aus Kursachsen im 18. Jahrhundert.
(22. 4. 2001)
Selbst den historisch Versierten wird es verblüffen, wie anschaulich und plastisch die Prosa Bräuers die frühe Neuzeit und hier vor allem den Alltag der Unterschichten macht.

Zen und die Kunst
ein Motorrad zu warten

(16. 12. 2000)
On the road again: "Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten" ist ein Buch über einen Motorradtrip von Minnesota nach Kalifornien, aber auch ein Trip in die Vergangenheit des Ich-Erzählers: Dieser, so erfährt man nach und nach, war einmal ein ganz anderer, nämlich ein hochbegabter Universitätsprofessor, den sein Denken schließlich in den Wahnsinn trieb.

Gott ist Mensch geworden
(30. 10. 2000)
Wenn es Gott wirklich gäbe und wenn sich dieser Gott wirklich entschlossen hätte, Mensch zu werden, schießt es mir in einer übel nach Schweiß riechenden Gaststätte durch den Kopf, dann müsste er jetzt eigentlich vor mir sitzen: bebrillt und Torte essend.

Ich, mein Königreich
(23. 10. 2000)
Der Mensch lebt in Gesellschaft und muss sich daher gewissen gemeinsamen Regeln unterwerfen. Der Mensch ist vor allem aber auch ein Individuum, dem die Freiheit, über seine persönlichen Angelegenheiten selbst zu bestimmen, zugestanden werden muss.

Über die Geschichte - ein systematischer Abriss
(09. 09. 2000)
Der historisch Denkende beurteilt die Gegenwart anders als der ahistorisch Denkende.

Vermischte Gedanken
über das Altern

(20. 08. 2000)

Der Zivildienst in einem Altersheim hat meine negative Haltung gegenüber dem Alter nur bestärkt; ich glaube heute, dass der, der das Alter idealisiert, einen krassen Irrtum begeht.

Rezension
(22. 06. 2000)

Transitforum Austria Tirol:

Am Brenner für die Alpen

Rezension:
(22.06.2000)
Rachel Carson:

Der stumme Frühling

Dennis Meadows:
Die Grenzen des Wachstums



"Alle Menschen sind sterblich"
(12. 05. 2000)
"A
lle Menschen sind sterblich" beschreibt die wechselvolle Geschichte eines Mannes, Raymond Foscas, dem der Genuss eines Elixiers Unsterblichkeit verliehen hat.


(Alle Bilder: Reinhard Winkler)

 

Buchtipp


Hermann Maier (Hrsg.)
Verschwindet das Land?
Innsbruck: Studienverlag,
2006.
150 S.
ISBN:3-7065-4168-8

"Die in diesem Buch gesammelten Beiträge beschäftigen sich mit sehr verschiedenen Aspekten des Verschwindens von Land. Sie reichen vom Nachdenken über gutes/besseres Essen bis zu Überlegungen zur bäuerlichen Landwirtschaft, von der regionalen Wirtschaft bis zur ländlichen Infrastruktur. Wobei die Autoren in der Regel nicht stehenbleiben beim bloßen Feststellen eines Prozesses, sondern darüber hinaus in aller Deutlichkeit aufzeigen, dass es auf dem Land durchaus etwas Bewahrenswertes, etwas 'Konservierenswertes' gibt. Viele werden darin ein Nachhutgefecht sehen, wir aber glauben, dass es sich lohnt, dafür einzutreten, dass das Land als eigenständiger Lebens- und Wirtschaftsraum erhalten bleibt und man seine dezentral-flächenhafte Nutzung beibehält!"
(Hermann Maier)

 


 


Nachgedanken zum Tod meines Freundes Hermann Maier

Von Peter Hodina

(17.8.2006)


...     Es ist alles so schnell gegangen. Hermann Maier ist auch schon begraben. Wie auch immer es bei diesem Begräbnis zugegangen sein mag. Hermann wäre es wichtig gewesen. Denn er fuhr mit dem Rad bis zum Grab von Albert Camus nach Südfrankreich. Wenn wir so wollen: ein Wallfahrer.

Und so werde auch ich – verspätet – an Hermanns frischgeschaufeltem Grab eintreffen und etwas hinterlassen: einen Stein oder eine Blume oder ein Blumengebinde. Oder etwas solcher Art. Am Grab des Dramatikers Heiner Müller in Berlin legen immer wieder Besucher Zigarren nieder. Am Grab des Schriftstellers Clemens Eich auf dem Salzburger Kommunalfriedhof lagen monatelang Ansichtskarten und jemand deponierte in einer leeren Schachtel Memphis-Zigaretten einen 20-Schilling-Schein, vielleicht um eine Geldschuld nachträglich zu begleichen. Ich nahm dann, weil es zum Verdursten heiß war und ich kein Geld mehr bei mir hatte, diesen Geldschein und bestellte draußen ein kleines Bier. Auf Kindergräbern werden manchmal Windräder hingestellt oder Spielzeug. Über ein Jahrzehnt hat in Berlin jemand auf das Grab eines Frühverstorbenen Gedichte gelegt, eins davon in Stein meißeln lassen. Das möchte als kindisch gelten. Aber ich schlage vor, auch Hermanns Grabstätte die Ehre zu erweisen und Zeichen der Verbundenheit und Nachdenklichkeit dort zu hinterlassen.

Früher verscharrte man voll Verschämtheit die sogenannten Selbstmörder ganz versteckt am Rand der Friedhöfe.

Obwohl ich nicht im katholischen Sinne gläubig bin, möchte ich doch an das Gleichnis vom Samenkorn erinnern, das auf einen halbwegs fruchtbaren Boden fällt – auf uns. Und obwohl ich skeptisch bin, was eine okkulte Verbindungsmöglichkeit zum Verstorbenen betrifft (doch ist unser Leben ja insgesamt ein Rätsel!), merke ich eine allmähliche Konkretisierung mancher Welt- und Selbstbezüge in mir, die durch Hermanns sogenannten Freitod ins Rollen gebracht wurden. So bin ich einige Stufen tiefer in die Wahrnehmung meiner Sexualität gestiegen. Und ich merke die Schönheit mancher Gesichter, die mir bisher entging. Und wie Hunde mit Vorliebe mit kleinen Kindern spielen, auch Katzen von zarten Händen sich lieber streicheln lassen. Mein starres paranoisch getrübtes und verzerrtes Verhältnis zu meinem sogenannten Todfeind, das fast 20 Jahre sich nicht ändern ließ, klärt sich plötzlich zu Gelassenheit und Nachsicht auf.

    War Hermanns Schritt mutig oder feige? Feige, weil aus dem Leben und seinen Pflichten fliehend, möchte man zunächst meinen. Aber mein Nachbar aus dem Haus, aus dem ich in einer Woche ausziehe, hatte jahrzehntelang am Bau in hohen Höhen gearbeitet, und er sagte mir, als ich ihm von jenem Todessprung erzählte, daß dieser Sprung außerordentlich mutig wäre, daß er selbst jedesmal froh war, von den Baugerüsten wieder heil heruntergekommen zu sein. Er assoziierte als allererstes mit dem Todessprung Hermanns den Mut. Ich selber wäre zu einem solchen Schritt ja viel zu feige. Ich trete nachts an den Balkon, schaue die Stockwerke aufs Pflaster hinunter – und könnte es nicht.

Ich schlage behelfsweise vor, von mindestens zwei Formen des Mutes zu sprechen: einem punktuellen und einem auf lange Sicht. Zu einem Suizid gehört großer, gewissermaßen abstrakter, fast selbst- und wirklichkeitsvergessener punktueller Mut. Ein Suizid bedeutet ja, geradezu die Naturgesetze außer Kraft zu setzen, den Selbsterhaltungstrieb. In der Welt weiterzuverbleiben, beinhaltet aber den anderen, langphasischen Mut, durchzuhalten. Bei uns Normalmenschen ist diese zweite Art von Mut, durchmischt mit Kleinmut, Feigheit und Berechnung, jedenfalls mit Inkonsequenz, verbreiteter. (Immanuel Kant sprach vom "krummen Holz der Humanität" hinsichtlich unserer aller Unvollkommenheit.)

(Und doch ist das möglicherweise nicht ganz richtig, wie ich es mir hier zurechtlege. Denn Hermann hatte ja auch große Ausdauer... Und sein Suizid schien mit Überlegung durchgezogen.)

Kann ich zwar wohl zu Hermann keine Verbindung mehr aufnehmen, obwohl ich in Gedanken es versuche, ja sogar als Ungläubiger zu Gebeten ansetze, weil ich will, daß eine Sphäre von Zuneigung die verwundete Seele des Toten umschwebe, heilend, nachholend, so wirkt doch Hermann sicher nach im Sinne jenes Gleichnisses vom Senfkorn. Es liegt an uns, durch diesen Tod geöffneter und sensibler und auch erwachsener zu werden. Niemand ist vollkommen. Und es gibt Situationen, in denen die Depression den Blick auf anderes und die anderen, ja auch auf sich selber für entscheidende Momente völlig trübt, ja verunmöglicht. Anwandlungen einer Schwäche, die zur absoluten Schwäche wird, die den tragenden Boden unter den Füßen verlieren läßt.

Hermann war ein Mensch der Liebe. Er ist durch die Mauer gegangen. Er hat absolviert, was uns allen ausnahmslos bevorsteht. Und insofern läßt sich unser wohliges bis manchmal ziemlich unwohliges Lebensmittelmaß damit nicht mehr vergleichen. Wir haben nicht den Maßstab, diesen transzendenten Vorgang zu be- oder verurteilen.

Deshalb: die Dinge, die Hermann wichtig waren, müssen weitergehen! Z.B. das Aurora-Magazin. Ich stelle meine redaktionelle Mitarbeit ehrenamtlich zur Verfügung.

    Wir sollten, statt die Gräber der sogenannten Selbstmörder zu scheuen und zu meiden, im Gegenteil sie zu persönlichen, intimen Gedenk- und Versöhnungsorten machen. Zu Stätten unserer eigenen Erneuerung und zu unserem Geburtsfortschritt in diese so schwierige und manchmal so leichte, leichtsinnige Welt. Das Leben ist eine Lebensaufgabe. Wenn auch wahrscheinlich die Geister der Toten uns nicht beistehen können, dürfen wir doch aus und in ihrem Geist uns in unserem Sein verdeutlichen, konkretisieren, vertiefen und angstlos, ohne Entzweiung und Gespaltenheit zu befürchten, verwidersprüchlichen. Wenn wir gesegnet sind mit mehr Lebensausdauerkräften, dann sollten wir froh sein. Hermann hat sich nur mehr mit der radikalsten Lösung zusammenfassen können, vielleicht jene noch unbewußt gewesenen Quellen aufgrund seiner Jugend verkennend, die in ihm schlummerten. Das ist die Tragik früher Tode; denn eine Häuserecke, einige Kalenderblätter weiter hätte es schon gleich wieder besser oder anders werden können.

Hermann hat sich Mühe gegeben, und wir haben wahrscheinlich alle mehr oder weniger den Fehler gemacht, uns zu wenig danach zu erkundigen, wie es ihm gehe. Wir dachten, er würde es uns schon von selbst sagen. Das war ein Mangel an Aufmerksamkeit, leider.

Ich möchte mich selbst für ihn zum Traumfänger machen. Und ihn nicht vergessen. Sein Grab nicht. Seine Stimme nicht. Und so kann ich nur meinen eigenen Eisblock schmelzen.

Unsere so überaus verbesserungsbedürftige Kultur ist nach wie vor in einem wertemäßigen Zwiespalt: einerseits sind in ihr christliche oder säkularisiert-solidarische Werte wirksam, und zu ihnen erziehen uns gute Lehrer. Andererseits verlangt man dann vom Erwachsenen später egoistische Talente: Ellenbogentechnik, Durchsetzungsvermögen, Konkurrenzismus, eine unsentimentale Grundhärte. Also man könnte sagen: einerseits warme Werte, andererseits kalte Werte. Sigmund Freud schrieb einmal sinngemäß, wir statteten die Kinder mit einer Landkarte der Tropen aus und schickten sie dann zum Nordpol. Hitler erklärte im Jahre 1934 zum Thema Jugenderziehung folgendes: "Meine Pädagogik ist hart. Das Schwache muß weggehämmert werden." Die Jugend müsse "Schmerzen ertragen". "Es darf nichts Schwaches und Zärtliches an ihr sein. (...) Ich will keine intellektuelle Erziehung. Mit Wissen verderbe ich die Jugend. Sie sollen mir in den schwierigsten Proben die Todesfurcht besiegen lernen."

Dieses brutale, kriegsvorbereitende und kriegstreiberische Dysangelium ist in unserer Kultur immer noch nicht überwunden; im Gegenteil, solche böse Botschaft kehrt, in anderem Gewande, wieder, wird in Seminaren, die teuer sind, regelrecht antrainiert. Manche Leute trainieren sich mit Gewalt ihre menschlichen Eigenschaften ab.

    Wenn Hermann mir einmal sagte, ein erwachsener Mann dürfe nicht weinen, denn sonst wäre er ein Schwächling (dabei weinte doch Hermann nicht selten!), oder ein halbwüchsiges Mädchen dürfe sich nicht mehr, um Kraft zu tanken, an seine Mutter kuscheln, dann war etwas von diesem Dysangelium, diesem Seelengift der Härte in ihn eingesickert. Denn diese böse Botschaft liegt in der Luft und strömt mit manipulativer Gewalt aus allen möglichen Kanälen. Die Berge hier sind schroff. Die Menschen sind oft harsch. Hart aber herzlich, wie sie meinen. Die Menschen bilden einen sogenannten Menschenschlag. Die populäre Vortragstätigkeit eines Erwin Ringel, der den Österreichern ihre kollektive Seele vorhielt, die Gedichte eines Erich Fried, die Dramen eines Georges Tabori haben nicht gereicht, um diese unverfroren-verfrorene Mentalität ausreichend zu ändern, zu ersetzen. Doch Wegweiser für das Bessere wurden aufgestellt, die aber schon wieder zu rosten, zu morschen und umzustürzen beginnen. Manchmal gibt es akademische Lehrer wie z.B. den Salzburger Germanisten Professor Hans Höller, den Betreuer von Hermanns Diplomarbeit, die eine gravierende Spur eines wirklichen Humanismus in unserem Leben hinterlassen, auf der weitergegangen werden kann und müßte. Immer wieder halten wir inne und schöpfen Atem und Kraft aus der Verbundenheit mit solchen Menschen, die wirklich unsere Welt, in ihren Wirkungen wie bescheiden und fragmentarisch letztlich auch immer, zu verbessern helfen. Auch Hermann Maier gehörte überwiegend zu ihnen.

Die kalte Stärke ist trügerisch. Sie reißt ab. Sie bricht ein. Zackig wie Bergspitzen ist die häßliche Krone ihrer finsteren Krater. Aber lässig umfangen und umarmt, beschützt, mit Fröhlichkeit, Geschmeidigkeit, Nachsicht, Erkennen und Anerkennen, werden wir besser leben. Das ist ganz sicher so. Wir halten unsere Gesichter in den Wind und werfen unseren Kopf in den Nacken.

Blasen wir doch lieber jedes Jahr wieder mit unseren Lebensmenschen zusammen die immer zahlreicher werdenden Kerzen auf unserer Geburtstagstorte aus statt unser Leben!

 

Ausatmen

Von Hermann Maier

(20.02.2001)


Atmen heißt bekanntlich urteilen (Camus).

Ihm war nach einer großen Entscheidung: Also hat er aufgehört zu atmen.

Man muss wissen: Atmen, das war ihm schließlich nur mehr lästig.

"Meine Freude ist verbraucht!", soll er einmal gesagt haben.

Und: "Schal –  selbst der Gedanke an den Sommer."

(Ein lang gehegter Wunsch:) "Nicht mehr reden müssen! Nicht mehr essen müssen! Nicht mehr lachen müssen! Nicht mehr weinen müssen! –  Keine Träume, keine Kriege, keine Ängste mehr!"

(Die Unmöglichkeit der Mitteilung:) Er hat sich natürlich aufgebäumt gegen die Verzweiflung: Er hat versucht, ein freundliches Gesicht aufzusetzen, war ihm auch nicht nach Lachen. Er hat sich bemüht, laut und überzeugend zu sprechen, obwohl alles in ihm nach Ruhe schrie. –  War er allein, ließ er die Augen übergehen.

Vor langer Zeit schon zerbrach etwas in ihm. Damals verloren seine Augen ihren Glanz.

(Der amerikanische Traum:) An manchen Tagen träumte er davon, in den USA zu leben: "Dort wäre alles so einfach", dachte er: "Du gehst in einen Waffenladen und kaufst dir eine Kanone wie du hier deine Semmeln kaufst. Dann fährst du nach Hause und bläst dir dein verdammtes Gehirn, deine verdammte Seele aus dem Schädel. Mit einem Peacemaker Frieden mit sich schließen, ein schöner Gedanke für jemanden, der weg sein möchte – nur weg sein möchte."

Er litt am Leben. Daran ließ er keinen Zweifel.

Egoismus hielt er für die Grundbedingung der Selbstvernichtung: "Rücksicht im entscheidenden Moment zeugt von schwachen Nerven!" –  Er ließ sich durch nichts und niemandem von seinem Vorhaben abhalten. –  Und nichts und niemand hielt ihn zurück: Nobody called and nobody came (Cale/Reed – Songs for Drella, A Dream).

In seiner Todesstunde fühlte er sich unschuldig und frei.

Das Warten hatte ein Ende: "Was für ein schöner Tag!", murmelt er im Einschlafen.

 

kölnbreinsperre

Von Peter Hodina

(19./20.8.2006)


von dir mich zu lösen?
dir ewige ruhe bitten?
das nichts
in das du sprangst
bestätigen?

ich wende mich
zur andern seite
vom gleichen kraftwerksmauer-
grat
zum blauen hin
so wie die kinder
auf der riesengroßen mauer
nach dem blauen schaun
als wäre es das meer 

wie bist du hineingestürzt
in den gigantischen pappe-
bogen
aus beton
wie warst du tollkühn und verzweifelt
im anzug den du haßtest
vom scheitel bis zur sohle
perfektioniert
die ungeheuren energien
die sich da anstaun
daß der stumme klang der kölnbreinwand
das leben scheidet
in zwei parallele universen
sein und nichtmehrsein
mir wird so bang
vor so viel vollkommenheit
vor so viel futurismus
umgesetzt in existenz hast du
das tödlichste
respekt
und angst
und angst
und wieder angst
und immer wieder nur angst

dein leibesäußeres
blieb unversehrt
nach einem 160-meter-fall

hapi ägyptischer gott
du horussohn
geborgen aus dem meer
nach einem jahrtausend verborgenheit
von einer naturkatastrophe
einst versenkt
(die ganze stadt herakleion
versank)
du schützer der eingeweide
schützer auch vor inneren verletzungen
du mütterlicher gott der dämme und der fluten
blaugrüner gott der fischreichen gründe
und befruchtenden schlämme
du hattest deine heiligtümer in assuan
behüte den
der ins gegenteil sprang
laß umschlagen
tod in leben
kälte in wärme
vollkommenheit in menschlichkeit
vollbringen wir die wandlung
das trockne wird weich und feucht
ums bein sich wieder schließt
lebendiges fleisch
verpuppt im toten ist
die seele die die flügel hebt
wenn keiner mehr dran glaubt

durch labyrinthe mußt du gehn und kriechen
rutschen und stolpern
staunend und verzagend
in kleinste puppenheim-höhlen
weinend nach heimat
blicken
(dort hängen an der wäsche-
leine frische hemden
für mäusemädchen)
niemand wohnt hier
obwohl die lichter heimelig brennen
die fragen türmen sich in dir
und antworten stürzen über dich herein
nun von draußen
als seidne flügel
die fröstelnd rauschen

sternbahnen über dir
wie aufgestecktes leuchtspielzeug
die totenlampe wärmer scheint

am ende eines durchschlupf-
reichen labyrinths
begegnest du der menschengroßen puppe
(ists mann? ists frau? ists domestik?)
die unterm schleier bebt
voll reiner liebe
traurigster verständnisinnigkeit
(wie ich zu dir war
du zu mir)
dann wandert schon dein blick hinab
zu ihrer hand
zum schoß

ist sie nur puppe
oder doch lebendig?

springt unversehens an dich
menschenkatze
gibt mit dem katzen-
satz auch schon
die antwort
legt ihre goldne schleiermaske ab
vieldeutig saugt sie deine mängel ein
sie riecht dich durch
wie eine blume die nach mist auch riecht
und süß zugleich
begehrst du sie?
begehrt sie dich?
ists isis?

dies – beider – staunen
wenn der schleier weggehoben wird
verwandlungen des muttergesichts
güte wie schäbigkeit der welt

die pantomimin komplimentiert
dich auf die höhere stufe

sollst ruhn?
soll sagen "friede deiner armen seele"
soll sagen und entsagen
und dich in die erde betten lassen
vor tief beschämten anzugträgern?
daß eben erde du nun wirst
und staub vom staube?
daß in dem straßenstaub nun in dir geht
dein freund?

soll ich zu dir?
ins gleiche element mit dir?
diesmal ins blaue springen
statt ins weiße?
wand an wand?
wir capricorne zimmernachbarn werden sollen
im nichts
durch das so trügerisch
die weiße weiße mauer zieht
wirklichkeit vortäuschend und
den fortschritt?
will ich mit dir im gleichen sein
und wäre es das nichts?

mein freund ich halte mich zunächst
an mich
ich hülle mich in meine weichen kleider
und ziehe die kapuze ganz weit über
mein gesicht
und torkle mit dem flaschensack
wie der haftentlassene der ausgesetzte
den die weltgemeinheit fressen wird und
flutet

ich gehe in die stadt zurück
und bleibe zivilist
und relativ
der feigling der bin ich
du nicht
du bist der mutige gewesen
du zeichen
zenverdächtig
bübchen
blondes

...


 

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