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Auf
dem Umschlagfoto des schwarz glänzenden Bildbandes sitzt, im kleinen Radius
einer hell leuchtenden Lampe nur schemenhaft zu sehen,
neben seinen orangefarbenen Früchten
ein Obstverkäufer. Der in der Bibliothek der Provinz herausgebrachte
Fotoband zeigt als Reisejournal Fotos von Christina Schwichtenberg
und dem bekannten österreichischen Autor Josef Winkler. Die meisten der
Bilder stammen aus Varanasi, der Rest aus Jaipur, Bombay (Mumbai), Goa und
Dharward. Dem Bildteil vorangestellt sind Auszüge aus Josef Winklers in
Varanasi verfasstem Notizbuch. Der bereits 2003 abgedruckte Kurzprosatext
"Julius Meinl oder Leichenschleifen in Benares"
(2) schließt den Bildband ab.
Wer bereits Einblick in
Winklers Werk erhalten konnte, darf annehmen, dass dem Autor nicht an
einer Bestandsaufnahme des indischen Kontinents im Baedeker’schen Sinne
gelegen war – wiewohl das Vorwort eine sachkundige Beschreibung der Stadt
enthält, wie sie einem x-beliebigen Reiseführer entnommen sein könnte:
"Varanasi ist eine der
ältesten Städte der Welt, so alt wie Jerusalem, Athen und Peking. Sowohl
im muslimischen wie im britischen Indien hieß die Stadt 'Benares', aber
im unabhängigen Indien wurde der Name Varanasi wieder als der offizielle
Name der Stadt eingeführt. Nach langer Pilgerschaft in Varanasi
anzukommen, sich dort den vorgeschriebenen Waschungen zu unterziehen und
schließlich selig zu sterben, ist das Lebensziel eines gläubigen Hindu."
Gegen
Ende des Vorworts stellt Winkler fest: "Daß Varanasi immer noch nicht ins
Weltkulturerbe aufgenommen wurde, ist eine Tragödie, denn die Stadt
verwahrlost und zerfällt immer mehr und mehr". Man ist hier versucht, sich
der Ironie zu überlassen und zu denken, dass es sich bei dem Beschluss
darüber, was schützenswert sei, bloß um die Nachahmung einer westlichen
Geste anderen Kulturen gegenüber handle. Ein kleiner Befehl, könnte man
meinen, jenen zugedacht, die dem Autor einst vorwarfen, er selbst betrete
mit Domra (dem Roman, in dem u. a. die Leichenverbrennungen am Ganges
akribisch beschrieben werden) "ethnopoetisches Terrain, ohne im Geringsten
ethnographisch dafür gerüstet zu sein".(3) Von derlei Absteckungen berichtet
vorliegender Bildband freilich nicht.
Es handelt sich auch nicht
um den Versuch, das Fremde abzubilden. Wir haben es viel eher mit Blicken
auf die eigene Befindlichkeit in der Fremde zu tun: Im Vorwort begründet der
Autor seine Reise nach Indien damit, das Land sehen zu wollen, in dem seine Frau
Christina Schwichtenberg vier Jahre ihrer Kindheit verbracht hat. Als
zusätzlichen Beweggrund für seine Aufenthalte in Varanasi führt er die
Empfehlung des Wiener Universitätsprofessors Wendelin Schmidt-Dengler an.
Winklers Werk kennend, ahnte Schmidt-Dengler, "daß [Winkler] in dieser
Stadt, die auch "'Mahashmashana' genannt wird, was soviel heißt wie 'Der
große Einäscherungsplatz', in Indien am besten aufgehoben" sein würde: ein
Augenzwinkern.
Die
Notizbuchauszüge, die den Bildband einleiten, beschreiben die ersten Wochen
von Schwichtenbergs und Winklers Aufenthalt in Varanasi im Winter 2005/06 im
Beisein ihrer kleinen Kinder. Was an ihnen besonders besticht, sind die
hellsichtigen und einfühlsamen Beobachtungen, in deren Mittelpunkt immer
wieder die beiden
Kinder stehen, und das gleichzeitige Reflektieren der Beobachterrolle(n):
"Gestern las ich
Kasimir aus 'Der Herr der Ringe' ein paar Seiten vor, während er, wohl
nur halb zuhörend, eine große grüne Gottesanbeterin vom nassen Boden der
riesigen Veranda auflas – es wurden von den Dienerbuben die wohl mehr
als hundert herumstehenden Blumentöpfe gewässert – und die nasse
Gottesanbeterin auf den Tisch legte, ihre zuschaute, die sich, noch
immer feucht, langsam vorwärts zu schleppen begann, bis sie innerhalb
von wenigen Minuten trocken wurde und sich wieder, als sie über den Rand
des Tisches stieg, am blauen Tischtuch festkrallen konnte mit ihren
langen, dünnen Beinen, während ich dem Jungen mit dem Haifischaugen aus
dem 'Herrn der Ringe' weiter vorlas."
Immer wieder tauchen
Kindersachen auf: ein rosa Plüschpferdchen, der von einem T-Shirt
abbröselnde Mickymaus-Aufdruck oder der obligatorische Gameboy. Obgleich bei
Winkler vieles in seiner Gegenständlichkeit beschrieben wird, dienen diese
Beschreibungen weniger dem Festhalten dieser Gegenstände; sie zeugen mehr
von dem Versuch, bereits Erlebtes aus der Erinnerung zurückzuholen und in
Sprache zu kleiden. Auch in Winklers Prosatext "Sindbad auf dem
Zirkusplakat" (abgedruckt in dem Band "Leichnam, seine Familie belauernd")
erinnert sich der Berichtende, dass er als Kind die knisternden
Papiere "von den Moro Blutorangen – Blutorangen, das magischste aller Wörter
für mich" ausbügelte, um sie auf dem Nachttisch stapeln zu können.
Orange
Farbflecken tanzen, die Sinne betörend, wiederkehrend durch jene Texte Josef
Winklers, die Indien zum Ausgangspunkt seiner Beobachtungen nehmen: der
Funkenflug brennender Scheiterhaufen, zu Girlanden aufgezogene Tagetesblüten
oder der Punkt auf der Stirn eines der Kaste der Unberührbaren zugehörigen
Dom – und sein farbiger Abdruck auf dem Kopfpolster des Erzählers. Sie
bezeichnen das, was den Toten gehört und auch, was den Lebenden zufällt.
Dabei weisen sie über das rein Gegenständliche hinaus. Diese Versatzstücke
finden sich auch in den zahlreichen Fotografien, die den eigenständigen
Bild- und Hauptteil des Journals ausmachen. So sehen wir auf einem Foto etwa
zwei Frauen, die orange- und rotfarbenene Saris tragen. Sie sind neben einem
Berg gelber und oranger Blütenköpfe abgebildet, die auf ein großes, am Boden
liegendes Stoffstück geschüttet wurden. Während die ältere, in Richtung der
jüngeren lachend, gelbe Blütenköpfe auf einen Faden zieht, schlichtet diese
in Hockstellung – dabei trägt sie eine schwarze Umhängetasche über der
Schulter – rote Rosen in einen flachen Korb.
Der Bildteil des Bandes
dient nicht der Illustration des Geschriebenen. Viele der Fotos zeigen
Menschen, die geradewegs in die Kamera blicken. So steht ein barfüßiger
Junge mit hängenden Armen vor zu Haufen aufgeschichteten Kokosnüssen. Sein
verwaschen-grünes Poloshirt ist im Brustbereich pastellfarben gemustert,
unterhalb hebt sich der Schriftzug "OXFORD" vor schwarzem Hintergrund ab. In
die Kamera blickend, scheint der Junge ein Lächeln zurückhalten zu wollen.
Die
Fotografien verschließen sich einer eindeutigen Einordnung: Es sind nicht
Reisefotos im klassischen Sinne. Und sie scheinen das Gesehene auch nicht
dokumentarisch festhalten zu wollen – so finden sich, von einigen Ausnahmen
abgesehen, keine Landschaftsdarstellungen. Mit dem Genre der Reisefotografie
verbindet sie allerdings, dass oftmals Menschen bei Alltagshandlungen
dargestellt sind. Die Mehrzahl dieser Portraits wurden ohne besonderen
formalen bzw. künstlerischen Anspruch gemacht. Wir haben es jedoch nicht mit
fotografischem Fastfood zu tun – die Bilder wirken nicht, als seien sie in
der Schnelle des Vorübergehens entstanden. Sie gewinnen ihre
Eindringlichkeit aus einem subjektiven Diskurs zwischen der/dem
Fotografierenden und den Portraitierten, der die Oberfläche des
dokumentarischen Abbilds durchbricht. Der Betrachter wird Beobachter aus der
Nähe.
Anmerkungen
(1) Verweist
auf: Rainer Maria Rilke: Die Sonette an Orpheus.
Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1979.
(2) Josef Winkler:
Leichnam, seine Familie belauernd. Suhrkamp, 2003.
(3)
Sigrid Löffler,
Fremder Zuschauer vor Scheiterhaufen. Josef Winkler als Buchführer am
Ganges. Süddeutsche Zeitung (München) v. 12./13. 10. 1996. Abgedruckt
in: Günther A. Höfler und Gerhard Melzer: Josef Winkler. Literaturverlag
Droschl. Dossier, Bd. 13. Graz: 1998.
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