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Tanzt die Orange(1)
...

Zu Christina Schwichtenbergs und Josef Winklers Reisejournal
"Indien. Varanasi, Harishchandra …".

Von Katharina Manojlovic
(15. 05. 2008)

...



Katharina Manojlovic
katharina.manojlovic
[at]
chello.at

geboren 1980 in Wien.
Studium der Dt. Philologie
und Anglistik (Univ. Wien,
UCL London), Sponsion 2006.
Derzeit: Prager Fotoschule,
Mitarbeit bei EIKON -
Internationale Zeitschrift
für Fotografie und Medien-
kunst
, Unterrichts-
tätigkeit.

 

 

Christina Schwichten-
berg; Josef Winkler.
Indien. Varanasi,
Harishchandra ... Reisejournal.
Bibliothek der Provinz, 2006.
ISBN:
9783852527574.

 

 

"Daß Varanasi immer
noch nicht ins Weltkultur-
erbe aufgenommen wurde,
ist eine Tragödie, denn die
Stadt verwahrlost und
zerfällt immer mehr und
mehr"
(Josef Winkler).

 



 

Josef Winkler.
Leichnam, seine
Familie belauernd.
Suhrkamp, 2003. 147 S.
ISBN:
3518124420

 

 

"Blutorangen, das
magischste aller Wörter
für mich"
(Josef Winkler).
 

 

 


(c) Jerry Bauer, Suhrkamp

Josef Winkler
wird 1953 in Kamering bei
Paternion in Kärnten geboren.
Nach der Volksschule besucht
er drei Jahre die Handelsschule
in Villach. Nachdem er zunächst
im Büro einer Oberkärntner
Molkerei beschäftigt ist, besucht
er die Abendhandelsakademie
in Klagenfurt und arbeitet
tagsüber im Betrieb eines
Verlags, der Karl-May-Bücher
produziert, seit 1971 dann in
der Verwaltung der neuen
Hochschule für Bildungs-
wissenschaften in Klagenfurt.
In seiner Freizeit besucht er
germanistische und philo-
sophische Vorlesungen. Seit
1982 ist Josef Winkler freier
Schriftsteller. Er lebt derzeit
in Klagenfurt.

 

 


Wir haben es jedoch nicht
mit fotografischem Fastfood
zu tun – die Bilder wirken
nicht, als seien sie in der
Schnelle des Vorüber-
gehens entstanden.

 

 

 

 

 

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   Auf dem Umschlagfoto des schwarz glänzenden Bildbandes sitzt, im kleinen Radius einer hell leuchtenden Lampe nur schemenhaft zu sehen, neben seinen orangefarbenen Früchten ein Obstverkäufer. Der in der Bibliothek der Provinz herausgebrachte Fotoband zeigt als Reisejournal Fotos von Christina Schwichtenberg und dem bekannten österreichischen Autor Josef Winkler. Die meisten der Bilder stammen aus Varanasi, der Rest aus Jaipur, Bombay (Mumbai), Goa und Dharward. Dem Bildteil vorangestellt sind Auszüge aus Josef Winklers in Varanasi verfasstem Notizbuch. Der bereits 2003 abgedruckte Kurzprosatext "Julius Meinl oder Leichenschleifen in Benares" (2) schließt den Bildband ab.

Wer bereits Einblick in Winklers Werk erhalten konnte, darf  annehmen, dass dem Autor nicht an einer Bestandsaufnahme des indischen Kontinents im Baedeker’schen Sinne gelegen war – wiewohl das Vorwort eine sachkundige Beschreibung der Stadt enthält, wie sie einem x-beliebigen Reiseführer entnommen sein könnte:

"Varanasi ist eine der ältesten Städte der Welt, so alt wie Jerusalem, Athen und Peking. Sowohl im muslimischen wie im britischen Indien hieß die Stadt 'Benares', aber im unabhängigen Indien wurde der Name Varanasi wieder als der offizielle Name der Stadt eingeführt. Nach langer Pilgerschaft in Varanasi anzukommen, sich dort den vorgeschriebenen Waschungen zu unterziehen und schließlich selig zu sterben, ist das Lebensziel eines gläubigen Hindu."

   Gegen Ende des Vorworts stellt Winkler fest: "Daß Varanasi immer noch nicht ins Weltkulturerbe aufgenommen wurde, ist eine Tragödie, denn die Stadt verwahrlost und zerfällt immer mehr und mehr". Man ist hier versucht, sich der Ironie zu überlassen und zu denken, dass es sich bei dem Beschluss darüber, was schützenswert sei, bloß um die Nachahmung einer westlichen Geste anderen Kulturen gegenüber handle. Ein kleiner Befehl, könnte man meinen, jenen zugedacht, die dem Autor einst vorwarfen, er selbst betrete mit Domra (dem Roman, in dem u. a. die Leichenverbrennungen am Ganges akribisch beschrieben werden) "ethnopoetisches Terrain, ohne im Geringsten ethnographisch dafür gerüstet zu sein".(3) Von derlei Absteckungen berichtet vorliegender Bildband freilich nicht.

Es handelt sich auch nicht um den Versuch, das Fremde abzubilden. Wir haben es viel eher mit Blicken auf die eigene Befindlichkeit in der Fremde zu tun: Im Vorwort begründet der Autor seine Reise nach Indien damit, das Land sehen zu wollen, in dem seine Frau Christina Schwichtenberg vier Jahre ihrer Kindheit verbracht hat. Als zusätzlichen Beweggrund für seine Aufenthalte in Varanasi führt er die Empfehlung des Wiener Universitätsprofessors Wendelin Schmidt-Dengler an. Winklers Werk kennend, ahnte Schmidt-Dengler, "daß [Winkler] in dieser Stadt, die auch "'Mahashmashana' genannt wird, was soviel heißt wie 'Der große Einäscherungsplatz', in Indien am besten aufgehoben" sein würde: ein Augenzwinkern.

   Die Notizbuchauszüge, die den Bildband einleiten, beschreiben die ersten Wochen von Schwichtenbergs und Winklers Aufenthalt in Varanasi im Winter 2005/06 im Beisein ihrer kleinen Kinder. Was an ihnen besonders besticht, sind die hellsichtigen und einfühlsamen Beobachtungen, in deren Mittelpunkt immer wieder die beiden Kinder stehen, und das gleichzeitige Reflektieren der Beobachterrolle(n):

"Gestern las ich Kasimir aus 'Der Herr der Ringe' ein paar Seiten vor, während er, wohl nur halb zuhörend, eine große grüne Gottesanbeterin vom nassen Boden der riesigen Veranda auflas – es wurden von den Dienerbuben die wohl mehr als hundert herumstehenden Blumentöpfe gewässert – und die nasse Gottesanbeterin auf den Tisch legte, ihre zuschaute, die sich, noch immer feucht, langsam vorwärts zu schleppen begann, bis sie innerhalb von wenigen Minuten trocken wurde und sich wieder, als sie über den Rand des Tisches stieg, am blauen Tischtuch festkrallen konnte mit ihren langen, dünnen Beinen, während ich dem Jungen mit dem Haifischaugen aus dem 'Herrn der Ringe' weiter vorlas."

Immer wieder tauchen Kindersachen auf: ein rosa Plüschpferdchen, der von einem T-Shirt abbröselnde Mickymaus-Aufdruck oder der obligatorische Gameboy. Obgleich bei Winkler vieles in seiner Gegenständlichkeit beschrieben wird, dienen diese Beschreibungen weniger dem Festhalten dieser Gegenstände; sie zeugen mehr von dem Versuch, bereits Erlebtes aus der Erinnerung zurückzuholen und in Sprache zu kleiden. Auch in Winklers Prosatext "Sindbad auf dem Zirkusplakat" (abgedruckt in dem Band "Leichnam, seine Familie belauernd") erinnert sich der Berichtende, dass er als Kind die knisternden Papiere "von den Moro Blutorangen – Blutorangen, das magischste aller Wörter für mich" ausbügelte, um sie auf dem Nachttisch stapeln zu können.

   Orange Farbflecken tanzen, die Sinne betörend, wiederkehrend durch jene Texte Josef Winklers, die Indien zum Ausgangspunkt seiner Beobachtungen nehmen: der Funkenflug brennender Scheiterhaufen, zu Girlanden aufgezogene Tagetesblüten oder der Punkt auf der Stirn eines der Kaste der Unberührbaren zugehörigen Dom – und sein farbiger Abdruck auf dem Kopfpolster des Erzählers. Sie bezeichnen das, was den Toten gehört und auch, was den Lebenden zufällt. Dabei weisen sie über das rein Gegenständliche hinaus. Diese Versatzstücke finden sich auch in den zahlreichen Fotografien, die den eigenständigen Bild- und Hauptteil des Journals ausmachen. So sehen wir auf einem Foto etwa zwei Frauen, die orange- und rotfarbenene Saris tragen. Sie sind neben einem Berg gelber und oranger Blütenköpfe abgebildet, die auf ein großes, am Boden liegendes Stoffstück geschüttet wurden. Während die ältere, in Richtung der jüngeren lachend, gelbe Blütenköpfe auf einen Faden zieht, schlichtet diese in Hockstellung – dabei trägt sie eine schwarze Umhängetasche über der Schulter – rote Rosen in einen flachen Korb.

Der Bildteil des Bandes dient nicht der Illustration des Geschriebenen. Viele der Fotos zeigen Menschen, die geradewegs in die Kamera blicken. So steht ein barfüßiger Junge mit hängenden Armen vor zu Haufen aufgeschichteten Kokosnüssen. Sein verwaschen-grünes Poloshirt ist im Brustbereich pastellfarben gemustert, unterhalb hebt sich der Schriftzug "OXFORD" vor schwarzem Hintergrund ab. In die Kamera blickend, scheint der Junge ein Lächeln zurückhalten zu wollen.

   Die Fotografien verschließen sich einer eindeutigen Einordnung: Es sind nicht Reisefotos im klassischen Sinne. Und sie scheinen das Gesehene auch nicht dokumentarisch festhalten zu wollen – so finden sich, von einigen Ausnahmen abgesehen, keine Landschaftsdarstellungen. Mit dem Genre der Reisefotografie verbindet sie allerdings, dass oftmals Menschen bei Alltagshandlungen dargestellt sind. Die Mehrzahl dieser Portraits wurden ohne besonderen formalen bzw. künstlerischen Anspruch gemacht. Wir haben es jedoch nicht mit fotografischem Fastfood zu tun – die Bilder wirken nicht, als seien sie in der Schnelle des Vorübergehens entstanden. Sie gewinnen ihre Eindringlichkeit aus einem subjektiven Diskurs zwischen der/dem Fotografierenden und den Portraitierten, der die Oberfläche des dokumentarischen Abbilds durchbricht. Der Betrachter wird Beobachter aus der Nähe.


Anmerkungen

(1) Verweist auf: Rainer Maria Rilke: Die Sonette an Orpheus. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1979.

(2) Josef Winkler: Leichnam, seine Familie belauernd. Suhrkamp, 2003.

(3) Sigrid Löffler, Fremder Zuschauer vor Scheiterhaufen. Josef Winkler als Buchführer am Ganges. Süddeutsche Zeitung (München) v. 12./13. 10. 1996. Abgedruckt in: Günther A. Höfler und Gerhard Melzer: Josef Winkler. Literaturverlag Droschl. Dossier, Bd. 13. Graz: 1998.

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