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Der Reaktor und der Garten
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"Irgend jemand", schreibt der Autor, "wird bestimmt die Frage stellen, wie ich auf
die Idee komme, ein Garten, 'nicht mächtiger als einer Blume Kraft', wie Shakespeare
sagt, könne sich mit einem Atomreaktor messen. Nun, ich denke, dass man
die Kraft eines Gartens möglicherweise zu leicht unterschätzt..."

Von Wendell Berry



(c) Degreif Verlag

Wendell Berry
lebt als Schriftsteller, Essayist und
Farmer in Kentucky / USA

     Am 3. Juni 1979 beteiligte ich mich am Bauplatz eines Kernkraftwerks in Marble Hill bei Madison in Indiana an einem Akt gewaltlosen zivilen Ungehorsams. An dem Tag kletterten wir zu neunundachtzig gegen Mittag über einen Drahtzaun auf das Gelände des Energieunternehmens, wurden verhaftet und ordnungsgemäß wegen unbefugten Betretens angezeigt.

Verglichen mit anderen war unser Verbrechen ausgesprochen zahm, um nicht zu sagen, langweilig. Wir hatten uns selbst die Verpflichtung auferlegt, keine Gewalt anzuwenden, weder gegen Personen noch gegen Sachen. Der Sheriff von Jefferson County wusste weit im voraus ziemlich genau, was wir vorhatten. Unsere Besetzung verlief friedlich und geordnet. Wir wurden vom Sheriff und seinen Helfern höflich festgenommen, wobei sie, soweit ich sehen konnte, eine vorbildliche Freundlichkeit an den Tag legten. Und dieses nahezu ereignislose Ereignis nahm schließlich ein vollkommen undramatisches Ende: Der Staatsanwalt erhob nur gegen eine der neunundachtzig verhafteten Personen Anklage, und auch der Fall kam nicht vor Gericht.

 

 

"Seit Jahren beunruhigt mich die rasende Vermehrung von Kernkraftwerken"

 

 

 

 

Die Möglichkeit, Energie zu sparen, wird nicht in Erwägung gezogen

     Und dennoch, bei aller Zahmheit, war die Sache kein Scherz. Wenigen von uns, glaube ich, fiel es leicht, das Gesetz zu brechen. Mir fiel es noch aus einem anderen Grund schwer: Ich kann öffentliche Proteste und Massenaktionen jeder Art nicht leiden; ich scheue die Parolen und den Jargon, die unweigerlich an jeder "Bewegung" kleben wie Kaugummi, und misstraue ihnen.

Warum also machte ich mit? Seit mehreren Jahren beunruhigt mich, wie viele andere Leute auch, die rasende Vermehrung von Kernkraftwerken im Ohio-Tal, wo derzeit mehr als sechzig Kraftwerke im Betrieb, im Bau oder in der Planung sind. Die Luftverschmutzung von den bestehenden Kohlekraftwerken im Tal soll bereits die schlimmste im ganzen Land sein. Und die neuen Kraftwerke werden gebaut und geplant, ohne dass ein Gedanke an die Möglichkeit einer Begrenzung oder Drosselung des Stromverbrauchs zu erkennen wäre. Man erwartet demnach von den Bewohnern dieser Gegend, dass sie ihre Gesundheit – und anderes – für die Chimäre des "unbegrenzten wirtschaftlichen Wachstums" opfern. Diese Entscheidung wird allerdings nicht von ihnen selbst, sondern vielmehr stellvertretend für sie von den Energieunternehmern in Zusammenarbeit mit diversen staatlichen Stellen getroffen.

 

 

Kernkraft soll "das Energieproblem" lösen

 

 

 

 

 

Bürger, die kein politisches Mitspracherecht bezüglich des Baus eines Kernkraftwerks haben, müssen die Folgen eines Unfalls mit ausbaden

     Die Kohlekraftwerke allein wären schon schlimm genug. Aber zusätzlich haben einige Energieunternehmen beschlossen, dass Kernkraft die beste Lösung für "das Energieproblem" sei, und deshalb sind jetzt in diesem Teil des Ohio-Tals zwei weitere Kernkraftwerke im Bau. Die Argumente zu ihren Gunsten sind nicht gut, was ihrer massiven finanziellen und politischen Unterstützung aber keinen Abbruch tut. Beispielsweise gibt unsere ländliche Stromgesellschaft ein Mitteilungsblatt heraus, in dem ständig Leitartikel zugunsten von Kernkraft erscheinen. Praktisch werden damit die Strompreiszahler gezwungen, eine Energiepolitik mitzufinanzieren, die viele von ihnen für fragwürdig und gefährlich halten.

Kraftwerke im Ohio-Tal werfen noch ein anderes ernstes Problem auf, und zwar politischer Natur. Der Ohio River bildet die Grenze zwischen zwei Bundesstaaten. Ein Kraftwerk auf der Nordseite des Flusses in Indiana wird offensichtlich Auswirkungen auf Kentucky haben. Aber obwohl ein Kraftwerk zwangsläufig wenigstens zwei Bundesstaaten betrifft, wird es nur in einem geplant und genehmigt. Die Bürger des einen Staates müssen somit den Beschluss eines anderen Staates mit ausbaden, in dem sie keine Vertretung haben. Und so sehen wir im Verhalten der Großtechnologie und der geballten Unternehmensmacht abermals einen ausbeuterischen Kolonialismus am Werk, der von dem Englands unter Georg III. nicht sehr verschieden ist.

     Wie die Mehrheit der Menschen bin ich außerstande, die rein technischen Aspekte der Kernkraft und ihre Gefahren kompetent zu beurteilen. Meine Sorgen stützen sich auf mehrere Tatsachen, die jedem Zeitungsleser bekannt sein können:

 

 

 

Kernkraftwerke sind gefährlich und nicht völlg "beherrschbar"

  • Kernkraft ist extrem gefährlich. Dafür sind die hochkomplizierten Sicherheitsvorkehrungen und Notfallsysteme der Werke Beweis genug. Radioaktiver Atommüll bleibt überdies viele tausend Jahre lang gefährlich, und es gibt anscheinend keine garantiert sichere Art, ihn zu entsorgen.

  • Allen Vorkehrungen zum Trotz kommt es in Kernkraftwerken zu gefährlichen Unfällen. Funktionäre und Experten behaupten, Unfälle könnten vorhergesehen und verhindert werden, aber leider geschehen Unfälle per definitionem immer überraschend. Sie sind das, was eben nicht vorhergesehen wurde.

  • Kernkraftexperten und Kraftwerksangestellte verhalten sich angesichts solcher Unfälle nicht immer fehlerfrei. Im Umgang mit der Kernkraft ist es erforderlich, dass die zuständigen Personen sich vollkommen fehlerfrei verhalten, wenn sie sicher genutzt werden soll. Aber Menschen in Kernkraftwerken können genauso wie Menschen anderswo Fehler machen, in Panik geraten oder sich verschätzen.

  • Staatsbeamte handeln nicht immer verantwortungsbewusst. Manchmal verfälschen, verzerren oder unterschlagen sie vorsätzlich Informationen, die für die Gesundheit oder die Sicherheit der Allgemeinheit von wesentlicher Bedeutung sind.

 

 

Falschinformationen und Verharmlosungen von Seiten der Regierung

 

 

 

 

 

 

Öffentliche und Protestaktionen sind notwendig

     Falls ich an einem dieser Punkte noch irgendwelche Zweifel gehabt hatte, so räumte der Vorfall auf Three Mile Island, wo im März 1979 ein schwerer Schaden im Reaktorkern unverantwortlich verharmlost wurde, sie ein für allemal aus. Und falls sich bei mir noch ein Fünkchen Glaube daran gehalten hatte, dass die Regierung sich als vertrauenswürdiger Hüter der öffentlichen Sicherheit erweisen würde, so wurde der von den Hearings über die Atombombentests in den fünfziger Jahren ausgeräumt – bei denen herauskam, dass die Regierung den in der Nähe der Explosionen lebenden Menschen versichert hatte, es würde keine Strahlungsgefahr bestehen, obwohl sie ganz genau wusste, dass die Gefahr sehr groß war.

Als ich darum in Marble Hill über den Zaun stieg, kam es mir so vor, als würde ich damit eine Stimme abgeben, zu deren Abgabe man mir sonst keine Gelegenheit gelassen hatte. Ich stimmte dagegen. Und ich gab eine Misstrauenserklärung ab. Marble Hill liegt nur etwas über 30 Kilometer von meinem Haus entfernt. Als Vater, als Nachbar und als Staatsbürger hatte ich einen Punkt erreicht, an dem mir das Risiko, ins Gefängnis zu kommen, im Vergleich zu den Risiken eines Lebens in der Nähe eines Kernkraftwerks geringfügig vorkam.

    Doch obwohl ich aus voller Überzeugung an der Protestaktion dieses 3. Junis teilnahm, bin ich weit davon entfernt zu glauben, dass solche öffentlichen Aktionen ihren Zielen gerecht werden oder es jemals könnten. Sie sind notwendig, aber sie reichen nicht aus, uns sie können für die innere Einstellung derer, die daran teilnehmen, bedenkliche Folgen haben.

 

"...aber jedes Engagement, das sich ausschließlich auf ein Problem richtet, begünstigt grobe Vereinfachungen"

Jedes Engagement, das sich ausschließlich auf ein Problem richtet, begünstigt grobe Vereinfachungen. Man versteigt sich leicht zu der Vorstellung, wenn erst einmal das Kernkraftproblem – oder das Energieproblem oder das Problem der Umweltverschmutzung – gelöst wäre, käme alles in Ordnung. Das ist natürlich keineswegs so. Denn alle diese Einzelprobleme sind lediglich Aspekte des menschlichen Problems, das noch niemals zufriedenstellend gelöst wurde und an dem jeder von uns auch dann fürs ganze Leben genug zu arbeiten und zu sorgen hätte, wenn sämtliche drängenden Probleme, die aus der Technik des 20. Jahrhunderts erwachsen, heute gelöst würden.

    Eine noch größere Gefahr ist die moralische Vereinfachung, das heißt, die der Selbstgerechtigkeit. Proteste, Demonstrationen und andere Verhaltensformen von "Bewegungen" haben die Tendenz, die Menschen in den uralten Gegensatz von "uns" und "den andern" aufzuspalten. In Anspruch genommen von der schweren und riskanten Aufgabe, etwas zu bekämpfen, was "wir" als Gefahr für die Allgemeinheit erachten, gelangen wir leicht zu der Ansicht, dass unsere Probleme bald gelöst wären, wenn nur "die andern" genauso klarsehend, bewusst, moralisch hochstehend und tapfer wären wie "wir". Auch diese Vorstellung ist offensichtlich falsch. Bei der Auseinandersetzung über die Kernkraft – wie bei den meisten öffentlichen Auseinandersetzungen – besteht die Spaltung zwischen "uns" und "den andern" in Wirklichkeit gar nicht. In unserem Bestreben, die Verhältnisse zu ändern, wenden wir uns beinahe immer, beinahe unausweichlich auch gegen das, was bei uns selbst verbesserungsbedürftig ist. Wenn wir das nicht sehen, werden wir, denke ich, keine einzige der Lösungen finden, nach denen wir suchen.

 

Z.B. waren die meisten Kernkraftgegner mit dem Auto da

Zum Beispiel glaube ich, dass die meisten Leute, die am 3. Juni an der Demonstration in Marble Hill teilnahmen, mit dem Auto da waren. Ich war mit dem Auto da, und ich hätte kaum anders dorthin gelangen können. Somit verkörperte die Demonstration, noch während sie für einen Aspekt des Energieproblems eine Lösung forderte, selbst einen anderen Aspekt dieses Problems.

     Und es würde mich nicht überraschen, wenn die meisten von uns danach nicht in Häuser mit elektrischen Lichtschaltern heimgekehrt wären, die wir mehr oder weniger gedankenlos anschalteten, ohne uns allzu sehr darum zu kümmern, dass Flusseinzugsgebiete durch Tagebau abgetragen oder zerstört werden, um die Kohle abzubauen, die die Kraftwerke betreibt, die den Strom erzeugen, der unsere Glühbirnen zum Leuchten bringt. Ich weiß jedenfalls, dass ich häufig das Licht anschalte, ohne mir derlei Gedanken zu machen.

 

Wir alle leben in der Vorstellung, Energie sei unbegrenzt verfügbar

 

 

 

 

 

Die Wurzeln der Probleme sind ebenso wie die Lösungen privat und persönlich

Fast alle von uns helfen in der einen oder anderen Front mit, die Missstände herbeizuführen, die wir gern beseitigen würden. Fast alle von uns leben in dem Glauben an die Gottgegebenheit billiger Energie, indem wir weiterhin davon ausgehen, dass es keine Rolle spielt, wie viel Energie wir verbrauchen, oder uns jedenfalls so verhalten.

     Ich möchte das nicht verstanden wissen, als wüsste ich, wie man die Probleme der Automobilgesellschaft oder des modernen Luxushaushalts löst. Diese Probleme sind ungemein schwierig, und ihre Schwierigkeit deutet auf ihre extreme Dringlichkeit und Wichtigkeit hin. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass sie nicht einfach durch öffentliche Proteste zu lösen sind. Die Wurzeln der Probleme sind privat und persönlich, und die Wurzeln der Lösungen werden ebenfalls privat oder persönlich sein. Öffentliche Proteste sind unvollständige Handlungen; sie zeigen das Problem, nicht die Lösung.

Proteste sind meines Erachtens deshalb unvollständig, weil sie von Natur aus negativ sind. Man kann nicht für etwas protestieren. Die positive Leistung von Protesten soll dem Vernehmen nach darin bestehen, dass sie dazu verhelfen, "Bewusstsein zu entwickeln", aber das Protestbewusstsein entwickelt sich nicht über den Protest hinaus. Soweit es den Protest selbst betrifft, schmort das entwickelte Bewusstsein gewissermaßen im eigenen Saft. Man kann anscheinend sein Bewusstsein "entwickeln", ohne es zu verändern – und damit endlos weiterprotestieren.

    Wenn man schon negativ sein will, gibt es bessere negative Sachen, die man machen kann. Man kann mit etwas aufhören, von dem man weiß, dass es eine destruktive Wirkung hat. Man könnte zum Beispiel ein Gelübde ablegen, dass man keinen Strom und kein Erdöl mehr zu Vergnügungszwecken verausgabt. Meine persönliche Vorstellung von der idealen negativen Tat ist die Befreiung vom Fernseher. (Es ist gemogelt, wenn man sich von ihm befreit, indem man ihn verkauft oder verschenkt. Um sich von ihm zu befreien, sollte man ihn mit einem schweren stumpfen Gegenstand genüsslich zertrümmern. Oder würden Sie sich etwa von irgendeiner anderen Geisteskrankheit befreien wollen, indem Sie sie verkaufen oder verschenken?)

 

Der Verzicht von Erdöl verbrauchenden oder elektronischen Vergnügungen schafft keinen leeren Raum, sondern Raum für Neues, Anderes

Aber solche Handlungen sind eigentlich gar nicht negativ. Wenn man sich von etwas Unerwünschtem befreit, lädt man damit etwas Erwünschtes zum Kommen ein. Wenn es stimmt, dass die Natur keine leeren Räume duldet, gibt es nichts zu befürchten. Überall, wo man eine Öffnung schafft, wird sie gefüllt. Wenn man sich von Erdöl verbrauchenden oder elektronischen Vergnügungen befreit, lädt man die Neubildung jener Struktur von Gespräch, Arbeit und Spiel zu sich ein, die man früher "das häusliche Leben" nannte. Man lädt solche gemütlichen und lehrreichen Freuden wie Spazierengehen und Lesen in sein Leben ein.

     Des weiteren könnte es manchen Leuten möglich sein, sich zu Fuß oder mit dem Fahrrad zur Arbeit zu begeben – und sich daraufhin zu überlegen, ob sie nicht ganz auf das Auto verzichten möchten. Oder es gibt vielleicht ein Motorgerät, auf das man verzichten kann. Oder vielleicht erweist es sich als wirtschaftlich oder als angenehm, statt mit fossilen Brennstoffen mit einem Sonnenkollektor oder einem Holzofen zu heizen. (Doch die Verwendung von Holzöfen ohne gehörige Pflege von Waldstücken ist nur eine andere Form des Raubbaus. Dadurch werden Bäume zu einer nicht erneuerbaren Ressource.)

 

 

 

 

 

 

Gartenarbeit statt Kernkraftwerke

Es gibt somit negative Handlungen, die nicht negativ bleiben können. Wenn man bestimmte Dinge aufgibt, entstehen Probleme, die sofort nach Lösungen verlangen – und so vervollständigt sich die negative Handlung in einer anderen, die positiv ist. Aber manche Handlungen sind wahrscheinlich vollständiger als andere, und je vollständiger die Handlung, um so wirkunsvoller ist sie als Protest.

    Was wäre demnach eine vollständige Handlung? Es wäre, denke ich, eine Handlung, die man in eigener Sache unternimmt, die konkret und komplex, real und nicht symbolisch ist, die man sowohl aus eigener Kraft vollbringen also auch voll verantworten kann. Es gibt vielleicht viele solcher Handlungen, aber ganz bestimmt gehört jede Form häuslicher Produktion dazu. Und von allen Formen häuslicher Produktion ist diejenige, die den meisten Leuten am ehesten möglich ist, die Arbeit im eigenen Garten.

Einige werden an dieser Stelle einwenden, dass es die Bedeutung der Gartenarbeit schmälert, wenn man sie als eine Akt der Opposition oder des Protests darstellt. Einverstanden. Genau darauf will ich hinaus. Gartenarbeit – oder jedenfalls wirklich gute Gartenarbeit – ist eine vollständige Handlung. Sie ist deshalb ein so wirkungsvoller Protest, weil sie viel mehr als ein Protest ist.

 

 

Gute Gartenarbeit ist umweltschonend, ja: "energievermehrend"; und darüber hinaus interessant

    Gute Gartenarbeit ist eine Form häuslicher Produktion, die sich potentiell durch eine erhebliche Unabhängigkeit von äußeren Bezugsquellen auszeichnet. Dadurch wird sie zum "organischen" Gartenbau. Einer der erfreulichsten Aspekte dieser Art von Gartenbau ist eben seine Unabhängigkeit. Zur Düngung, zum Pflanzenschutz und so weiter bedient er sich soweit wie möglich dessen, was die Örtlichkeit und die Phantasie des Gärtners hergeben. Die Unabhängigkeit kann weiter ausgebaut werden, indem man Samen aufhebt und selber Pflanzen anzieht. Indem man sich um Möglichkeiten bemüht, den Gebrauch von Erdölprodukten und Kraftstoffmaschinen im Garten zu verringern, erhöht man die Unabhängigkeit und arbeitet gleichzeitig direkt an einer wirklichen (sprich: dauerhaften) Lösung des Energieproblems.

Ein Garten stellt das eigene Interesse auf festen Boden, und er macht den Boden, auf dem man lebt, zu einem lohnenden Gegenstand des Interesses. Er wirkt direkt dem Gefühl entgegen, dem viele unserer "Umweltprobleme" entstammen, dass man, um sich zu zerstreuen oder zu unterhalten oder um "etwas Interessantes" zu erleben, irgendeine fernliegende Quelle anzapfen müsste – den Fernseher anschalten oder einen Ausflug machen.

 

 

Für die Gartenarbeit wird eine Energiequelle (wieder-)angezapft, die im Verkommen ist: der menschliche Körper

 

 

 

 

 

"Gartenarbeit ist keine 'Schinderei’, sondern ein fortwährender Intelligenztest von höchsten Ansprüchen"

    Eine der wichtigsten unmittelbar vorhandenen Energiequellen, die ein Garten nutzbar macht, ist der Körper des Gärtners. In einer Zeit, in dem die Volkswirtschaft zu einem guten Teil auf dem Kauf und Verkauf von Produkten basiert, die normale körperliche Energien und Funktionen ersetzen sollen, gibt ein Garten dem Körper seine Nützlichkeit zurück – ein Sieg für unsere Spezies. Es mag ein wenig Mühe kosten, sich klarzumachen, dass vielleicht die auffälligste moderne "Errungenschaft" das Ausrangieren des menschlichen Körpers ist. Jogging und andere Formen künstlicher Betätigung geben dem Körper nicht seine Nützlichkeit zurück, sondern unterstreichen lediglich auf vielfältige Weise seine Nutzlosigkeit; der Körper ist ein possierliches Haustier, eine Art Chihuahuahündchen, und muss zum Auslauf an die frische Luft geführt werden. Ein Garten schenkt dem Körper die Würde, für seinen eigenen Unterhalt zu arbeiten. Er ist ein Weg, wieder Mensch zu werden.

Eine der gängigen Voraussetzungen, die zum Ausrangieren des Körpers führen, besagt, körperliche Arbeit sei erniedrigend. Das ist richtig, wenn der Körper als Sklave oder als Maschine gebraucht wird – mit anderen Worten, wenn er missbraucht wird. Aber im eigenen Garten zu arbeiten ist kein Missbrauch des Körpers, genauso wenig wie es geistig abstumpfend oder "brutalisierend" wirkt. Gartenarbeit ist keine "Schinderei", sondern ein fortwährender Intelligenztest von höchsten Ansprüchen. Gartenbau ist keine Schuldisziplin, die sich ein für allemal erlernen lässt, sondern hört nicht auf, Probleme zu stellen, die direkt bewältigt werden müssen. Er ist darüber hinaus eine landwirtschaftliche und ökologische Lehre, und eine solche Lehre korrigiert den Glauben an die Gottgegebenheit billiger Energie.

 

Der Gärnter nimmt die Gesundheitsfrage wieder selbst in die Hand

 

 

 

 

Gartenarbeit zeigt den Reichtum der Welt

    Ein Garten ist der direkteste Weg, die Gesundheitsfrage wieder selbst in die Hand zu nehmen und die Verantwortung dafür nicht dem Staat, sondern sich selbst zu geben. In der Beziehung wie auch in mehreren anderen, die ich bereits erwähnt habe, hat die Arbeit im eigenen Garten eine Macht, die politisch und sogar demokratisch ist. Und sie ist eine politische Macht, die ständig ausgeübt werden kann, während man nur hin und wieder wählen oder demonstrieren gehen kann.

Und weil Gartenarbeit den Grund ums eigene Haus oder andere brachliegende Flächen produktiv macht, legt sie zu guter Letzt noch nachdrücklich Zeugnis für den Reichtum der Welt ab. Sie tut dies, indem sie diesen Reichtum vermehrt und veredelt und indem sie vorführt, dass dieser Reichtum, wenn man maßhält und verantwortungsbewusst damit umgeht, grenzenlos ist. Wir lernen in unseren Gärten, uns der dringendsten Frage der Zeit zu stellen: Wie viel ist genug? Wir putschen unsere Gärten nicht mit Chemikalien auf, weil unser Ziel genug ist und weil wir wissen, dass genug einen bescheidenen, mäßigen, schonenden technischen Aufwand verlangt.

    Atomreaktoren und andere großtechnologische Lösungen dagegen malen ein niederdrückendes Bild von der Armut der Welt und der Knappheit der Güter an die Wand. Das liegt daran, dass ihre treibende Kraft der unmäßige Konsum ist. Sie verschleiern und zerstören den elementaren Unterschied zwischen Reichtum und Verschwendung. Das Ideal des "unbegrenzten wirtschaftlichen Wachstums" basiert auf der angstbesessenen Wahnvorstellung, dass stets mehr nötig sei. Das Wachstum wird von der panischen Befürchtung der Konsumenten angestachelt, sie könnten, da sie stets mehr haben wollen, niemals genug bekommen.

 

"Die Lebenszeit eines Kernkraftwerks beträgt dreißig Jahre. Ein Garten wird, mit den richtigen Methoden und der richtigen Pflege, so lange bestehen wie die Welt."

Genug währt ewig. Zuviel ist schnell vergänglich, dem ganzen Tamtam um das "unbegrenzte Wachstum" zum Trotz. Und großtechnologische Lösungen sind schnell vergänglich: die Lebenszeit eines Kernkraftwerks beträgt dreißig Jahre! Ein Garten wird, mit den richtigen Methoden und der richtigen Pflege, so lange bestehen wie die Welt.

    Natürlich ist ein Garten nicht immer so bequem wie ein Supermarkt. Wenn Sie einen Garten anlegen, werden Sie Schweiß vergießen, und Sie werden dann und wann Zeiten gebückt zubringen; Schmerzen und Zipperlein werden Sie plagen. Aber in der Bereitschaft, diese Unbequemlichkeiten hinzunehmen, führen wir den treffendsten Schlag gegen die Kraftwerke und das, wofür sie stehen. Durch unsere Abhängigkeit von diversen öffentlichen Versorgungsbetrieben und staatlichen Stellen haben wir viel Bequemlichkeit und Komfort gewonnen. Aber es ist offensichtlich nicht möglich, abhängig zu werden, ohne Unabhängigkeit zu verlieren – und damit Freiheit: Oder anders ausgedrückt: Wir können nicht frei von Unbequemlichkeiten sein, ohne uns den Launen und Übeln der zentralisierten Macht und allen möglichen ernsten Bedrohungen unserer Gesundheit zu unterwerfen. Wir können nicht erwarten, wieder frei von solchen Gefahren zu werden, ohne Unbequemlichkeiten in Kauf zu nehmen.

Gartenarbeit ist ein Protest gegen Kraftwerke und das, wofür sie stehen: Maßlosigkeit und Verschwendung

 

 

 

 

 

Ein Kernreaktor schafft wie alle großtechnologischen 'Lösungen' neue Probleme, "ein Garten dagegen ist eine Lösung, die zu anderen Lösungen hinführt“

 

Irgend jemand wird bestimmt die Frage stellen, wie ich auf die Idee komme, ein Garten, "nicht mächtiger als einer Blume Kraft", wie Shakespeare sagt, könne sich mit einem Atomreaktor messen. Nun ja, davon habe ich nicht unbedingt geredet. Wie gesagt, ich halte die Proteste und Demonstrationen für notwendig. Ich denke, dass das Gefängnis unter Umständen der freieste Ort ist, wenn man keine andere Wahl hat, als Gift einzuatmen und an Krebs zu sterben. Aber es ist müßig, einen öffentlichen Missstand abzustellen, ohne die Ursachen dieses Missstandes in sich selbst abzustellen.

    Gleichzeitig denke ich, dass man die Kraft eines Gartens möglicherweise zu leicht unterschätzt. Ein Kernreaktor wird als "Lösung" des "Energieproblems" ausgegeben. Aber wie alle großtechnologischen "Lösungen", so "löst" auch diese ein einziges Problem, indem sie viele schafft. Die Probleme, was mit Atommüll und stillgelegten Kernkraftwerken geschehen soll, sind zum Beispiel noch nicht gelöst worden, und wir dürfen sicher sein, dass die eines Tages aufgetischten "Lösungen" wieder andere ernste Probleme schaffen werden, die für die Funktionäre und die Experten "überraschend" kommen werden. Auf diese Weise arbeitet die Großtechnologie immerfort gegen sich selbst. Das ist die Grenze des "unbegrenzten wirtschaftlichen Wachstums".

Ein Garten dagegen ist eine Lösung, die zu anderen Lösungen hinführt. Er ist ein Teil der unbegrenzten Ordnung der Gesundheit und der Vernunft.

 


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(Dieser Text, der dem Aurora-Magazin freundlicherweise vom Erich Degreif Verlag zur Verfügung gestellt worden ist, ist der Essaysammlung "Leben mit Bodenhaftung" entnommen. Die Übersetzung stammt von Hans-Ulrich Möhring.)


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