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"Es gibt keine weltweiten Sicherheitsstandards"

Helmuth Böck, der Reaktorbetriebsleiter des österreichischen TRIGA-
Forschungsreaktors, im Aurora-Gespräch über atomare Sicherheit, die
Energieversorgung der Zukunft, Temelin und die Gefahr durch den Terrorismus.

(Das Interview führte Franz Wagner)


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Aurora-Magazin:
Herr Prof. Böck, können Sie kurz erläutern, welche Aufgaben der TRIGA gegenwärtig erfüllt?

Böck:Der TRIGA-Reaktor des Atominstitutes dient ausschließlich zur Ausbildung von Studenten auf dem Gebiet der Neutronen- und Festkörperphysik, des Strahlenschutzes und der Dosimetrie, der Radiochemie, der Tieftemperaturphysik und der Kerntechnik.

Aurora-Magazin: Welche Maßnahmen zum Ausschluß möglicher Gefahrenquellen wurden getroffen (wie zum Beispiel den Fall einer Kernschmelze)?

Böck: Mit seiner geringen Leistung von 250 kW (der Reaktorkern wirkt wie ein Tauchsieder mit 250 kW Wärmeproduktion) ist die Restwärme im Kern so gering, daß es auch bei unmittelbarem Verlust des Kühlwassers niemals zum Kernschmelzen und daher auch nicht zur Freisetzung von Spaltprodukten kommen kann, dies ist erst ab einer Leistung von ca. 1500 kW möglich.

Aurora-Magazin: Glauben Sie, daß es durch einen anvisierten (Deutschland) oder schon vollzogenen (Österreich) Ausstieg aus der Atomkraft zu einer Abwanderung von Fachkräften bzw. zu einem Ausbildungsrückstand in der Kernphysik kommt, oder könnten hier etwaige Defizite auch durch Forschungsreaktoren wie den TRIGA ausgeglichen werden ?

Böck: Die Ausbildung unserer Studenten erlaubt Ihnen im Berufsleben einen vielseitigen Einsatz in der Medizin, in der öffentlichen Verwaltung und in der Industrie bis hin zum Bankwesen, wo Methoden der Risikoanlyse im technischen Bereich auch auf den finanziellen Anlagebereich angewendet werden. Tschernobyl hat gezeigt, daß auch ein Land, das die Nutzung der Kernenergie per Gesetz verbietet, keine Insel der Seligen ist, und die Bevölkerung und die Verwaltung waren sehr froh, daß es Fachleute gab, die zur Messung der Kontamination zur Verfügung standen und diese auch fachlich beurteilen konnten.

Aurora-Magazin:Was würden Sie einem Land raten, das mit derselben Investitionssumme entweder ein neues Kraftwerk bauen oder statt dessen die Lebensdauer seiner 12 bereits existierenden Kraftwerksblöcke um weitere 10-20 Jahre erhöhen könnte?

Böck: Derzeit sind 441 KKW weltweit in Betrieb und produzieren ca. 16% des Strombedarfes. Die meisten KKWs wurden in den 70er und 80er Jahren in Betrieb genommen und waren damals für eine technische Lebensdauer von 40 Jahren geplant. Allerdings haben die sehr guten Betriebserfahrungen in vielen Fällen dazu geführt, daß gemäß Sicherheitsbeurteilung aus heutiger Sicht eine Nutzung von 60 Jahren durchaus möglich ist. Diese Möglichkeit wird genutzt werden, zumal bereits mehrere Anlagen in den USA und Japan diesbezügliche Genehmigungen erhalten haben. Die Frage ob Nachrüstung oder Neubau kann man sehr schön mit dem Zustand eines PKW vergleichen: Bis zu einem bestimmten Kostenaufwand zahlt es sich aus in ein gut gepflegtes Auto zu investieren, irgendwann kommt aber die Frage, ob es sinnvoll ist in einen alten PKW z.B. einen neuen Motor einzubauen, es ist daher eine reine Kosten - Nutzen Rechnung.

Aurora-Magazin: Welche Sicherheitsmerkmale sollte ein Reaktor neueren Typs unbedingt aufweisen? Erfüllt das Kraftwerk Temelin derzeit diese Auflagen, d.h., ist Ihrer Ansicht nach dessen Nachrüstung erfolgreich abgeschlossen?

Böck: Von der Konzeption her erfüllte der Tschernobyl-Reaktor sicher nicht die in westlichen Ländern allgemein akzeptierten Sicherheitsstandards, wobei auch noch zu bemerken ist, daß es keine weltweiten Sicherheitsstandards gibt. Die IAEO hat zwar Empfehlungen ausgearbeitet, die einen gewissen Spielraum zulassen, aber die nicht absolut bindend sind. Zu fast allen Sicherheitsforderungen gibt es mehrere Lösungsmöglichkeiten. Weiters wäre zu bemerken, daß auch einige sowjetische WWER Druckwasserreaktoren der Bauart 440/230 ohne weitere Nachrüstungen Sicherheitsdefizite aufweisen.

Das KKW Temelin ist die modernste Version eines sowjetischen DWR (WWER 1000/320). Nach aufwendigen Begutachtungsverfahren durch internationale Gremien bzw. Fachfirmen wurde empfohlen, Temelin fertigzustellen. Den Empfehlungen folgend, wurde allerdings das gesamte Kontroll-, Regelungs- und Sicherheitssystem durch eine westliche Firma geliefert, ebenso die Brennelemente. Darüber hinaus sind bis auf die Primärpumpen alle Schwerkomponenten aus tschechischer Fertigung (Druckbehälter, Druckhalter, Dampferzeuger) und damit im eigenen Land hergestellt und dokumentiert. Temelin ist auf jeden Fall der modernste WWER 1000/320 in Europa. Die derzeit auslaufenden Sicherheitsdiskussionen betreffen einige Aspekte, die die tschechischen Techniker nach ihrer Ansicht zufriedenstellend, aber anders gelöst haben als es z.B. in Deutschland üblich ist. Die Standards der USA würden derartige Lösungen jedoch zulassen. Kein Land ist autorisiert, einem anderen Land Normen aufzuzwingen, und die Tschechen haben sicher mehr Nuklearerfahrung als das "atomfreie Österreich"

Aurora-Magazin: Nicht selten wird behauptet, daß die Kernspaltung mittlerweile der Vergangenheit angehöre und insgesamt eine veraltete und überdies riskante Technologie sei; statt dessen soll die Kernfusion alle Energieprobleme der Zukunft lösen. Halten Sie solche Aussagen für nachvollziehbar? Sind Kernfusionskraftwerke tatsächlich die "saubere" Alternative zu KKWs ?

Böck: Fusionskraftwerke haben ebenfalls ein hohes Aktivitätsinventar allerdings anderer Zusammensetzung, weiters kann ein Fusionsreaktor aus prinzipiellen physikalischen Gründen nicht "durchgehen". Unfälle a là Tschernobyl kann es daher nicht geben, aber die Möglichkeit eines Tritiumverlustes [radioaktives Isotop des Wasserstoffs, Anm.] ist auch vorhanden. Weiters werden in den Strukturmaterialien ebenfalls einige langlebige Aktivierungsprodukte erzeugt, die gelagert werden müssen. Seit vielen Jahren wird immer die magische 50 Jahr-Periode bis zum Einsatz der Fusion verkündet, das dürfte heute auch noch gelten.

Aurora-Magazin: Wie sieht Ihrer Meinung nach die optimale Energieverorgung bzw. der optimale Energiemix der Zukunft aus? Welche Rolle könnten hier die erneuerbaren Energieformen spielen – Ersatz oder bestenfalls Ergänzung zu fossilen bzw. nuklearen Brennstoffen?

Böck: Die optimale Energieversorgung ist natürlich stark regional unterschiedlich (z.B. kann Österreich hauptsächlich die Wasserkraft nutzen, die Tschechische Republik schon wieder nicht). Daher ist der Energiemix für jede Region oder jedes Land unterschiedlich, aber generell sollte für Grundlast die Wasserkraft und die Kernenergie genutzt werden, für Spitzenlast Speicher und Gasturbinenkraftwerke. Langfristig ist Kohle und Öl viel zu kostbar um für die Verstromung einfach verbrannt zu werden. Erneuerbare Energiequellen sollen zusätzlich Strom in das Netz einspeisen, wobei wirtschaftliche Aspekte nicht unberücksichtigt bleiben sollten.

Aurora-Magazin: Die USA beschuldigen den Iran seit längerer Zeit, Atomwaffen herstellen zu wollen. Nun hat Teheran vor ein paar Monaten den Kauf von 1000 Kilogramm Uran-Hexaflourid und 800 Kilogramm Uran-IV-Flourid zugegeben und darüber hinaus einem IAEO-Team den Zutritt zu einer Zentrifugenanlage in Teheran verweigert. Könnten Sie diesbezüglich dem Laien erklären, welche spezifische Rolle Dinge wie "Zentrifugen" oder die verschiedenen Isotope und Verbindungen des Urans eine Rolle beim Bau einer Atombombe spielen? Reicht die hier angeführte Menge an Uran bereits zum Bau einer Bombe aus?

Böck: Uran kommt in der Natur als Isotopenmischung von 99,3 % U-238 und 0,7% U-235 (=Natururan) vor. Für Leichtwasserreaktoren, muß diese Mischung zugunsten des U-235 verändert werden (schwache Anreicherung auf etwa 3% U-235 ), für Kernwaffen benötigt man jedoch hohe Anreicherungsgrade (über 93% U-235). Der Anreicherungsvorgang erfolgt in technisch aufwendigen Prozessen, einer davon verwendet Ultrazentrifugen zur Anreicherung. Dieser Prozeß läßt sich auf Grund der benötigten hoch speziellen Komponenten und Materialien kaum verheimlichen. Die oben erwähnten Uranmengen lassen allerdings keinen Schluß hinsichtlich des Verwendungszweckes zu, da es sich dabei um Natururan handelt. Im Falle einer Anreicherung hängt es nämlich davon ab, wie hoch letztlich angereichert wird.

Aurora-Magazin: Für wie groß halten Sie persönlich die Gefahr, daß Terroristen sich Zugang zu spaltbarem Material beschaffen und dieses letztlich als Waffe einsetzen? Wo liegen hier die größten Sicherheitsrisiken?

Böck: Nach Expertenmeinung ist es für einzelne Terrorgruppen kaum möglich, einen nuklearen Sprengsatz zu bauen. Wenn allerdings eine Regierung mit der gesamten Infrastruktur dahintersteht, sieht das wieder anders aus. Leichter könnte es sein, ein Radionuklid mit einem herkömmlichen Sprengsatz zu verteilen und damit Panik in der Bevölkerung zu erzeugen. Hier schließt sich der Fragenkreis wieder: Auch ein "atomfreies" Land benötigt bei derartigen Terrorakten entsprechend ausgebildete Fachleute.

Aurora-Magazin: Wie beurteilen Sie den Einsatz von abgereichertem Uran als panzerbrechender Munition? Hat die US-Administration recht, wenn sie behauptet, daß von den Überresten solcher Geschosse keine langfristigen Gesundheitsschäden ausgehen?

Böck: Bei Munition aus abgereicherten Uran bleibt die Kontamination sicher sehr lokal im Bereich des Einschlages, am ehesten betroffen ist das Militär in unmittelbarer Umgebung und gegebenenfalls Personen, die später aus getroffenen Wracks Teile ausbauen. Von großflächiger, gesundheitsgefährdender Kontamination kann aber hier nicht gesprochen werden.

Aurora-Magazin: Herr Prof. Böck, vielen Dank für das Interview.
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