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Nuklearpolitik im Zeichen des Kalten Kriegs
Deutsche Wissenschaft zwischen Kernenergie und Protestbewegung

Schon einige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg beschloß die Regierung Adenauer,
ein bundesdeutsches Atomprogramm in die Wege zu leiten. Als einer der verantwortlichen
Physiker setzte sich Werner Heisenberg von Anfang an für eine unabhängige Kontrolle dieses
Projektes ein und verlangte von der Regierung das Versprechen, darüber hinaus keine
militärischen Absichten zu verfolgen. Unter dem Eindruck einer neuen NATO-Strategie
schwenkte Adenauer jedoch bald auf den Gedanken um, daß es für Deutschland
notwendig werden könnte, eigene Nuklearwaffen zu produzieren. Die Furcht vor einer
solchen Entwicklung führte schließlich zum geschlossenen politischen Protest
einer Gruppe von deutschen Atomphysikern, die sich in ihrer berühmt
gewordenen "Göttinger Erklärung" vehement gegen die militärische
Nutzung der Atomkraft in Deutschland aussprachen.

Von Cathryn Carson


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Prof. Dr. Cathryn Carson

(clcarson@socrates.berkeley.edu)
geb. 1968, ist Direktorin des Instituts für Wissenschafts- und Technologiegeschichte an der Universität von Kalifornien, Berkeley.

Kontaktadresse:

Office for History of Science and Technology, 543 Stephens Hall. University of California, Berkeley, CA 94720-2350, U.S.A.

Homepage:

http://history.berkeley.edu/
faculty/Carson

     Die Wiederaufnahme der Nuklearforschung in der Bundesrepublik Deutschland der 1950er Jahre fiel in eine Zeit allgemeiner politischer Unsicherheit: 1945 war Deutschland besiegt und besetzt und schließlich in vier Zonen geteilt worden. 1949 entstanden aus den Fragmenten zwei neue Staaten, von denen jeder – vorläufig zunächst – in eine der beiden dominierenden Einflußsphären eingegliedert wurde. In der frühen Phase des Kalten Kriegs, der Blockade Westberlins und zuletzt Korea befand sich die BRD unvermittelt an vorderster Front zwischen Ost und West, inklusive der damit verbundenen frühen atomaren Bedrohungsszenarien.

Ebenso wenig existierte ein interner Konsens hinsichtlich der Frage, welche politische Rolle Deutschland in Zukunft spielen sollte. Die eine Seite – vertreten durch die regierenden Christdemokraten unter Kanzler Adenauer – arbeitete mit Nachdruck an der Verwirklichung eines antikommunistischen Bündnisses zur Stärkung des Westens; die andere Seite – einschließlich einer bedeutenden Zahl von Sozialdemokraten und weiterer politischer Kräfte – versuchte, Deutschland möglichst in der politischen Mitte zwischen Ost und West zu positionieren – was schließlich zu erbitterten Kämpfen gegen die unter Adenauer eingeleitete Remilitarisierung führte.

     Als Deutschland im Jahr 1955 seine – zumindest relative – Souveränität wiedergewonnen hatte und zugleich Aufnahme in die NATO fand, war die Bundesrepublik zu einem offiziell anerkannten Teil des Westens geworden. Da jedoch die langfristige Militärstrategie von NATO und USA weiterhin nicht eindeutig definiert war, konnte nicht einmal im Ansatz Klarheit darüber geschaffen werden, welche Art von Schutz die BRD mit ihrer Eingliederung in den Westen nun eigentlich zu erwarten hatte. Atomare Kriegsspiele führten jedenfalls schon im Sommer 1955 zu simulierten Opferzahlen, die allein in Deutschland in die Millionen gehen sollten. (1)

 

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs mußten grundlegend neue Formen des politischen Umgangs erarbeitet werden

Auch Deutschlands Innenpolitik war zu dieser Zeit, wenn auch weniger eindeutig, von einem raschen Wandel begriffen, dies aber nicht nur, was wirtschaftliche Zielsetzungen oder das Kräfteverhältnis zwischen den Parteien anbelangte, sondern auch die westdeutsche politische Kultur betreffend. Nachdem das Dritte Reich gewaltsam durch eine Demokratie ersetzt worden war, mußten erst grundlegend neue Formen des politischen Umgangs ausgearbeitet werden. Was verstand man unter Demokratie, wo sollte die Opposition ihren Platz haben, wie sollte rechtmäßiger öffentlicher Protest aussehen? Solche Fragen mußten in einem politischen System, das sich gerade eben noch zwischen der Diktatur eines Dritten Reichs und dem Interregnum der Nachkriegszeit bewegt hatte und nun kurz vor den 60ern, diversen Studentenrevolten und weiteren Herausforderungen stand, zunächst einmal beantwortet werden. Ebenso unklar blieb die Frage, welche Rolle die deutsche Wissenschaft in dieser neuen politischen Kultur spielen sollte. Die Wissenschaftler wußten darauf keine Antwort, genausowenig wie die politischen Eliten oder die Öffentlichkeit.(2)

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Die deutsche Regierung unter Konrad Adenauer hatte nach dem Krieg beschlossen, ein Atomprogramm in die Wege zu leiten

 

 

 

 

Das 'Uranprojekt' des Dritten Reichs

 

     In diese Phase des Umbruchs fiel die Entscheidung der deutschen Regierung, ein Atomprogramm in die Wege zu leiten – oder genauer gesagt, wiederaufzunehmen. Schon während des Zweiten Weltkriegs hatte es entsprechende Bemühungen des Dritten Reichs gegeben, mögliche Anwendungen der Kernspaltung zu untersuchen. Daß trotz allem im Zweiten Weltkrieg keine deutsche Atombombe entwickelt wurde, war jedoch nicht auf Fehler oder Sabotage durch die daran beteiligten Wissenschaftler zurückzuführen; nach gut einem Jahrzehnt an Debatten unter Fachhistorikern kann davon ausgegangen werden, daß vor dem Hintergrund einer sich laufend verschlechternden Kriegssituation hauptsächlich administrative Verfügungen im Dritten Reich dafür verantwortlich waren, daß das sogenannte 'Uranprojekt’ nicht schneller vorangetrieben wurde (3). Nach dem Krieg stand die deutsche Forschung unter strikter Kontrolle. Erst nach der Gewährung der Souveränität im Jahr 1955 wurden die Beschränkungen der Allierten zumindest für eine zivile atomare Nutzung aufgehoben, jedenfalls mit Ausnahme des dabei neu anfallenden Plutoniums. Ausdrücklich verboten blieb auch die nukleare Waffenproduktion auf westdeutschem Staatsgebiet.

 

Die zivile Nutzung der Atomkraft wurde von beiden politischen Lagern als fortschrittliche und zukunftsträchtige Technologie angesehen und entsprechend beworben

 

 

 

 

Eine der ersten Protestbewegungen nach dem Krieg setzte sich mit der Frage einer möglichen atomaren Bewaffnung Deutschlands auseinander

 

Die zivilen und militärischen Aspekte der Kernspaltung sollten im Gedächtnis der Menschen weiterhin verknüpft bleiben. Erwähnenswert ist hier auch, daß die erste öffentliche Diskussion über ein Atomprogramm für die Bundesrepublik zeitlich mit der Entwicklung der Wasserstoffbombe und entsprechenden Kernwaffentests zusammenfiel. Die beabsichtigte zivile Nutzung der Atomkraft wurde sowohl von den Christdemokraten als auch von den Sozialdemokraten beworben, vor allem letztere zeigten sich damals besonders enthusiastisch im Glauben an den wissenschaftlichen und technologischen Fortschritt.(4) Obwohl die öffentliche Unterstützung für die Pläne der Regierung begrenzt war, zeigte sich auch keine nennenswert geschlossene Opposition, zumindest nicht im Vergleich zu späteren Formen des zivilen Widerstands in den 1970ern oder darauf folgender Jahrzehnte. Was allerdings die Frage der Atomwaffen oder im engeren Sinn deren Eingliederung in die westdeutschen Streitkräfte im Rahmen der NATO betraf, wurden schon bald vereinte Proteststimmen laut. Die Oppositionsbewegung der Jahre 1957-58, die zum Teil auch von Protesten gegen die Wiederbewaffnung nach dem Krieg gespeist war, zeigte sich in der Folge als erstes bedeutendes Beispiel politischen Widerstands in der jungen Bundesrepublik. Umfragen signalisierten, daß die überwiegende Mehrheit der bundesdeutschen Bevölkerung einer atomaren Ausrüstung der Streitkräfte ablehnend gegenüberstand, ungeachtet des Umstands, daß die Regierung weiterhin an diesen Plänen festhielt. Nicht zuletzt versuchte sich auch die Friedensbewegung an unterschiedlichen Formen des Widerstands und setzte Aktionen, die schon die Überleitung zu den 60ern bilden sollten – wenngleich noch nicht mit jener späteren Intensität.(5)

 

Die (west)deutsche Wissenschaft trat überwiegend für eine friedliche Nutzung der Atomkraft ein

     Besondere Bedeutung kommt in dieser Phase der westdeutschen Wissenschaft zu. Obwohl deren Vertreter eine friedliche Nutzung der Atomkraft durchwegs befürworteten, wurde auf Pläne für eine zukünftige westdeutsche nukleare Rüstung mit steigender Ablehnung reagiert. Dies ist auch deshalb von Interesse, weil solche Einschätzungen von Wissenschaftlern stammten, die noch während des Zweiten Weltkriegs an Arbeiten zur Kernspaltung beteiligt gewesen waren. Von zusätzlichem Interesse ist überdies das Selbstverständnis dieser Gruppe, unter anderem auch die Frage, in welchem Maß ihnen deren Autorität als Forscher politischen Einfluß eröffnete, oder inwiefern sie den Entschluß fassen konnten, sich mit breiteren Schichten der Anti-Atom-Bewegung solidarisch zu erklären; ebenso ist die Frage zu klären, wie sich die beteiligten Forscher mit der Tatsache auseinandergesetzt hatten, einst ein bedeutender Teil des zur Kriegsforschung eingesetzten Personals im Dritten Reich gewesen zu sein.

 

Zum Beispiel:
Werner Heisenberg

 

 

 

 

 

 

Heisenberg war der Ansicht, eine funktionierende Nuklearindustrie würde entscheidend sein für die ökonomische Wettbewerbsfähigkeit der Bundesrepublik

 

Um solchen Betrachtungen in konkreter Weise Ausdruck zu verleihen, kann sich der biographische Ansatz als nützlich erweisen. Hier ist die Forschergruppe um Werner Heisenberg von besonderem Interesse(6). Dies allerdings nicht deshalb, weil die damalige Forschergemeinde geschlossen Heisenbergs Marschroute gefolgt wäre, sondern auf Grund von dessen Vorbildfunktion in der Öffentlichkeit, die berühmte Persönlichkeiten mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgte. Während des Zweiten Weltkriegs hatte Heisenberg eine führende Rolle im Uranverein des Dritten Reichs inne, obwohl er nie der Gesamtleiter des Projekts gewesen war. Nach dem Krieg setzte er sich mit Nachdruck für die friedliche Nutzung der Kernkraft ein und wandte sich diesbezüglich schon im Jahr 1949 an Bundeskanzler Adenauer, also noch innerhalb jener Phase, in der die Atomforschung von alliierter Seite weiterhin untersagt blieb.

Obwohl sich Heisenberg nur geringfügig für die technische Seite der Reaktorentwicklung interessierte, war er der Überzeugung, daß eine funktionierende Atomindustrie entscheidend für die zukünftige ökonomische Wettbewerbsfähigkeit der Bundesrepublik sein würde. Der Anstoß zum nuklearen Engagement basierte also im Grunde auf wirtschaftspolitischen Erwägungen, und sie kam von einer Person, die sich schon zuvor dafür engagiert hatte, daß sich die Wissenschaft beratend an die Seite der Regierung stellen sollte. Nachdem Adenauers Rückmeldung ermutigend gewesen war, begann Heisenberg, erste Ansätze eines Programms auszuarbeiten, und obwohl nicht alle früheren Mitglieder des Uranvereins für eine Mitarbeit zu bewegen waren – etliche davon auf Grund von Heisenbergs führender Stellung –, konnte trotz allem eine erstaunliche Summe an Personal, Erfahrung und auch von Rohstoffen aus der Kriegszeit zusammengezogen werden. Alle praktischen Angelegenheiten verblieben während dieser Zeit bei Karl Wirtz, einem Mitarbeiter Heisenbergs, der schon während des Krieges großteils die selbe Stellung für seinen Chef ausgefüllt hatte; Heisenberg selbst konzentrierte sich unterdessen auf das politische Tagesgeschäft, und er stieß dort auf unterschiedliche Konzepte, wie ein angemessenes Verhältnis zwischen Wissenschaft und Politik aussehen konnte.

 

Das Atomprogramm konnte nur durch eine Zusammenarbeit von Politik, Industrie und Wissenschaft in die Wege geleitet werden

 

 

 

 

 

Adenauer bestimmte Karlsruhe als Standort für die erste Reaktorstation

     Für den Aufbau eines Atomprogramms war die Zusammenarbeit dreier Gruppierungen notwendig: Politik, Industrie und Wissenschaft. Ein Problem bestand nun darin, daß sich die Vertreter jeder Gruppe offensichtlich nur den jeweils eigenen Argumenten gegenüber aufgeschlossen zeigten. So entwickelte sich beispielsweise eine hitzige Debatte über den geeigneten Aufbau der in Planung befindlichen Atomerergiebehörde: Heisenberg argumentierte für das US-amerikanische Modell einer kleinen, aber höchst einsatzfähigen Administration, in der auch die Forscher in beträchtlichem Maß klar nachvollziehbare Verantwortung für das Gesamtprojekt tragen sollte. Die übrigen Akteure sahen die Dinge allerdings anders. Auch der Ort, an dem der erste Reaktor stehen sollte, wurde ähnlich kontrovers diskutiert. Zur Wahl standen letztlich zwei Optionen: Karlsruhe oder München. Vertreter beider Standorte zeigten sich stur, was die Argumente des jeweils anderen anging. Heisenbergs Gegner aus dem Bereich der Industrie meinten beispielsweise, daß für Heisenberg nur deshalb München der geeignetere Ort sei, weil dieser ein Sommerhaus in den bayrischen Alpen besitze. Adenauer hatte sich aber vorher entschieden, Karlsruhe vorzuziehen und schloß Heisenberg von der Standortwahl aus. Auch die Vertreter der Industrie tauschten sich schriftlich darüber aus, daß Heisenberg kooperieren müsse – oder man würde sich eben einen anderen Wissenschaftler suchen. Die eigentliche Befürchtung bestand jedoch darin, daß Heisenberg seine öffentliche Unterstützung für das Projekt zurückziehen könnte, die schon bisher in mancher Hinsicht eine Versicherung dafür gewesen war, daß auch für den kritischen Beobachter außerhalb Deutschlands die Legitimität der deutschen Atomforschung garantiert war.(7)

 

 

Wer sorgt dafür, daß die zivile Nutzung der Kernkraft nicht irgendwann in eine militärische ausgedehnt wird? - Die Politik!

Am Ende wurde offensichtlich, daß das gesamte Projekt auf recht wackeligen Beinen stand. Wer etwa würde dafür sorgen, daß es weiterhin bei einer ausschließlich zivilen Nutzung blieb? Ein aktiver Reaktor produziere automatisch auch Plutonium, dessen Hauptfunktion doch der Bau von Nuklearwaffen bleibe, merkten einige Forscher in Deutschland öffentlich an. Was diesen Punkt anbelangte, mahnte Heisenberg – wie viele seiner Kollegen –, zwar zu entsprechender Vorsicht; ein völliger Abbruch des Programms kam für ihn aber schon deshalb nicht in Frage, weil seiner Meinung zufolge nicht etwa technische Schranken, sondern nur eine politische Entscheidung dafür sorgen konnte, daß die Schwelle zu einer militärischen Verwendung nicht überschritten werden sollte. Im Jahr 1953 schien Heisenberg klar,

„daß Deutschland ein viel zu kleines Land ist, als daß es Machtpolitik treiben könnte. [...] Nach den Waffen zu streben, die nur von den großen politischen Gemeinschaften getragen werden können, wäre dabei das unvernünftigste politische Ziel, das wir uns in Deutschland stellen könnten. Der Besitz solcher Waffen würde durch das Mißtrauen, das er erzeugt, unendlichen Schaden anrichten und nicht den geringsten Nutzen für Deutschland stiften. Wenn wir überhaupt Atomtechnik in Deutschland treiben wollen, so müssen wir also jeder Versuchung zum Interesse für Rüstungsfragen widerstehen und auch den Schein aufs sorgfältigste vermeiden." (8)

 

 

Heisenberg setzte sich für eine unabhängige Kontrolle des deutschen Atomprojektes ein und verlangte von der Regierung das Verprechen, keine militärischen Absichten zu verfolgen

     Letztlich hatte die Bundesrepublik der Welt gegenüber nachzuweisen, daß sie keine kriegerischen Absichten verfolgte. Zum einen bedeutete dies eine komplette Offenlegung aller technischen Pläne: Heisenberg machte fortgesetzt bei Adenauer Druck, die gesamte Projektierung des Vorhabens englischen und amerikanischen Bobachtern zugänglich zu machen. Eine andere Maßnahme sollte darin bestehen, öffentlich anerkannte Wissenschaftler insoweit am politischen Machtprozeß zu beteiligen, als deren guter Name dem Rest der Welt gewährleisten sollte, jede mißbräuchliche Verwendung der Technologie von vornherein ausschließen zu können. Hinter den Kulissen war Heisenberg darum bemüht, Geheimhaltungsvorschriften auf das Mindestmaß zurückzuschrauben und wollte eine höchstpersönliche Bestätigung der Versprechen der Regierung, keine militärischen Absichten zu verfolgen. Außerdem drängte er auf einen zusätzlichen Paragraphen innerhalb des geplanten Statuts der Atomenergiebehörde, welcher dessen Wissenschaftlern die Option einräumen würde, das Amt niederzulegen, falls sich das Nuklearprojekt letztlich von seinem zivilen Zweck entfernen sollte.

 

 

Bis etwa 1954 war Adenauer an Atomwaffen nur wenig interessiert

Über den Zweck des bundesdeutschen Nuklearprogramms ist viel diskutiert worden: ob nun die militärische Option von Anfang an beabsichtigt war oder wie ernsthaft diese Möglichkeit schließlich weiterverfolgt worden ist.(9) Der historischen Forschung zufolge kann jedenfalls davon ausgegangen werden, daß bis etwa 1954 Adenauer an Atomwaffen zunächst nur wenig interessiert war, da sie nicht seinem Verständnis einer in die NATO eingebundenen Verteidigung von Westeuropa entsprachen – nicht zuletzt deshalb, weil die Eingliederung atomarer Systeme in die militärische Planung des Atlantischen Bündnisses selbst erst im Aufbau begriffen war.(10)

     Zumindest Heisenberg stand Atomwaffen ablehnend gegenüber. Dies allerdings nicht, weil er sie prinzipiell für das Böse schlechthin hielt, sondern auf Grund ihrer strategischen Nachteile für ein so unbedeutendes Land wie etwa der Bundesrepublik. Für Heisenberg hatte das Wort von der staatlichen Unabhängigkeit kleinerer Nationen schlichtweg seine Bedeutung verloren, da nach dem Zweiten Weltkrieg eine traditionelle Machtpolitik alten Stils für derartige Staaten überholt war. In einem Brief, den er etwas später an einen Freund richtete, liest sich das so:

"Der entscheidende Fehler der ganzen politischen Konstruktion über Atombewaffnung und dgl. besteht sicher darin, daß der Begriff der Verteidigung nicht bis zuende gedacht ist. "(11)

 

Heisenberg war überzeugt, daß Wissenschaftler ein Anrecht darauf hatten, sich in die politische Debatte einzuschalten

Ob es konkrete Gründe dafür gab, die die zögerliche Haltung Heisenbergs zur Frage der nuklearen Absichten der Regierung vor 1955 rechtfertigen hätten können, ist schwer zu beantworten. Alle Bedenken deuteten aber darauf hin, daß in seiner Überzeugung die Wissenschaftler ein Anrecht darauf hatten, sich offen mit politischen Angelegenheiten auseinandersetzen zu dürfen – so etwa bezüglich der Frage, ob es irgendeine Rechtfertigung für die westdeutsche Regierung geben konnte, Atomwaffen herzustellen. Seinen politischen Partnern ging der politische Einfluß der Wissenschaft allerdings manchmal schon zu weit, und man war der Ansicht, daß die Kompetenzen der Forscher stärker beschränkt bleiben sollten. Tatsache ist jedenfalls, daß das jeweilige Maß an wissenschaftlicher Autorität letztlich eine Schlüsselrolle in der Debatte nach 1955 spielen sollte.

 

Die "New Look"-Strategie der NATO sah ab 1954 auch Atomwaffen zur Verteidigung vor

 

 

 

Sollte Deutschland eigene Nuklearwaffen produzieren?

 

 

     Nachdem die NATO um 1954 oder 1955 gerade dabei war, ihre "New Look"-Strategie für Europa einzuführen – eine Strategie, die sich neuerdings auf Atomwaffen konzentrierte –, stand Adenauers frühere Verpflichtung zur konventionellen Verteidigung der Bundesrepublik erstmals in der Schwebe. Durch die immer stärkere Einbindung von Deutschland und deutschen Führungskräften in die Strukturen der NATO standen auch Gespräche oberster militärischer und politischer Vertreter zunehmend auf der Tagesordung, in denen schließlich nicht nur die Stationierung amerikanischer Raketen auf westdeutschem Territorium überlegt wurde; auch von einer Versorgung bundesdeutscher Einheiten mit nukleartauglichem Gerät war die Rede. Das umso mehr, als Adenauer nach einer Krise in den deutsch-amerikanischen Beziehungen im Jahr 1956 die geheime Idee verfolgte, daß es für Deutschland notwendig werden könnte, eigene Nuklearwaffen zu produzieren. Franz Josef Strauß, bisheriger Verantwortlicher für das zivile Atomprogramm, wurde nun als neuer Verteidigungsminister mit der Aushandlung eines geheimen deutsch-französischen Abkommens beauftragt, in welchem eine militärische (und gegebenenfalls auch nukleare) Zusammenarbeit beider Staaten vorgesehen war.(12)

 

Die Öffentlichkeit wurde nicht informiert

 

 

 

 

Mehrere Atomphysiker machten die Regierung auf die Vorbehalte der Wissenschaft aufmerksam

 

 

 

 

 

Heisenberg und seine Kollegen brachten ihre Bedenken in einem privaten Schreiben zu Papier

Offiziell wurde die Öffentlichkeit nicht über diese Vorgänge informiert, und es blieb bei gelegentlich auftauchenden Gerüchten. Im November 1956 war jedenfalls die Besorgnis einer Gruppe von Nuklear- und Teilchenphysikern – die zugleich mehrheitlich einem Unterausschuß der Atomenergiebehörde angehörten –, so groß geworden, daß der Entschluß gefaßt wurde, einen privaten Brief an Verteidigungsminister Strauß und den neuen Atomminister Balke zu richten. In diesem Schreiben gestanden die Autoren zu, zwar keine politischen Experten zu sein, deren Beruf als Atomphysiker schließe aber die Verpflichtung mit ein, politisch Stellung zu beziehen – auch deshalb, weil man nicht nur selbst auf diesem Gebiet tätig sei, sondern überdies Studenten ausbilde, die eines Tages auch von seiten der Regierung in Anspruch genommen werden könnten. Offensichtlich vermuteten die Verfasser (und wie es heute scheint, mit gutem Grund), daß die Behörden ihren früheren Entschluß, auf die Produktion von Atomwaffen zu verzichten, nun wieder rückgängig machen wollten. Über die endgültige Form des Briefs wurde allerdings noch gerungen. Neben anderen reklamierte Heisenberg einen zusätzlichen Satz in das Schreiben hinein, der diese Vermutung klarstellte:

"Insbesondere würde die Herstellung u. Lagerung von Atomwaffen im Gebiet der Bundesrepublik im Ernstfall feindliche Atomangriffe geradezu provozieren, u. im Frieden im Osten u. im Westen Misstrauen gegen die Bu.Republik erzeugen." (13)

Da politisch-militärische Überlegungen gegen deutsche Nuklearwaffen sprachen, waren die Wissenschaftler auch nicht bereit, sich an deren Herstellung zu beteiligen und erhofften sich eine verbindliche Zusage der Regierung, sich solche Waffen weder anzueignen noch selbst zu produzieren. Bei Erfüllung dieses Versprechens würde man das Schreiben nicht publik werden lassen. Abgesehen davon wäre auch von seiten der beteiligten Forscher ein Schritt an die Öffentlichkeit nicht unbedingt begrüßt worden, da die dabei entstehende Aufregung auch das zivile Atomprogramm, welches nach wie vor von den Wissenschaftlern unterstützt wurde, in Mitleidenschaft ziehen hätte können.

 

Adenauer war nicht nur nicht bereit, den von der Wissenschaft geforderten Verzicht auf Atomwaffen zu leisten, er schien deren Auswirkungen sogar noch zu verharmlosen

 

 

 

 

Dies veranlaßte eine Gruppe von 18 führenden Atomforschern zum Abfassen eines Manifests, der sog. "Göttinger Erklärung"

     Franz Josef Strauß traf schließlich Ende Januar 1957 – eineinhalb Wochen nach Unterzeichnung seines geheimen Abkommens mit Frankreich – auf die Gruppe der Autoren und konnte dort zumindest einige davon überzeugen, daß die Frage der Außen- und Sicherheitspolitik möglicherweise deren Horizont überschreite. Letztlich hatte man jedenfalls nichts erreicht, und die Dinge blieben bis zum Frühlingsanfang weiter in der Schwebe. Zu diesem Zeitpunkt ließ sich aber Adenauer bei einer Pressekonferenz in einer Weise über taktische Atomwaffen aus, die – jedenfalls nach Ansicht der beteiligten Physiker – deren Auswirkungen in hohem Maß zu verharmlosen schienen.

Damit war für den Zirkel der Briefschreiber die Grenze des Zumutbaren erreicht. Die inzwischen auf 18 Personen angewachsene Gruppe der führenden Atomforscher Deutschlands (darunter auch vier Nobelpreisträger) formulierte eine gemeinsame Erklärung, die die politische Bühne in Aufruhr versetzen und noch eine Menge Bewegung ins öffentliche Leben bringen sollte. Die Göttinger Erklärung, als welches das Manifest bezeichnet worden war, begann mit Hinweisen auf die Zerstörungskraft von Nuklearwaffen sowohl taktischer als auch strategischer Art, Tatsachen also, "die alle Fachleute wissen, die aber der Öffentlichkeit noch nicht hinreichend bekannt zu sein scheinen."(14)

 

 

 

Die Forscher forderten eine rein konventionelle Verteidigung Deutschlands und betonten, unter keinen Umständen am Bau von Nuklearwaffen mitarbeiten zu wollen

     Daraus zogen sie nun auch politische Konsequenzen. Zwar hielt sich die Gruppe der Achtzehn mit Spekulationen über die NATO oder über Großmachtpolitik zurück, betonte jedoch im besonderen, daß für die Bundesrepublik zwei Punkte von Bedeutung seien: erstens die Erkenntnis, daß einer Politik der Abschreckung auf lange Sicht kein Erfolg beschieden sei, und zum zweiten die Forderung eines freiwilligen Verzichts auf Nuklearwaffen durch kleinere Nationen wie beispielsweise Westdeutschland. Man gab außerdem an, sich durchaus der Tatsache bewußt zu sein, daß die Berechtigung als Wissenschaftler zu derartigen Einwürfen bestritten werden würde; die Verantwortung wiege allerdings schwerer, und deshalb sei man letztlich auch zu dieser Stellungnahme verpflichtet gewesen. Die Forscher stellten überdies klar, daß man selbst unter keinen Umständen am Bau von Nuklearwaffen arbeiten wolle, bekräftigten andererseits aber, weiterhin für die zivile Nutzung der Atomkraft einzutreten.

 

 

 

Die Verfasser der Erklärung waren uneins über deren Bedeutung und Intention

Auch wenn die Formulierung politisch motivierter Statements seine Vorläufer hatte, wie zum Beispiel die 1955 publizierte Mainauer Erklärung von Nobelpreisträgern gegen die Wasserstoffbombe oder gelegentlich formulierte Stellungnahmen in allgemeineren Fragen (15): eine gemeinsam verfaßte Erklärung wie jene der Göttinger Achtzehn, die von vielen führenden Mitgliedern der nuklearen Forschergemeinde getragen war, stellte für die deutsche Wissenschaft etwas völlig Neues dar. Das Manifest selbst zeigte sich als Kompromiß unterschiedlicher Gesichtspunkte, und auch die Unterzeichner konnten sich nur schwer darüber einigen, wie es letztlich gelesen werden sollte. Einige unter ihnen – darunter auch diejenigen, die die Erklärung hauptsächlich verfaßten – legten besonderen Wert auf dessen politischen Anspruch, speziell was die Themen "Abschreckung" und "Nicht-Weiterverbreitung" betraf. Für einen anderen Teil der Gruppe sollten konkrete technische Erläuterungen des atomaren Zerstörungspotentials den zentralen Punkt der Publikation ausmachen – nicht jedoch strategische Gedankenspiele, welche man als unangenehm empfand und die womöglich auch unangemessen waren. Für wieder andere bestand die Kernaussage in deren persönlicher Überzeugung, nicht an der Herstellung atomarer Waffen beteiligt sein zu wollen; eine Ansicht, die häufig als moralische Verpflichtung interpretiert worden ist. Doch selbst wenn sämtliche Teile der Gruppe zu einem gemeinsamen Standpunkt gefunden hätten, wäre der Text noch immer auf verschiedene Arten zu deuten gewesen.

 

Der Bundeskanzler und die Unterzeichner des Manifests sprachen sich gegenseitig die Kompetenz ab

 

 

 

 

 

 

Die Linken lobten das demokratische Verantwortungsbewußtsein, während sich die Rechte über einen Mißbrauch wissenschaftlicher Autorität beklagte

     Auch die Reaktion der Öffentlichkeit spiegelte letztlich die verschiedenen Aspekte der Erklärung wider.(16) Eine besonders häufig wiederkehrende Reaktion bestand darin, die wissenschaftliche und politische Glaubwürdigkeit aller beteiligten Gruppen gegeneinander auszuspielen. So beeilten sich etwa sowohl der Kanzler als auch dessen Verteidigungsminister, die Verfasser in aller Schärfe darauf hinzuweisen, daß sie in dieser Angelegenheit einerseits nicht über den nötigen politischen Sachverstand verfügten und offensichtlich auch deren besondere Reputation als Wissenschaftler mißbraucht hätten; außerdem zeigte man sich darüber verärgert, daß deren Erklärung so unkritisch aufgenommen worden sei. Verteidigende Stimmen auf seiten der Forscher attackierten daraufhin die Ansicht des Kanzlers, wonach allein Politiker über die notwendigen Kenntnisse zur Lösung derartiger Probleme verfügten und machten sich in pointierten Kommentaren über die Absicht Adenauers lustig, den Professor für die Professoren spielen zu wollen. Die Trennlinie zwischen den politischen Lagern war klar erkennbar: die eine Seite – vornehmlich die Linke – vertrat die Ansicht der Wissenschaftler und lobte deshalb deren demokratisches Verantwortungsbewußtsein, während andererseits die Kritiker – in erster Linie vertreten von der Rechten –, über den Mißbrauch wissenschaftlicher Autorität wetterten. Nach einigen Kommentaren von nicht an der Erklärung beteiligten Forschern waren zuletzt auch weite Bereiche der Wissenschaftsgemeinde selbst von der Spaltung betroffen. Zusätzlich aufgeheizt wurde die politische Stimmung schließlich durch Beschuldigungen, wonach das Göttinger Manifest der kommunistischen Sache dienen würde – ungeachtet der Tatsache, daß die Verfasser eine solche Reaktion vorausgesehen hatten und deshalb schon im vorhinein ihre Loyalität mit dem Westen in die Erklärung eingesetzt hatten.

 

 

Die Friedensbewegung entdeckte die Göttinger Erklärung für sich

 

 

 

 

 

Hatten sich die deutschen Atomforscher schon unter Hitler dem Bau einer Atombombe verweigert?

Andererseits entdeckte auch die westdeutsche Friedensbewegung die Erklärung für sich und setzte sie als klares Zeichen des moralischen Widerstands ein. Freilich sollte man in diesem Zusammenhang nicht vergessen zu erwähnen, daß der allgemeine Ton des Schreibens – auch wenn einige der Unterzeichner dies befürwortet hätten – zumeist kein moralischer war, schon deshalb nicht, weil es in seinen Grundzügen von einem Wissenschaftler (Carl Friedrich von Weizsäcker) skizziert worden war, der sich in erster Linie auf dessen politische Aspekte konzentriert hatte.

Nicht uninteressant erscheint hierbei der Umstand, daß die spezifisch moralische Auslegung des Schreibens auch im Zusammenhang mit anderen historischen Vorgängen gesehen worden ist. Publizisten, die sich bisher kritisch gegen Atomwaffen geäußert hatten, begannen nämlich die These aufzustellen, daß die jetzige Zurückhaltung der Forscher, an Atomwaffen für Adenauer arbeiten zu wollen, eigentlich eine Fortsetzung von deren vermeintlicher früherer Weigerung gewesen sei, Hitlers Atombombe zu bauen.(17) Fest stand jedenfalls, daß man es auffälligerweise immer noch zum überwiegenden Teil mit jener damaligen Gruppe von Wissenschaftlern zu tun hatte. Ob sich die deutschen Nuklearforscher allerdings tatsächlich dem Bau einer Bombe unter Hitler verweigert hatten, gehört letztlich zur kontroversen Debatte über das Atomprogramm des Dritten Reichs – meiner Überzeugung nach ist diese Behauptung historisch nicht belegbar. Nach wie vor schwierig gestaltet sich auch der Versuch, diese Behauptung in Äußerungen der Wissenschaftler selbst und insbesondere von Heisenberg und dessen Umfeld nachzuweisen. Meine eigenen Recherchen haben keinen Hinweis darauf erbracht, daß jemand von ihnen für sich in Anspruch nahm, aus Widerstand gegenüber Hitler das Uranprojekt im Dritten Reich sabotiert haben.(18) Solange die politische Auseinandersetzung im gange war, schienen die Nuancen der Wissenschaftler niemanden besonders zu kümmern. Nachdem die Erklärung einmal publiziert war, wurde es zum Gemeingut, und es war nun jedem selbst überlassen, das Manifest im Rahmen der jeweils eigenen Interessen zu bewerten.

 

 

 

 

Die Göttinger Erklärung sorgte indirekt auch für eine Umgestaltung der politischen Kultur der Bundesrepublik

     Auf indirektem Weg leistete die Göttinger Erklärung auch einen Beitrag zur Umgestaltung der politischen Kultur der Bundesrepublik. Kurzfristig war die Friedensbewegung zunächst wahrscheinlich nicht besonders glücklich über das weitere Vorgehen der Wissenschaftler. Auch wenn man zum Teil dieselben Ziele wie die Anti-Nuklearwaffen-Front verfolgte, war man sich doch häufig uneins, welche konkreten Formen der Protest im einzelnen annehmen sollte. So spielte zum Beispiel nur ein einziger der Unterzeichner (Max Born) eine bedeutende Rolle in der anschließenden Anti-Atomwaffen-Kampagne. Fast alle anderen zeigten sich zögerlich angesichts des Massencharakters und der potentiell parteipolitischen Ausrichtung dieser Bewegung; beides erschien den Unterzeichnern unvereinbar mit der Rolle des Wissenschaftlers. Mit Ausnahme eines klaren Bekenntnisses zur Loyalität gegenüber dem Westen war man darum bemüht, keiner bestimmten politischen Partei nahezustehen. Tatsächlich hegten viele der Unterzeichner Sympathien für die Partei Adenauers, was dann letztlich auch zum Vorschein kam, als Vorwürfe laut wurden, ein willkommenes Werkzeug für die Sozialdemokratie zu sein. Auch was die politische Kritik anbelangt, agierte man – als Forscher der 50er Jahre – meistens auf einem exklusiven Niveau: zunächst wurde hinter den Kulissen an einer Lösung gearbeitet, und als schließlich das Manifest aufgesetzt war, wurden ausschließlich die Leiter des Faches als potentielle Unterzeichner ausgewählt. Ohne diese Vorgangsweise notwendigerweise kritisieren zu wollen, scheint hier zumindest deutlich zu werden, daß die Göttinger Erklärung noch immer weit vom späteren basisdemokratischen Aktivismus der 60er und 70er Jahre entfernt war.

 

Die 1950er Jahre zeigen, wie nach Wegen gesucht wurde, Kritik am Staat zu üben und mit Hilfe öffentlichen Drucks die Politik zum Umdenken zu bewegen

 

 

Adenauers "Kanzler-Demokratie"

Ein interessanter Berührungspunkt ergibt sich auch aus dem Umstand, daß der öffentliche Auftritt dieser Wissenschaftler als eine mögliche Quelle für politisch motivierte Kritik angesehen werden kann. Die 1950er Jahre zeigen, wie nach Wegen gesucht wurde, Kritik am Staat zu üben und mit Hilfe öffentlichen Drucks die Politik zum Umdenken zu bewegen. Diese Versuche stellten einen nicht unbedeutenden Beitrag für die Legitimierung demokratischer Kritik in einem im Wandel begriffenen politischen System dar – vor allem auch angesichts des Tatsache, daß Adenauers Politik von dessen Gegnern fallweise als quasi-autoritäre "Kanzler-Demokratie" bezeichnet worden war. In einem Kommentar des Spiegels heißt es denn auch, daß in einem Land, "das gleichermaßen autoritäts- und wissenschaftsgläubig ist, nur noch die Wissenschaft in der Lage zu sein scheint, der Regierung Widerpart zu bieten" (19) Auch wenn dieses Gleichgewicht in den 50er Jahren noch bestanden haben mochte, so wurde es doch zunehmend durch die von der Wissenschaft selbst mit ins Leben gerufene Änderung der politischen Kultur geschwächt. Dies bedeutet, daß mit den frühen 60er Jahren eine Zeit angebrochen war, in der die Göttinger Forscher nunmehr im Verbund mit anderen liberalen Kritikern in Erscheinung treten konnten.(20) Daß dieser Moment schnell wieder vorüberging und sich die Kritiker politisch nun auf andere Weise ins Spiel brachten, wird auch in der wachsenden Enttäuschung der Linken deutlich, die die Wissenschaft bisher immer auch als Mittel zum gesellschaftlichen Fortschritt betrachtet hatten.

 

 

Später erschien die Grenze zwischen friedlicher und militärischer Nutzung der Atomkraft problematischer, als sie im Göttinger Manifest dargestellt wurde

     Einer jener Streitpunkte, die zum Bruch zwischen den Linken und der Wissenschaft geführt hatte, betraf zweifellos auch das bundesdeutsche Atomprogramm – womit sich der Kreis nun letztlich schließt. Gelegentlich wird vermutet, daß ein wesentlicher Zweck des Göttinger Manifests darin lag, die öffentliche Unterstützung für ein ziviles Nuklearprogramm zu verstärken, indem man eine Grenze zwischen friedlicher und militärischer Nutzung der Atomkraft zog.(21) Ein derartige Einschätzung scheint allerdings die Sorgen der Wissenschaftler um das zivile Atomprogramm zu überschätzen, genauso übrigens wie die allgemeine Bedeutung dieser Frage in der öffentlichen Diskussion. Abgesehen von solchen Spekulationen ist jedoch der Wunsch nach einer Unterscheidung zwischen den zivilen und militärischen Anwendungen der Kernspaltung weiterhin ein zentrales Thema in den Auseinandersetzungen der folgenden Perioden geblieben.

 

 

 

Eine klare Trennung zwischen ziviler und militärischer Nutzung war noch immer nicht eindeutig geregelt

Im Nachhinein betrachtet ist es durchaus überraschend, daß die Unterzeichner des Manifests offenbar nicht besonders besorgt darüber waren, daß das deutsche Atomprogramm letztlich vielleicht doch den Weg in Richtung einer militärischen Nutzung hätte einschlagen können, insbesondere dann, wenn man annimmt, daß die Göttinger Forscher (oder zumindest einige von ihnen) nicht nur nachhaltig vom Konzept einer westdeutschen Atombombe abgestoßen waren, sondern auch anerkannten, daß eine klare Trennung zwischen ziviler und militärischer Nutzung noch immer nicht eindeutig geregelt war.(22) Die Bedenken über eine mögliche Neuorientierung des deutschen Atomprogramms beziehen sich dabei nicht nur auf die Errichtung einer Infrastruktur, die einem späteren Gebrauch für Kriegszwecke keinen eindeutigen Riegel vorschob, sondern betrifft ebenso die Ausbildung von Studenten, deren Fachwissen irgendwann auch in militärischen Belangen nützlich sein konnte.

Am Ende war die deutsche Wissenschaft natürlich keineswegs Herr über die Aktivitäten innerhalb des bundesdeutschen Atomprogramms. Wenn man von einem gewissen Einfluß sprechen kann, dann aber zumindest dort, wo sich die Forscher mit der Frage beschäftigten, inwiefern die Weiterverbreitung von Atomwaffen in den 1950ern durch technische Sicherheitssysteme verhindert werden konnte....

(Ausdrucken?)

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(Aus dem Englischen von Franz Wagner)


Anmerkungen:

1. Catherine McArdle Kelleher, Germany and the politics of nuclear weapons (New York: Columbia University Press, 1975); Christian Greiner, "Zwischen Integration und Nation: Die militärische Eingliederung der Bundesrepublik Deutschland in die NATO, 1954 bis 1957," in Westdeutschland 1945-1955: Unterwerfung, Kontrolle, Integration, ed. Ludolf Herbst (München: R. Oldenbourg, 1986), 267-278; Mark Cioc, Pax atomica: the nuclear defense debate in West Germany during the Adenauer era (New York: Columbia University Press, 1988); Matthias Küntzel, Bonn und die Bombe: Deutsche Atomwaffenpolitik von Adenauer bis Brandt (Frankfurt: Campus, 1992); Peter Fischer, "Die Reaktion der Bundesregierung auf die Nuklearisierung der westlichen Verteidigung (1952-1958)," Militärgeschichtliche Mitteilungen 52 (1993): 105-132.

2. Cathryn Carson, "New models for science in politics: Heisenberg in West Germany," Historical studies in the physical and biological sciences 30:1 (1999), 115-171. Where no other references are given, citations are to be found here.

3. The definitive scholarly treatment remains Mark Walker, German National Socialism and the quest for nuclear power, 1939-1949 (Cambridge: Cambridge University Press, 1989); dt. Die Uranmaschine: Mythos und Wirklichkeit der deutschen Atombombe (Berlin: Siedler, 1990). Alternative but ultimately unsuccessful arguments are presented in Thomas Powers, Heisenberg's war: the secret history of the German bomb (New York: Alfred A. Knopf, 1993); dt. Heisenbergs Krieg: Die Geheimgeschichte der deutschen Atombombe (Hamburg: Hoffmann und Campe, 1993), Jonothan Logan, "The critical mass," American Scientist 84 (1996): 263-277 and Paul Lawrence Rose, Heisenberg and the Nazi atomic bomb project: a study in German culture (Berkeley: University of California Press, 1998); dt. Heisenberg und das Atombombenprojekt der Nazis (Zürich, München: Pendo, 2001).

4. Discussed from various perspectives by Joachim Radkau, Aufstieg und Krise der deutschen Atomwirtschaft 1945-1975: Verdrängte Alternativen in der Kerntechnik und der Ursprung der nuklearen Kontroverse (Reinbek: Rowohlt, 1983); Michael Eckert, "Die Anfänge der Atompolitik in der Bundesrepublik Deutschland," Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 37 (1989): 115-143; Wolfgang D. Müller, Geschichte der Kernenergie in der Bundesrepublik Deutschland: Anfänge und Weichenstellungen (Stuttgart: Schäffer, 1990); Peter Fischer, Atomenergie und staatliches Interesse: Die Anfänge der Atompolitik in der Bundesrepublik Deutschland 1949-1955 (Baden-Baden: Nomos, 1994).

5. Hans Karl Rupp, Außerparlamentarische Opposition in der Ära Adenauer: Der Kampf gegen die Atombewaffnung in den fünfziger Jahren (Köln: Pahl-Rugenstein, 1970); Alice Holmes Cooper, Paradoxes of peace: German peace movements since 1945 (Ann Arbor: University of Michigan Press, 1996).

6. Carson, "New models" See also Michael Eckert, "Primacy doomed to failure: Heisenberg's role as scientific advisor for nuclear policy in the FRG," Historical studies in the physical and biological sciences 21:1 (1990): 29-58 and David C. Cassidy, Uncertainty: the life and science of Werner Heisenberg (New York: W.H. Freeman, 1992); dt. Werner Heisenberg: Leben und Werk (Heidelberg: Spektrum, 1995).

7. Fischer, Atomenergie; Cathryn Carson, "Nuclear energy development in postwar West Germany: struggles over cooperation in the Federal Republic's first reactor station," History and technology 18 (2002): 233-270; R.-J. Gleitsmann, Im Widerstreit der Meinungen: Zur Kontroverse um die Standortfindung für eine deutsche Reaktorstation (1950-1955): Ein Beitrag zur Gründungsgeschichte des Kernforschungszentrums Karlsruhe und zu einem Kapitel deutscher Kernenergiegeschichte (Karlsruhe: Kernforschungszentrum Karlsruhe, 1986, 1988).

8. Werner Heisenberg, "Friedliche Atomtechnik: Die Anwendung der Atomenergie in Deutschland," Deutsche Universitätszeitung 8:6 (23 March 1953), 10-13, on 12; also in Heisenberg, Gesammelte Werke / Collected Works, ed. Walter Blum, Hans-Peter Dürr, and Helmut Rechenberg, vol. C.V (München: R. Piper, 1989).

9. E.g., Radkau, Aufstieg; Küntzel, Bonn und die Bombe; Roland Kollert, Die Politik der latenten Proliferation: Militärische Nutzung "friedlicher" Kerntechnik in Westeuropa (Wiesbaden, 1994).

10. Fischer, "Nuklearisierung"; Jürgen Küsters, "Souveränität und ABC-Waffen-Verzicht: Deutsche Diplomatie auf der Londoner Neunmächte-Konferenz 1954," Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 42 (1994): 499-536; and as general background Hans-Peter Schwarz, "Adenauer und die Kernwaffen," Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 37 (1989): 567-593

11. Heisenberg to Gustav Heckmann, 12 February 1958, in Werner-Heisenberg-Archiv, Max-Planck-Institut für Physik, München.

12. Fischer, "Nuklearisierung"; Ulrich Lappenküper, Die deutsch-französischen Beziehungen 1949-1963: Von der "Erbfeindschaft" zur "Entente élémentaire", vol. 1, 1949-1958 (München: R. Oldenbourg, 2001), 1161-1172.

13. Entwurf an den Herrn Bundesverteidigungsminister, n.d., draft of Bopp et al. to Franz-Josef Strauss, 19 November 1956, in the papers of Carl Friedrich von Weizsäcker, Archiv zur Geschichte der Max-Planck-Gesellschaft, Berlin, III/ZA 54A, 44.

14. "Erklärung der achtzehn Atomwissenschaftler vom 12. April 1957," in Carl Friedrich von Weizsäcker, Die Verantwortung der Wissenschaft im Atomzeitalter, 2nd ed. (Göttingen: Vandenhoeck & Rupprecht, 1957), 50-52, on 50; also in Heisenberg, Gesammelte Werke C.V.

15. Carson, "New models."

16. Cioc, Pax atomica; Ilona Stölken-Fitschen, Atombombe und Geistesgeschichte: Eine Studie der fünfziger Jahre aus deutscher Sicht (Baden-Baden: Nomos, 1995).

17. E.g., "... Und führe uns nicht in Versuchung: Vom gespaltenen Atom zum gespaltenen Gewissen—Die Geschichte einer menschheitsgefährdenden Waffe," Der Spiegel, 8 May 1957, 44-53; 15 May 1957, 42-49; 22 May 1957, 37-43; 29 May 1957, 42-48; 5 June 1957, 40-48; 12 June 1957, 46-51; 19 June 1957, 42-48. For an influential book written before the Göttingen manifesto by a journalist who would become active in the antinuclear movement see Robert Jungk, Heller als tausend Sonnen: Das Schicksal der Atomforscher (Stuttgart: Scherz & Goverts, 1956), translated by James Cleugh as Brighter than a thousand suns: a personal history of the atomic scientists (New York: Harcourt Brace Jovanovich, 1958).

18. Carson, "New models"

19. "Die Achtzehn". Der Spiegel, 24 April 1957, on 11.

20. For examples see Carson, "New models."

21. E.g., Radkau, Aufstieg, 100; Stölken-Fitschen, Atombombe, 192-194; Mark Walker, Nazi science: myth, truth, and the German atomic bomb (New York: Plenum, 1995), 251-252.

22. A question also asked, though with somewhat different intent, in Radkau, Aufstieg.


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