..
.

Trügerische Sicherheit
...
Um den ständig steigenden Energiebedarf der USA zu befriedigen, wird von seiten
der US-Regierung erstmals nach 30 Jahren wieder an den Neubau von zusätzlichen
Kernkraftwerken gedacht. Auch in Europa macht sich die Atomlobby – 17 Jahre nach
Tschernobyl – daran, die Kernenergie zu rehabilitieren. Zugute kommen ihr dabei neue
technische Entwicklungen wie der angeblich "absolut sichere" Rubbia-Reaktor oder das
sog. "Transmutationsverfahren", mit dem eine endgültige Lösung des Atommüllproblems
in Aussicht gestellt wird. Berücksichtigt man jedoch den gesamten Prozeß der
nuklearen Energieverwertung, kann letztlich niemand die Gefahr eines Atomunfalls
und der Umweltverseuchung ausschließen. Auch die Klimaschutzziele sind nicht
durch ein Mehr an Kernkraft, sondern am besten durch erhöhte Energieeffizienz
und die verstärkte Nutzung erneuerbarer Energien erreichbar.

Von Antonia Wenisch



Antonia Wenisch
ist Geschäftsführerin des österreichischen Ökologie-Instituts und arbeitet dort u.a. als Expertin in den Bereichen Atomkraft und Strahlenbelastung

 

Homepage des Instituts:

http://www.ecology.at

 

     Die Öl- und Gaspreise in Amerika steigen und die Ressourcen werden knapp. Darauf reagiert die USA nicht etwa mit einem Konzept zur Effizienzerhöhung, sondern mit einer klaren Absage an das Klimaschutzabkommen.

Kein Wunder im einzigen Land der Welt, wo es heute noch als Beweis für den Wohlstand gilt, Rohstoffe und Energie zu verschwenden. In kalifornischen Vorstädten gibt es keine Wäscheleinen in den Gärten. Auch bei Sommersonne trocknet niemand Wäsche im Garten. Die Nachbarn könnten sonst glauben, man könnte sich den Trockner nicht leisten. Weil das sonst wirklich nur für eine Minderheit leistbar wäre, müssen die Energiepreise in den USA niedrig gehalten werden, und auch das verspricht das Energiekonzept der Bush-Regierung. Größere Mengen (30% mehr Öl, 50% mehr Gas und 45% mehr Strom) sollen den US-Nutzern in 20 Jahren zur Verfügung stehen und das bei niedrigen Preisen. Wenn man das will, kann man keine Rücksicht auf Schutzgebiete und das Klima nehmen.

 

Im Rahmen des neuen Energiekonzepts der Bush-Regierung sollen in 20 Jahren in den USA bis zu 1900 neue Kraftwerke in Betrieb gehen

     In 20 Jahren wollen die USA 1300 bis 1900 neue Kraftwerke am Netz haben. Um das zu erreichen müßten jährlich zumindest 60 bzw. wöchentlich 1-2 neue Kraftwerke gebaut werden. Derzeit kommen 20% des Stroms aus den 103 amerikanischen Atomkraftwerken. Angesichts des erwarteten Verbrauchszuwachses muß nach fast 30 Jahren nuklearem Moratorium auch an den Ausbau der nuklearen Kapazität gedacht werden. In den letzten Jahren haben neue Kraftwerkstypen (sogenannte fortgeschrittene Reaktoren) eine Typengenehmigung erhalten, obwohl es bisher dafür keine Prototypen gibt. Für die Baubewilligung fehlt nur mehr die Standortgenehmigung. Dies soll die Verfahren beschleunigen, auch Kapazitätserhöhungen bei bestehenden Reaktoren stehen am Programm.

Nachdem seit dem letzten schweren Unfall in Tschernobyl schon 17 Jahre vergangen sind, startet die europäische Atomlobby immer wieder Versuche, der Nuklearenergie eine neue Chance zu geben. Der letzte derartige Versuch ist das sogenannte "Nuklear-Paket" der EU-Kommission, das demnächst im Europäischen Parlament diskutiert werden soll. Darin ist zum einen vorgesehen, die Sicherheitsnormen für AKW zu harmonisieren; wer jedoch glaubt, damit sei der Weg frei für verbindliche europäische Normen, der liegt falsch. Harmonisierung meint in diesem Zusammenhang nämlich nur, dass ein Verfahren etabliert wird, mit dessen Hilfe sich die nationalen Aufsichtsbehörden in Zukunft gegenseitig kontrollieren und beraten sollen.

Zum anderen enthält das Nuklearpaket eine klare Vorgabe, die alle betroffenen EU-Staaten dazu verpflichtet, bis spätestens 2018 ein geologisches Endlager für hochaktiven, langlebigen Atommüll in Betrieb zu nehmen. Im ersten Entwurf dieser Richtlinie (mittlerweile existiert eine zweite, überarbeitete Fassung) wurde im übrigen angemerkt, dass die Errichtung eines Endlagers auch deshalb nötig sei, um die Akzeptanz der Atomenergie in der Bevölkerung zu erhöhen.

 

 

Die errechnete Wahrscheinlichkeit für schwere Unfälle in Kernkraftwerken ist keine geeignete Grundlage, um über die Akzeptanz eines Risikos zu entscheiden

 

 

 

 

Der Rubbia-Reaktor als "absolut sicherer" Kraftwerkstyp?


Unfallrisiko

     Auch in neuen Reaktoren sind schwere Unfälle grundsätzlich nicht auszuschließen. Die errechnete Eintrittswahrscheinlichkeit ist klein, heißt es (1 zu 1 Million). Dazu ist zu sagen, dass sich dieser Begriff von Wahrscheinlichkeit sehr gut dazu eignet, Versicherungsprämien zu berechnen, weil hier das Gesetz der großen Zahl gilt (bei über 300.000 PKW in Österreich gibt es nun mal viele Unfälle mit unterschiedlichen Folgen). Bei weltweit 430 Atomkraftwerken, und insgesamt höchstens 15.000 Betriebsjahren mit 10 bis 15 schweren Unfällen ist die Verwendung eines Wahrscheinlichkeitsbegriffs aus der Versicherungsmathematik keine geeignete Grundlage, um über die Akzeptanz eines Risikos zu entscheiden.

Während die bisher in Betrieb befindlichen AKW großen technischen Aufwand bei der Unfallverhütung betreiben, versprechen die fortgeschrittenen Reaktoren größere Sicherheit bei geringerem aktiven technischen Aufwand. Von der Forschung ist auch diese Art der Sicherheitstechnik schon wieder überholt, konnten wir unlängst lesen,als der italienische Nobelpreisträger Carlo Rubbia Wien besuchte. Sein Reaktorkonzept sei absolut sicher !

 

 

 

 

Auch wenn im Rubbia-Reaktor die Kettenreaktion schnell und sicher abgeschaltet werden kann, besteht weiterhin das Problem der Nachzerfallswärme

 

    Der Rubbia Reaktor ist zur Häfte Teilchenbeschleuniger, zur Hälfte Reaktor. Der Teilchenbeschleuniger erzeugt einen gleichmäßigen Strom von Protonen, diese bombardieren flüssiges Blei, um die Spaltneutronen zu erzeugen. Der Reaktorkern enthält den "Brennstoff": Thorium oder plutoniumhaltige Verbindungen. Wird Thorium-232 mit Neutronen beschossen verwandelt es sich in Uran-233, dieses zerfällt und gibt wiederum Neutronen ab. Die Kettenreaktion wird durch den Teilchenstrom aufrechterhalten. Als Kühlmittel dient ein flüssiges Metall z.B. Blei.

Weil der Reaktor nicht auf einer selbstständigen Kettenreaktion beruht, sei er schneller abzuschalten und daher total sicher, heißt es. Schnell Abschalten (in Bruchteilen von Sekunden nämlich) lassen sich auch landläufige Atomkraftwerke – das wird uns zumindest von ihren Betreibern versichert. Das Sicherheitsproblem ist die Nachzerfallswärme: Auch wenn die Kettenreaktion gestoppt ist, sorgt der radioaktive Zerfall der Spaltprodukte dafür, dass sich der Reaktorkern aufheizt und dieses Problem muss auch im Rubbia Reaktor erst gelöst werden.

 

 

Rubbia verspricht die Lösung des Atommüllproblems: Abgebrannte Brennstäbe werden einfach nochmals verbrannt ("Transmutation")


Atommüll

     Rubbias Entwicklung kommt der Atomlobby gerade recht. In 40 Jahren ist es den Atomtechnikern nicht gelungen, das Atommüllproblem zufriedenstellend zu lösen. Jetzt verspricht Rubbia mit seinem Reaktor die Verwandlung des hochaktiven, langlebigen Atommülls in kurzlebigere Stoffe, die gar kein Endlager erfordern würden. Man bräuchte den abgebrannten Brennstoff aus den bestehenden AKW nur in seinem Reaktor nochmals zu verbrennen, und könnte so beim "Entsorgen des Atommülls" auch noch Energie erzeugen.

Auch unsere derzeit häufigsten Diskussionspartner, die Experten des tschechischen Wirtschaftsministeriums, sind von dieser Aussicht begeistert. Die sichere Lagerung der abgebrannten Brennstäbe wollen sie im Rahmen der UVP Temelin nicht diskutieren, weil es sich dabei gar nicht um Abfall, sondern um potentiellen Rohstoff handle.

 

Wesentliche Probleme der Transmutationstechnik sind nach wie vor nicht gelöst

 

 

 

 

Nicht alle gefährlichen Spaltprodukte lassen sich durch Transmutation aus der Welt schaffen

     In dieser nuklearen Euphorie wird nur ungern erwähnt, daß wesentliche Probleme der Transmutationstechnik nicht gelöst sind. Die Kernauslegung steckt noch völlig in den Kinderschuhen. Die chemischen Verfahren zur Aufbereitung des Brennstoffes müssen erst entwickelt werden. Egal ob Thorium aus der Mine oder Plutonium aus AKW oder Atombomben als Brennstoff verwendet werden soll, muss das Material eine chemische Aufbereitung durchlaufen. Die bestehenden Wiederaufbereitungsanlagen sind nicht gerade für ihren sorgsamen Umgang mit der Umwelt bekannt. Aus den Abwasserrohren von Sellafield und La Hague fließt immer wieder radioaktives Material ins Meer und aus den Schornsteinen entweichen prozessbedingt große Mengen radioaktiver Edelgase.

Mit dem Verfahren lassen sich aber keinesfalls alle gefährlichen Spaltprodukte aus der Welt schaffen. Für den Menschen gefährliche radioaktive Stoffe wie Cäsium-137 oder Strontium-90 lassen sich durch das Verfahren nicht verändern und müssen endgelagert werden (wenn auch nur für einige 100 und nicht für hunderttausende Jahre).

 

 

 

Die Klimaschutzziele können am besten durch erhöhte Energieeffizienz und verstärkte Nutzung erneuerbarer Energien erreicht werden


Nachhaltigkeit

     Aus all diesen Gründen ist zweifelhaft ob die Kernenergie in absehbarer Zeit tatsächlich zu einer einer nachhaltigen Entwicklung beitragen könnte. Berücksichtigt man den gesamten Prozeß vom Bergabbau bis zum Atommüllager kann niemand die Gefahr eines Atomunfalls und der Umweltverseuchung ausschließen.

Unter Experten herrscht hingegen weitgehend Einigkeit, dass die Klimaschutzziele am besten durch erhöhte Energieeffizienz und verstärkte Nutzung erneuerbarer Energien erreicht werden. Selbst die frühere tschechische Regierung verfolgte ein innovatives Energiekonzept, das im Rahmen einer strategischen Umweltprüfung zwischen 1996 und 1998 erstellt wurde. Aus kurzsichtig ökonomischen Gründen verwarf die jetzige Regierung das "Öko-Szenario" ihrer Vorgänger: Statt in Energieeffizienz wurde in das AKW Temelin investiert.

 

 

Ein Atomausstieg würde sich auf lange Sicht rechnen

     Hier zeigt sich der kurze Zeithorizont der Politik von seiner schlimmsten Seite. Denn nahezu alle einschlägigen Szenarien belegen, dass sich ein Atomausstieg auf lange Sicht rechnen würde. Nicht einmal 72 Euro jährlich würde der Atomausstieg jeden Bürger Deutschlands kosten, sogar bei gleichzeitiger Einhaltung der Klimaschutzziele, errechnet das renommierte Wuppertalinstitut. Die höheren Anfangsinvestitionen durch die massive Förderung von erneuerbarer Energie amortisieren sich nach spätestens 15 Jahren. Dabei entstehen auch Arbeitsplätze für qualifiziertes Personal. Angesichts dieser Tatsachen ist es unverständlich, dass sich selbst das Anti-Atomland Österreich mit einer konsequenten Förderung erneuerbarer Energien so schwer tut. Wenn sich im Zuge der Liberalisierung des Strommarktes diverse Großkonzerne in Österreichs Stromwirtschaft einkaufen, die ihren Strom durchaus auch in AKW erzeugen, bleibt es letzten Endes den bewußten KonsumentInnen überlassen, dafür zu sorgen, dass ihr Haushaltsstrom keinem AKW abgekauft wird.

(Ausdrucken?)


=== Zurück zur Übersicht ===