...
Technodizee
Über die Bedeutung von "gut" und "böse" in der Technik

Wer trägt die Verantwortung, wenn ein Flugzeug abstürzt? Der Konstrukteur,
der Pilot, der Mehrheitsaktionär, der immer stärkeren Druck ausübt auf die Fluggesellschaft,
Kosten zu reduzieren
oder gar der Fluggast selbst, der immer billiger und schneller
ans Ziel kommen will? Die Antwort lautet wohl: Alle! Jeder Einzelne trägt die Verantwortung,
weil jede und jeder Einzelne an ihrer oder seiner Stelle mit ihren oder seinen spezifischen
Ansprüchen das System "Technik" – hier "Flugzeug" – generiert.

Von Josef Bordat
(01. 03. 2007)


I.

    Was ist Technik? Technik ist Organentlastung, Organverstärkung und Organersatz (Gehlen) und die Entwicklung von Technik eine aktualisierte Anstrengung, die der Mensch auf sich nimmt, um künftige Anstrengungen zu verringern oder ganz zu vermeiden (Ortega y Gasset). Technik dient dem Menschen zur Erweiterung seiner Handlungsspielräume, kurz: zur Vergrößerung seiner Freiheit. Doch Technik enthält potenzielles Übel, das uns immer dann deutlich vor Augen steht, wenn sich Katastrophen mit und durch Technik ereignen oder ankündigen. Flugzeugabstürze, Autounfälle oder Störungen in Kernkraftwerken machen deutlich, welchen Preis wir für den Freiheitszuwachs zahlen. Schließlich zeigen uns die immer düsteren Langzeitprognosen zu Umweltverschmutzung und Klimawandel, dass es eine existenzielle Frage ist, inwieweit wir von Technik Gebrauch machen. Technik ist also "Wohl" und "Übel" zugleich. Damit weist Technik die gleiche Ambivalenz von "gut" und "böse" auf wie sie menschlichen Handlungen allgemein und wie sie auch der Natur eigen ist.

II.

    Früher, als noch die meisten Menschen an Gott glaubten, stellte sich angesichts des Übels der Sünde (malum morale) und des Übels in Gestalt von Naturkatastrophen (malum physicum) die Frage nach der Rechtfertigung eines gütigen, allwissenden und allmächtigen Gottes. Gottfried Wilhelm Leibniz unternimmt in seiner Theodizee (1710) den Versuch, die Freiheit des Menschen und die Güte Gottes angesichts des in der Welt erkennbaren Übels in Einklang zu bringen. Nach Leibniz schuf Gott die "beste aller möglichen Welten". Die Unterscheidung möglicher Welten von der im Schöpfungsakt tatsächlich zur Existenz gebrachten Welt, in der wir leben und manchmal eben auch leiden, schafft den metaphysischen Raum für den genialen Gedanken einer Vorhersicht Gottes, die nicht in Determination mündet, sondern Freiheit zulässt, die uns nicht ein Programm abspulen lässt, sondern unsere Entfaltung will – die moralische Verfehlung eingeschlossen. Damit hat Gott in der Welt nicht alles gut gemacht, sondern nur so gut, wie möglich, also gerade so gut, dass der Mensch ein freies Wesen bleibt.

Voltaire, der Leibnizens Theodizee nach dem Erdbeben von Lissabon (1755) in seinem Candide persifliert, übersieht diesen Unterschied zwischen "das Ganze" und "alles". Leibniz sagt ja gerade nicht, dass alles gut, sondern nur, dass die Schöpfung als Ganzes gut ist. In der muss es notwendigerweise Übel geben, damit es überhaupt eine Schöpfung geben kann, in der die Freiheit der Geschöpfe möglich ist. Voltaire geht hier also etwas voreilig mit Leibniz ins Gericht. Festzuhalten bleibt: Leibniz unternimmt den Versuch, den freien Willen des Menschen und die Rechtfertigung Gottes in Einklang zu bringen. In der vielfach auf den Optimalweltgedanken als Ergebnis einer grotesk verzerrten Frömmigkeit reduzierten oder als Determinismus missverstandenen Theodizee Leibnizens ist also mehr enthalten als die naive Vorstellung von einer "heilen Welt".

III.

    Schon bei Immanuel Kant tritt die Theodizee in den Hintergrund. Seiner Ansicht nach ist die menschliche Vernunft zu begrenzt für derartige metaphysische Spekulationen, wie Leibniz sie anstellt. Und statt in die moraltheologische Schuld-und-Sühne-Rhetorik der Zeitgenossen einzustimmen, die sich alle mehr oder weniger auf Leibnizens epochalen Entwurf einer christlichen Weltdeutung bezogen (der von seinem Epigonen Christian Wolff in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts popularisiert worden war) nimmt Kant das malum physicum des besagten Erdbebens von Lissabon zum Anlass, seine Naturphilosophie um frühe Formen geophysikalischer Forschung zu erweitern, um die natürlichen Ursachen des Übels zu ergründen. 1756 – also unmittelbar nach der Katastrophe – veröffentlicht er drei Schriften zur Entstehung von Erdbeben. Seine Erklärung war zwar falsch – Kant ging von unterirdischen Höhlen aus, in denen Feuer loderten und durch Wassereintritt Gase und Dämpfe entstünden, die zu Explosionen führen würden –, aber sie löste mit ihrer naturwissenschaftlichen Begründungsstruktur, die sich auf Experimente und Modelle stützte, den Irrglauben an den "Grimm Gottes" (Kants Zeitgenosse Gottsched) als Ursache für Naturkatastrophen ab und sorgte dafür, dass diese als erforschbar galten. Insoweit gab Kants Rezeption des Erdbebens von Lissabon den Anstoß für die ernsthafte Erforschung derlei Naturphänomene und markiert damit die Geburtsstunde der Geowissenschaften. Forschung statt Kollektivbuße, Labor statt Beichtstuhl, das ist Kants Angebot einer neuen Form des Umgangs mit dem malum physicum.

IV.

    Nach der Industrialisierung und der "Entzauberung der Welt" (Weber) durch Wissenschaft und Technik in den vergangenen zweieinhalb Jahrhunderten stellt sich denn für die meisten Menschen heute bereits die Frage ganz anders. Wenn in unserer Zeit Naturkatastrophen die Menschen erschüttern, wie dies beim Tsunami in Südostasien (2004) der Fall war, lautet die Frage: "Wie lassen sich Katastrophen wie diese durch den Einsatz von Technik vermeiden oder mindern?" Und eine zweite Frage wird gestellt, die ebenso wichtig ist: "Wann sind technische Systeme gerechtfertigt, die selbst potenzielles Übel für die Menschheit in sich tragen?"

In einer Welt der vollständigen Technisierung wird also nicht mehr der Schöpfer-Gott vor Gericht gestellt und zu rechtfertigen versucht, wie dies in der Theodizee der Fall war, sondern der Mensch als "Schöpfer der Technik" hat sich zu verantworten. Der Philosoph Hans Poser hat dafür den Begriff Technodizee geprägt. In Analogie zu Leibnizens Argumentation in der Theodizee entwickelt Poser den Gedanken, dass das Übel unserer Zeit das malum technologicum sei, das heißt die Möglichkeit der Einschränkung menschlicher Freiheit durch die Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen und die ständig virulente Gefahr von Katastrophen als Ergebnis von Technik. Kurz: Die Technik, die wir schufen, um freier zu werden, schränkt uns zunehmend ein.

V.

    Die Argumentation bei Leibniz läuft über drei Ebenen: 1. die der Möglichkeit, also Gott wählt aus den Möglichkeiten die beste aus, 2. die der Verantwortung Gottes für die erschaffene Welt und 3. die der Wertung, das heißt es muss klar sein, was "gut" und was "böse" bedeutet. Und diese Ebenen, so Poser, finden sich auch im Technikdiskurs wieder.

Zunächst geht es um den "Ermöglichungsgrund einer besseren Welt" (Poser). Es gibt drei Varianten des Technikgeneseverständnisses, die jeweils einen anderen modalen Status haben. Zum einen kann der Ingenieur als derjenige angesehen werden, der an die Stelle des Schöpfergottes tritt, der aus einem Ideenreich die beste Möglichkeit für eine Maschine o. ä. identifiziert, auswählt und konstruiert, so wie Gott aus den möglichen Welten die beste identifiziert und erschaffen hat. Zum anderen kann man sich vorstellen, dass Technikentwicklung quasi automatisch abläuft, unabhängig vom Menschen. Dieses Nichtsteuerbarkeitspostulat wird von einer technikkritischen Richtung vertreten, am prominentesten momentan vielleicht von Joseph Weizenbaum. Die dritte Variante geht davon aus, dass Technik von allen Menschen geschaffen wird. Zum einen liege die Technikgenese nicht in den Händen eines Einzelnen (des "Schöpfer-Ingenieurs"), zum anderen entstehe und entwickle sich Technik aber auch nicht "einfach so". Vielmehr verlange die Gesellschaft nach technischen Lösungen, und Menschen aus dieser Gesellschaft befriedigen diese Bedürfnisse zum Wohle aller. Das mögliche Übel, das Technik mit sich bringt, wird hierbei nicht als Hemmnis betrachtet, welches die Reduktion von Technik nahe legt, sondern als Aufforderung zu mehr – und im Sinne des Fortschrittsoptimismus besserer Technik.

Dann muss sich Gott in Leibnizens Theodizee für die von ihm geschaffene Welt angesichts des in ihr spürbaren Übels vor der menschlichen Vernunft verantworten. Dieses Verständnis von Verantwortung übertragen auf die Technodizee führt zu der Formel, dass sich der Mensch vor dem Menschen für die Schaffung und den Gebrauch von Technik verantworten muss. Unterstellt, dass Technik weder die einsame Schöpfung eines Ingenieurs und auch nicht ein sich verselbstständigender Prozess ist, sondern gesellschaftlich generiert wird, geht es in der Technodizee also mehr um die Mitverantwortung aller Akteure, also auch der Konsumenten, die bestimmte Technik wollen, als um die Generalverantwortung eines einzelnen Ingenieurs.

    In diesem Zusammenhang sei an die Rezeption des Erdbebens von Lissabon durch Rousseau erinnert, der bereits die Meinung vertrat, die Katastrophe bzw. deren Folgen seien vom Menschen zu vertreten. Er schreibt im Brief der Vorsehung: "Gestehn Sie mir, dass nicht die Natur zwanzigtausend Häuser von sechs bis sieben Stockwerken zusammengebaut hatte, und dass, wenn die Einwohner dieser großen Stadt gleichmäßiger zerstreut und leichter beherbergt gewesen wären, so würde die Verheerung weit geringer, und vielleicht gar nicht geschehen sein." Und wir siedeln ja auch heute in Gebieten, von denen wir wissen, dass sie künftig höchstwahrscheinlich von einem Erdbeben heimgesucht werden. Wir bauen Häuser, nicht nur von "sechs bis sieben Stockwerken", sondern von sechzig bis siebzig Stockwerken. Wer trägt dann die (Mit-)Verantwortung für die Folgen, wenn es zur Katastrophe kommt? Die Stadtplaner, der Bauunternehmer, der Investor, der Bauherr?

Ein anderes Beispiel: Wer trägt die Verantwortung, wenn ein Flugzeug abstürzt? Der Konstrukteur, der Pilot, der Mehrheitsaktionär, der immer stärkeren Druck ausübt auf die Fluggesellschaft, Kosten zu reduzieren oder gar der Fluggast selbst, der immer billiger und schneller ans Ziel kommen will? Die Antwort lautet wohl: Alle! Jeder Einzelne trägt die Verantwortung, weil jede und jeder Einzelne an ihrer oder seiner Stelle mit ihren oder seinen spezifischen Ansprüchen das System "Technik" – hier "Flugzeug" – generiert.

Schließlich sei die Frage nach der Bedeutung von "gut" und "böse" gestellt. In der Theodizee Leibnizens ist das klar. Es herrscht das Prinzip des Besten, das Gott veranlasst, ein Maximum an Ordnung in die Realität zu setzen, was ein Maximum an Harmonie und Vollkommenheit in der Welt bedeutet, keine absolute zwar, aber eine größtmögliche.

    Was aber ist das Prinzip des Besten in der Technik? Hier gibt es aufgrund der unterschiedlichen Interessen der am gesellschaftlichen Geneseprozess beteiligten Akteure auch unterschiedliche Gütevorstellungen: Dem Ingenieur geht es um Funktionalität, dem Aktionär um Wirtschaftlichkeit, dem Gewerkschafter um Sozialverträglichkeit, dem Kunden um Freude bei der Anwendung. Ferner stellt sich das Problem der Abschätzung von Folgen: Das Prinzip des Besten in der Technodizee ist an den Wissenstand des endlichen, fehlbaren Wesens Mensch gebunden, hat also nicht die unendliche praevisio des allwissenden und allmächtigen Gottes im Rücken, die Leibniz in der Theodizee als Schöpfungskonstitution unterstellt. Darin liegt eine besondere Brisanz, denn es sind ja gerade jene Folgen, mit denen keiner rechnet, die so verheerend sind, weil nichts an Schutzmaßnahmen ergriffen wird, einfach deshalb, weil das Problembewusstsein fehlt. Man denke etwa an die Mineralfaser Asbest oder an den Kühlstoff FCKW, die in den 1960er Jahren in erster Linie als eines wahrgenommen wurden: als preiswert.

VI.

   Was bedeutet dies nun für den Technikdiskurs? Die Strukturanalogie von Theodizee und Technodizee legt im Ergebnis nahe, nach bestem Wissen und Gewissen eine Bewertung von Technik jenseits der eindimensionalen ökonomischen Verwertungslogik vorzunehmen und nach einer Antwort auf die Frage nach "gut" und "böse" für den Menschen zu suchen. Nur eine solche Technik ist gerechtfertigt, bei der die sozialen, gesundheitlichen und ökologischen Folgen berücksichtigt sind. Die Strukturanalogie gebietet ferner, die für die Technikgenese Zuständigen – und das sind wir alle – stärker in die Verantwortung zu nehmen, mit dem Ziel, künftiges Technik-Übel zu verhindern, insbesondere die schleichende Katastrophe des Klimawandels.


 

=== Zurück zur Übersicht ===