Zur Wehrmachtsausstellung

Schausbergers Urteil über die Wehrmachtsausstellung ist ein wahltaktisches und politisches,
aber kein sachliches, meint der Zeitgeschichtler Botz.

Von Gerhard Botz

 



Univ.-Prof. Dr. Gerhard Botz
ist Ordinarius am Institut für Zeitgeschichte an der Universität Wien.

Als Historiker darf man die Augen vor der Wahrheit nicht verschließen

     Es ist verständlich, wenn Angehörige der Kriegsgeneration die Augen vor der Wahrheit über die Wehrmacht verschließen. Wenn dies ein Landeshauptmann tut, der als Historiker logische Klarheit bewies, ist es Parteipolitik pur. Der Dozent für Neuere Geschichte und Landeshauptmann Franz Schausberger meint in jüngst veröffentlichten Stellungnahmen zur" Wehrmachtsausstellung", um die die Wellen politischer Auseinandersetzung nun auch in Salzburg höher schlagen, diese Ausstellung beinhalte eine Pauschalverurteilung der Kriegsteilnehmer am Zweiten Weltkrieg und der ehemaligen Angehörigen der Deutschen Wehrmacht, indem sie deren Krieg nicht als einen "normalen Krieg", sondern als einen Vernichtungskrieg im Osten und Südosten darstelle.
. Dozent Schausberger stellt zwar die Charakterisierung "Vernichtungskrieg" und die "verbrecherischen Absichten und Aktivitäten von Teilen des Oberkommandos, von Teilen der Offiziere und Soldaten der Wehrmacht" nicht grundsätzlich in Zweifel, meint jedoch auch, es gehöre "offensichtlich zu den schrecklichen Begleiterscheinungen des Krieges, daß unter zwölf Millionen Soldaten Übergriffe, Untaten, Verbrechen passieren, wobei in der Ausstellung in keiner Weise etwa auf die ganz besondere Situation in einem Partisanenkrieg eingegangen wird."

Die Partisanenbekämpfung der deutschen Wehrmacht war kriegsrechtswidrig und inhuman

Gerade mit dieser Argumentation übersieht Dozent Schausberger unwissentlich - oder gar wissentlich? - zweierlei: Einerseits ist eine Partisanenbekämpfung, die für einen getöteten Wehrmachtsangehörigen die Erschießung von zehn bis 100 Geiseln, Partisanen oder Verdächtigen vorsieht, sowohl kriegsrechtswidrig als auch extrem unmenschlich - und oft kriegstechnisch kontraproduktiv, weil neue Partisanen schaffend.
. Andererseits ist noch gravierender, daß "Partisanenbekämpfung" im Dritten Reich meist nur ein Vorwand für die massenhafte "Liquidierung" von Juden und anderen "Untermenschen" und "Minderrassigen" wie "Zigeunern", "asiatisch Aussehenden" oder kommunistischen Kommissaren, "verdächtigen" Frauen und Kindern war. Meist forderte solche "Partisanenbekämpfung" den NS-eigenen Einsatzberichten zufolge keine oder ganz wenige Verwundete und Tote auf seiten der "Deutschen", dagegen Hunderte und manchmal Tausende getötete "Partisanen". Welcher "Partisanenkrieg" war dies wohl?

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Unter dem Namen der "Partisanenbekämpfung" führte man auch die "Endlösung" durch

Die Zeitgeschichteforschung weiß nicht erst seit Daniel Goldhagens Buch, daß schon 1941 unter dem Tarnnamen einer Partisanenbekämpfung die "Endlösung" angelaufen war, noch bevor die radikalste "Rationalisierung" des Massenmordes an den Juden in fahrenden und schließlich in stationären Gaskammern erfolgte. Goldhagens Buch macht ganz klar, welche fast friktionsfreie und breite Unterstützung diese Art der "Endlösung" bei "ganz normalen Deutschen", d. h. Polizeibeamten, fand. So anfechtbar in manchem dieses Buch ist, in diesem Punkt ist es zutreffend.

 

Die Wehrmacht unterstützte den Massenmord an den Juden ganz entscheidend

Das Verdienst der Ausstellung ist es, dass sie das Klischee von der "guten" Wehrmacht zerstört

In ähnlicher Weise macht die Ausstellung über die Wehrmacht im Krieg deutlich, daß die Massenerschießungen von "Partisanen" und Juden eben nicht nur von der SS, sondern auch meist friktionslos von Einheiten der (herkömmlicherweise als "gut" klassifizierten) Wehrmacht durchgeführt wurden. Jedoch: Von ganz oben bis ganz unten war die Wehrmacht nicht nur durch logistische und indirekte Unterstützung, sondern direkt und unmittelbar an der Judenvernichtung beteiligt. Gerade dies ist das Verdienst der Ausstellung, darauf in einer alte Klischees aushebelnden Weise aufmerksam zu machen, und in diesem Sinne generalisiert sie und spitzt sie thesenhaft zu. Gerade damit schafft sie aber Innovation auf dem Gebiet des Geschichtsbewußtseins, dagegen hat es "Differenzierer" und Verharmloser schon bisher genug gegeben, nicht zuletzt auch unter den ehemaligen Kriegsteilnehmern.
. Es mag verständlich sein, daß jene, die selbst als Freiwillige oder vom Konformismus Verleitete solche Einsätze ausführten oder sich noch immer mit der deutschen Armee identifizieren, Schwierigkeiten haben, sich von ihrem damaligen Tun zu distanzieren. Die Sprecher der Waffen-SS und des Kameradschaftsbundes, natürlich auch die neonazistischen "Geschichtsrevisionisten", nehmen sich ihrer an.
. Aus einem anderen Grund verständlich ist es vielleicht auch, daß viele jener, die, selbst wenn sie persönlich das Glück hatten, von solchen Einsatzbefehlen verschont geblieben zu sein, nach mehr als 50 Jahren noch die Augen verschließen vor den Taten in den Reihen der Wehrmacht und der Funktion der Wehrmacht als Ganzes in der Vernichtungspolitik des Dritten Reiches.
. Gelebte Männerkameradschaft, überstandene Todesgefahr, verlorene Kameraden und auch schlechtes Gewissen scheinen bei vielen einen moralischen Panzer aufgebaut zu haben, der, wie Beispiele aus anderen Städten belegen, in denen die Ausstellung bisher gezeigt wurde, gerade durch diese manchmal aufgebrochen wird. Der eindrucksvolle Film von Ruth Beckermann, "Jenseits des Kriegs", zeigt neben anderen auch viele solche Betroffene der Kriegsgeneration.

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Viele Politiker blockieren den Aufklärungsprozess

Gänzlich unverständlich aber ist, daß demokratische Politiker des heutigen Österreich, ganz gleich welcher Couleur, bereit sind, den möglichen Aufklärungsprozeß bei der Kriegsgeneration und ihren Nachkommen zu blockieren oder doch nicht zu fördern. Wie passen denn Demokratie und Österreich zusammen mit einer - selbst nur indirekten - Verteidigung der Wehrmacht, die nach dem nationalen Selbstverständnis der Mehrheit der heutigen Österreicher keine österreichische war? Wie können, logisch betrachtet, so viele Österreicher, die damals im deutschen Soldatenrock pflichtbewußt bis zum "bitteren Ende" dienten, sich heute noch als nicht verantwortlich, ja als "Opfer" des Nationalsozialismus und des Krieges darstellen ?


In der Debatte um die Wehrmachtsausstellung gewinnt der Politiker Schausberger über den Historiker Schausberger die Oberhand

Die logische Klarheit von Dozent Schausberger, die ich - neben anderen - in seiner Habilitationsschrift zu beurteilen das Vergnügen hatte, scheint in diesem Punkt zu versagen. Demokratische Gesinnung und österreichisches Selbstverständnis des Salzburger Landeshauptmanns erscheinen mir als gegeben. Wenn nicht aus Überzeugung, war es dann nicht wahltaktisches Kalkül, das nun den Politiker Schausberger über den Historiker Schausberger die Oberhand gewinnen läßt?

 

Die ÖVP will die Wähler des rechten Randes (zurück-)gewinnen

Erklären könnte sich dieses sacrificium intellectus damit, daß jene Bevölkerungsteile, die sich von der "Wehrmachtsausstellung" gestört fühlen, nach dem Menetekel der Europawahl aus Haiders Gefolgschaft zurückgewonnen werden sollen; daß, während die FPÖ in der politischen Mitte wie im übrigen auch an der "Linken" (in der Arbeiterschaft) erfolgreich zu fischen begonnen hat, die Netze einer Landes-ÖVP auf dem rechten Rand ausgelegt werden sollen.
. Im Gegensatz zur steirischen SPÖ, die mit ihrer Politik der "Eindämmung des Bettlerunwesens" (O-Ton eines Wiener Kreisleiters 1938) wohl das weitere Eindringen des bräunlichen Sickerwassers in den Grund der österreichischen Demokratie fördern wird, sind die Salzburger Sozialdemokraten in diesem Punkt heute standfest. Der ÖVP-Politiker Schausberger glaubt daher, so muß man wohl vermuten, seinen (schwächeren) Konkurrenten politisch im Regen stehen lassen zu können.

 

Schausberger bringt sich als Historiker in Verruf

Wie hoch der politische Preis für ein solches populistisches Fremdgehen ist, selbst wenn es wahlpolitisch zunächst honoriert würde, wird erst die Zukunft Österreichs zeigen. Daß ein Preis zu zahlen ist, ist klar. Das weiß auch ein gewiefter politischer Taktiker wie Landeshauptmann Schausberger. Der Historiker Schausberger, der sich rühmte, sich unter den "strengen Augen des Zeitgeschichtlers Botz" habilitiert zu haben, müßte jedoch wissen, wie seine jüngsten Aussagen in der Kontroverse um die "Wehrmachtsausstellung" geschichtswissenschaftlich bewertet werden.

(AUSDRUCKEN?)

 

(Der Artikel wurde publiziert mit freundlicher Genehmigung des Residenz Verlags, Salzburg.)


===> Reaktion von Franz Schausberger auf diesen Artikel ===>

 

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