
Noam Chomsky,
geb. 1928, ist Professor für Sprachwissenschaft und Philosophie am
Massachusetts Institute of Technologie (MIT) und hat in den 60er Jahren die
Vorstellungen über Sprache und Denken revolutioniert. Zugleich ist er einer
der prominentesten und schärfsten Kritiker der gegenwärtigen Weltordnung und
des US-Imperialismus. Chomsky wurde jüngst mit dem von der Stadt Oldenburg
alle zwei Jahre vergebenen Carl-von-Ossietzky-Preis 2004 für Politik und
Zeitgeschichte ausgezeichnet.
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chomsky@mit.edu
Literaturtipp

Noam Chomsky.
Der gescheiterte Staat.
Kunstmann Verlag, 2006.
399 S. ISBN: 3888974526
Inhalt
Präzise zeichnet Chomsky
die Entwicklungslinien der amerikanischen Politik nach:
die immer offenere Missachtung
internationaler Verträge und
Institutionen, eine aggressive
Außenpolitik, die die Gefahr
von Instabilität und Terror erhöht
statt vermindert, aber auch
die Erosion der Demokratie im
Inneren durch eine bis dato
unerhörte Machtkonzentration
in den Händen der
Privatwirtschaft.
Zum ersten Mal in seiner Geschichte – seit
der Kolonisation durch die Spanier – beginnt Lateinamerika sich zu vereinen.
Würde irgendeine
Zeitung in den USA die bolivianischen
Wahlen mit den unseren vergleichen, wir
müssten uns schämen.
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Fragesteller
Seit
der aktuellen kubanisch-venezolanisch-bolivianischen Integration beziehungsweise
Kooperation, schenken die USA diesen Ländern offensichtlich mehr Beachtung.
In Venezuela agierende Geheimdienstagenten
– welche Agenda könnten diese verfolgen? Wie
sehen Sie die Möglichkeit einer Militärintervention der US-Regierung in
Venezuela und Bolivien?
Noam Chomsky
Guter
Punkt. Wie wir wissen, haben die USA bereits einmal einen Militärcoup
unterstützt. Durch diesen wurde Präsident Chavez kurzfristig gestürzt. Als
Chavez nach kurzer Zeit wiedereingesetzt wurde
– und auch angesichts der
besonders wütenden Reaktionen aus Lateinamerika
– mussten die USA nachgeben. Fast überall in
Lateinamerika war die Reaktion sehr wütend. Dort wird Demokratie ernster
genommen als bei uns.
Sofort nach dem gewaltsamen Umsturzversuch gegen die venezolanische
Regierung verlegten sich die USA auf Subversion und unterstützten
Anti-Chavez-Gruppen. In der Presse heißt man das Unterstützung für
prodemokratische Gruppen gegen Präsident Chavez, so bezeichnen sie das.
Man beachte: Per definitionem gilt es als
"demokratisch", gegen den Präsidenten zu sein. Dabei scheint völlig
irrelevant, dass laut bester Umfragen (in Lateinamerika existieren sehr gute
Umfrage-Agenturen, die quer über den Kontinent regelmäßige Befragungen zu
solchen Themen durchführen) die Unterstützung für die Demokratie in ganz
Lateinamerika schwindet
– das heißt, nicht die Unterstützung für
Demokratie an sich, sondern für demokratische Regierungen. Dies aus gutem
Grund, denn die Regierungen hängen mit jenen neoliberalen Programmen
zusammen, die die Demokratie unterminieren
– Programme des Internationalen Währungsfonds
bzw. des (amerikanischen) Schatzamtes. Daher geht die Unterstützung für die
Regierungen zurück. Es gibt Ausnahmen, eine davon ist Venezuela.
Seit
1998, seit der Wahl von Chavez, hat die Unterstützung für die gewählte
Regierung rasant zugenommen. Heute genießt sie in Lateinamerika die mit
Abstand größte Unterstützung. Chavez ging aus mehreren Wahlen
– sie wurden als fair und frei anerkannt
–, und mehreren Referenden siegreich hervor.
Dennoch sei er ein Diktator, ein Tinpot-Diktator. Als Beweis gilt die
Tatsache, dass unser 'dear leader' dies sagte. Wir
sind freiwillige Nordkoreaner, wir glauben, was unser geliebter Führer sagt.
Aus diesem Grund gilt er (Chavez) als Diktator, und wenn man versucht, ihn
zu stürzen, ist das, per Definition, prodemokratisch. Man muss schon sehr
genau hinschauen, um (in der Presse) Ausnahmen zu finden
– oder auch nur eine Kommentierung. Das Gleiche
gilt für die anderen erwähnten Beispiele.
Fragen wir uns, wenn beispielsweise der Iran gerade einen Militärcoup zum
Sturz der Regierung der Vereinigten Staaten unterstützt hätte, wie würden
wir reagieren? Sie hätten von ihrem Vorhaben ablassen müssen, jedoch gleich
darauf "prodemokratische" Gruppen in den USA unterstützt, die gegen die
Regierung sind. Würden wir denen vielleicht Eiscreme und Candy reichen?
Im angeblich so diktatorischen Venezuela lässt man sie
(diese Gruppen) gewähren. Selbst die Zeitungen, die damals den Coup
unterstützten, funktionieren weiter. Ich könnte die Aufzählung fortsetzen. Nun,
was wird wahrscheinlich geschehen?
Die beiden wichtigsten US-Waffen zur Kontrolle Lateinamerikas waren über lange
Zeit zum einen wirtschaftliche Kontrolle, zum andern militärische Gewalt. Beides
kam kontinuierlich zum Einsatz, und beides verliert an Wirksamkeit
– ein sehr ernstes Problem für die Planer in
Amerika.
Ökonomie:
Zum ersten Mal in seiner Geschichte
– seit der Kolonisation durch die Spanier
– beginnt Lateinamerika sich zu vereinen.
Lateinamerika bewegt sich bis zu einem gewissen Grad auf die Unabhängigkeit zu,
ja sogar auf Integration. In deren gesamter Geschichte waren sich die Länder
Lateinamerikas sehr entfremdet. Hinzu kommt eine enorme Kluft zwischen den
Superreichen und den vielen sehr, sehr Armen. Wenn wir über diese Länder
sprechen, reden wir im Grunde über Reicheneliten. Diese Eliten der Reichen sind
auf Europa und Nordamerika hin orientiert
– nicht auf die eigenen Bürger oder auf
ihresgleichen. Das Kapital flüchtet nach Zürich, London oder New York. Man hat
seinen Zweitwohnsitz an der Riviera, die Kinder studieren in Cambridge
– in der Art. So war es bislang, es gab sehr
wenig Interaktion, aber das ändert sich gerade.
Erstens gibt es heute große Volksbewegungen, siehe Bolivien. Dort fanden
demokratische Wahlen statt, von denen wir hier nicht einmal träumen können.
Damit meine ich, würde irgendeine Zeitung hierzulande ehrlich darüber berichten
und die bolivianischen Wahlen mit den unseren vergleichen, wir müssten uns
schämen. Ich möchte das nicht weiter ausführen, mit ein wenig Nachdenken kommen
Sie sehr schnell darauf: massenhafte Volksbeteiligung, die Leute wissen, was sie
wählen, sie entscheiden sich für einen aus ihren Reihen und orientieren sich an
den eigenen, zentralen Themen usw. Bei uns wäre so etwas undenkbar, unsere
Wahlen finden auf dem Niveau von TV-Zahnpastawerbung statt
– buchstäblich.
Überall gibt es Massenvolksbewegungen. Zum
ersten
Mal findet eine gewisse Integration statt, sie hat ihren Anfang
genommen. |
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Argentinien war das
Vorzeigemodell des Internationalen Währungsfonds und hat alle Regeln
befolgt. Folge: Ein katastrophaler Wirtschafts-Crash.
Zum
ersten Mal ist
heute die US-Militärhilfe höher als alle ökonomischen und sozialen
Hilfen durch wichtige staatliche US-Agenturen zusammen. |
Die Waffe Militär wird schwächer. Der letzte Versuch der
USA
– 2002 in Venezuela
– musste rasch abgeblasen werden. Die Art von
Regierungen, die die USA heute
–
gezwungenermaßen
– unterstützen, ist genau die Art, die sie vor
nicht allzu langer Zeit noch versucht hätten zu stürzen. Der Grund heißt
Veränderung.
Auch die ökonomische Waffe ist enorm geschwächt. Jetzt werfen sie den IWF
hinaus. IWF gleich US-Schatzamt. Wissen Sie, Argentinien war das
Vorzeigemodell des Internationalen Währungsfonds und hat alle Regeln
befolgt. Folge:
Ein katastrophaler Wirtschafts-Crash. Die Argentinier
haben es geschafft, da rauszukommen, aber nur, weil sie radikal gegen die
Regeln des IWF verstießen. Derzeit sind sie dabei, "den IWF von uns
abzuschütteln", wie es der argentinische Präsident ausgedrückt hat. Sie
zahlen ihre Schulden mithilfe Venezuelas zurück. Venezuela hat viele der
argentinischen Schulden abgelöst. Das Gleiche passiert gerade in Brasilien
und wird auch in Bolivien passieren.
Die ökonomischen Maßnahmen schwächeln generell, und auch die militärischen
sind nicht mehr das, was sie einmal waren. Kein Zweifel, in den USA ruft
dies tiefe Besorgnis hervor. Allerdings sollten wir nicht glauben, dass die
USA ihre militärischen Anstrengungen aufgeben werden, ganz im Gegenteil.
Die Zahl des US-Personals
– Militärpersonal
– in Lateinamerika ist heute wahrscheinlich auf
dem Höchststand. Auch die Zahl lateinamerikanischer Offiziere, die von
Amerika ausgebildet werden, nimmt massiv zu. Und zum ersten
Mal
ist die US-Militärhilfe höher als alle ökonomischen
und sozialen Hilfen durch wichtige staatliche US-Agenturen zusammen (was
während des Kalten Kriegs nie der Fall war). Da verschiebt sich etwas. Und
überall in der Region gibt es weitere US-Luftbasen. |
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Zum
ersten Mal wird der Ruf nach einer indianischen
Nation laut.
Regierungen schützen sich
vor dem Feind, vor dem primären Feind. Der primäre Feind ist die eigene
Bevölkerung. |
Behalten Sie Ecuador im Auge. Dort finden
demnächst Wahlen statt. Wahrscheinlich wird (Rafael) Correa als
Sieger hervorgehen
– eine interessante Person. Kürzlich wurde er
gefragt, was er mit der großen Manta-Airbase in Ecuador machen wolle. Seine
Antwort: Wir werden sie weiter dulden, falls die USA bereit sind, eine
ecuadorianische Luftbasis in Miami zu dulden.
Diese Dinge gehen derzeit vor sich. Und zum erstenmal wird der Ruf nach
einer indianischen Nation laut. Die indigene Bevölkerung
– in Ländern wie Bolivien
die Mehrheit
–, betritt zum erstenmal seit 500 Jahren die
politische Arena und wählt ihre eigenen Kandidaten. Das sind große
Veränderungen, aber die USA werden sicher nicht klein beigeben.
(Die Aufgabenstellung) des militärischen Trainings hat sich verschoben.
Offiziell im Fokus sind heute Streetgangs und der so genannte "radikale
Populismus". Nun, Sie wissen selbst, was mit radikalem Populismus gemeint
ist
–
Priester, die Bauern organisieren und jeder, der aus der Reihe tanzt. Yeah,
das ist ernst. Was werden die tun?
Regierungen haben Sicherheitsinteressen, so wird das genannt, es gilt, die
nationale Sicherheit zu schützen. Sollten einige von Ihnen schon einmal in
freigegebenen (Geheim-)Dokumenten gelesen haben, dann wissen Sie, was ich
meine. Ich habe viel Zeit damit verbracht. Stimmt, Regierungen schützen sich
vor dem Feind, vor dem primären Feind. Der primäre Feind ist die eigene
Bevölkerung. Das gilt für alle mir bekannten Regierungen. Lesen Sie die
freigegebenen Akten, und Sie werden feststellen, dass diese meist die
Regierung vor der eigenen Bevölkerung schützen. Mit Sicherheitsinteressen
irgendwelcher Art hat das nicht viel zu tun
– was in anderem Sinne unter
'Sicherheitsinteressen' zu verstehen ist. So läuft das. Wir wissen nicht,
was sie planen, weil sie uns ja davor schützen müssen zu wissen, was die
Regierung gerade plant. Daher sind wir auf Spekulationen angewiesen. |
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Was würe
ich tun, säße ich selbst im Pentagon-Planungsbüro? Ich würde
sezessionistische Bewegungen unterstützen!
Vorstellbar wäre,
dass man eine so genannte Befreiungsbewegung der Golfregion sponsern
könnte und dann einmarschieren, um diese zu verteidigen. |
Wollen Sie meine Spekulation hören
– basierend nicht auf Information sondern auf
der Überlegung, was ich tun würde, säße ich selbst im Pentagon-Planungsbüro
und sollte mir überlegen, wie man die Regierung in Bolivien, Venezuela oder
Iran stürzt? Die Idee, die einem als Erstes kommt
– daher nehme ich an, dass auch die daran
arbeiten
–, ist, sezessionistische Bewegungen zu
unterstützen. Schauen Sie sich die Geografien an, schauen Sie sich die Orte
an, wo das Öl herkommt usw.
–
es scheint vorstellbar.
In Venezuela kommt das Öl aus der Provinz Zulia
– von dort kommt auch der Kandidat der
Opposition. Zulia liegt direkt an der kolumbianischen Grenze (Kolumbien ist
einer der wenigen Staaten Lateinamerikas mit einer festen
US-Militärpräsenz). Zulia ist eine reiche Provinz und ziemlich anti-Chavez.
Ausgerechnet hier liegt das meiste Öl. Es gibt Gerüchte über eine
Unabhängigkeitsbewegung in Zulia. Falls sie die Sache zum laufen bringen,
könnten die USA dort intervenieren, um die Bewegung gegen den "Diktator" zu
verteidigen. Soviel zu Venezuela.
In Bolivien liegen die meisten Gasressourcen im Flachland, in der Ebene des
Ostens
– einer Region, die überwiegend europäisch
geprägt ist und nicht indianisch. Es ist eine reiche Region, nahe Paraguay
(noch ein Land mit US-Militärbasen), die Region ist gegen die Regierung.
Hier wäre somit dasselbe Projekt vorstellbar
– sezessionistische Bewegungen.
Zum Iran
– dem großen Deal, wenn man die Sache
genauer betrachtet. Denn das
Öl der Region (die größten Hydrocarbonatvorkommen der Welt) liegt
direkt um den Golf herum: In den Schiitenregionen des Irak, in den
schiitischen Regionen von Saudi-Arabien und in einer arabischen (und
nichtpersischen) Region des Iran, nämlich Khuzestan. Zufällig ist Khuzestan
eine arabische Region
– in unmittelbarer Nähe zum Golf. In Europa
kursieren Gerüchte über eine Ahwazi-Befreiungsbewegung dort
(gestreut durch die CIA, vermutlich). Vorstellbar wäre
– ich weiß nicht, ob tatsächlich machbar, doch
ich vermute, solche Ideen kommen auch den Pentagon-Planern in den Sinn
–, dass man eine so genannte Befreiungsbewegung
der Golfregion sponsern könnte und dann einmarschieren, um diese zu
verteidigen. Sie (die USA) haben 150.000 Soldaten im
Irak. Wäre den Versuch wert
– und anschließend bombt man den Rest des
Landes in die Steinzeit. Wäre durchaus denkbar, ich meine, es würde mich
schon wundern, wenn nicht herumgespielt würde mit Ideen dieser Art. |