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US-Streitkräfte im Irak "außer Kontrolle"

Die US-Truppen gaben vor Kurzem zu, drei Reuters-Journalisten getötet zu haben.
Das aktuellste Opfer ist der Akustiktechniker Waleed Khaled, der am 28. August – bei
seiner ausgewiesenen Tätigkeit in Bagdad – von US-Soldaten erschossen wurde.

Von Julia Day
(18. 10. 2005)



Julia Day

arbeitet als Redakteurin
des Guardian (http://www.guardian.co.uk)


 

 

Seit März 2003 wurden im Irak mindestens 66 Journalisten und Medienangestellte getötet, die meisten davon Iraker

    Schwere Vorwürfe erhebt die Nachrichtenagentur Reuters gegenüber der US-Regierung. So gerieten die US-Kräfte im Irak gegenüber Journalisten zunehmend "außer Kontrolle". Außerdem würde verhindert, dass die Öffentlichkeit ein vollständiges Bild des Krieges bekomme. Journalisten würden verhaftet oder aus Versehen erschossen, was zu einer Einengung des journalistischen Spielraums führe, so David Schlesinger, der Reuters-Weltredakteur (global managing editor), in einem Brief an US-Senator John Warner, Vorsitzender des ‘Armed Services Comittee’.

Schlesinger geht in seinem Schreiben auf eine "lange Reihe irritierender Vorfälle" ein, "bei denen professionelle Journalisten getötet, von US-Streitkräften im Irak grundlos verhaftet und/oder illegalerweise misshandelt wurden." Er drängt Senator Warner, das Problem mit Verteidigungsminister Donald Rumsfeld zu erörtern. Schlesinger bittet Senator Warner, von Rumsfeld zu fordern, dass er die legitimen Sicherheitsinteressen der US-Truppen im Irak gegen die nicht minder legitimen Rechte von Journalisten an Kriegsschauplätzen gemäß internationalem Recht ausgewogen abwäge. Seit März 2003 wurden im Irak mindestens 66 Journalisten und Medienangestellte getötet, die meisten davon Iraker.

 

 

 

 

"...dies erzeugt eine ernste, einschüchternde Wirkung auf die Medien insgesamt"

    Die US-Truppen geben zu, drei Reuters-Journalisten getötet zu haben. Das aktuellste Opfer ist der Akustiktechniker Waleed Khaled, der am 28. August – bei seiner ausgewiesenen Tätigkeit in Bagdad – von US-Soldaten erschossen wurde. Das US-Militär sagt, die Soldaten hätten berechtigterweise das Feuer eröffnet. Reuters geht davon aus, dass auch ein vierter Mitarbeiter – der letztes Jahr in Ramadi starb – Opfer von US-Heckenschützen wurde.

"Die sich für professionelle Journalisten verschlechternde Situation im Irak hat dazu geführt, dass ihre Fähigkeit, ihren Job zu machen, ganz direkt eingeschränkt ist, und was noch wichtiger ist: dies erzeugt eine ernste, einschüchternde Wirkung auf die Medien insgesamt", so Schlesinger. "Indem die US-Truppen die Fähigkeit der Medien einschränken, über die Ereignisse im Irak umfassend und unabhängig zu berichten, hindern sie die Bürger der USA unberechtigterweise daran, an Informationen zu gelangen... Sie unterminieren ebenjene Freiheitsrechte, die die USA angeblich fördern wollen, für die amerikanisches Leben und US-Dollars investiert werden."

    Laut Schlesinger hat sich das US-Militär geweigert, den Tod der Reuters Journalisten transparent und umfassend untersuchen zu lassen. Stattdessen stütze man sich auf Untersuchungen durch Offiziere ebenjener Einheiten, die für den Tod der Journalisten verantwortlich sind. Die Offiziere hatten ihre Soldaten freigesprochen.

 

 

Nachrichtenagenturen sind zunehmend besorgt über die "beträchtliche und rasch wachsende Zahl von Journalisten, die von US-Kräften festgenommen werden"

 

 

 

 

 

 

 

Kein rechtlicher Beistand, kein Einblick in die Beweismittel

Schlesinger führt an, das US-Militär versäume es, die Empfehlungen einer ihrer eigenen Untersuchungskommissionen umzusetzen. Diese hatte den Tod des preisgekrönten palästinensischen Kameramannes Mazen Dana untersucht. Dana war im August 2003 erschossen worden, als er vor dem Gefängnis Abu Ghraib Filmaufnahmen machte. Laut Schlesinger zeigen sich Reuters und andere renommierte internationale Nachrichtenagenturen zudem besorgt über die "beträchtliche und rasch wachsende Zahl von Journalisten, die von US-Kräften festgenommen werden". Grund für die Festnahmen seien legitime journalistische Aktivitäten, zum Beispiel der Besitz von Fotos und Videos, auf denen Aufständische zu sehen sind. Für die US-Soldaten ein Beweis, dass die Journalisten mit dem Aufstand sympathisierten.

    Anfang der Woche forderte Reuters die Freilassung eines ihrer Kameramänner, ein Iraker, der von einem Geheimtribunal zu einer unbefristeten Freiheitsstrafe verurteilt worden war. Der Kameramann Samir Mohammed Noor, der als freier Mitarbeiter für Reuters arbeitete, war vor vier Monaten von irakischen Truppen in seinem Haus in der nordirakischen Stadt Tal Afar festgenommen worden. Ein amerikanischer Militärsprecher teilte Reuters mit, bei einer geheimen Anhörung vergangene Woche sei Noor für schuldig befunden worden, "eine imperative Bedrohung für die Koalitionstruppen und die Sicherheit des Irak darzustellen." Reuters fordert die Freilassung Noors – zumindest jedoch, dass man ihm die Möglichkeit einräumt, sich vor einem öffentlichen Gericht zu verteidigen.

Derweil sorgt sich der amerikanische Nachrichtensender CBS um seinen Kameramann Abdul Amir Younes. Younes war im April 2005 in einem Krankenhaus festgenommen worden, wo er nach einer Schussverletzung durch US-Soldaten behandelt wurde. CBS äußert sich besorgt, da Younes bei seiner Anhörung kein rechtlicher Beistand gewährt wurde und er keinen Einblick in die Beweismittel gegen ihn erhielt.
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(Dieser Artikel wurde uns freundlicherweise von zmag.de zur Verfügung gestellt.
Die Übersetzung stammt von Andrea Noll.)


 

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