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Sergeant Ricky Clousing
'Actionheld' des Friedens
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"Wir haben
in einem ganz zentralen Bereich unsere Humanität gegen
Patriotismus eingetauscht, unsere bürgerlichen Freiheiten gegen ein Sicherheitsgefühl."
Die Worte des ehemaligen US-Soldaten Ricky Clousing sind eine klare Ansage an die Welt.
Er erklärt uns, weshalb er auf sein College-Geld (von der Army) verzichtet, weshalb er eine
unehrenvolle Entlassung in Kauf nimmt und eine dreimonatige Militärstrafe in Camp Lejeune
in North Carolina absitzt
: Der 24-Jährige Friedensaktivist will ein Zeichen setzen
ein Zeichen gegen die Invasion, ein Zeichen gegen die Besatzung des Irak.

Von Elizabeth de la Vega
(01.12.2006)


    Ich freue mich schon auf den Tag, an dem die Firma Mattel Sergeant Ricky Clousing als Actionfigur herausbringen wird.

Ich habe zwei Söhne, einer acht Jahre älter als der andere. Mein halbes Leben bin ich über Actionfiguren gestolpert, die überall herumlagen. Eine Phalanx aus kleinen Rittern mit glänzenden Uniformen stand auf meinem Fenstersims, ein festgefrorener Batman lag im Eisfach und natürlich GI Joe in Camouflage-Uniform zwischen meinen Hortensien. An Weihnachten fand ich einmal Luke Skywalker und Han Solo in der Krippe
neben Jesus, Maria, Josef, zwei Kühen, drei Schafen und mehreren Ewoks. Meine Jungs verbrachten Stunden mit diesen Fantasiewelten aus Schurken und Helden. Es gab alle erdenklichen Variationen nur keine Friedenshelden.

Kürzlich traf ich einen
in Camp Democracy in Washington D.C. Er heißt Sergeant Ricky Clousing. Bestimmt erinnert er sich nicht an mich, aber ich mich umso mehr an ihn. Es war ein herrlicher und glücklicherweise trockener Tag in Washington D.C. Ricky saß auf einer improvisierten Plattform in Rufweite des Lincoln-Memorial-Denkmals. Die Geschichte, die er zu erzählen hatte, war schmerzlich und inspirierend zugleich.

    Am 11. September 2001 arbeitete Ricky in einer Einrichtung für Waisen in Thailand: "Wir machten Straßen – Dinge dieser Art". Nach dem Ende seines freiwilligen Dienstes in Thailand, reiste er nach Deutschland. Dort traf er auf amerikanische Soldaten, die auf ihrem Rückflug aus Afghanistan waren. Ricky wurde von jener Woge des Patriotismus erfasst, die nach dem 11. September entstand und beschloss, nicht an sein College in seiner Heimatstadt Seattle zurückzukehren, sondern zur Armee zu gehen. Auf diese Weise wollte er zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen – seinem Land dienen und sein Studium finanzieren, das er wiederaufnehmen wollte, sobald er aus der Armee kam. Zwei Jahre später – nach Grundwehr-Ausbildung und einem intensiven Sprachentraining am Monterey Defense Language Institute – kam Sergeant Ricky Clousing erstmals nach Bagdad. Er war jetzt Interrogator der 82nd Airborne Division aus Fort Bragg, North Carolina.

Seine Aufgabe bestand darin, in taktisch geführten Verhören Gefangene, die die Infanterie gemacht hatte, an Ort und Stelle zu verhören. Er wurde nicht Zeuge der Gefangenenmisshandlungen von Abu Ghraib. Aber er wurde Zeuge nicht minder horrender Dinge. Er erlebte indoktrinierte amerikanische Soldaten, die Irakis nicht als echte Menschen ansahen, sondern als "Lumpenköpfe" oder Schlimmeres. Er erlebte amerikanische Soldaten, die in den Straßen der Hauptstadt einfach so zum Spaß irakische Zivilfahrzeuge rammten, er sah, wie amerikanische Soldaten lachend die Herden lokaler Bauern abschlachteten, und er erlebte, wie Amerikaner einen Teenager zusammenschossen, nur, weil er um die falsche Ecke bog.

    Ricky war auf Patrouille, als sie auf den Jungen trafen. "Er war so ungefähr 18, ein schmächtiger Junge, vom Alter her wahrscheinlich ein Highschool-Kid". Er kam eine Straße heruntergefahren, die Rickys Einheit sichern sollte. Der Jugendliche habe sichtlich geschockt gewirkt, als er "auf eine ganze Gruppe Amerikaner mit großen Waffen" traf, die ihm ins Gesicht starrten. Er wendete sein Auto – aber kam nicht weit. Ricky beschreibt, was dann passierte:

"Einer der Soldaten, im Gefechtsturm des Humvees hinter mir, eröffnete das Maschinengewehrfeuer auf das Fahrzeug. Als es abdrehte, hörte ich über mir immer nur: "Pop, pop, pop, pop!" Es war mein erster Auslandseinsatz und meine erste Kampferfahrung – dieser Moment, als das Maschinengewehrfeuer direkt über meinem Kopf ratterte. Er gab insgesamt fünf oder sechs Runden in die Seite des Wagens ab. Ich und zwei andere rannten zu dem Auto, wir schlugen eine Scheibe ein und holten den Jungen raus, um Erste Hilfe zu leisten ... Ich sah auf den Jungen, der kurz zuvor – praktisch grundlos – in den Bauch geschossen worden war. Er hatte nur versucht wegzufahren ... Ich stand immer noch passiv unter Schock da, sah auf ihn nieder, er sah mich an. Er hatte Schaum vor dem Mund. Sein Magen kam heraus und fiel in seine Hände ... Ich sah auf dieses Kind, auf diesen kleinen Jungen, der doch nur eine Runde durch die Stadt hatte fahren wollen und um die falsche Ecke bog. Als er wenden wollte, wurde er angeschossen und getötet. Ich sah wieder runter auf ihn. Fünf Sekunden hielten wir Blickkontakt. Er sah mich an – mit diesem unglaublich leeren, entsetzten Blick, den ich bestimmt mein ganzes Leben lang nicht vergessen werde".

    Der irakische Junge starb auf dem Weg ins Krankenhaus. Ich glaube, an jenem Tag starb auch der kleine Junge in Ricky Clousing. Aber was für ein außergewöhnlicher Mann ist seither aus ihm geworden! Er entschied damals: Sicher werde ich für den Rest meines Lebens keine Ruhe mehr finden, wenn ich jetzt über diese empörende Verletzung der Einsatzregeln schweige. Also setzte Sergeant Clousing den Zugführer (Platoon Sergeant) seiner Einheit in Kenntnis. Dieser nahm seinen Rat "nicht sehr freundlich" auf.

In seiner verbliebenen Zeit im Irak widersetzte sich Clousing amerikanischen Kriegsverbrechen. Aber niemand habe positiv auf seinen Protest reagiert. Zurück in den USA führte er Gespräche mit seinen kommandierenden Offizieren, mit dem Kaplan, mit psychologischen Helfern
mit allen, die hören wollten, was Clousing über seine Probleme mit der Irakbesatzung bzw. der Invasion zu sagen hatte. Man riet ihm, aus der Armee auszutreten mit der Begründung, homosexuell zu sein. Man riet ihm, sich auf PTSD (Post Traumatic Stress Syndrome) zu berufen. Man riet ihm, sein Recht auf Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen einzuklagen. Aber auch Letzteres wollte Clousing nicht, weil er nicht grundsätzlich gegen den Krieg ist. Man sagte ihm, er könne sich in den USA um eine Armeestelle bewerben und so seine erneute Verlegung in den Irak umgehen. Aber auch das wollte er nicht. Hier sind seine exakten Worte an diesem sonnigen Nachmittag in Washington:

"Ich hatte das Gefühl, so oder so, ich bleibe in die Armee verstrickt
ob nun direkt oder indirekt, ob im Irak oder als Trainer für Jungs, die in den Irak sollen , immer wäre ich ein Stück Maschinerie jenes Systems, das den Krieg weiter zulässt, ich würde es nach wie vor unterstützen. Meine Aktivitäten ob nun an der Front oder daheim in Sicherheit wären nach wie vor Teil der Besatzungsmaschinerie im (Irak). Zum Schluss hatte ich das Gefühl, alles, was ich tun kann, ist gehen, also habe ich im Juni meine Sachen gepackt und beging AWOL (unerlaubte Entfernung von der Truppe)."

    Am 11. August hat sich Sergeant Clousing gestellt. Er gab ein sehr einfaches Statement ab:

"Wir haben
in einem ganz zentralen Bereich unsere Humanität gegen Patriotismus eingetauscht, unsere bürgerlichen Freiheiten gegen ein Sicherheitsgefühl. Ich stehe hier vor Ihnen im Geiste Henry David Thoreaus (der sagte): Als Soldat, als Amerikaner und als menschliches Wesen dürfen wir uns nicht demselben Übel hingeben, das wir verurteilen."

Jetzt sitzt Ricky Clousing seine dreimonatige Militärstrafe in Camp Lejeune in North Carolina ab. Er ist nicht der einzige Friedensheld. Es gibt immer mehr davon. Gehen Sie auf die Website von 'Courage to Resist' (www.couragetoresist.org). Wie viele Soldaten im Irak genau versuchen, das Richtige zu tun, können wir von hier aus nicht beurteilen, aber ich bin gewiss, es gibt sie.

Die Worte dieses 24jährigen sind eine klare Ansage an die Welt. Er erklärt uns, weshalb er auf sein College-Geld (von der Army) verzichtet, weshalb er eine unehrenvolle Entlassung in Kauf nimmt und ins Gefängnis geht: Ricky will ein Zeichen setzen
ein Zeichen gegen die Invasion, ein Zeichen gegen die Besatzung des Irak. Ricky Clousing gäbe eine echt coole Actionfigur ab. Stellen Sie sich vor: Sergeant Clousing mit Laguna-Beach-T-shirt und tätowierten Armen. Ich könnte ihn mir auch als Schäfer in meiner Krippenszene vorstellen. Han Solo und Luke Skywalker Platz gemacht!

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Dieser Artikel wurde uns freundlicherweise von Zmag.de zur
Verfügung gestellt. Die Übersetzung stammt von Andrea Noll
.


 

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