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Istanbuler Momentaufnahmen
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Im Zug nach Sapance fallen meine Blicke auf zwei Männer, die, während sie
sich unterhalten, heftig mit den Händen gestikulieren und es für das Normalste auf der
Welt zu halten scheinen, von Zeit zu Zeit die Hand auf dem Oberschenkel des Partners liegen
zu lassen. Ob das unter Schweizern auch vorkomme?, fragt meine aus Australien
stammende Wohngenossin
Nellie. Eher nicht. Und in Australien? Wenn das einer
machen würde, würde ihm der andere eine scheuern.

Von Hans Durrer
(23. 10. 2006)




(c) Blazenka Kostolna

Hans Durrer
geboren 1953 in Grabs (Schweiz), studierte Rechtswissenschaften
(Basel), Journalistik (Cardiff) und
angewandte Linguistik (Darwin);
schreibt vorwiegend über
Medien und Fotografie.

Homepage

www.hansdurrer.com

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Mesut stellt mir meine drei Mitbewohnerinnen vor, Nellie, Maxi und Claire, aus Australien und Neuseeland, alle drei um die sechzig, drückt mir seine Visitenkarte und den Wohnungsschlüssel in die Hand und verabschiedet sich. Etwas verblüfft bin ich schon, dass ich in einem Land, das gerade von einer muslimischen Regierung geführt wird, mit drei mir unbekannten Frauen in einer Wohnung untergebracht werde.

 

 

 

 

 

 

 

 

Mein erster Schüler ist Muslim, die Evolutionstheorie lehnt er ab. Ich wundere mich: wie das zusammengehe, Arzt zu sein und die Evolutionstheorie abzulehnen?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Indirekt seien die Türken, sagt die Dame, die bei Berlitz für die Schulung der Lehrkräfte zuständig und selber Türkin ist. Zudem hätten sie keine Ahnung, wie man akademisch, also strukturiert, schreibe, denn Türken würden generell wild mit Sätzen um sich werfen.

 

 

 

 

 

 

 

Auf dem Markt in Erenköy reihen sich Stände mit Kleidern, Schmuck und Schuhen aneinander. Mittendrin auch ein Stand für Damenunterwäsche. Undenkbar, dass auf einem Schweizer Markt ein Mann mit BHs in der Luft rumwedelt und sie lautstark zum Verkauf anpreist.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ob er, Ali, Orhan Pamuk gelesen habe? Angelesen. Der werde gekauft, der werde nicht gelesen, falls doch, dann nur, weil man politisch mit ihm einig gehe, jedenfalls nicht, weil er ein guter Schreiber sei. Er lacht, als ich sage, ich hätte "Snow" nach 143 Seiten entnervt aufgegeben, fände den Autor einen ganz furchtbaren Langweiler, seine unzähligen, peinlich prätentiösen, hölzernen Dialoge seien mir unerträglich, gewesen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Spezielle, ja der Reichtum der Türkei, meint Gamze, liege gerade darin, dass sowohl die europäische als auch die asiatische Seite stark ausgeprägt seien. Sie selbst spüre beide Seiten in sich, und zwar intensiv. Und fragt sich: Warum eigentlich sich für die eine oder andere Seite entscheiden müssen?

 

 

 

 

 

 

 

In Istanbul gebe es ja wöchentlich kleinere Erdbeben, von denen man zwar kaum was spüre, sagt Alpay, doch wisse man schließlich nie, ob sich da nicht eben doch einmal ein größeres Beben ereignen werde und wenn dann die beiden Brücken ausfielen, dann sitze er fest und komme nicht zu seiner Familie auf der asiatischen Seite.

 

 

 

 

 

 

"Turkish people do not like long sentences. They use two or three words one of which is a swear word and the other is a slang word. This is especially true for men, women usually copy the TV-presenters."

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Geht das in Ordnung, wenn wir in einer Viertelstunde kurz das Klassenzimmer verlassen, damit wir essen können?, fragen mich ein paar Studenten des Abendkurses. Ich gucke wohl einigermaßen verblüfft und so beeilen sie sich zu erklären, sie würden seit Sonnenaufgang fasten und erst bei Sonnenuntergang wieder essen und trinken.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Was auch auffällt: An vielen metallenen Gartenzäunen kann man Plastiktüten mit altem Brot hängen sehen. Das sei für die Zigeuner, sagt Volkan, die würden sie dann einsammeln. Und in der Tat kann man da, wo ich wohne, ab und zu einen von einem Pony gezogenen Wagen sehen, dessen Mitfahrer diese Tüten mitnehmen.

 

 

 

 

 

 

 

Ob Volkan eine Freundin habe? Nein, leider, das sei in der Türkei anders als im Westen, hier seien die jungen Frauen darauf aus, zu heiraten. Sicher, Beziehungen wie im Westen gebe es auch, doch eigentlich nur bei den Besserverdienenden.

 

 

 

 

 

 

 

 

Eines Morgens, als meine Zeit in Istanbul sich dem Ende zuneigt, bemerkt Ekrem das Berlitz-Plakat an der Wand. Es ist ein altes, eingerahmtes Bild, das Städte aufführt, in denen Berlitz offenbar einmal Schulen betrieben hat. Erwähnt ist auch Konstantinopel, und als Ekrem das sieht, sagt er seltsam aggressiv, das gehe nicht, das sei gegen das Gesetz, die Bezeichnung Konstantinopel sei nicht erlaubt, er werde mit der Direktion sprechen. Ich bin ganz verblüfft, meint er das ernst? Ich frage nach: Ja, das tut er.

    Als ich mich am 1. Oktober 2005 nach Istanbul aufmache, um dort am Berlitz Language Center für zwei Monate Englisch zu unterrichten, weiß ich von dieser Stadt (und von der Türkei) so gut wie gar nichts, und genau deshalb will ich hin: Ich möchte erleben, wie diese Metropole und die Menschen, die da leben, auf mich wirken, will Eindrücke sammeln, möchte erfahren, wie sich das Leben in einer muslimischen Kultur anfühlt. Leiten lassen will ich mich dabei alleine von dem, was mir zufällt.

Vorbereitet habe ich mich nicht, weder Reise- noch Kulturführer gelesen, die Türkei/Europa-Debatten in den Medien nur am Rande verfolgt, von Orhan Pamuk und Yasar Kemal sind mir nur gerade die Namen geläufig. Trotzdem komme ich natürlich mit Vorstellungen, weiß zum Beispiel, dass Istanbul in Kunstkreisen und in der Klubszene gerade hip ist ("Cool Istanbul", titelte Newsweek unlängst), auch ein Bild, eine Karikatur vielmehr, von den Türken habe ich im Kopf: ein düster dreinblickender, schnauzbärtiger, vornüber gebeugter Mann, gefolgt von, in drei Metern Abstand, einer Frau im Regenmantel und mit Kopftuch, an der rechten Hand zwei Kinder, in der linken drei Plastiktüten, die mit ihm Schritt zu halten sich bemüht.

    Mesut ist Personalchef bei Berlitz und erwartet mich am Flughafen. Er ist Mitte dreißig, trägt weder Schnauz, noch geht er vornüber gebeugt, vielleicht weil er längere Zeit in New York und nicht in Berlin gelebt hat. Oder weil er Istanbuler ist. Für Istanbul gelte, sagt er, was auch für New York gelte: New York sei New York (und nicht etwa mit Amerika gleichzusetzen) und Istanbul sei Istanbul, die Türkei etwas ganz anderes.

Ich nicke zustimmend. Weil ich das über New York auch schon gehört habe. Da jedoch viele Bewohner New Yorks gar nicht dort geboren und aufgewachsen sind, sondern von anderswo, und vielfach vom Land, stammen, zweifle ich nicht wenig, ob da wirklich so viel dran ist.

Mesut weist auf Häuser und Wohnblöcke an einem Hang hin. Alles illegal gebaut, sagt er. Und warum wird das toleriert? Die Bewohner seien Wähler, die Behörden wollten gewählt werden, unpopuläre Entscheide dabei wenig hilfreich.

Wir fahren über eine der beiden Bosporusbrücken, ich gucke nach rechts und nach links, sage wau und toll (und meine es auch). Mesut ist sichtlich bemüht, sich seinen Stolz nicht allzu sehr anmerken zu lassen. Nach einer guten Stunde Fahrt treffen wir auf der asiatischen Seite vor einem Wohnturm im Stadtteil Erenköy, das gänzlich aus Wohntürmen zu bestehen scheint, ein (später werde ich rausfinden, dass fast ganz Istanbul aus solchen Wohntürmen besteht). In einer großzügigen, hellen, mit Stuck verzierten Wohnung im sechsten Stock wird mir ein Zimmer zugewiesen, Mesut stellt mir meine drei Mitbewohnerinnen vor, Nellie, Maxi und Claire, aus Australien und Neuseeland, alle drei um die sechzig, drückt mir seine Visitenkarte und den Wohnungsschlüssel in die Hand und verabschiedet sich. Etwas verblüfft bin ich schon, dass ich in einem Land, das gerade von einer muslimischen Regierung geführt wird, mit drei mir unbekannten Frauen in einer Wohnung untergebracht werde.

    Mein erster Schüler ist Arzt und arbeitet als Produktmanager für ein türkisches Pharmaunternehmen; lieber würde er allerdings für eine internationale Firma arbeiten, hauptsächlich des wesentlich besseren Salärs wegen. Sein Englisch ist akzeptabel; wir machen Konversation und landen irgendwann auch bei der Schöpfung. Er ist Muslim, die Evolutionstheorie lehnt er ab. Ich wundere mich: wie das zusammengehe, Arzt zu sein und die Evolutionstheorie abzulehnen? Er habe darauf keine fixfertige Antwort parat, da müsste er länger darüber nachdenken. Dann solle er das doch bitte bis zum nächsten Mal tun, seine Argumentation interessiere mich sehr. Er scheint einverstanden, doch es kommt zu keinem nächsten Mal: von der Administration werde ich ein paar Tage später erfahren, der Mann käme nicht mehr zu mir in die Stunde und möchte seinen bisherigen Lehrer zurück (dieser war jedoch gerade wegen exzessiven Alkoholkonsums gefeuert worden).

Eine Kollegin aus Kanada sagt, man wisse nie, woran man mit den Türken sei. Die lächelten einem ins Gesicht, seien betont freundlich, aber hintenherum, da sei das eine ganz andere Geschichte. Eine andere Kollegin, Amerikanerin (sie lebe wegen der Politik ihrer Regierung nicht in Amerika, sagt sie), die mit einem Türken verheiratet ist und Türkisch spricht, pflichtet ihr bei. Da wo ich herkomme, sei das auch nicht so viel anders, sage ich. Und füge hinzu: in einer fremden Kultur fallen einem eben immer wieder Dinge auf, die man in einer vertrauten Umgebung gar nicht bemerkt.

    Serina ist um die sechzig, in der Türkei aufgewachsen, besitzt einen kanadischen Pass und hat gleichzeitig mit mir bei Berlitz zu unterrichten begonnen. Sie spricht mit den Angestellten der Schule ausschließlich Englisch, obwohl die meisten von ihnen nur Türkisch verstehen; sie will nicht, dass man weiß, dass sie des Türkischen kundig ist.

Eines Tages werden ihr, im Einkaufsgedränge, Geld und Kreditkarte geklaut. Um die fünfzig Frauen, allesamt Diebstahlsopfer, hat sie auf der Polizeistation gezählt. Anderen sei viel mehr abhanden gekommen als ihr, sagt sie. Ich verpflichte mich, niemandem von ihrem Missgeschick zu erzählen: sie will nicht, dass andere erfahren, was ihr zugestoßen ist.

Indirekt seien die Türken, sagt die Dame, die bei Berlitz für die Schulung der Lehrkräfte zuständig und selber Türkin ist. Zudem hätten sie keine Ahnung, wie man akademisch, also strukturiert, schreibe, denn Türken würden generell wild mit Sätzen um sich werfen; dass eine Geschichte Anfang, Mittelteil und Ende haben sollte, ließen sie gänzlich außer Acht. Blätter mit Beispielen werden verteilt. Die Arbeiten scheinen uns alle ganz logisch strukturiert; die angeblich schlechteste Arbeit finden wir unisono die beste.

Am Donnerstag ist in Erenköy jeweils Markt. Hunderte von Ständen werden frühmorgens in kürzester Zeit aufgebaut, Planen zum Schutz gegen allfälligen Regen über die Straßen und die Stände gespannt, eine logistische Meisterleistung. Obst und Gemüse präsentieren sich wunderbar aufgetürmt; Käse, Fisch, Gewürze sind appetitlich zur Schau gestellt; Stände mit Kleidern, Schmuck und Schuhen reihen sich aneinander. Mittendrin auch ein Stand für Damenunterwäsche. Undenkbar, dass auf einem Schweizer Markt ein Mann mit BHs in der Luft rumwedelt und sie lautstark zum Verkauf anpreist.

    Ali ist Kardiologe und Klinikdirektor, er hat ständig ein verschmitztes Lächeln im Gesicht. Was er von der Kopftuch-Debatte halte? Zuviel Geschrei. Nur eine Minderheit, vielleicht zehn Prozent, trage in Istanbul Kopftücher. Seine Mutter trage eins, sein Vater halte gar nichts davon, die Ehe gehe gut.

Vor einigen Jahren hat er mit seiner Firma Konkurs gemacht. Um dies künftig zu vermeiden, ist er nochmals an die Uni und hat einen MBA erworben. Mich verblüfft und fasziniert seine Offenheit. Wie er sich charakterisieren würde? Als jemand, der alles hinterfrage. Zudem leide er an spontaner Aufmerksamkeit. Wenn er zum Beispiel Treppen steige, dann müsse er diese zählen. Das scheine mir wenig spontan, eher zwanghaft, sage ich. Nein, nein, zwanghaft, medizinisch gesehen, sei das nicht, zwanghaft sei es nur, wenn es Auswirkungen auf das eigene Leben habe. Ich belasse es bei einem Ah ja.

Er arbeitet an der Uni in Edirne. Eine schöne Stadt, wenig Touristen, ein Besuch lohne sich, ob ich mitkommen wolle? Um sechs in der Früh fahren wir los, in einer der Trabantenstädte holen wir Alis Eltern ab, die für eine Weile bei ihm leben werden. Ali und ich unterhalten uns die ganze Fahrt über – auf mich, der ich in der Schweizer Postkartenlandschaft aufgewachsen bin, wirkt die karge Landschaft mit dem weiten Himmel ungemein befreiend – , die Eltern sitzen still auf den Rücksitzen. Eigentlich wäre er gerne Ingenieur geworden, erzählt er. Doch wer, gebührenbefreit, an der prestigeträchtigen Istanbuler Militärakademie habe studieren wollen, habe damals keine Wahl gehabt, denn die Armee brauchte zu dieser Zeit Ärzte. Ob er denn heute lieber Ingenieur wäre? Da er nicht wisse, wie das wäre, stelle sich ihm die Frage nicht, sagt er.

Ob er Orhan Pamuk gelesen habe? Angelesen. Der werde gekauft, der werde nicht gelesen, falls doch, dann nur, weil man politisch mit ihm einig gehe, jedenfalls nicht, weil er ein guter Schreiber sei. Er lacht, als ich sage, ich hätte "Snow" nach 143 Seiten entnervt aufgegeben, fände den Autor einen ganz furchtbaren Langweiler, seine unzähligen, peinlich prätentiösen, hölzernen Dialoge seien mir unerträglich, gewesen; derjenige auf Seite 143 liest sich so:

"How beautiful the universe is" whispered Necip.
"What would you say is the most beautiful part of life?" asked Ka.
"All of it" said Necip after a pause, as if we were betraying a secret.
"But doesn’t life make us unhappy?"
"We do that to ourselves. It has nothing to do with the universe or its Creator."
"Tell me about that landscape."
"First, put your hand on my forehead and tell me my future", said Necip.

Ich habe in der Folge noch andere auf Orhan Pamuk angesprochen, bin auf niemanden gestoßen, der ihn gut findet. Nur Gamze Deniz, die selber Autorin ist, mag seine Bücher. Nicht "Snow", die älteren.

    Auf Gamze, die auch Verlegerin ist, hat mich ein befreundeter Verleger aufmerksam gemacht. Ich solle doch mal bei Aritab vorbeischauen, das sei ein gerade im Entstehen begriffener Verlag, der nächstens zwei von ihm verlegte Werke, die "Yeti Stories" und die "Bhutanese Folk Tales", auf Türkisch herausbringen werde.

Das Büro von Aritab liegt in Besiktas, einem der direkt am Bosporus gelegenen Stadtteile. Gamze ist 28, hat mit 18 ihren ersten Gedichtband veröffentlicht und wurde 1994 als jüngstes Mitglied in den türkischen Schriftstellerverband aufgenommen. So sehr sie sich einerseits der europäischen Mentalität verbunden fühle, sie spüre gleichzeitig eine starke Affinität zu Asien, besonders zu Bhutan, wo sie vor Kurzem gerade gewesen und wohin sie bald wieder hin wolle. Das Spezielle, ja der Reichtum der Türkei liege gerade darin, dass sowohl die europäische als auch die asiatische Seite stark ausgeprägt seien. Sie selbst spüre beide Seiten in sich, und zwar intensiv. Und fragt sich: Warum eigentlich sich für die eine oder andere Seite entscheiden müssen?

    Istanbul besteht aus einer europäischen und einer asiatischen Seite, die europäische sieht aus, wie man Istanbul von Fotos her kennt, also orientalisch (Moscheen, Minarette, Kaffeehäuser und Basare), die asiatische Seite hingegen präsentiert sich als Ansammlung von Wohnsilos, die irgendwo auf der Welt stehen könnten. Auf den ersten Blick zumindest, doch nach und nach entdecke ich, dass all das, was auf der europäischen Seite ins Auge fällt, durchaus auch im asiatischen Teil vorhanden ist, nur nicht so offensichtlich, weshalb man auch eher selten Touristen zu sehen kriegt.

Er fühle sich immer leicht unwohl, habe immer etwas Angst, wenn er auf der europäischen Seite beruflich zu tun habe, sagt Alpay, der Ingenieur ist. In Istanbul gebe es ja wöchentlich kleinere Erdbeben, von denen man zwar kaum was spüre, doch wisse man schließlich nie, ob sich da nicht eben doch einmal ein größeres Beben ereignen werde und wenn dann die beiden Brücken ausfielen, dann sitze er fest und komme nicht zu seiner Familie auf der asiatischen Seite. Ich frage auch andere: ob sie ähnliche Gefühle hätten? So offen wie Alpay äußert sich zwar niemand, doch vermeine ich Zustimmung wahrzunehmen.

Siebzehn Millionen sollen in Istanbul leben.
Was mich umhaut, sind diese unglaublichen Menschenmassen hier. Besonders in Eminönü oder auf der Galata-Brücke, sage ich zu Nahit. Ob ich schon mal in Indien gewesen sei? lacht sie.

    Nahit ist Professorin für Kinderpsychiatrie an einer der Istanbuler Universitäten und lässt mich wissen, dass es in der Türkei, wo 40 Prozent der 65 Millionen Einwohner unter 18 Jahre alt seien, nur gerade 150 Kinderpsychiater gebe.

Wir machen Konversation. Ihr Englisch ist flüssig. Wieso sie Stunden nehme? Es gehe ihr darum, sich sicherer zu fühlen im sozialen Umgang mit ihren "hyper-active colleagues from Michigan". Sie ist clever, witzig und sagt so aufschlussreiche Sätze wie diese: "Turkish people do not like long sentences. They use two or three words one of which is a swear word and the other is a slang word. This is especially true for men, women usually copy the TV-presenters."

Wir reden über die Medien. Die Fernsehnachrichten in der Türkei handelten davon, welches Starlet welchem Star im Supermarkt in die Augen geblickt habe, führt Nahit aus. Wie sie sich denn informiere? Bei den Taxifahrern. Genau wie die Journalisten, sage ich.

    Mit Nellie, einer meiner Wohngenossinnen, mache ich Ausflüge.
Die Fähren, von denen man die tollsten Ausblicke auf die eindrückliche, aus verschiedenen Epochen stammende, oft direkt am Wasser gelegene Istanbuler Architektur hat, haben es uns besonders angetan. Gigantisch, der Personen- und Warenverkehr, der sich hier auf dem Wasser abspielt.

Einmal, im Zug nach Sapance, das etwa zwei Stunden Fahrt von Erenköy entfernt an einem See liegt, fallen unsere Blicke auf zwei Männer, die, während sie sich unterhalten, heftig mit den Händen gestikulieren und es für das Normalste auf der Welt zu halten scheinen, von Zeit zu Zeit die Hand auf dem Oberschenkel des Partners liegen zu lassen. Ob das unter Schweizern auch vorkomme?, fragt Nellie. Eher nicht. Und in Australien? Wenn das einer machen würde, würde ihm der andere eine scheuern.

Wie wir wohl auf die Türken wirken? Gehen wir in ein Lokal, so geht Nellie sofort zum Fenster und reißt dieses auf. Ob es nun draußen kalt ist, ob es andere Leute im Lokal hat, spielt dabei keine Rolle. Eindeutig zwanghaft, sage ich. Wegen dem Rauch, antwortet sie.

    Geht das in Ordnung, wenn wir in einer Viertelstunde kurz das Klassenzimmer verlassen, damit wir essen können?, fragen mich ein paar Studenten des Abendkurses. Ich gucke wohl einigermaßen verblüfft und so beeilen sie sich zu erklären, sie würden seit Sonnenaufgang fasten und erst bei Sonnenuntergang wieder essen und trinken. Wir gehen alle in die Küche, wo wir, die ganze Klasse, nicht nur die Fastenden, essen und trinken – ich werde jedes Mal ganz selbstverständlich mit eingeladen.

Das ist meine erste Begegnung mit Ramadan, die zweite ereignet sich am folgenden Tag, als ich abends gegen fünf eine sehr, sehr lange Menschenschlange vor meinem Brotladen warten sehe – in dieser Zeit wird ein spezielles Fladenbrot gebacken, dass offenbar alle haben wollen. Und was fällt während des Ramadan sonst noch auf? Einige Kolleginnen reden davon, dass die Studenten nicht bei der Sache seien, wohl ständig ans Essen dächten. Mir selber scheint, es habe in dieser Zeit mehr Bettler (bis auf einen Mann habe ich nur Frauen gesehen) auf den Straßen. Dass überhaupt Bettler zu sehen sind, verwundert mich; in einer Kultur, in der die Gemeinschaft und nicht die individuelle Verantwortung betont wird, hatte ich mir vorgestellt, es gäbe das nicht.

Woran würde ich, wenn ich nicht wüsste, dass ich mich in Istanbul in einer muslimischen Kultur aufhalte, dies merken? Vielleicht daran, dass es viele Moscheen gibt? Oder daran, dass ich in den Kaffeehäusern, an denen ich spätabends vorbeikomme, ausschließlich Männer beim Kartenspiel sehe? Oder vielleicht daran, dass die Menschen, die ich um Auskunft frage, alle ausgesprochen zuvorkommend und hilfsbereit sind?

   Keiner meiner Studenten trägt Schnauz, keine der Studentinnen Kopftuch, doch fast alle rauchen. Ich bin in einer Weltstadt und die Leute wirken auf mich so unterschiedlich wie Leute in einer Weltstadt eben sind. Obgleich: im Vorortszug, den ich oft nehme, kommt es mir manchmal vor, als ob jeder einzelne Mann einen Schnurrbart und jede einzelne Frau ein Kopftuch trüge.

Was auffällt: An fast jeder Ecke findet man einen Frisiersalon (haben die Türken vielleicht einen stärkeren Haarwuchs als andere?) oder eine Apotheke (ein Arztbesuch koste mehr als der Gang zum Apotheker, der oftmals genau so gut helfen könne, wird mir gesagt), sehr oft sieht man auch Kleinlaster, die Früchte zum Verkauf anbieten. Erstaunt bin ich auch über die vielen, offenbar herrenlosen, Katzen und Hunde, letztere häufig im Rudel, auf den Straßen, nicht zuletzt, weil sie alle gut genährt scheinen. Ich erwähne dies in einer meiner Klassen und ernte Erstaunen, dass mich das erstaunt. Dass man sich der frei herum laufenden Tiere annimmt, finden alle normal. Sie führe immer Hunde- und Katzenfutter im Kofferraum ihres Autos mit, sagt eine junge Frau.

Was auch auffällt: An vielen metallenen Gartenzäunen kann man Plastiktüten mit altem Brot hängen sehen. Das sei für die Zigeuner, sagt Volkan, die würden sie dann einsammeln. Und in der Tat kann man da, wo ich wohne, ab und zu einen von einem Pony gezogenen Wagen sehen, dessen Mitfahrer diese Tüten mitnehmen.

    Volkan habe ich im Internet-Café kennen gelernt. Der Betreiber des Cafes, den ich gerade was gefragt hatte, verstand kein Englisch. Ob ich Deutsch verstehe?, bot Volkan seine Hilfe an. Er ist in Köln geboren, kam mit elf Jahren nach Istanbul zurück und war seither keiner deutschen Sprachumgebung mehr ausgesetzt, weshalb er jetzt Wörter wie 'kommunikieren' und 'finanzlich' benutzt. Anfang dreißig ist er, 1994 hat er sich an der Istanbuler Universität für Geophysik eingeschrieben (wofür er 32 Passfotos einreichen musste), das Studium zuerst wegen Jobs und dann wegen dem Militär längere Zeit unterbrochen, ist jetzt wieder immatrikuliert und hofft, demnächst seinen Abschluss zu machen. Er lebt bei seinen Eltern, lädt mich zu sich nach Hause ein. Ab und zu gehen wir miteinander spazieren. Er liebt es, in die verschiedensten Geschäfte auf einen Schwatz reinzugehen. Ob das typisch türkisch sei? Auf jeden Fall, lacht er.

Ob er eine Freundin habe? Nein, leider, das sei in der Türkei anders als im Westen, hier seien die jungen Frauen darauf aus, zu heiraten. Sicher, Beziehungen wie im Westen gebe es auch, doch eigentlich nur bei den Besserverdienenden.

Beim Fußballspiel Schweiz/Türkei ist es zu Ausschreitungen gekommen. Spiegel online führt auf, was die schweizerischen und die türkischen Zeitungen darüber berichten. Die Schweizer Zeitungen schreiben, die Schweizer seien im Recht, die türkischen behaupten dasselbe von den Türken. Was ich davon halte? werde ich gefragt. Ich wisse nur, wie sich die jeweilige Landespresse äußere, antworte ich, zudem hätte ich kein Interesse an der Geschichte und wolle mich auch nicht nationalistisch vereinnahmen lassen. Der Fragesteller scheint ob meiner Antwort enttäuscht. Und hakt nach: wer denn jetzt Recht habe? Ich wiederhole, was ich bereits gesagt habe.

Von einer Schweizer Deutschlehrerin höre ich, dass sie und ihr türkischer Freund (beide interessieren sich nicht für Fußball), sich dieses Spiels wegen heftigst gestritten hätten.

    Ekrem, von Haus aus Ingenieur, wird in Kürze eine Stelle als Manager eines Sportklubs antreten. Er habe früher zum Nationalteam gehört, sagt er. In welcher Disziplin? Eigentlich habe er alles geworfen, was man werfen könne, doch Spitze sei er vor allem im Kugelstoßen gewesen..

Ekrem ist ein stämmiger Mann, Typ gutmütiger Bär, so um die einsfünfundachtzig. Ob er seine Geschäftspartner, wie es die türkische Sitte gebiete, immer zum Essen einlade? "Not always", lacht er, "between usually and sometimes".

Eines Morgens, als meine Zeit in Istanbul sich dem Ende zuneigt, bemerkt er das Berlitz-Plakat an der Wand. Es ist ein altes, eingerahmtes Bild, das Städte aufführt, in denen Berlitz offenbar einmal Schulen betrieben hat. Erwähnt ist auch Konstantinopel, und als Ekrem das sieht, sagt er seltsam aggressiv, das gehe nicht, das sei gegen das Gesetz, die Bezeichnung Konstantinopel sei nicht erlaubt, er werde mit der Direktion sprechen. Ich bin ganz verblüfft, meint er das ernst? Ich frage nach: Ja, das tut er.

Es ist dies nicht das erste Mal, dass ich stutzig werde, mich frage, ob die Istanbuler nicht eben doch mehr mit der Türkei, und damit dem nationalen Stolz, zu tun haben, als ihnen vielleicht bewusst (und möglicherweise lieb) ist.

    Ganz schnell scheint man hier beleidigt, ganz heftig folgt darauf die Reaktion. Und zwar von Leuten (nein, nein, nicht von allen), mit denen man sich doch gerade noch scheinbar ganz unkompliziert über Gott und die Welt hat unterhalten können und die einem die ganze Zeit über derart 'normal' vorkamen, dass man sich schon gefragt hat, ob die denn eigentlich gar nichts Türkisches (auch wenn man nicht hätte sagen können, was das denn nun genau sei) an sich hätten.

"Weißt Du", sagt mir Ende November, kurz vor meiner Abreise, Andres, ein mit einer Türkin verheirateter kubanischer Musiker, mit dem ich mich ab und zu im Internet-Café treffe und mit dem mich unter anderem verbindet, dass ich sein kubanisches Spanisch verstehe, "weißt Du, die Türken, die sind nicht wie wir."
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(Ausdrucken?)

...Erstveröffentlichung unter dem Titel "Als Gastarbeiter in Istanbul"
in "Die Gazette", München, März 2006.


 

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