Guter Markt, böser Welt-Markt?
Zehn Thesen gegen eine falsche Alternative

Der Markt ist einfach die Lösung. Die Interessen der Warenbesitzer/-innen werden
zum Naturgesetz erklärt. Was zumindest fehlt, ist eine Debatte darüber, ob es überhaupt
sinnvoll ist, den lokalen gegen den globalen Markt in Anschlag zu bringen. Anhand von
zehn häufigen Argumenten für den lokalen Markt möchte Andreas Exner zeigen, warum sich die
gängige Weltmarkt-Kritik "in den Grenzen des polizeilich Erlaubten und des
logisch Unerlaubten" (Marx) bewegt.

von Andreas Exner


Erstes Argument:

"Große Wirtschaftsräume beruhen auf der Wachstumslogik"

Erste These:

Alle Märkte beruhen auf der Wachstumslogik

Für den Markt wird nur produziert, was Gewinn bringt. Und die Konkurrenz zwingt dazu, möglichst billig zu produzieren. Wer am Markt überleben will, wird den Gewinn tunlichst in neue Maschinen re-investieren, um die Produktivität zu erhöhen. Dieser Wettlauf verbilligt die Waren beständig und setzt Arbeitskräfte frei. Jede Produktivitätssteigerung verlangt eine Ausweitung des Warenausstoßes, sonst werden netto Arbeitsplätze eingespart. So steigen dann auch Ressourcenverschleiß und Umweltverbrauch.


Zweites Argument
:

"Je größer der Markt, umso schlimmer die Verteilungsungerechtigkeit"

Zweite These:

Die Verteilung des Reichtums am Markt ist immer "ungerecht"

Mit wachsender Produktivität können sich die Erwerbstätigen zwar um dasselbe Geld immer mehr leisten – die Waren werden ja immer billiger – allerdings sinkt ihr Anteil am gesamten Reichtum, weil die Gewinne niemals zur Gänze umverteilt werden können (1). Das einzelne Tortenstück wird zwar immer fetter, aber der Anteil am gesamten Kuchen wird immer kleiner. Somit verlieren die Erwerbstätigen beständig an Reichtum und Einfluß, ganz gleich wie "groß" der Markt ist. Die sogenannte "Verteilungsgerechtigkeit" hängt übrigens am Tropf des Wirtschaftswachstums. Was der Staat den Unternehmen abzwackt, müssen sie natürlich durch Produktivitätssteigerung wettmachen.


Drittes Argument
:

"Große Wirtschaftsstrukturen sind Arbeitsplatz-Zerstörer"

Dritte These:

Alle Märkte machen Arbeitskraft tendenziell überflüssig (siehe 1.These)

Abgesehen davon: Unsere Wirtschaft ist für uns Menschen da, nicht umgekehrt! Da ist es doch ziemlich seltsam, der Wirtschaft die Zerstörung von Arbeitsplätzen vorzuhalten. Ist das Ziel der Arbeit nicht, dass sie weniger wird? Oder arbeiten wir nur, um zu arbeiten? Unsere Gesellschaft ist ja kein Arbeitslager! …oder etwa doch? Und wem und wofür dient unsere Arbeit eigentlich? Warum müssen eigentlich alle Menschen immerzu be-schäftigt sein? Um sie von selbstbestimmter Tätigkeit abzuhalten? Klar: Unter derzeitigen Bedingungen muss arbeiten, sprich Geld verdienen, wer über die Runden kommen will. Aber müssen wir deshalb gleich kritik- und widerstandslos in den Unglückschor des Sisyphus einstimmen?


Viertes Argument
:

"Große Märkte sind das Ende des freien Wettbewerbs"

Vierte These:

Im Namen der Nachhaltigkeit, des guten Lebens und der Solidarität das Ende des freien Wettbewerbs zu beklagen, ist so sinnvoll, als wollte man den Teufel mit dem Beelzebub austreiben.


Fünftes Argument
:

"Der Weltmarkt ist das Ende der Demokratie"

Fünfte These:

Markt und Demokratie – verstanden als soziale Selbstorganisation bewußter Menschen – sind unvereinbare Gegensätze. In einer Marktgesellschaft muß sich alles den blinden Gesetzen von Warentausch und Gewinn unterordnen. Dringende ökologische Maßnahmen wie die Schrumpfung der aufgeblähten Warenproduktion stoßen an die absoluten Schranken des markt-möglichen. Dass der Markt nicht demokratiefähig ist, war dem altliberalen Paradeökonomen Adam Smith klarer als der gängigen Weltmarktkritik. Kapital hieß bei ihm "Kommandierte Arbeit" (commanded labour).


Sechstes Argument
:

"Im globalen Wettbewerb werden Staaten zu Standortskonkurrenten und Standortsgegnern"

Sechste These:

Der Markt ist der institutionalisierte Überlebenskampf

Und kein Markt ist ohne Staat. Historisch gesehen war der neuzeitlich- moderne Staat immer der wichtigste Fürsprecher des Marktes, denn er ist völlig von ihm abhängig. Ohne Konkurrenz und Wachstum gibt es keinen funktionierenden Markt, ohne Markt gibt es keine Steuern und ohne Steuern ist kein Staat zu machen. Der Staat steht daher nicht "über den Dingen". Wie sollte er? Vielmehr konkurriert er notgedrungen mit anderen Volks-Wirtschaften um Weltmarktanteile für seinen wachsenden Warenausstoß. Natürlich kann er zeitweise Allianzen bilden, aber Unternehmen fusionieren schließlich auch. Fazit: Genausowenig wie es ein "Weltunternehmen" geben kann, kann es einen "Weltstaat" geben. UNO oder WTO erhalten ihre vermeintliche Macht nur nach Gutdünken der tonangebenden Nationalstaaten. Die Musik macht hier die Konkurrenz.

Zur Erinnerung: Die angebliche internationale "Kooperation" der Sechziger (Stichwort: Bretton Woods-Verträge) hielt genau so lang, wie die USA unangefochtene Weltmarktführer waren. Die "Entwicklungshilfe" floß genau so lang, wie der Systemfeind "Ostblock" existierte. Den Sozialstaat gab es so lange, als der staatlich organisierte Massenkonsum das adäquate Mittel zur Sicherung der Gewinne war.


Siebentes Argument
:

"Weltmarkt ist Bereicherung auf Kosten von Volkswirtschaften" (2)

Siebente These:

Der Markt ist immer eine Bereicherung von Menschen auf Kosten anderer Menschen

Anders ist Gewinn und damit Markt nicht denkbar. Der Marktgewinn entsteht ja nicht aus Arbeit der UnternehmerInnen. Die haben vielmehr genug Geld, um aus weniger Geld mehr Geld zu machen, indem sie es in einen Betrieb investieren oder das eine Bank erledigen lassen. Alle anderen müssen dagegen ihre Lebensenergie verkaufen, sprich arbeiten gehen.
Wo kommt nun aber der Gewinn her? Aus Raub oder Betrug stammt er nicht – das wäre illegal und insgesamt ein Nullsummenspiel. Gibt's also nur eine Möglichkeit: Der Lohn bezahlt nicht die geleistete Arbeit. Denn die müßte ja genau so viel Wert sein wie die Arbeitsprodukte, was aber keinen Gewinn übrigließe. Vielmehr deckt der Lohn nur die Lebenshaltungskosten der Erwerbstätigen. Damit sie die einspielen, genügt aber eine viel kürzere Zeit, als sie tatsächlich arbeiten müssen – der Gewinn ist geboren.


Achtes Argument
:

"Die Großkonzerne machen eine globale Mono-Kultur"

Achte These:

An der Mono-Kultur sind nicht die Großkonzerne schuld

Es ist vielmehr das Grundgesetz des Marktes, alles und alle über einen Kamm zu scheren. Im Tausch werden die ungleichen Produkte als Gleiche behandelt. Am Markt sind Tretminen und Tanzveranstaltungen, Herbizide und menschliche Arbeitskraft nur mehr unterschiedliche Mengen des qualitativ immer gleichen "wirtschaftlichen Werts", ausgedrückt in Geld. An der Wurzel des Marktes steht also das lebensbedrohliche Prinzip, alles aus-Tausch-bar, quantifizierbar, ver-Gleich-bar, sprich gleich zu machen. So saugt der Markt beständig Lebensenergie (Arbeitskraft) ein, die sich in Geld-Gewinn verwandelt, der neue Lebensenergie kaufen muß, um sich in immer mehr Geld zu verwandeln – ansonsten gibt's ne Wirtschaftskrise, Sisyphus läßt grüßen. Also: wenn das nicht Mono-Kultur ist, was dann? (3)

Übrigens: Der Inbegriff an Mono-Kultur ist immer noch der "blühende" Sozialstaat der fünfziger, sechziger und siebziger Jahre. Den genormten und staatlich durchorganisierten Massenkonsum hat ja erst der Sozialstaat erfunden. Nach dem arbeitswütigen Autofabrikanten Henry Ford heißt die Sozialstaats-Periode in der Wissenschaft auch nicht umsonst "Fordismus" ...wohl bekomm's!


Neuntes Argument
:

"Der Weltmarkt mindert die Produktqualität"

Neunte These:

Alle Märkte tendieren zur Qualitätsminderung ihrer Produkte

Das ist ein alter Hut. Karl Marx berichtet schon in der Mitte des 19.Jahrhunderts darüber. Klarerweise kommt dieser betrübliche Umstand daher, dass die Produktion von Waren nicht der Befriedigung menschlicher Bedürfnisse dient. Ihr Zweck ist vielmehr die Vermehrung von Geld (deshalb wird ja auch nicht produziert, wenn kein Gewinn herausschaut). Dafür braucht es zwar Konsum und Arbeitskraft, aber keine Lebensqualität.


Zehntes Argument
:

"Weltmarkt schafft Anonymität"

Zehnte These:

Wurzel der Anonymität ist die Marktwirtschaft als solche

Und die hat herzlich wenig mit einem entspannten Besuch am sonntäglichen Bauernmarkt zu tun. Am Markt zählt nur, wer Geld hat. Und Geld zählt nur, wenn dafür gearbeitet wird. Und gearbeitet wird nur, wenn in der Produktion mehr Geld für die Unternehmen herausschaut, als sie hineinstecken. Wer sind also diese Menschen, die sich da am Markt treffen? Behälter von Arbeitskraft und Träger von Geld! Nur weil sich alle in dieser anonymen Maskerade gleich gelten, können sie sich am Markt überhaupt gegeneinander und gegen ihre Waren gleich-gültig aus-Tausch-en. Bewußt und solidarisch handelnde Menschen, die auf Eigenständigkeit und Persönlichkeit Wert legen, würden sich keine Marktwirtschaft antun.


Fazit:


    Eine Kritik des Weltmarktes ist bitter nötig. Sie kann aber nicht im Gegenzug den lokalen Markt als Lösung anbieten. Marktwirtschaft ohne Weltmarkt ist ein Hund mit Kiemen, die "nachhaltige Marktwirtschaft" eine verantwortungslose Illusion. Realistisch wäre es vielmehr, nach Alternativen zu suchen. Daher ist ein Plädoyer für mehr lokales Wirtschaften uneingeschränkt zu begrüßen, solange es um soziale Selbstbestimmung und globale Solidarität geht. Es ist aber nicht möglich, dafür auf die verstaubten Formen marktwirtschaftlicher Produktion und traditioneller Politik zu setzen.

Die überholte Forderung nach einer demokratischen Regulation des Marktes zeugt nicht vom Vertrauen in die Gestaltbarkeit der Gesellschaft, sondern vom genauen Gegenteil: Einem unerschütterlichen Glauben an den Markt und seine Religion. Das aus der Pistole geschossene Argument, eine Alternative jenseits von Warentausch und Geld sei unnötig, unmöglich oder undemokratisch, sagt genau das. Anders als die gängige Weltmarktkritik glaubt, ist der Markt aber kein Naturgesetz. (4)

Es ist gut, sich darüber klar zu werden: Wir befinden uns nicht in einer Konjunkturkrise, die mit Staatsausgaben, politischen Eingriffen oder moralischen Appellen in den Griff zu kriegen wäre. Wir befinden uns vielmehr in der Krise eines ganzen Zivilisationsmodells, dessen Folgen heute endgültig unerträglich werden. Die Kritik der Politik, der Parteien, des Staates und der Unternehmen ist zwar dringend nötig. Eine nachhaltige Lösungsstrategie kann aber nur die schrittweise Befreiung aus der alles beherrschenden Irren-Logik von Geld-Wert, Erwerbs-Arbeit und Waren-Tausch sein. (5)


Anmerkungen:



(1) Eine Umverteilung von Unternehmens-Gewinnen gab es bisher nur in Ansätzen in den sechziger Jahren.

(2) Ungewollt stützt das Argument den Nationalismus und ähnliche Ressentiments. Natürlich ist es viel bequemer, nach persönlichen Schuldigen "irgendwo anders" zu suchen, anstatt sich zu fragen, welchen Irrsinn wir uns alle gemeinsam antun, indem wir uns tagtäglich der "Diktatur von Geld und Zeit" (=dem Markt) unterwerfen. Man darf dann weiterwursteln wie bisher und verschafft sich wenigstens emotionale Erleichterung. Der Hausverstand findet die "Schuldigen" für sein Elend dann gemäß der politischen Einfärbung: Ausländer, Politiker, Beamte, Juden, Intellektuelle, Arbeitslose, Spekulanten, Kapitalisten, Großkonzerne, Banken, Amerikaner, WTO, EU.

(3) Für Interessierte: Ich beziehe mich auf die Marx'sche Wert- und Geldtheorie. Sie ist das Herzstück von Marx' Lebenswerk, der Kritik der Wirtschaftslehre. Marx' Werttheorie ist eine Kritik sowohl der "objektiven" Arbeitswerttheorie von A.Smith, D.Ricardo und des traditionellen "Marxismus" als auch der "subjektiven" Werttheorie (Grenznutzentheorie). Die akademische Ökonomie übrigens fand bis heute nicht heraus, was der wirtschaftliche Wert und damit das Geld eigentlich ist. Auch die Grenznutzentheorie des Werts (=Marginalismus) war ein theoretischer Fehlschlag und ist heute passé. Die UniversitätsökonomInnen haben keine Wert- und keine Geldtheorie, womit sich die amüsante Situation ergibt, dass eine ganze Wissenschaft nicht weiß, wovon sie eigentlich redet. Einführende Literatur: "Gesellschaftlicher Fortschritt heute heißt Aufhebung der Arbeit", L.G.Bergemann, Trend 7/8, 1999 (www.trend.partisan.net); "Schwarzbuch Kapitalismus", R.Kurz 2001; Weiterführende Literatur: "Das Kapital.doc", E.Altvater/R.Hecker/M.Heinrich/P.Rinkel- Scharping, 2000; "Die Wissenschaft vom Wert", M.Heinrich, 1999.

(4)Es ist paradox: die übliche Weltmarktkritik verkennt gleich zwei Fakten auf einen Schlag: Erstens, dass Geld und Warentausch nur historisch gewordene Denkmuster sind und der Markt deshalb keine ewige Grundbedingung menschlicher Kultur ist. Zweitens, dass der Markt einer bewußten Gestaltung der Gesellschaft fundamental widersprechen muß. Sein Wesen ist ja gerade seine bewußt-lose Quasi-Naturgesetzlichkeit. Das ist ja auch der Grund, warum die ökonomische Wissenschaft überhaupt von den "Gesetzen des Marktes" sprechen kann – ganz so, als wäre das Marktgeschehen nichts anderes als der Lauf der Planeten oder die Bewegung von Atomen. Der bewußt ge-Plan-te Markt (=Warentausch) ist aus diesem Grund ein Unding, wie nicht zuletzt der Ostblock bewies. Schon der große Sozialstaats-Ökonom J.M.Keynes ahnte das: Zwar meinte er, dass in einer krisenfreien, gerechten Marktwirtschaft letzlich der Staat die Investitionen planen müsste. Aber leider konnte auch er nicht sagen, wie das anders als nach der Methode "Ostblock" gehen sollte (die er ablehnte). Geld und Warentausch sind sehr tief eingegrabene und institutionell fest verankerte Denkformen. Für diese Denkformen sind wir zwar selbst verantwortlich. Sobald wir aber uns selbst zur Ware "Arbeitskraft" erniedrigen und damit unser Leben den Gesetzen des Warentausches überantworten (wie das seit rund 200 Jahren geschieht), entfalten sie ihre eigene Logik, die nicht mehr gestaltet, sondern nur kreativ aufgehoben werden kann.

(5) Wie das aussehen kann ist z.B. nachzulesen in: "Weltgesellschaft ohne Geld", N.Trenkle, Krisis 18, 1996 oder "Antiökonomie und Antipolitik", R.Kurz, Krisis 19, 1997 (beide auch unter www.krisis.org abzurufen). Mit Vorbehalten sei auch auf das leicht lesbare Buch "Globalisierung von unten", M.Mies, 2001 verwiesen.


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