"Im letzten Anzug gibt es keine Taschen"


Marko Feingold, der Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde Salzburgs, im Aurora-
Gespräch über die jüdische Totenkultur, die Wiedergutmachungszahlungen
und die latente österreichische Judenfeindlichkeit.

Das Interview führte Markus Murauer



(c) privat

Hofrat
Marko M. Feingold

wurde am 28. Mai 1913 in Neusohl, damals K. K. Österr.-Ungarische Monarchie, heute Slowakei, geboren, besuchte in Wien die Volks- und Unterrealschule, wurde kaufmännischer Lehrling und legte die Kaufmannsgehilfenprüfung ab. Danach war Feingold mehrere Jahre als Handelsangestellter und Reisender im In- und Ausland tätig.

Im März 1938 nach dem "Anschluß" mußte er Österreich verlassen, ging in die Tschechoslowakei und wurde am 6. Mai 1939 in Prag von der Gestapo verhaftet.

Feingold: "Ich ging durch mehrere Gefängnisse, kam 1941 in das KZ Auschwitz, von dort in das KZ Neuengamme bei Hamburg, dann in das KZ Dachau und in das KZ Buchenwald, wo ich am 11. April 1945 von den Amerikanern befreit wurde. Am 18. Mai 1945 konnten die ersten Österreicher in die Heimat zurückkehren. Bei der Demarkationslinie an der Enns gab es Schwierigkeiten, so fuhren wir wieder westwärts. Bei einem Stopp in Salzburg blieb ich mit einigen anderen ehemaligen Häftlingen in der Stadt. Einige Tage nach meiner Ankunft übernahm ich die Leitung der Küche für politisch Verfolgten, bald danach half ich jüdischen DPs [Anm.: "displaced persons"] bei der Flucht über die Alpen.

1948 gründete ich mit Eduard Goldmann, der auch aus dem KZ Buchenwald kam, ein Modengeschäft und war bis zu meiner Pensionierung 1977 in diesem Geschäft tätig.

Bald nach meiner Pensionierung wurde ich wieder Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde, halte Vorträge vor Schülern, Studenten, Journalisten und in Bildungsheimen. Genauer habe ich mein Leben in dem Buch 'Wer einmal gestorben ist, dem tut nichts mehr weh' beschrieben."

 

(c) Markus Murauer
Jüdischer Friedhof in Prag

 

(c) Markus Murauer
Jüdischer Friedhof in Prag (II)

 

 

 

 

Aurora-Magazin: Herr Feingold, welche Aufgaben hat der Präsident einer Israelitischen Kultusgemeinde?

Feingold: Die Aufgabe des Präsidenten ist es, die Kultur, die Religion, die Wirtschaftlichkeit einer jüdischen Gemeinde zu erhalten; auch die Ordnung, das Recht, dieses alles zusammen. Es muss der Religionsunterricht für Kinder durchgeführt werden, es muss die Religion an den Feiertagen abgehalten werden, also beaufsichtigt werden, das ist alles die Pflicht des Kultuspräsidenten.

Aurora-Magazin: Also keine reine Repräsentationstätigkeit?

Feingold: Wie Sie sehen, ist es nicht bloß Repräsentationstätigkeit, sondern es ist Schulung oder es ist, so wie jetzt, dass jemand zu einem Interview kommt. Viele Leute wählen Maturaarbeiten über die jüdische Religion oder sonst irgendetwas. Da muss man immer mit Rat und Tat zur Seite stehen. Für mich persönlich war es auch immer wichtig, über die Verbrechen der Nationalsozialisten an den Juden zu sprechen. Bis zum heutigen Tag habe ich oft über dieses Thema referiert, an Schulen usw.

Aurora-Magazin: Wie lange wollen Sie dieses Amt noch ausüben?

Feingold: Ich bin nach wie vor Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde. Seit mehr als 20 Jahren. Man kann sich umschauen. Es gibt in den nächsten Jahren einen neue Wahl, aber es gibt niemanden, der meine Stelle übernehmen könnte. Es ist von den Altösterreichern kein einziger mehr am Leben. Alle Juden, die hier leben, sind durchwegs solche, die nach 1945 als Flüchtlinge nach Österreich gekommen sind. Sie sind wohl österreichische Staatsbürger, das wird man ja automatisch nach 10 Jahren, aber gebürtige Österreicher natürlich nicht.

Aurora-Magazin: Gibt es eigentlich noch ein religiöses Leben in Salzburg?

Feingold: Ja, wir sind, neben Wien, die einzige Gemeinde in Österreich, die noch öffentlich den Gottesdienst aufrecht erhält, in den anderen Bundesländern gibt es zwar auch Kultusgemeinden, die haben aber zu wenig Leute, um den Gottesdienst am Sabbat und zu den hohen Feiertagen durchzuhalten.

Aurora-Magazin: Wieviele Mitglieder hat die Kultusgemeinde Salzburg?

Feingold: Es schwankt zwischen 60 und 80, es gibt einige, die nicht gemeldet sein wollen, die sich aber als Juden bekennen. Das sind ein paar ältere Leute.

Aurora-Magazin: Die Kultusgemeinde definiert sich als religiöse Gemeinschaft?

Feingold: Ihr Zweck ist es, das Religiöse zu erhalten. Alles wie früher. Wir haben unsere Statuten seit 1890 und nach diesen Statuten leben wir und führen wir die Gemeinde.

Aurora-Magazin: Und diese Statuten sehen vor, dass es vor allem eine religiöse Gemeinschaft ist?

Feingold: Ja, nur war bis 1938 die Tätigkeit einer Kultusgemeinde umfangreicher. Die Nationalsozialisten haben dann Schluss gemacht, dass religiöse Gemeinschaften, auch die Kirche, das Geburtenregister selbst geführt haben. Das ist an die jeweilige Gemeinde übertragen worden. Das ist hier z.B. das Matrikelamt der Stadt Salzburg, dort müssen alle Geburten heute gemeldet werden. Heute werden nur die Toten von uns geführt, die eben am jüdischen Friedhof begraben werden.

Aurora-Magazin: Damit kommen wir zu einem Hauptpunkt dieses Gesprächs. Die Totenkultur im Judentum unterscheidet sich doch wesentlich von der christlichen Totenkultur...

Feingold: Ja, erstens einmal ist es so, dass man sich sofort bemüht um den Verstorbenen: Wenn die Ursache des Todes nicht eruiert werden kann, ist es eigentlich Vorschrift, dass seziert werden muss. Juden sollen aber nicht seziert werden, d.h. es wird sofort der Arzt ausfindig gemacht, der ihn behandelt hat, der dann bestätigen kann, ja er hat z.B. an Herzschwäche gelitten. Man versucht zu erreichen, dass der Tote nicht geöffnet wird. Dann kommt dieser auf den Friedhof. In unserem Glauben soll die Beerdigung innerhalb von 24 Stunden durchgeführt werden. In Österreich haben wir aber ein Gesetz, wonach eine Leiche eine gewisse Zeit liegen muss, ehe sie freigegeben wird, vom zuständigen Amtsarzt. So findet die Beerdigung zumeist am nächsten Tag, spätestens zwei Tage später statt.
Zum System: Im Judentum gibt es in jeder Gemeinde einen Beerdigungsverein, wo es sich einige Leute aus religiösen Gründen, nicht aus finanziellen, zur Ehre machen, den Toten zu waschen und einzukleiden. Im Judentum gibt es das Sprichwort: Im letzten Anzug gibt es keine Taschen. Das ist im Judentum, im Gegensatz zum Christentum, tatsächlich so. Denn der Tote, Mann oder Frau, bekommt eine weiße Leinenhose und eine weiße Jacke, und die hat wirklich keine Taschen. Im Christentum ist mir bekannt aus Streitigkeiten, die sich hinterher ergeben, wenn man so a Leich schön einkleidet: „Grod den Anzug hobts erm gebn, den hätt i gern wolln!" [Lachen] – Ist einmal vorgekommen. Also da hat er Taschen. Bei uns hat er wirklich keine Taschen. Dann soll die Leiche nicht unbeaufsichtigt sein. Man soll sie nicht allein lassen, es soll also eine Art Totenwache bei dem Toten da sein.

Aurora-Magazin: Die ganze Zeit über?

Feingold: Die ganze Zeit über. Nun ist sie ja kurz, es ist ja nicht wie bei euch, dass er, was weiß ich, 8 Tag, 14 Tag liegt, bis man ihn begräbt, sondern bei uns geschieht das gleich am nächsten oder übernächsten Tag. Am Tag des Begräbnisses holen wir den Toten aus der Leichenkammer. Die befindet sich in Salzburg am Friedhof. Dort wird die Leiche in einem Betonbett gewaschen und es werden die anderen Vorkehrungen getroffen.
Der Tote wird dann eingesargt. Wir tragen die Leiche selbst zum Grab. Wir haben wohl einen Totengräber, der die Gruben aushebt. Dann wird ein Gebet verrichtet, dann wird die Leiche versenkt und wir schaufeln die Leiche selbst zu. Es ist für uns auch eine Ehre, dem Toten die letzte Gnade zu erweisen und ihn zu begraben. Unterwegs wird siebenmal stehengeblieben, werden sieben kleine Stationen gemacht, wo immer ein Gebet verrichtet wird. Dann wird er weitergebracht bis zum Grab. Wir versenken ihn selbst. Das ist unsere Ehre dem Toten gegenüber. Egal ob Mann oder Frau.

Aurora-Magazin: Kennt das Judentum Vorschriften, was die Trauer betrifft?

Feingold: Ja, wenn man die Leiche beerdigt hat, müssen die Verwandten nach Hause gehen und dann gibt es eine acht Tage dauernde Trauersitzung. D.h. ohne Lederschuhe hat man zuhause auf einem Holzbrett zu sitzen. Da legt man meistens ein Brett zwischen zwei Stühle. Da sitzen dann die Trauergäste. Acht Tage hindurch haben sie da zu sitzen. Nur wenn ein Sabbat dazwischen ist, wird vom Freitagabend bis zum Samstagabend die Sitzung aufgehoben. Nachher muss man wieder die Trauersitzung weitervollführen, bis die acht Tage um sind.

Aurora-Magazin: Da wird dann dem Beruf auch nicht nachgegangen?

Feingold: Nein, gar nicht.

Aurora-Magazin: Und wird das tatsächlich eingehalten?

Feingold: Ja, von den gläubigen Juden wird das eingehalten.

Aurora-Magazin: Und gibt’s innerhalb der Kultusgemeinde auch Mitglieder, die diese religiösen Riten nicht befolgen, oder sind die dann gar nicht Mitglied der Kultusgemeinde?

Feingold: In der heutigen Zeit ist Folgendes schwierig: Es gibt viele alte Leute. Viele Familien sind total liquidiert worden. Und aus vielen Familien sind so Einzelpersonen irgend wie am Leben geblieben. Haben keine Verwandten. Leben hier. Wenn der jetzt stirbt, dann gibt’s natürlich niemanden für die Trauersitzung. Die Beerdigung wird nach dem jüdischen Ritus durchgeführt, wie bei allen. Nur für die Trauersitzung gibt’s keine nahen Verwandten. Das bezieht sich nur auf nahe Verwandte, Fremde brauchen das nicht zu tun.

Aurora-Magazin: Und junge Juden gibt’s in Salzburg kaum mehr?

Feingold: Wenig, sie konnten nicht Fuß fassen. Die haben keine Verwandten, außerdem Salzburg ist ein spezielles Kapitel, auch das sei Ihnen gesagt. Nach 1945, so wie ich Ihnen schon sagte, sind sehr viele Flüchtlinge nach Salzburg gekommen, haben sich hier Existenzen geschaffen und haben geheiratet, haben Kinder bekommen, die hier Volks-, Hauptschule oder Gymnasium oder Realschule besucht haben. Und als sie in das Alter von 18-20 Jahren kamen, merkten sie, dass es hier noch sehr viel Antisemitismus gibt. Das bezieht sich auf die Jahre so um 1970 herum. Zwischen 1970, 1980. Da spürte man noch sehr stark die Nazivergangenheit in Salzburg. Und jetzt sind die weggezogen. Haben hier noch die Matura gemacht. Sind in die Schweiz, nach England, nach Amerika, nach Israel gegangen und haben sich dort neue Existenzen geschaffen. Und ihre Eltern sind hiergeblieben. Nur die alten Leut. Uns fehlen die zwei Generationen. Die 1950, 1960 Geborenen, die heute 45, 50 Jahre alt wären und Kinder hätten mit 10 oder 15 Jahren. Die zwei Generationen. Wir haben nur die alten Leute mit über 70, 80 Jahren.

Aurora-Magazin: Das heißt früher oder später wird die jüdische Gemeinde aussterben?

Feingold: Da muss ich Sie auf Folgendes aufmerksam machen. Obwohl ich ein sehr liberaler Jude bin und nicht sehr streng religiös lebe: Wenn ich in unserer Geschichte nachschau, sind immer Wunder geschehen. Von irgendwoher sind immer Juden gekommen. Fragen Sie mich nicht, von woher sie kommen könnten. [Lachen] Aber nach unserem Glauben, nachdem das jetzt 5 ½ tausend Jahre so dahingegangen ist. Immer wieder vertrieben, immer wieder zurückgekommen, vertrieben, zurückgekommen. So ist die Geschichte auch in Salzburg immer wieder. Wir haben ab dem Jahr, sagen wir, 1000 in jedem Jahrhundert zwei-, dreimal Vertreibungen der Juden gehabt, und immer wieder sind sie zurückgekommen, und immer wieder entstand jüdisches Leben.

Aurora-Magazin: Aber jetzt sind es keine Vertreibungen, sondern es ist ein natürlicher Riss.

Feingold: Da haben Sie Recht. Es sind keine Vertreibungen. Aber sie müssen zugeben, dass die Öffentlichkeit nicht sehr judenfreundlich eingestellt ist. Und wenn sie die österreichische Politik heute anschauen, die nur zur Maskierung einen Juden als Sekretär, Sichrovsky, beschäftigt.

Aurora-Magazin: Dazu vielleicht später. Ich hätte vorher noch ein paar Fragen zur jüdischen Totenkultur, und zwar zu den Gräbern im Speziellen. Die unterscheiden sich ja auch von den katholischen.

Feingold: Erstens werden die Gräber für ewige Zeiten vergeben. Dafür sind sie vielleicht am Anfang ein bisschen teurer wie am Kommunalfriedhof [Gemeindefriedhof], weil man das für ewige Zeiten hat. Und weil man die Turnusbeträge nicht zu bezahlen hat. Wenn ich am Kommunalfriedhof ein Grab nehme, ist es für die ersten zehn Jahre nicht teuer, aber sie müssen alle zehn Jahre wieder bezahlen. Bei uns ist die einmalige Bezahlung für ewige Zeiten. Das ist das eine.
Das Zweite: Warum keine Blumen? Und warum Steinchen? Also: Blumen deshalb nicht, weil es bei uns nicht üblich ist, dass man täglich auf den Friedhof geht. Blumen müssen von den Frauen aber täglich gegossen werden. Die Steinchen sind aus der Zeit, als die Juden durch die Wüste zogen. Da sind natürlich viele von ihnen verstorben. Der Zug durch die Wüste dauerte etwa 40 Jahre, und da sind viele Leute begraben worden. Im Wüstensand ist es einem wilden Tier sehr leicht, die Leute wieder auszugraben, auszuschaufeln, und da bedeckt man die Gräber mit Steinen. Die heutigen Besucher nehmen dann irgendwo unterwegs ein Steinchen auf und legen’s da hin als Zeichen, dass er da war. Also keine Blumen, sondern Steinchen. Jetzt haben sie viele Gräber mit sehr vielen Steinen, entweder sind’s Persönlichkeiten, die von Leuten besucht werden, oder es gibt Verwandte, weitschichtig Verwandte, die noch leben, dass sie des Öfteren hingehen.

Aurora-Magazin: Mir ist auch aufgefallen, dass mitunter Bäume gepflanzt werden.

Feingold: Die schneid ich raus.

Aurora-Magazin: Hat das keine besondere Bedeutung?

Feingold: Nein, die Leute sind dumm. Die manchesmal darauf hoffen, ich erlaub’s ihnen, "nur ein ganz kleines Bäumchen." Dann kümmert er sich 3, 4 Jahre nicht, derweil ist das eine Riesenstaude, hebt den Grabstein aus, stellt ihn schief, lauter so Sachen.

Aurora-Magazin: Ich dachte, das sei ein besonderes Symbol.

Feingold: Nein, das ist ein Blödsinn. Ruiniert den Grabstein.

Aurora-Magazin: Und die Grabsteine sind im Unterschied zu katholischen Grabsteinen auf der Rückseite.

Feingold: Ja, sagen wir so, wenn man hereingeht in den Friedhof, dass man gleich den Grabstein findet, sonst müsste nach vorne gehen, um zu schauen, wer das ist.

Aurora-Magazin: Das ist die einzige Erklärung?

Feingold: Die einzige Begründung.

Aurora-Magazin: Dann ist mir auch noch aufgefallen, dass viele Inschriften Hebräisch sind.

Feingold: Ja, das hängt vom Religionsgrad oder der Frömmigkeit der einzelnen Personen ab, die den Grabstein Hebräisch beschreiben lassen. Bei sehr Liberalen wieder ist alles auf Deutsch geschrieben oder in Weltsprachen.

Aurora-Magazin: Und es sind kaum Berufsbezeichnungen drauf.

Feingold: Nein.

Aurora-Magazin: Viele Gräber, habe ich festgestellt, sind mit Grabplatten bedeckt.

Feingold: Ja, eben weil keine Blumen sind. Ich bin ja ein Förderer von Grabplatten und Betonumrandungen, weil ich mich dagegen stell, wissen Sie, wenn Sie sich so einmal Bilder im Fernsehen anschauen von Amerika, nicht nur jüdische Friedhöfe, auch andere, da gehen’s mit die Rasenmäher über die Gräber drüber. Dass man nicht über eine Toten mit einem Rasenmäher drüber geht, darum hab ich die Betonumrandungen geschaffen. Es wird dann zwar komplizierter, das Gras zu mähen, aber man geht dann nicht über die Leich.

Aurora-Magazin: Eine Frage der Pietät.

Feingold: Ja, das hat mich gestört, stört mich nach wie vor. Überall gibt es entweder Grabhügel, fahrt man auch mit dem Rasenmäher drüber oder es ist überhaupt flach, dann kann man das schön mähen, nur der Grabstein steht da.

Aurora-Magazin: Bei den alten jüdischen Friedhöfen, z.B. in Prag, da stehen die Grabsteine sehr nahe beieinander.

Feingold: Das hat einen anderen Grund. Der Prager Friedhof ist eine einmalige Ausnahme auf der ganzen Welt. Der Friedhof wurde irgendwann im 14./15. Jahrhundert angelegt. Nun war der Zuzug von Juden nach Prag ziemlich groß. Und die Erweiterung des Friedhofs wurde nicht erlaubt, da blieb nichts anderes übrig, als dass man in die Gräber, die bereits 100, 200 Jahre alt waren, jemanden zugelegt hat. Der alte Grabstein ist stehengeblieben, dann ist ein neuer dazugekommen und womöglich noch ein dritter. Das war die einzige Ursache. Man konnte keine Erweiterung schaffen, sonst ist das bei uns nicht erlaubt, Leichen zuzulegen.

Aurora-Magazin: Und in der Zeit des Nationalsozialismus hat der Friedhof auch Bestand gehabt?

Feingold: Ja. Also der unsrige nicht, der unsrige in Salzburg ist 1940 verkauft worden, an eine Zimmermannsgattin aus Glasenbach ist er verkauft worden, weil der Landeskonservator festgestellt hat, der Friedhof ist nicht erhaltungswürdig. Der muss ein Nationalsozialist gewesen sein, denn sonst hätt er das nicht sagen dürfen. Und so ist der Friedhof verkauft worden, die Frau hat einen Schweinestall eingerichtet, da wo die Leichenhallen waren, da sind sie im Winter drinnen gewesen, sonst sind sie zwischen den Gräbern herumgerennt. Und weil sie gesehen hat, das ist ein bisschen umständlich, hat sie angefangen, die besseren Grabsteine zu verkaufen. Drum finden sie jetzt, wenn Sie auf den jüdischen Friedhof gehen, gleich am Eingang drei Tafeln, wo zirka 100 Namen draufstehen, das sind die fehlenden Grabsteine, die die Frau verkauft hat. Und weil wir 1993 50 ehemalige Salzburger Juden eingeladen haben und weil ich mir gedacht hab, die werden jetzt alle auf den Friedhof gehen und die Gräber ihrer Verwandten suchen, haben sich Land und Stadt entschlossen, diese Platten machen zu lassen von einem Bildhauer, wo die Namen der Juden stehen. Grabsteine hinstellen wär zu teuer gewesen.

Aurora-Magazin: Den vielen Toten aus den Konzentrationslagern wird nur in Form von Gedenkstätten gedacht?

Feingold: Irgendwo, das ist das. Wir haben allerdings zwischen 1945 und 1949, als sehr viele Flüchtlinge durch Salzburg zogen, sehr viele Kindtote gehabt. Und zwar die Frauen waren geschwächt durch die Konzentrationslager, als Flüchtlinge usw. Sie sind wohl schwanger geworden, aber sie haben sehr viele Totgeburten gehabt. Und da haben Sie am Friedhof separat zwei Platten für 80 Kinder. Wenn man bedenkt, in 3 Jahren 80 tote Kinder. In 30 Jahren sind am jüdischen Friedhof vorne drei Reihen Kindergräber gewesen. Da waren 36. 36 tote Kinder in 30 Jahren und 80 in 3 Jahren, da sieht man erst, wie geschwächt die Frauen und Kinder waren. Bei vielen Kindern steht der Familienname und ein N dabei, für "namenlos". Bei uns findet am 8. Tag die Beschneidung statt, da wird der Name gegeben, die sind dazu nicht mehr gekommen.

Aurora-Magazin: Gibt’s in Wien auch einen jüdischen Friedhof?

Feingold: Natürlich. Alte Friedhöfe, aber zumeist wird nur am jüdischen Friedhof in Simmering begraben.

Aurora-Magazin: Sie haben vorhin von der Judenfeindlichkeit in der österreichischen Öffentlichkeit gesprochen. Wie sehr ist diese Ihrer Meinung nach noch verbreitet.

Feingold: Wenn Sie Statistiken befolgen, die besagen, 10 Prozent an Antisemitismus. Wenn Sie mich befragen: 95 % sind Antisemiten.

Aurora-Magazin: 95 %?

Feingold: 95 % in Österreich. Fangen Sie irgendein Gespräch mit irgendeinem Partner an. Fragen Sie weiter, als es die Leute in ihren Fragebögen tun, und Sie werden Antworten wie diese bekommen. " A jüdische Familie als Nachbarn, muss nicht unbedingt sein." „Hast einen Sohn, der möchte a jüdisches Mädchen heiraten, da wär ich schon dagegen." Oder wenn Sie fragen, wie viele Juden könnten in Salzburg Geschäftsleute sein. "A do sind mindestens 30 %." In Wirklichkeit ist es kein Einziger. Oder: Wieviele Bankdirektoren können Juden in Salzburg sein? "Na fast alle!" Nicht ein Einziger, nicht einmal als Hausdiener ist ein Jude ein einer Bank beschäftigt. Ein anderes Beispiel, das Juden als Witz gebrauchen. Es hat immer schon jeder Deutsche gesagt: "I hab an Judn ghobt, der war a so a wunderbarer Mensch." Aber da hätt’s doch in Deutschland 40 Millionen Juden geben müssen, wenn ein jeder Deutsche einen Juden gehabt hat, der so gut war. [Lachen] Wissen Sie, ich muss Ihnen das so sagen, ich will jetzt nicht gegen Österreich sprechen, das ist in ganz Europa so. Wenn man intensiv auf die Leute eingeht, dann finden Sie ein Haar in der Suppe. Nach 5, 6 Fragen, werden Sie feststellen: Ist auch einer! Da wird er irgendeine Antwort geben, wo sie feststellen: Das ist ja schon antisemitisch. Wenn Sie ihn nur befragen: Wie ich von Salzburg gesagt habe. In irgendeinem Berufszweig: Wie viele Juden? Z.B. als Lehrer. Gleich wird er sagen. "Na mindestens 10 % jüdische Lehrer."

Aurora-Magazin: Sie stellen also einen latenten Antisemitismus fest?

Feingold: Der ist da, der ist eingewurzelt, der ist seit 6 bis 700 Jahren von der Kirche dem Volk mit der Muttermilch eingegeben worden. Natürlich ist auch die Kirche heute bemüht, das auszumerzen. Aber das geht nicht von heute auf morgen. Ihre Generation ist weniger auf Antisemitismus eingestellt. Wissen Sie. Und die nächste Generation wird noch weniger sein. Aber wenn Sie bei Ihren Eltern nachschauen, dann werden Sie den Prozentsatz wesentlich höher finden. Und wenn Sie Leute finden, die so alt sind wie ich, 80, 90 Jahre, dann sind alle da, wie sie waren. Das sind die, die die Vorkriegszeit erlebt haben, die die Zeit des Nationalsozialismus erlebt haben. Da ist ihnen ja eingetrichtert worden. Da wollte man ihnen ja beweisen, dass man Recht hatte, dass die Juden asozial sind und dass sie, was weiß ich, Räuber sind usw. Jetzt frag ich Sie: In der heutigen Zeit: Stellen Sie sich vor: Da würd in der Nationalbank der Direktor ein Jude sein. Dass man möchte einen Witz machen. [Lacht] Mein Gott, der ist schon wieder neu. So lässt ein jeder den Liebscher in Ruhe, der soll mit seiner Nationalbank machen, was er will.

Aurora-Magazin: Also gut für die Juden, dass kein Jude Bankdirektor ist?

Feingold: Ja. Naja, für die heutige Zeit, weil man würde für alles schnell einen Juden gefunden haben.

Aurora-Magazin: Nach wie vor?

Feingold: Ja, nach wie vor. Es ist etwas geringer, würde ich sagen, die Meinungsbildung in Österreich ist eine andere geworden, wir haben sehr viele christlich-jüdische Organisationen usw. Aber ab und zu rutscht denen auch irgendwas raus.

Aurora-Magazin: Was halten Sie von dem Treffen jetzt des Ariel Muzikant mit den Landeshauptleuten?

Feingold: Da war ich dabei, vorige Woche in Wien. Die Landeshauptleutekonferenz hat Häupl, Pröll und Haider bestimmt, um mit Muzikant zu verhandeln. Man hat sich auf Entschädigungszahlungen in der Höhe von 250 Millionen Schilling geeinigt, zuerst war von 400 Millionen die Rede. Das Geld soll vorwiegend verwendet werden für die Erhaltung der jüdischen Friedhöfe und der jüdischen Kulturstätten. Jetzt werden Sie fragen: Wie kommen wir dazu, für das ein Geld herzugeben? Nun kommt die Antwort ganz einfach erklärt. Österreich hatte vor dem Krieg 200 000 Juden. Nach dem Krieg gab’s niemanden mehr, der die jüdischen Gräber erhalten hätte. Hätte man die Juden nicht vernichtet oder vertrieben, würden sie ihre Grabstätten und die ihrer Verwandten und auch die ihrer Gemeinde weiterhin erhalten. Nachdem man aber 2/3 vejagt hat, 1/3 umgebracht hat, ist niemand da. Wie soll eine Gemeinde in Salzburg mit 60 bis 80 lebenden Juden einen Friedhof mit 500 Grabstätten beaufsichtigen? Jetzt wird dieses Geld für diesen Zweck verwendet. Wir sind nicht selbst davongelaufen, wir wurden vertrieben, dadurch ist niemand da, der diese Kulturstätten erhalten kann, jetzt muss Geld gegeben werden. Wenn heute ihre Generation kommt, jetzt passen’S gut auf, ich bin nicht, wie soll ich sagen, gegen ihre Generation, sondern ich muss Sie aufklären. Da ist nämlich eine Lücke vorhanden. Ihr sagt’s natürlich: Was haben wir damit zu tun? Wie komme ich dazu, Geld herzugeben? Jetzt gut aufpassen: Nicht Sie, aber Ihre Eltern hatten einen wesentlich besseren Start nach 1945, weil Ihren Eltern es gar nicht so schlecht ging nach einem verlorenen Krieg, weil es waren noch Substanzen da aus jüdischem Vermögen. Im Burgenland, wo es z.B. 100 Synagogen gegeben hat, stehen heute mindestens 30 Feuerwehrhäuser auf "beschlagnahmten" jüdischen Grund. Viele Grundstücke von Juden sind inzwischen "verschwunden". Sind so verschachert worden, dass heute eine Rückstellung gar nicht möglich ist. Gescheite Nationalsozialisten haben 1938/39 diese Grundstücke erworben und 1943/44 gespürt: Es wird ein mieses Ende nehmen. Und sie gschwind verschachert. Damit bei der Rückstellung ihn das nichts angeht. Wer das zum Schluss gehabt hat, war nämlich der Schwarze Peter. Manche jedenfalls. Es sind ja nicht einmal 5 % von diesen Sachen zurückgestellt worden.

Aurora-Magazin: Das wollt ich grad sagen. Die meisten Juden sind um ihren Besitz geprellt worden.

Feingold: Genau, nicht einmal 5 % sind zurückgestellt worden. Und das ist jetzt die Verhandlungsbasis. Ich wollt Ihnen das jetzt nur erklärt haben. Vielleicht noch an einem anderen Beispiel: Nehmen wir einen Bauern her: Stellen Sie sich vor, so ein Bauer hat 3 Söhne. Sie helfen ihm, seine Felder und alles zu bearbeiten. Dann kommt der Krieg, die 3 Söhne werden eingezogen. Hin und wieder bekommt einer Urlaub, hilft ihm. Aber man ist im Endkampf siegreich. Der Bauer kann seine Felder nicht bewirtschaften. Jetzt hat er "freiwillige" Fremdarbeiter bekommen. Kein Einziger ist freiwillig gekommen. Das kann ich Ihnen sagen, weil ich bin mit Leuten dieser Art zusammengekommen im Konzentrationslager. Weil wenn einer nicht gespurt hat, dann ist er gleich im KZ gelandet. Da hat man ihn gefragt, was ist denn: "Ja der Bauer hat mich angezeigt, er hat gemeint, ich arbeite zuwenig." Usf. Jetzt hat er also Fremdarbeiter bekommen. Sicher, für die 3 Söhne hat er auch Arbeiter gebraucht. Und ein Sohn arbeitet mehr wie so ein halbverhungerter Arbeiter. Nichtsdestotrotz: 1945 war der Bauernhof intakt. Es war nicht vernachlässigt. Die Landarbeiter, die seinen Hof im Grunde genommen erhalten haben, sind aber nicht bezahlt worden. Das sind durchwegs Polen und Ukrainer gewesen. Keine Juden. Nicht dass man jetzt, wo diese Leute eine Entschädigung bekommen, meint: "Kriegen schon wieder die Juden." Man hat das so erzählt, man hat nicht geschrieben: Juden ausgeschlossen. Aber es war nicht für Juden, weil unter diesen Landarbeitern gabs nie Juden. Die Landarbeiter waren alle christlich. Und für die war jetzt die Entschädigung. Stellen Sie sich vor: 55 Jahre nachher. 70 % sind schon gestorben. Die kriegen nichts mehr. Und die 30 %, die werden jetzt bestohlen. Denn mit dem Geld, was da zurzeit jetzt ausbezahlt wird, und wo in der Ukraine und Polen Schwindel betrieben wird, weil die Leut Idioten sind, weil sie’s nicht den Betroffenen gegeben haben, sondern über Organisationen an Banken gegangen ist. Man hat Organisationen geschaffen: Die sollen’s verteilen. Und haben das unter sich verteilt. Hirnlos. Die Schaumayer war damit beauftragt. Mehrfach ausgezeichnet für die unordentliche Vergabe. Die Auszeichnungen wurden schneller vergeben als das Geld. Wenn man mich gefragt hätte, hätt ich eine einfache Lösung gehabt.

Aber zurück zum Bauern: Wenn der heute fragt: "Wie komm ich zum Zahlen?", muss man ihm sagen, dass es die Fremdarbeiter waren, die seinen Hof erhalten haben. Die sind nie bezahlt worden. Die haben nichts gekriegt als Unterkunft und ein schlechtes Essen. Man muss sich vorstellen: Die Industrie hat auch diese Fremdarbeiter gehabt. Die waren gleich bereit zu bezahlen, weil sie zugegeben haben... ...nur die Bauern wollten nicht.

Aurora-Magazin: Sind die Industriearbeiter schon früher entschädigt worden?

Feingold: Nein, sie wurden erst im Zusammenhang der Zwangsarbeiterentschädigung berücksichtigt. Hier hat man sicherlich schon mal Gutes geleistet, aber...

Aurora-Magazin: Es spießt sich ja nach wie vor...

Feingold: Es spießt sich jetzt, weil man draufgekommen ist, dass da viel Geld nicht bei den Leuten ankommt, denen’s eigentlich gehört. Die Schaumayer und Delegierte von Österreich sind da nach Polen gefahren, haben dort mit Banken und der Regierung gesprochen: "Wie führen wir die Verteilung durch?" Zu was brauch ich das? Jeder, der in Deutschland gearbeitet hat, hat sein Formular ausgefüllt und eingeschickt. Man hat die Adresse: Gib ihm das Geld! Warum brauch ich dazu eine Organisation, wo Beamte leben davon. Man soll es besser an die Banken überweisen, die Banken sollen das dort im Ort denjenigen zustellen. Hier schafft man Organisationen, die überflüssig sind. Weil gerade jetzt in den letzten zwei Tagen es so aktuell geworden ist wegen der Viehtransporte quer durch Europa. Die von der Europäischen Union gestützt werden. Was brauch i a Schwein aus Norwegen nach Italien runterfahrn. Wissen Sie, ich war viele Jahre Kaufmann. Hab i zur Regierung gehen können: "Sie, mein Geschäft geht nicht gut, gebn’s mir was!" Warum kann das der Bauer. Wenn’s nicht geht, geht’s nicht, soll er was anderes machen. Wissen Sie, da sind bäuerliche Industrien entstanden, weil man gewusst hat, man kriegt einen Zuschuss. Der Zuschuss ist der Gewinn. Das ist alles auf den Zuschüssen aufgebaut. Da werden die Viecher kreuz und quer durch Europa gekarrt. Man ist schon draufgekommen, dass man’s rumgeschickt hat, dass man zwei-, dreimal kassiert hat. Da rein, da raus, dann fahrn wir wieder rein. Man fragt sich wirklich nur: Ja, wissen die das da oben nicht. Die kommen immer 1, 2, 3, 4 Jahre später drauf. Da sind hunderte Millionen verschwunden. "Ja man kann nicht mehr feststellen, wohin die gegangen sind." So ein Blödsinn. Das Geld kann nicht von alleine davonlaufen, das muss schon jemand angreifen.

Aurora-Magazin: Eine andere Frage. Nach dem Krieg hat’s ja Probleme gegeben mit den Unterstützungen für Juden, die aus dem KZ zurückgekommen sind, die haben ja darum kämpfen müssen, überhaupt Unterstützungen zu erhalten, weil ja nur politisch Verfolgte etwas bekommen haben.

Feingold: Das ist richtig. Politisch Verfolgte haben sich organisiert und da hat man dann 1946/47 eine Unterstützung eingeführt...

Aurora-Magazin: Der KZ-Verband?

Feingold: Die KZ-Verbände. Und die Mitglieder konnten sich von Amtsärzten untersuchen lassen, da hat man festgestellt: 30, 40, 50, 60, 70 % Arbeitsunfähigkeit. Und das ist dann mit einem monatlichen Satz entschädigt worden, damals, kann ich mich erinnern, hat das mit 25 Schilling angefangen. Die hätt ich kriegen sollen, dann hat’s geheißen: "Nein, Sie verdienen zuviel, Sie kriegen die 25 Schilling nicht." Das erste Theater. Aber so ist das dann weitergegangen. Das hat sich dann wesentlich erhöht, so wie sich vieles erhöht hat. Dann stellte sich eines Tages, das dürfte so 1955/60 gewesen sein, Folgendes heraus: Heimkehrer, d.h. Kriegsgefangene, die aus Russland oder sonstwelchen Ländern heimgekommen sind, haben auch solche Dinge in Anspruch nehmen können. Haben sich untersuchen lassen: 30, 40, 50, 60, 70 % Erwerbsunfähigkeit nachgewiesen. Und haben einen viel höheren Satz bekommen als die KZler. Sie fragen sich: Sind die wirklich so deppert? Warum schaffen die einen neuen Richtsatz für die Soldaten? 30 % Arbeitsunfähigkeit bei einem KZler und 30 % bei einem Soldaten, was soll den da für ein Unterschied sein. Typisch österreichisch. Außerdem: Sagen Sie, haben Sie jemals gehört, dass man KZler mit Musikkapellen empfangen hat? Aber die Kriegsgefangenen sind mit Musikkapellen empfangen worden. Also, nicht dass Sie jetzt von mir verlangen, ich hätt eine Musikkapelle am Bahnhof wollen. Aber ich will Ihnen nur ein Beispiel geben, wie man in Österreich gewisse Dinge unter den Tisch kehrt. Die einen haben für den Sieg gekämpft und sind empfangen worden nach dem Verlust...

Aurora-Magazin: Sie meinen jetzt die offizielle Haltung Österreichs?

Feingold: Jaja, die Haltung der Regierung. Und das, die judenfeindliche Haltung, hat auch die Geschichte nach 1945 entscheidend mitgeprägt. Das soll Ihnen auch gesagt sein: Wir haben 300 000 eingetragene österreichische Nationalsozialisten gehabt, und es sind vielleicht 5000 Juden und KZler zurückgekommen. Das mit diesen Zahlen haben die Politiker, Figl, ein Helmer usf., angefangen, zu spielen. Die 5000, das war eine kleine Zahl, die 300 000 war eine gewisse Zahl. "Wir müssen schauen, wie man die 300 000 zu Wählern macht, die 5000 lassen wir auf der Seite," haben die Parteien gerechnet. Jetzt hat man begonnen, für die Gruppierungen etwas zu schaffen. So oft irgendetwas notwendig war, ist ein Amnestiegesetz geschaffen worden. Wissen Sie, man hat diese Leute von Anfang an, ich will jetzt nicht grob sein, aber man hat sie nicht einer Strafe zugeführt, die angemessen gewesen wäre. Ich will jetzt nicht sagen: Alle aufhängen; es geht um eine Strafe, die angemessen gewesen wäre. Aber man hat sie amnestiert, man hat alles weggewischt, damit man die zur Wahl bekommt. Denn die durften ja bei den ersten Wahlen nicht wählen. Und nachher hat man das beseitigt, dass sie auch wählen können. Es ist ganz gleich, welche Partei Sie hernehmen: Die sozialistische Arpeiterpartei beispielsweise hat 1950 den interessanten Klub gegründet, den Bund sozialistischer Akademiker (BSA), weil die ÖVP so etwas schon hatte. Dass sie denen ebenbürtig sind. Aber bei den Akademikern, die damals vorhanden waren, 1945, 1948, 1949, 1950, aus der auch die damalige FPÖ entstanden ist, da waren viele Antisemiten dabei. Manche von denen glaubten, bei der SPÖ kann ich besser unterkommen. Und jetzt ist die SPÖ auch judenfeindlich geworden.

Aurora-Magazin: Das ist ja bekannt aus der Geschichte, dass auch die Sozialdemokraten bzw. die SPÖ immer wieder antisemitische Töne anschlug.

Feingold: Da muss ich Ihnen jetzt noch sagen: Ich war ein Delegierter bei der SPÖ bis 1950. Dann bin ich geflogen. Wiederholt Delegierter, da und da und da, und dann raus. "Wir können keinen Juden gebrauchen." Weil die Akademiker, die sehr rechts orientiert waren und in die SPÖ hereingekommen sind, und sich die SPÖ sich nicht sagen hat lassen wollen, eine Judenpartei zu sein, haben sie alles, was jüdisch war, eliminiert.

Aurora-Magazin: Noch eine Frage zu diesen Entschädigungszahlungen, zu diesen 250 Millionen, die ja jetzt vereinbart wurden. Ist da nicht offiziell davon die Rede gewesen, dass das für die Zerstörung der Synagogen ist?

Feingold: Ja, das ist eine Entschädigung für die Zerstörung der Synagogen, Sie haben Recht. Natürlich ist das nur ein Bruchteil, das sind nicht einmal 5 %, wenn ich die 250 Millionen hernehm. Die drei Delegierten haben das den übrigen Landeshauptmännern klar zu machen, dass das notwendig ist. Und wenn der Bescheid fällt, dass alle damit einverstanden sind, dann wird man erst hergehen und wird sagen, jedes Bundesland, vielleicht an Zahl seiner Einwohner, wird einen gewissen Betrag für die 250 Millionen einzahlen müssen. Und dann muss die Kultusgemeinde in Wien, anhand der Notwendigkeiten in den Bundesländern, es gibt ja 4 Kultusgemeinden in den Bundesländern, einen gewissen Prozentsatz an diese Organisationen weiterzahlen.

Aurora-Magazin: Zum Schluss vielleicht noch eine Frage zur aktuellen Situation in Israel. Nimmt man da als Jude besonderen Anteil?

Feingold: Wir sind Österreicher. Anteilnahme, das ist so eine Sache... Ich muss als Beispiel einen typischen Satz von mir erwähnen, wenn mir irgendjemand so wie sie jetzt kommt, sehr höflich fragt, sag ich: "I bin kein Israeli, ebenso wie sie kein Römer sind." Verstehen Sie mich jetzt. Das sind zwei paar Schuhe, und wenn mir jemand vorwirft, was die Israelis tun, dann geb ich ihm den Ratschlag, er soll nach Irland gehen. Dort streiten sich zwei christliche Religionen. Er soll Juden keine Tipps geben, er soll seinen eigenen Leuten in Irland einen Tipp geben.

Aurora-Magazin: Sie sehen sich als Österreicher...

Feingold: Ja, aber dass unsere Sympathien bei Israel liegen so wie für einen Katholiken die Sympathie Rom ist, der Vatikan ist, der Papst ist, also, die, die noch ein Glaubensbekenntnis haben, die noch in die Kirche gehen, sympathisieren natürlich auch mit dem Papst und mit Rom, aber deshalb kann ich sie nicht alle als Römer bezeichnen, genausowenig kann man alle Juden als Israeli bezeichnen. Das sind nur die, die da unten leben. Die anderen sind österreichische Staatsbürger.

Aurora-Magazin: Herr Feingold, vielen Dank für das Gespräch.

Feingold: Gern. Gern.

(Mit Marko Feingold hat Markus Murauer gesprochen.)

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