Das "grüne Gewissen Brasiliens" lebt weiter
Ein Nachruf auf José Lutzenberger

Der brasilianische Ökologe und Alternativnobelpreisträger José Lutzenberger
zeigte, wie man von der Natur lernen kann. Der westlichen Kultur mangelt
es ihm zufolge nicht an Wissen, sondern an Weisheit

Von Christian Felber


     Als Kind konnte ich stundenlang in eine Pfütze oder einen Tümpel schauen, um Wasserflöhe, Mückenlarven und Kaulquappen zu betrachten. Es ist schlimm, dass Kinder heute kaum Gelegenheit haben, die Natur direkt zu erleben." Der Dialog mit der Natur war zeitlebens die "Lieblingsbeschäftigung" des brasilianischen Universalökologen José Lutzenberger. Mitte Mai starb der berufene "Holistiker" 75-jährig an einem Herzanfall.

Lutzenberger wurde 1926 als Sohn deutscher Einwanderer in Porto Alegre geboren. Er studierte in Brasilien und in den USA Agrarwissenschaften und arbeitetet 13 Jahre lang für den deutschen Chemie-Konzern BASF. Als dieser den Weg der Agrarchemie beschritt, stieg Lutzenberger aus und wurde zum schärfsten Kritiker der industriellen Landwirtschaft: "Moderne Bauern sind Traktorfahrer und Giftspritzer. Was wir Fortschritt nennen, ist der Weg in den Selbstmord."

Stattdessen suchte er den "Dialog mit der Natur" und fand zahlreiche Alternativen. Zum Beispiel empfahl er Kleinbauern, das Unkraut zwischen den Kaffeestauden nicht mit teuren Herbiziden zu töten, sondern wachsen zu lassen und Schafe in die Pflanzungen zu schicken. Diese halten das Kraut nieder, rühren aber den Kaffe nicht an. Dafür laden sie wertvollen Dünger ab. Das erhöht nicht nur die Gesundheit der Pflanzen, sondern auch die Ernteerträge im Vergleich zu industriellen Plantagen. Und nebenbei fallen noch Schafkäse und Wolle ab.

Aber auch auf anderen Gebieten war Lutzenberger kreativ: Mit organischen Recycling-Tricks machte er aus der einstigen Dreckschleuder Riocell die "sauberste Zellstoffabrik der Welt". Riocell hatte seine Heimatstadt Porto Alegre regelmäßig in übelriechenden Dunst gehüllt, und die Abwasserfahne war auf Satellitenbildern noch 70 Kilometer flussabwärts zu sehen. Heute fischen Kormorane am Abflussrohr von Riocell, und Papierfabrikanten aus aller Welt geben sich bei dem Musterwerk die Klinke in die Hand.

Lutzenberger gilt auch als Pionier der Umweltbewegung in Lateinamerika. Sein Einsatz für den Erhalt der Regenwälder Amazoniens trug ihm den Beinamen "grünes Gewissen Brasiliens" ein. 1971 gründetet er die Umweltschutzorganisation AGAPAN und 1987 die Stiftung Gaia zur Verbreitung des ökologischen Bewusstseins auf dem Kontinent. Ein Jahr später erhielt er den alternativen Nobelpreis.

Seine Wirken war so mächtig, dass er vom konservativen Präsidenten Fernando Collor 1990 als Umweltstaatssekretär ins Kabinett gerufen wurde. Dort verhinderte den Bau der Atombombe durch Brasilien und demarkierte das Territorium der Yanomami-Indianer. Zwei Jahre nach Antritt wurde er jedoch des Amtes entkleidet, weil er die nationale Umweltbehörde IBAMA als "hundertprozentige Tochter des Holzhandels" bezeichnet hatte. Seinen Rausschmiss nahm Lutzenberger locker: "Mein einziger Chef ist dieser wunderbare Planet und seine künftigen Generationen."

Mehr Erfolg hatte er mit Umweltpreisen, von denen ihm insgesamt 85 zuteil wurden. Die Universität für Bodenkultur in Wien verlieh ihm 1995 das Ehrendoktorat: Lutzenberger hatte sich als interdisziplinärer und ganzheitlicher Denker weltweit einen Namen gemacht. Als "Holistiker" beklagte er stets, dass Wissen und Weisheit in der westlichen Hemisphäre immer weiter auseinander drifteten: "Die Universitäten sind schon lange keine Universitäten mehr. Sie sind nur noch Fachhochschulen, die Fachidioten produzieren."

Am Wissenschaftsbetrieb schmerzte ihn besonders die Technologiegetriebenheit. "Die Wissenschaft ist kontemplativ. Sie will die Natur verstehen. Die Technologie möchte beherrschen, und dies führt zu Aggression." Vor Risikotechnologien wie Atomenergie oder Gentechnik warnte Lutzenberger so: "Nach alter Legende ist es eine Sache zu wissen, wie man die Flasche öffnet, in der der Geist gefangen ist, und eine andere, klug genug zu sein, es nicht zu tun."

Manche sehen in ihm auch einen "Globalisierungskritiker der ersten Stunde". Beim zweiten Weltsozialforum in seiner Heimatstadt Porto Alegre war er noch heuer im Februar als Workshop-Leiter und Ankläger der Gentechnik-Multis zu finden. Dem Markt warf er vor, "nur die Nachfrage, aber nicht die Bedürfnisse" zu kennen und die zukünftigen Generationen überhaupt nicht zu berücksichtigen.

Die Stiftung GAIA – benannt nach der Hypothese von James Lovelock, wonach der Planet Erde ein lebender Organismus ist –, wird von Lutzenbergers Töcher Lilly und Lara, beide Biologinnen, weitergeführt. Das Landgut der Stiftung, der "Rincão Gaia", liegt auf einem 30 Hektar großen ehemaligen Steinbruch. Lutzenberger hat die "Mondlandschaft" in einen grünen Garten mit Seen und Naturhäusern verwandelt. Jugendliche lernen dort Umweltzusammenhänge, und Kleinbauern den produktiven Dialog mit Boden, Pflanzen und Tieren. Das Lernen von der Natur war nicht nur Lutzenbergers Lebensmotto, es begründete auch seine Visionen: "Wenn wir zu einer Ethik der Ehrfurcht, nicht nur vor dem Leben, sondern überhaupt vor dem Kosmos kommen, dann können wir eine fantastische Zivilisation entwickeln."

(Dieser Beitrag erschien zuerst im Standard-Album vom 31. August 2002)

 


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