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Amerikas Muslime

Sechs Millionen suchen ihre Identität

Amerikas Muslime sind eine kleine Minderheit. In Amerikas Städten und Kleinstädten
sind sie auf sich alleine gestellt, vermutlich fühlen sie sich wie unter Belagerung
und spüren das Misstrauen, ja selbst Hass.

Von Robert Fisk
(20. 09. 2006)



(c) www.robert-fisk.com

Robert Fisk
ist seit mehr als zwanzig Jahren
für den Londoner "Independent"
als Nahostkorrespondent tätig.
Er lebt in Beirut.

Linktipps

http://news.independent.co.uk/
world/fisk/

http://en.wikipedia.org/wiki/
Robert_Fisk

 

    Ein dunkelhäutiger Mann mit braunen Augen und ausgeprägtem amerikanischen Akzent kommt auf mich zu, will reden. Ich ordne ihn als Pakistani oder Iraner ein. "Woher kommen Sie?" frage ich. "Austin, Texas". Reingefallen, Fisk. "Woher kommen Sie ursprünglich?" "Ich wurde in Newark, New Jersey, geboren". Fisk räuspert sich. "Aber woher stammt Ihre Familie ursprünglich?" Während ich meinen neuen Bekannten ethnisch zuordne, komme ich mir langsam vor wie einer von der Homeland-Security. "Lahore", antwortet er schließlich lakonisch. Ich versuche, die Situation zu retten. Lahore sei die einzig schöne Stadt in Pakistan, sage ich. Er lächelt müde.

Ich wiederhole diesen Fehler beim größten Jahrestreffen amerikanischer Muslime in den USA
einer Wochenendveranstaltung in der Chicagoer Konferenzhalle mit rund 32.000 Teilnehmern. Vorträge und Diskussionen werden geboten. Die Themenpalette ist breit und reicht von Drogensucht bis Condi Rices "neuem", blutigen Mittleren Osten, von zinslosen Bankgeschäften bis zu Foltervorwürfen gegen die Bush-Administration. Und natürlich geht es auch um die Folgen des 11. Septembers 2001 dieses internationalen Verbrechens gegen die Menschlichkeit für die Muslime.

"Kommen Sie aus Jordanien?" frage ich eine junge Frau. "Nein, Denver, Colorado", antwortet sie. "Geboren bin ich in San Diego. Ja, meine Familie stammt aus Jordanien." "Sind Sie Libanese?" frage ich einen Mann. "Buffalo, New York", antwortet er. Seine Familie stammt aus Syrien.

 

 

 

Seltsamerweise ziehen die zum Islam Konvertierten vehementer über Bush her, als die von Geburt an muslimischen Amerikaner.

    Es dauert eine Weile, bis mir bewusst wird, dass ich im Grunde mit diesen Leuten genau dasselbe Spiel spiele, das viele nichtmuslimische Amerikaner seit dem 11. September als die Flugzeuge entführt wurden , spielen: Ich versuche sie herauszuschnüffeln, die Feinde dieser Welt. Einige Stunden zuvor hatte Präsident George W. Bush in Salt Lake City eine paranoide Rede vor der American Legion gehalten. Amerika kämpfe "die ideologische Entscheidungsschlacht des 21. Jahrhunderts", sagt er, um sich gleich darauf auf einige abgedroschene, alte Argumente über die Appeasement-Politik vor dem Zweiten Weltkrieg zu stürzen und so auch noch die Hitler-Trommel zu rühren.

Seltsamerweise ziehen die zum Islam Konvertierten vehementer über Bush her, als die von Geburt an muslimischen Amerikaner hier. "Er will den ewigen Krieg", zischt mir ein junger Mann zu. Sein Bart ist braun, seine Augen leuchten hell und blau. Er stammt aus Vermont. "Er redet Shit, und wir müssen zuhören und versprechen, nicht gewalttätig zu sein, andernfalls zeigt man mit dem Finger auf uns." Einhellig ist man aber der Meinung, das Gefährlichste am aktuellen Geschwätz von George Bush sei dessen (verbales) Geschenk an Israel, Ehud Olmert in Bushs 'Krieg gegen den Terror' einzureihen. Bush sagt, die Kombattanten im Irak und Libanon "formen die Umrisse einer einzigen Bewegung, eines weltweiten Netzwerks von Radikalen, die Terror benutzen, um jene zu töten, die ihrer totalitären Ideologie im Wege stehen". So schafft Bush den direkten Link zwischen den israelischen Massakern an libanesischen Zivilisten im Juli und August und seinem eigenen manischen Projekt.

 

 

Ich suche nach der Wut. Sicher ist diese Wut vorhanden, aber diese Leute hier machen einen glücklichen Eindruck. In den Gesichtern überwiegt das Lächeln.

    Tausende von Muslimen haben sich hier versammelt Geschäftsleute aus Seattle, Harvard-Studenten, Hausfrauen aus Miami. Ich suche nach der Wut. Sicher ist diese Wut vorhanden, das ist klar, aber wie mein armenischer Freund am Nachmittag feststellt, machen die Leute hier einen glücklichen Eindruck. Er hat Recht, in den Gesichtern überwiegt das Lächeln gegenüber dem Ausdruck der Verachtung. Babies im Kinderwagen oder auf dem Rücken getragen dominieren das Bild und nicht die Poster des Leids. Im Endeffekt sehe ich gar keine solchen Poster. Ich glaube, ich kenne den Grund. Amerikas Muslime sind eine kleine Minderheit vielleicht 6 Millionen. In Amerikas Städten und Kleinstädten sind sie auf sich alleine gestellt, vermutlich fühlen sie sich wie unter Belagerung und spüren das Misstrauen, ja selbst Hass.

Aber in der Konferenzhalle hier bilden sie die Mehrheit
eine selbstbewusste Mehrheit. Die meisten Teilnehmer sind Sunnis (insgesamt ist die Mehrzahl der amerikanischen Muslime wohl schiitischen Glaubens, aber die Schiiten verfügen derzeit nicht über dieselben Möglichkeiten der Organisierung). Lächelnd ignorieren die Muslime hier die anwesende Antibombeneinheit der Chicagoer Polizei bzw. die Polizei des Bundesstaates Illinois. Ich beobachte die Cops das Gewehr an der Hüfte baumelnd wie sie von Stand zu Stand gehen und ab und zu eine der an der Wand gestapelten Bücherkisten inspizieren.

 

Wogegen richtet sich der politische Zorn der Muslime?

 

 

 

 

 

 

Counterproductive Terrorism: How Anti-Islamic Rhetoric is Impeding America's Homeland Security

    Salam al-Marati ist einer der wenigen anwesenden Muslime, deren Wiege in der arabischen Welt stand (im Bagdader Vorort Qadamiyeh). Er ist Direktor des Muslim Public Affairs Council (MPAC), einer Lobbygruppe mit Sitz in Los Angeles. MPAC fordert die Muslime Amerikas eindringlich auf, beim Thema Gewalt mit den Behörden zusammenzuarbeiten. Aber die Organisation erkennt auch Bedrohungen anderer Art, und MPAC weiß genau, gegen wen der politische Zorn der Muslime sich richtet: gegen jene Pro-Israeli-Lobbyisten, die einerseits sagen, die überwiegende Mehrheit der amerikanischen Muslime sei friedlich und gesetzestreu und andererseits von einem landesweiten "Netzwerk des islamischen Terrors" reden.

Zu diesen schwarzen Schafen zählen Daniel Pipes und Steven Emerson. Letzterer, ein freier Journalist, verfasst Artikel um Artikel über den so genannten "Amerikanischen Dschihad". Emerson schreibt für so bedeutende Blätter wie das Wallstreet Journal
das sich, nebenbei gesagt, immer mehr wie die Jerusalem Post liest. Al-Marati und Kollegen haben gemeinsam eine Broschüre verfasst, in der sie Emersons Werk verreißen ('Counterproductive Terrorism: How Anti-Islamic Rhetoric is Impeding America's Homeland Security'). Die Broschüre fand weite Verbreitung.

"Vertreter der Pro-Israel-Gruppen hören nicht auf, die Kritiker der israelischen Politik einzuschüchtern und zu marginalisieren, indem sie behaupten, es handle sich um Proterrorismus", sagt al-Marati. Eine Mischung aus Wut und Erschöpfung schwingt mit. "Dies geschieht zum Schaden Amerikas und zum Schaden des Counterterrorismus".

 

 

"Schämt euch. Ihr kritisiert euren Präsidenten, aber wenn es um Israel geht, flüstert ihr."

 

 

 

 

 

 

 

"Aber was ist das überhaupt, amerikanisch-muslimische Identität?"

    Maher Hathout ist Berater des MPAC. Er stammt aus dem Kairoer Vorort Qasr el-Aini. Sein Zorn übertrifft den al-Maratis. "Unter den Amerikanern sind wir die Gruppe, die sich nicht einschüchtern lässt", sagt er. "Gehen Sie auf den Campus, die muslimischen Studenten sind diejenigen, die am offensten reden. Sie fragen sich wir fragen uns , wie können wir es schaffen, dass der Durchschnittsamerikaner, der die Wahrheit über den Mittleren Osten kennt, den Mut aufbringt, diese auch auszusprechen? Unser Job ist es, (ihnen) zu sagen: "Schämt euch. Ihr kritisiert euren Präsidenten, aber wenn es um Israel geht, flüstert ihr". Was ist nur aus der Heimat der Tapferen geworden?"

Der Auftritt der MPAC in Chicago steht unter den Auspizien der klar pro-saudischen Islamic Society of North America. MPAC gibt ein Handbuch mit dem Titel 'Grassroots Campaign to Fight Terrorism' heraus, in dem Koranstellen zitiert werden wie: "Wer immer ein menschliches Wesen tötet ... so ist es, als hätte er die gesamte Menschheit getötet". Den Unterstützern sagt man, "als amerikanische Muslime ist es unsere Pflicht, unser Land zu schützen und seinem Wohle zu nützen".

"Aber was ist das überhaupt, amerikanisch-muslimische Identität?" fragt al-Marati. "Unsere religiösen Werte und unsere amerikanischen Werte sind keineswegs miteinander unvereinbar. Es gibt keine Disharmonie zwischen den amerikanischen Gründerprinzipien und muslimischen Werten. Sollten wir aber nicht zu dieser Identität finden, sitzen wir in der Falle, dann endet es damit, dass wir in Amerika Moslem-Gettos schaffen werden."

Ab und zu fühle ich mich angesichts dieser Frauen und Männer an die (hitzigeren) Mitglieder der Israel- oder der Armenien-Lobby erinnert: Sie reden fließend, fast ein wenig übereloquent und sind leidenschaftlich. Werden sie eines Tages die Bodenhaftung verlieren, so frage ich mich.

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Dieser Artikel wurde uns freundlicherweise von Zmag.de zur
Verfügung gestellt. Die Übersetzung stammt von
Andrea Noll.


 

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