...
David Beckham: Global Player

David Beckham wollte immer nur gegen die Kugel treten. Nun bewegt er die Welt,
weil er der erste Popstar des Fußballs ist. Im Juli 2003 hat "Becks" seine
erste Saison im Wunder-Team von Real Madrid begonnen.

Von Bernhard Flieher



Bernhard Flieher

ist Redakteur bei den
Salzburger Nachrichten

 

 

 

"No one wants you Beck"

      "God even forgives David Beckham", hatte ein Vikar in Nottingham auf das Schild vor seiner Kirche geschrieben. Gott war aber der Einzige. Der Rest Englands hatte dem Kick-Wunderkind alle Schuld auf die Schultern gelegt. Für ein sehr blödes Revanchefoul musste der 23-Jährige büßen. Er hatte schon die Gelbe Karte, als er in St. Etienne am 30. Juni 1998 im WM-Achtelfinale gegen Argentinien in der 47. Minute an der Mittellinie gegen Diego Simeone trat.

Gelb-Rot. Sein hängender Kopf auf dem Weg in die Kabine war wie ein Geständnis. England schied im Elferschießen aus. "No one wants you Beck", wortspielte "The Sun". Doch nicht so sehr was er getan hatte, sondern was er war, ließ Beckham hart aufschlagen. Es war alles zu glatt gelaufen für ihn.

 

Die Stärken von David Beckham: Blick für das Spiel, millimetergenaue Flanken, ungebrochener Kampfgeist

     Aus dem Nordlondoner Arbeitervorort Chingford war er 1989 nach Manchester übersiedelt. Er war nie der Schnellste, bestach auch nicht durch die dribbelnde Beherrschung enger Räume wie Maradona. Doch in den eineinhalb Jahrzehnten bei ManU wuchs der 1,83 Meter große und 75 Kilo schwere Schmächtling zum brillanten Regisseur, dessen Stärke im Blick für das Spiel, in millimetergenauen Flanken und - untypisch für einen Kreativspieler - in ungebrochenem Kampfgeist liegen. Das mag der englische Fußballfan.

Und doch genossen alle Becks Sündenfall. Zu schön, zu glitzernd, zu sauber war sein Aufstieg, um wirklich wahr sein zu dürfen. Auf der Insel mag man keine glatten Geschichten. Dort lieben sie ihre Engel erst, wenn sie sich nach dem Fall aus den Schmutzkübelkampagnen der Yellow Press erheben. Robbie Williams kann ein Lied davon singen, seit er wieder nüchtern ist. Über die Umwege Alkohol und Frauengeschichten wurde aus dem Boy-Group-Rowdy der "größte Pop-Entertainer des Planeten" (The Guardian). Dem Ausschluss Beckhams folgten schwere Fouls in der Boulevardpresse.

 

Die "Snobtruppe" Manchester United

 

 

 

 

"Der Fußball schien bisweilen nur noch Mittel zum Zweck der medialen Verwertung einer glamourösen Leidenschaft. Einer Medienwelt, die in der Größe der Schlagzeilen keinen Unterschied mehr macht zwischen realer Leistung und Promi-Faktor"

     Auch die überragenden Erfolge seines Vereins halfen nichts. Manchester United hat zwar weltweit 50 Millionen Fans, doch auf der Insel gilt der zur Aktiengesellschaft gewordene Verein als Snobtruppe, als Glitzerwelt. Beckham wurde dafür das Symbol.

Beigetragen hat auch Frau Victoria. Genannt Posh - ein Überbleibsel ihrer Zeit bei den Spice Girls. Ihre Solo-Karriere als "Sängerin" floppte grandios. Nun ist sie Fußballerfrau und Mutter mit bestens geölter PR-Maschine, über die bisweilen auch Interna von ManU nach außen drangen. Das förderte die Hassliebe von ManU-Teammanager Alex Ferguson, der immer alles unter Kontrolle haben will und dem Beckham zu groß geworden ist. Und darin - so vermuten englische Medien - liegt auch der Ursprung für Beckhams Abschied Richtung Spanien. Immer hatte er betont, nur eine Sache je gewollt zu haben: "Für ManU spielen." Im Duo bestiegen Posh und Becks, "den verwaisten Thron, den Lady Di hinterlassen hat", schreibt Times-Kolumnist Simon Kuper. Der Fußball schien bisweilen nur noch Mittel zum Zweck der medialen Verwertung einer glamourösen Leidenschaft. Einer Medienwelt, die in der Größe der Schlagzeilen keinen Unterschied mehr macht zwischen realer Leistung und Promi-Faktor, kamen die beiden gerade recht. Wenn Dolce & Gabbana eine neue Anzugkollektion vorbeischickt, ist das genauso gut eine Titelseite wie ein entscheidendes Tor. Wofür Beckham wirbt - also mit welchen Duftwässerchen er die Umkleidekabine vernebelt, welche Sonnenbrille oder Ohrringe er trägt - setzt Trends und verkauft sich wie warme Semmeln.

 

Beckham, der leibhaftige Homo Metrosexualis

 

 

 

 

Nach dem Patzer bei der WM die Wiederauferstehung im WM-Qualifikationsspiel gegen Griechenland

     Ja mit ihm bekam eine in den späten 90er Jahren von Marketingexperten erdachte Kategorie Mann ihre Leibhaftigkeit: der Homo Metrosexualis. Heterosexuell, aber Stil und Konsumverhalten von Homosexuellen übernehmend. Ein Fußballer als Schwulen-Ikone. Auch da setzte Beckham neue Maßstäbe. "Eine Ikone der Schönheit", nennt ihn Modeschöpfer Giorgio Armani. Nach Englands Rettung endlich ein freier Mann.

Mittlerweile ist Beckham sogar in den fußballerisch unterbelichteten USA ein Star. Das konnte passieren, weil sein rechter Fuß gut drei Jahre nach dem Sündenfall die gleichzeitige Selig-und Heiligsprechung unvermeidbar machte. Am 6. Oktober 2001 durfte Beckham auferstehen, krönte er das Kunstwerk Beckham mit einem Gesamtkunstwerk all seiner Kick-Fähigkeiten. Er holt sich den Ball in der eigenen Hälfte, passt schnell, bekommt den Ball zurück, sieht keinen freien Mann, dribbelt sich aussichtsreich bis an die Strafraumgrenze, wird gefoult und zirkelt den Freistoß millimetergenau ins Tor. So weit, so oft gesehen. Nur: Es war die letzte Spielminute im entscheidenden WM-Qualifikationsspiel gegen Griechenland. "Alles vergeben, wir verneigen uns", kommentierte The Sun. Er rettete England - und vor allem sich selber. Beckham war ein freier Mann.

 

 

"Beckham hat eine Biographie, die einem Shakespeare-Drama gleicht"

     Vor seinem Haus und dem Old Trafford-Stadion in Manchester leisteten Tausende Fans Abbitte. Die Times titelte: "Der Fuß Gottes". Die britischen Fans und die Yellow Press vergaben ihm endlich. Fußballgötter mag es andere geben. Ronaldo hat mehr Witz im Bein. Del Piero vollstreckt mit einem Instinkt, für den er einen Waffenschein brauchte. Und Zidane ist ein Genie.

Beckham aber hat eine Biografie, die einem Shakespeare-Drama gleicht. Aufstieg, Fall und strahlende Erlösung - eine solche Dreieinigkeit gebiert Popstars. Beckhams erste Biografie: Ein üppiger Bildband. Dem US-Magazin Newsweek zufolge gehört Beckham zu den drei bekanntesten Persönlichkeiten der Welt. Sein Marktwert liegt bei 400 Millionen Dollar. Sein Wechsel zu Real Madrid im Juli 2003 machte ihn endgültig zum Global Player.

 

Der erste Popstar in der Geschichte des Fußballs

 

 

 

 

 

 

Real Madrid baut mit Beckham die Marktführerposition in arabischen Ländern und in Asien aus

 

     Aus einem, der "immer nur gegen einen Ball treten" wollte, war der erste Popstar in der Geschichte des Fußballs geworden. Madonna darf - noch - zu seiner Seite im Pop-Olymp sitzen. Aber sonst: nur treu ergebene Untertanen. Beckham kreiert für sie das Bild, das es zu kopieren gilt, wenn man trendy sein will. Er redet wenig. Nicht nur weil er jenseits des Feldes tatsächlich schüchtern ist, sondern weil er um sein geringes rhetorisches Talent weiß. Schon vor drei Jahren war der wohl erste Teil seiner Biografie erschienen. Sie hieß "My World" und war ein Bildband mit klischeehaften Texteinlagen. Auch als er im Frühjahr in eine Formkrise rutschte und Alex Ferguson seinen Held zurechtstutzen wollte, sagte Beckham wenig. Die Liebe zu ihm wuchs ohnehin mit dem Verebben des Engagements von ManU, ihn zu halten. Ende der Saison durfte er wechseln. Für beide Vereine macht das wirtschaftlich Sinn.

Für Manchester sei die "Marke Beckham" ausgereizt, sagt Marketing-Direktor Peter Draper - und freut sich gleichzeitig über den "Beckham-Goodbye-Effekt", denn es ist ein "Beckham-Good-Buy-Effekt". Nicht nur 25 Mill. Pfund Ablöse und fünf Mill. Pfund zusätzlich für jedes Jahr, das Beckham bei Real spielt, kassiert ManU. Auch der Run auf die letztmals aufgelegten ManU-Trikots mit Nummer sieben war sagenhaft. Real Madrid baut mit Beckham die Marktführerposition in arabischen Ländern und in Asien aus - und stellt Rekorde für die Ewigkeit auf: 8000 Beckham-Trikots gingen am Erstverkaufstag raus. Als Ronaldo zu den Königlichen kam, waren es gerade 2000. Und ganz nebenbei will Real mit seiner Weltauswahltruppe um Figo, Raul, Roberto Carlos, Ronaldo und eben Beckham wohl auch um den spanischen Titel und die Champions League mitspielen.

 

"Ein Gottesgeschenk"

     Auch wenn sie ihn lieben, ihren "El Lord Ingles" (El Pais), es wird ein hartes Stück Arbeit, sich gegen eine solche Kicker-Elite einen Stammplatz zu erkämpfen. Wenn es nach Pater Ramos geht, hat Beckham den sicher. In den Nachrichten des spanischen Fernsehens hatte der bei der Ankunft Beckhams seinen Auftritt. Seine Predigt war an diesem Tag gestört worden durch hysterisches Kreischen. Im Hotel gegenüber waren die Beckhams abgestiegen. Als Real-Fan wusste Ramos um die Tragweite des Ereignisses, mischte sich unter die Fans, und kurz darauf war die Kirche "voll wie noch nie". Er hatte den Fans gesagt, dass man dankbar sein müsse, denn Beckham sei "ein Gottesgeschenk".

(Ausdrucken?)


=== Zurück zur Übersicht ===