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Die Sehnsucht der Favelas heißt Profivertrag
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Die Hoffnung nach dem großen Fußballgeld verschärft im Kickerexportland
Brasilien die sozialen Probleme der Unterschicht.

Von Bernhard Flieher


    Wenn der 26-jährige Ronaldinho im Dress des FC Barcelona einläuft, trickst er stellvertretend für die Hoffnung der Buben seiner Heimat Brasilien. In den Favelas von Sao Paulo und Rio laufen dann die TV-Geräte und davor brennt die Sehnsucht. Rund 30 Prozent der Bevölkerung in den beiden Großstädten leben in diesen desolaten Vierteln.

Wo der Blick per TV-Gerät in die Welt, vor allem zu den Spitzenklubs nach Europa, die Augen glänzen lässt, dort ist Fußball kein Spiel, sondern Überlebenstraining. Seit der Weltmeisterschaft in Südkorea und Japan vor vier Jahren haben 3.087 Kicker ihre Heimat Brasilien verlassen. Sie haben irgendwo zwischen Schottland und Japan Verträge als Profifußballer unterschrieben. "Die Spielerfabrik" nennt das deutsche Fußballmagazin "11 Freunde" das drittgrößte Land der Welt.

    Die rund 180 Millionen Einwohner bilden die größte Wirtschaftsmacht Amerikas hinter den USA. Ein Großteil der Bevölkerung merkt von der Wirtschaftskraft aber nichts. Der Unterschied zwischen Arm und Reich ist in kaum einem Land so groß wie in Brasilien. Bis Ende der 90er Jahre waren 2,8 Prozent der Bauern Großgrundbesitzer mit zusammen 57 Prozent der gesamten Agrarfläche. Hingegen mussten sich 90 Prozent der Bauern 22 Prozent der Nutzfläche teilen. Etwa fünf Millionen Familien gelten als landlos. Das führt zu enormer Landflucht.

Aber auch in den Favelas, oft den einzigen Zufluchtsorten, gibt es kaum Arbeit und wenn, dann nur gegen Hungerlöhne. Jugendliche sind von der Arbeitslosigkeit am meisten betroffen. Ihr Rezept gegen Langeweile: Kicken. In harten Auswahlverfahren, genannt "peneira", müssen sich die Nachwuchskicker durchsetzen, bevor sie bei einem der großen Klubs landen. Hunderte Buben reisen aus dem ganzen Land zu diesen Tests an. Cafu, Star bei Milan, musste 14 solcher "peneiras" überstehen, ehe er einen Vertrag bekam.

    Buben, die diesen Sprung in eine Mannschaft schaffen, gehören schon als 15-, 16-Jährige zu den Gutverdienern. Sie erhalten teilweise ihre Familien. Sie besitzen iPods und Flachbildschirme mit Satellitenanschluss - und sie haben viele Freunde und viele Berater. Wenn ein solcher einen Kontakt nach Europa herstellt, werden aus Gutverdienern manchmal finanzielle Superstars. Das ist für die großen Klubs in Europa, die ihre Spione längst auch zu Nachwuchsspielen der Zehn- bis Zwölfjährgen schicken, eine herrliche Perspektive. Wer früh genug zuschlägt, kann Schnäppchen machen, die später Millionen bringen. Für das soziale Gefüge in den betroffenen Ländern wird die Sehnsucht nach dem Fußballgeld im Ausland aber immer mehr zu einem sozialen Problem. "Heute werden die brasilianischen Spieler doch praktisch für den europäischen Markt geboren", kritisierte Socrates, der Kapitän der wunderbaren, aber gegen Italien bitter in Schönheit gescheiterten brasilianischen Nationalmannschaft bei der WM 1982, das System in einem Interview mit dem "Spiegel". Ähnliches gilt auch für die villas miserias, die Armenviertel in Buenos Aires, und die Vororte von Montevideo oder Asunción.

Socrates (52) studierte während seiner Karriere und wechselte erst mit 24 Jahren zu einem Spitzenklub. Heutzutage sei sowas nicht mehr möglich. "Das System ist darauf angelegt, zu verhindern, dass die Jungen studieren." Das wird für die soziale Entwicklung Brasiliens nachhaltig zu einem Problem. Dass die meisten Spieler aus armen Verhältnissen stammen, ist dabei kein Zufall. Fußball ist für die Unterschicht die einzige realistische Möglichkeit, dem Elend zu entkommen. So manifestiert die Sehnsucht nach dem Fußball zugleich eine bittere soziale Realität. "Ronaldinho ist, wenn man es zu Ende denkt, ein schlechtes Vorbild", sagt Socrates.
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