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Hier kommt Moore: Heimspiel in Old Europe

Michael Moore, Popstar des Anti-Amerikanismus, liest aus seinem neuen
Buch, "Volle Deckung, Mr. Bush" – und das europäische Publikum ist begeistert.
Aber seine Argumentation ist zuweilen simpel und polemisch.

Von Bernhard Flieher



Bernhard Flieher

ist Redakteur bei den
Salzburger Nachrichten

     Er ist übergewichtig, billig gekleidet, trägt struppigen Bart und eine Baseballmütze. So sieht er aus, der Durchschnittsamerikaner, wie ihn sich das gute, alte Europa gerne vorstellt. Nun ist er leibhaftig erschienen. Allerdings absolviert er nicht schweißüberströmt ein "Europe-in-one-week"-Touristenprogramm. Sein Schweiß kommt von den Scheinwerfern, die ihn auf der Bühne in ein Licht tauchen, das sonst nur Popstars kennen. Michael Moore ist auf Feldzug. Der 47-Jährige ist Sachbuchautor und Dokumentarfilmer. In den vergangenen beiden Jahren wurde er zum Popstar der Kritik am "System USA". Aus einem einsamen Reiter gegen die Welt der Mächtigen wurde das "Zugpferd des Anti-Amerikanismus", wie ihn die Süddeutsche Zeitung nennt. Seine Lesereise durch Deutschland war ein Triumph. Nicht anders wird es sein, wenn er heute gleich zwei Mal im Wiener Volkstheater vor ausverkauftem Haus auftritt [Moore besuchte Wien im November 2003, Anm. der Redaktion]. Er wird schreien und poltern, singen und lachen. Er wird dem "Good Old Europe" sagen, wie besser es doch hier sei im Vergleich zu seiner Heimat. Wie sozialer alles sei und wie intelligenter die Menschen seien. Seine Auftritte sind eine One-Man-Zeigefingershow. Da draußen (oder drinnen im Weißen Haus), sagt Moore, sitzen die Bösen. Sie sind mächtig, kriegsgeil, schüren die Angst vor den falschen Dingen, um die Bevölkerung klein zu halten. Sie, die "Mudschaheddin in den Führungsetagen", seien die wahren Terroristen. Wir sind die Blöden, sagt er. Aber wir lassen und das nicht mehr gefallen, sagt er. Wer könnte dem widersprechen? Ein gewaltiger Werbefeldzug ist es, mit dem sein neues Buch "Volle Deckung, Mr. Bush" die Buchhandlungen erobert.

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Von dort schoss es in wenigen Tagen raketenhaft in den Bestsellerlisten nach oben. Dort traf es auf zwei andere Moore-Bücher, die seit Monaten die Spitzenplätze innehaben: "Stupid White Man" und "Downsize This". Diese beiden Bücher und der Film "Bowling for Columbine", für den Moore einen Oscar bekam, machten ihn berühmt. Sein Generalangriff auf die US-Politik und ihren hegemonialen Anspruch fiel auf fruchtbaren Boden. Im deutschsprachigen Raum wurden eine Million Exemplare von "Stupid White Man" verkauft. Das ist ein Viertel der weltweiten Gesamtauflage. Was der Satiriker erzählt, gibt es anderswo detaillierter, analytischer und besser recherchiert nachzulesen.

     Der 11. September und die Außenpolitik der Bush-Regierung provozierten geradezu ein neues Genre: "Das anti-amerikanische Sachbuch". Moore fiel mit seiner Satire in eine Gewinn bringende Lücke. Billige Lacher und Verschwörungstheorie Entertainment und Gesellschaftskritik verbinden sich.

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Moore ist der Late-Night-Talker unter den US-kritischen Autoren. Seine Lektüre ist leicht und fetzig. Seine Argumentation ist simpel, was auch primitiv bedeuten kann. Bisweilen stimmen seine Fakten nicht. Was durchaus hintergründiger Fragen und erschütternder Antworten bedürfte, wird bei Moore zur Polemik. Dabei ist ihm kein Lacher zu billig und keine verschwörerische Querverbindung zu weit hergeholt. So wurde er Popstar, eine Projektionsfläche, die enthusiastisch beklatscht, aber nicht mehr hinterfragt wird. Da rettet einen auch nicht, dass man auf der Seite der Guten steht und jene jubeln, die den Frieden wollen und die soziale Gerechtigkeit. Moores Melange aus Information, Unterhaltung, Mutmaßung, Verdächtigung und Klischee stößt längst auch bei der Linken in den USA auf Kritik. Im Wahlkampf im kommenden Jahr könnte Moores totale Polemik gefährlich werden. "Saloon.com", eines der Zentralorgane der Linksliberalen in den USA, bezeichnet Moore als "Großmaul". Gewiss, Moore ist zweifellos witziger als seine Gegner. Ob das aber reicht, wenn es darum geht, aus dem "Home of the Brave" wieder ein "Land of the free" zu machen?

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