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"Das Globalisierungskonzept ist ein
Produkt einer über alle Maßen
kranken Gesellschaft
"

Der Sozialhistoriker Helmut Bräuer im Aurora-Gespräch

Die historische Dimension macht deutlich, dass der internationale
Handel nicht stattfände, wenn er für dessen "Träger" gewinnmindernd funktionieren
würde. Das war um 1500 so und hat auch heute Gültigkeit. "Als Sozialhistoriker aber",
bemerkt Helmut Bräuer, "bedenke ich vor allem die Folgen für die Betroffenen dieser
ökonomischen Einseitigkeit. Es ist dies eine Elends- und Verelendungsspur, die sich
'von alters her’ durch die Weltgeschichte zieht und gegenwärtig
bei den Bananen ankommt."



(c) privat

Prof. Dr. sc. phil.
Helmut Bräuer
,
*1938 in Chemnitz.

Studium der Geschichte und Geographie, Erweiterungsstudium Geschichte, Fernstudium Archivwissenschaft;
Lehrer (1959-1971); Stadtarchivdirektor Karl-Marx- Stadt (1971-1981);
Hochschullehrer Universität Leipzig (1981-1992);
Gastprofessor an den Universitäten Wien, Basel und Salzburg (zwischen 1993 und 1998);
Dann: Forschungsprojekt (Volkswagen-Stiftung) zum Thema "Armut" (Verein für Historische Studien e.V. bei der Universität Leipzig);

Bücher und Aufsätze zur spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Wirtschafts-, Sozial- und Konfliktgeschichte, zur Reformations-, Stadt- und Historiographiegeschichte;

Soeben erschienen:

Helmut Bräuer, Elke Schlenkrich (Bearb.): Armut und Armutsbekämpfung. Schriftliche und bildliche Quellen bis um 1800 aus Chemnitz, Dresden, Freiberg, Leipzig und Zwickau. Ein sachthematisches Inventar, Leipzig: Universitätsverlag 2002, 1455 S. mit CD-ROM. -

Gegenwärtige Arbeitsschwerpunkte:

Armut und Mentalität, Kinderarmut.

Kontakt:
HelmutBraeuer@t-online.de

Aurora-Magazin: Herr Bräuer, wie neu ist das Phänomen der ökonomischen Globalisierung?

Bräuer: Wer den Wein- und Gewürzhandel des Altertums, den frühneuzeitlichen Sklavenmarkt, die Arbeitskräftemigration im 18. Jahrhundert oder die über Ländergrenzen verlaufende Informationsbeschaffung von Fertigungstechnologien während der industriellen Revolution in die Diskussion um "Globalisierung" ziehen wollte, würde wohl nicht den Kern der Sache treffen – selbst wenn berechtigt die Frage gestellt werden muß, die eigentlich an die Spitze der Globalisierungsdebatte gehörte, meist aber unterschlagen, schamhaft an die Gesprächsperipherie gedrückt oder ganz simpel entstellt behandelt wird : Cui bono?

Aus meiner Sicht sind die mit jenem Begriff verbundenen ökonomischen Prozesse ein Kind des 20. Jahrhunderts. Sie setzten mit der Entstehung einer neuen Weltlage insbesondere nach 1945 ein und wurden zunächst gedrosselt gehalten und betrieben. Sie explodierten dann in den späten 1980er Jahren geradezu, weil es nun offen und hemmungslos um die Neu- bzw. Restverteilung von Einflußsphären, um Märkte, Billigarbeitskräfte, Finanzierungsorganisation von Banken bis Versicherungen, Fremdressourcen etc. ging und geht.

Im Grunde ist dies eine erweiterte, qualifizierte und effizient gestaltete, rigoros betriebene und exzellent kaschierte Form weltweiten Wirtschaftens der Spitzenkonzerne und anderer maßgeblicher ökonomischer Agglomerationen, die zentrale Impulse vom Kolonialismus alter Prägung erhalten oder wieder aufgegriffen und auf neue Bedingungen orientiert bzw. neue Strategien ähnlicher Art entworfen haben. Das begriffliche Instrumentarium in Theorie und Praxis erscheint dabei weitgehend unverfänglich, ja naiv: Dynamik, Druck des Bevölkerungswachstums, Strukturwandel, Weiterentwicklung, Fortschritt... Die Reihe ließe sich fortsetzen. Nur höchst zaghaft wird eingeräumt, daß der Maximalprofit eine Rolle spiele – beispielswiese als 1994 auf einer Tagung der Alfred Herrhausen Gesellschaft für internationalen Dialog über "Arbeit der Zukunft. Zukunft der Arbeit" der damalige Sprecher des Vorstandes der Deutschen Bank AG, Hilmar Kopper, die Konferenzsergebnisse resümierte und dabei bemerkte, er hoffe, daß aus der lebhaften Debatte das herfließe, "was wir so sehr schätzen, insbesondere in der Wirtschaft: der Gewinn." [Vgl. Arbeit der Zukunft. Zukunft der Arbeit. 2. Jahreskolloquium, 17./18. Juni 1994, Frankfurt am Main, Stuttgart 1994, S. 233].

Und wenn es im Globalisierungsprozeß und den Diskussionen zu diesem Phänomen auch um Politik, Kultur, Ökologie, Kommunikation, Tourismus, "Freiheit" oder um die Events von Spaßgesellschaften und viele andere Dinge geht, so sind dies entweder die erforderlichen "Mägde der Ökonomie" oder Garnierungen. Ja selbst, wer nach Formen von "Globalization from below" sucht, findet eine gehörige Portion Skepsis vor.

Was die sozial-ökologischen Probleme anlangt, die mehr oder weniger global "gelöst" werden sollen, so kann man die Augen nicht vor der Tatsache verschließen, daß die vor Dürftigkeit strotzenden Ergebnisse der verschiedenen "Welt-Hunger-, Umwelt- oder anderer Gipfel" (zuletzt: Johannesburg 2002) bislang kaum einen Wandel gebracht haben. Mehr als Absichtserklärungen und – sofern man die Papiere mit sehr viel gutem Willen liest – einige Ansätze von den Rändern her vermochten sie nicht zu erreichen.

 

 

 

 

Der alte Fernhandel besaß eine relative Selbständigkeit und diente lediglich als Verbindungsglied zwischen Regionen

 

 

 

 

 

Der heutige "Fernhandel" besitzt amerikanische und ostasiatische Zentren

Aurora-Magazin: Worin liegen die Unterschiede des "alten" Fernhandels zum heutigen?

Bräuer: Der "alte" Fernhandel besaß weitaus kleinere Dimension, vollzog sich relativ langsam und verlief zu einem beträchtlichen Teil über die großen Meßplätze – etwa Brügge, Antwerpen, Mailand, Paris, Genf, Lyon und (natürlich!) Leipzig – sowie über Handelskontore, z.B. der Hanse in London oder Nowgorod. Er besaß also vornehmlich europäische Leitzentren und Ausgangspunkte. Es ging dabei um Warenhandel, der schon relativ frühzeitig mit "modernen", also bargeldlosen Zahlungsmodi verbunden wurde und auch in einigen Bereichen Direktkontakt zur Produktion besaß. Die oberdeutschen Textilzentren, ich nenne hier nur Augsburg, belieferten aus dem Verlagssystem heraus viele ferne Märkte. Dieser Handel besaß im Wirtschaftssystem eine relative Selbständigkeit und war stets "nur" Verbindungsglied zwischen Regionen.
Als ein Seitenstück einzufügen wäre an diesem Ort der "Handel" mit den Kolonien, also das Geschäft, bei dem Erze und Kaffee gegen Glasperlen gewechselt wurden. Damit war eigentlich das Konfliktfeld aufgebaut, auf dem, um es literaturbezogen zu sagen, die Buddenbrooks scheitern mußten.

Der heutige "Fernhandel" besitzt amerikanische und ostasiatische Zentren; Europa hat die vormalige Stellung längst verloren. Sie können dies eigentlich an der Aufreihung der Börsennachrichten recht eindrucksvoll ablesen: New York, Tokio, Frankfurt/M. Der Hauptunterschied zum alten Fernhandel scheint mir aber darin zu bestehen, daß die neuen kommerziellen Formen ihre relative Selbständigkeit aufgegeben haben, als "Bedienstete" strikt an die bankengesteuerte, produktive Sphäre gebunden wurden und vor allem Märkte mit Billigarbeitszonen verknüpfen.

 

 

 

 

 

Schon immer wurde versucht, fremde Waren vom eigenen Markt fernzuhalten

 

 

 

 

 

 

Die "Bedrohung" zeigt sich nicht als Attacke gegen eine beliebige Sache, sondern als eine gegen den konkreten Gewinn

Aurora-Magazin: Gibt es frühe Beispiele dafür, dass die "auswärtige" Konkurrenz als Bedrohung empfunden wird?

Bräuer: Aber natürlich. Konkurrenz wird eigentlich von den am Wettbewerb Beteiligten immer als Bedrohung empfunden. Simple Beispiele für entsprechende Reaktionen sind die bewaffneten Auszüge von Zunftbürgern und Stadtknechten, um die Produktionsstätten der störenden oder pfuschenden Dorfhandwerker zu vernichten und deren Erzeugnisse zu konfiszieren oder die vielfältigen Konzepte kameralistischer Wirtschaftsspezialisten von Becher bis Marperger, durch staatliche Maßnahmen fremde Fertigwaren vom "eigenen" Markt fernzuhalten, um keine Finanzmittel abfließen zu lassen, dafür aber selbst fremde Märkte für die eigenen Exportgüter in Anspruch zu nehmen. Und als nach 1500 infolge fortschreitender Ware-Geld-Beziehungen der Bedarf von Edelmetallen immer mehr zunahm und durch Silber und Gold aus Mittel- und Südamerika im jährlichen Zuwachs bis zu 0,6 % gedeckt wurde, hatte dies Auswirkungen auf den europäischen Bergbau. Vor allem die Zechen zwischen Tirol, Ungarn und dem Erzgebirge begannen nach der Mitte des 16. Jahrhunderts einen langfristigen Niedergang anzutreten, für den sowohl die eigene Erschöpfung der Vorkommen als auch die absolut und relativ steigenden Förderungs- und Verarbeitungskosten bedeutsame Faktoren waren. Überseeisches Edelmetall – billig, weil unter haarsträubenden Bedingungen abgebaut – trug damit zum Erschlaffen des europäischen Bergbaus bei. So das äußere Bild. Vor allem aber zogen sich die bisherigen Kapitalgeber aus diesen Regionen zurück, weil mancherorts bald die Zubuße größer war als der Kuxertrag.

Es gilt also auch hier eine alte Beobachtung: Die vom Fremden oder vom Anderen ausgehende "Bedrohung" – gleich welcher Art – ist primär oder weitgehend keine Attacke auf eine beliebige Sache, sondern eine auf den konkreten Gewinn, und erst wenn der Profit in Gefahr gerät, werden Mechanismen entwickelt, die weitere und vor allem soziale Wirkungen nach sich ziehen.

 

 

 

Die Menschen sollten sich "vom Inhalt dessen verabschieden, was gegenwärtig noch immer unter Fortschritt verstanden wird..."

 

 

 

 

 

Fortschritt sollte immer mit den Grundwerten der Aufklärung, mit Vernunft, Zurückhaltung, Begrenzung und Selbstdisziplinierung einhergehen

 

 

 

 

 

Die Globalisierung "führt mit Sicherheit zum Fortschreiten sozialer und ökologischer Katastrophenkonstellationen"

 

Aurora-Magazin: Gibt es etwas, was sich für die vormodernen Wirtschaftsmodelle vorbringen lässt? Beispielsweise für die Idee des mittelalterlichen Zunftwesens, nicht mehr, sondern bloß das Nötigste zu produzieren? – Oder ist der heutige ökonomische Ablauf, trotz seiner Macken, nicht in Wirklichkeit etwas Unübertroffenes?

Bräuer: Natürlich werde ich mich hüten, die Zunft für die Perspektive salonfähig machen zu wollen. Sie hat schon zu "ihrer Zeit" soziale Differenzierungsprozesse nicht verhindert. Aber hinter ihr steht der Genossenschaftsgedanke. Ihn halte ich durchaus, und zwar flächendeckend und regional orientiert und in dieser Form in internationale Beziehungen eingebunden, für tragfähig – tragfähig allerdings unter der Voraussetzung, daß sich die Menschen vom Inhalt dessen verabschieden, was gegenwärtig noch immer unter Fortschritt verstanden wird, in Wirklichkeit aber nichts anderes meint als Habenwollen, indem man schneller, geschickter, raffinierter, korrupter und perfekter zu Werke geht als der Mitkonkurrent und dies vor allem ökonomisch und politisch umsetzt. Gegenwärtig verhungert alle 3,6 Sekunden ein Mensch. Das geschieht, so meinen wir leichthin, weitab von uns. Der konkrete Mensch ist unser Nachbar, der, den der Hunger trifft, ist abstrakt, eine Ziffer in der Sozialstatistik. Eine solche Denkweise ist das Ergebnis von gewollter, gezielt initiierter und individuell zugelassener, ja widerstandslos hingenommener Manipulation. Wenn es gelingt, genossenschaftliche Ideen und Aktivitäten an einen Fortschrittsbegriff zu binden, der Grundwerte der Aufklärung impliziert und in dieser Vernunft-Orientierung auch persönliche Begrenzung oder Zurückhaltungen und Selbstdisziplinierung nicht ausschließt, sondern zu Standards eines wirklich modernen Denkens und Lebens erhebt, dürfte das ein Ansatz sein.

Gewiß halten das viele für eine Illusion. Ich würde dem ohne Not zustimmen, weil mir selbstredend klar ist, daß sich die jetzt noch alle Gesellschaftsstrukturen dominierenden Kräfte nicht einer Selbstdeformierung oder Selbstentmachtung unterziehen werden. Das Kapital und sein Anhang verzichten nicht freiwillig auf ihre Positionen. Dennoch brauche ich – verkürzt gesagt – derzeit noch diese aus den Begriffen "Genossenschaft" und "Vernunft" bestehende Vision von einem Gesellschaftswandel, weil die sozialen Ungerechtigkeiten, die politische Machtgier und der Grad der Ausplünderung der Natur generell ein horrendes und vielerorts kaum noch zu ertragendes Ausmaß erreicht haben. Doch das Globalisierungskonzept – als Produkt einer über alle Maßen kranken Gesellschaft – führt mit Sicherheit zum Fortschreiten dieser sozialen und ökologischen Katastrophenkonstellationen. An deren Gipfelpunkt gibt es eigentlich dann nur noch die Alternative der Besinnung auf andere Werte, wenn man die Überlebensfähigkeit der Menschheit wirklich will. Dies wäre nach meinem Verständnis für die oben skizzierte Illusion eine Chance...

 

 

 

 

 

 

 

Das Verhältnis zwischen dem "arm arbeyter" und dem "kauffherrn" hat sich seit dem 16. Jhdt. in grundsätzlichen Punkten kaum verändert

Aurora-Magazin: Sie bemühen sich in Ihren Büchern, eine greifbare Vorstellung von der Vergangenheit zu geben. Wie würden Sie jetzt umgekehrt einem Menschen aus dem Mittelalter oder der frühen Neuzeit die gegenwärtige wirtschaftliche Entwicklung zu beschreiben versuchen?

Bräuer: Beide Bemühungen sind, so glaube ich, gleich schwierig, aber entscheidend ist wohl, wer mein Gesprächspartner aus der Vergangenheit wäre. Jakob Fugger in Augsburg würde ich sagen, daß er seinen Wirtschaftsstil nur geringfügig zu qualifizieren und das Unternehmen mit einer PR-Abteilung auszustatten brauche, und schon könne er problemlos "Microsoft" aufkaufen.

Einen verlegten Leineweber aus der Chemnitzer Johannisvorstadt würde ich zunächst fragen, ob er die Prosa-Dialoge seines Zeitgenossen Hans Sachs aus dem Jahre 1524 kenne. Würde er das bejahen, könnte ich darauf verweisen, daß sich an den grundsätzlichen Punkten im Verhältnis zwischen dem "arm arbeyter" und seinem "kauffherrn" bis ins Jahr 2002 nur wenig ändern würde – graduell freilich komme es darauf an, wo er dann lebe. In Venezuela erginge es ihm sicher schlechter, am Ort vielleicht ein wenig besser, selbst wenn er zum Arbeitsamt laufen müsse und auf den Plakatwänden in der Stadt nur glückstrahlende Menschen sehe. Wenn er aber in eine Globalisierungsdebatte gezogen werde, möge er sehr kritisch sein, sich nicht vom oeconomicus übertölpeln lassen, sondern auf den "gemeynen nutz" achten.

Und ich glaube, das würde er verstehen.

 

 

 

 

 

 

 

"Als Sozialhistoriker bedenke ich vor allem die Folgen für die Betroffenen dieser ökonomischen Einseitigkeit"

 

 

 

 

 

 

"Wir benötigen eine andere Wirtschaftsphilosophie, um das soziale Reich-Arm-Gefälle nicht noch weiter anwachsen zu lassen"

Aurora-Magazin: Die Ökonomen sind heute in der großen Mehrzahl davon überzeugt, dass der internationale Handel den einzelnen Ländern in jedem Fall Vorteile bringt. Können Sie diese Haltung aus der historischen Perspektive bestätigen oder verknüpfen Sie mit dem zunehmenden internationalen Handel auch negative Entwicklungselemente?

Bräuer: Die Ökonomen, von denen Sie sprechen, argumentieren aus der Perspektive der "Träger" des internationalen Handels. Und hier gilt ganz ohne Abstriche: Dieser Handel fände nicht dauerhaft statt, wenn er gewinnmindernd funktionieren würde. Das war um 1500 so und hat heute Gültigkeit. Insofern kann ich keine Vorteile für "Länder", allenfalls für bestimmte soziale Gruppierungen erkennen.

Natürlich wird der Ökonom die Breite und Qualität, das Preisniveau und die von Anfang Januar bis Ende Dezember eines Jahres währende Zugriffmöglichkeit zu den Waren auf den Märkten zu rühmen wissen und auf diese Weise leicht Beifall für seine Position des "Pro-globalen- Wirtschaftens" erlangen können. Als Sozialhistoriker aber bedenke ich vor allem die Folgen für die Betroffenen dieser ökonomischen Einseitigkeit. Es ist dies eine Elends- und Verelendungsspur, die sich "von alters her" durch die Weltgeschichte zieht und gegenwärtig – wirklich nur beispielsweise – bei den Bananen ankommt: Bei 14 Kilogramm liegt der jährliche deutsche Pro-Kopf-Verbrauch, 11 Millionen Tonnen dieser Frucht werden weltweit auf die Märkte geworfen. Dahinter stehen in Costa Rica etwa (umgerechnet) 150 bis 200 EUR und weniger an Monatslöhnen, 13 Stunden Arbeitszeit, Kinderarbeit, Pestizide mit ihren bekannten und unerkannten Wirkungen, Eingriffe in den Regenwald... Und das "Windhundrennen" um die Bananeneinfuhr in die EU soll zumindest bis 2006 weitergehen, um danach offenbar noch lukrativeren, weil einfuhrqotenfreien Formen des Handels zu weichen. Dies sind die Konsequenzen aus der fortschreitenden Internationalisierung.

Daß internationaler Handel zweckmäßig und notwendig ist, weil es unterschiedliche Standortbedingungen für Warenerzeugung und Warenumsatz gibt, bestreitet gewiß niemand, aber wir benötigen eine andere Wirtschaftsphilosophie und entsprechende Strukturveränderungen, um durch die Globalisierung das soziale Reich-Arm-Gefälle nicht noch weiter anwachsen zu lassen.

 

 

lAllein in der Deutschen Bücherei zu Leipzig wurden seit 1988 1.211 Titel zum Thema "Globalisierung" aufgestellt

 

 

 

 

 

 

 

"Viele globale Entscheidungen sind längst gefallen"

Aurora-Magazin: Halten Sie die gegenwärtige Globalisierungsdebatte für die entscheidende ökonomische Diskussion unserer Tage?

Bräuer: Seit der Innsbrucker Dissertation von Wieland Cichon über "Globalisierung als strategisches Problem" (1988) wurden in der Deutschen Bücherei zu Leipzig 1.211 Titel zum Thema aufgestellt, einige davon sind mehrbändige Werke oder Reihen. Allein dies deutet die quantitative Dimension bereits an. Hinzu müßte man noch fremdsprachige Arbeiten, andere Medien und vor allem die Flut von Aufsätzen rechnen. Insofern ist dies das Ergebnis einer sehr intensiven Auseinandersetzung.

Die Debatte ist sachlich breiter geworden. Das halte ich für einen Fortschritt. Sie ist auch kritischer geworden, und das scheint mir weitaus wichtiger zu sein. Ihre ökonomische Komponente lebt aber noch immer von einer "Objektivierung", die nicht den Kern der Dinge trifft. Helmut Schmidt zum Beispiel hielt 1997/98 an der Universität Düsseldorf drei Vorlesungen, deren Text später als Buch erschien. Viele nachdenkliche Töne waren dort zu hören, aber er sprach auch noch immer von der "Auswanderung von Arbeitsplätzen", als ob dies ein objektiver, gewissermaßen "notwendiger" Vorgang sei – unabhängig, losgelöst und "frei" von denen, die diesen Prozeß steuern (vgl. Helmut Schmidt: Globalisierung. Politische, ökonomische und kulturelle Herausforderungen, 2. Aufl., Stuttgart 1999, S. 23f., Zitat S. 65).

Grundsätzlich aber meine ich: Die "entscheidende" ökonomische Diskussion hat in internen Studien und Gutachten stattgefunden und ihren Niederschlag in den ökonomischen Realien gefunden, denn viele globale Entscheidungen sind längst gefallen, und an ihnen hat die Öffentlichkeit nur einen einzigen Anteil – den der Betroffenheit oder des Betroffenwerdens.

 

 

 

"Wohlstand ist für mich das Lebensnotwendige, nicht das Existenzminimum, aber weitab vom Luxus"

Aurora-Magazin: Zum Abschluss noch eine persönliche Frage: Was bedeutet für Sie Wohlstand?

Bräuer: Ihre aufs Subjekt zielende Frage macht es mir leicht. Sie enthebt mich aller Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Definitionsversuchen. Wohlstand ist für mich das, worauf ich als Mensch "wohl" "stehen" kann; er ist das Lebensnotwendige, nicht das Existenzminimum, aber weitab vom Luxus. Vor allem muß der materielle Wohlstand aus jenem Potential zu schöpfen sein, das ich selbst erarbeitet, nicht "erhalten" oder mir aus anderer Leute Tätigkeit angeeignet habe. Insofern ist für mich Wohlstand nicht eine Qualität der Bequemlichkeit und des Wohllebens, sondern sie schließt – auf der Basis der eigenen Arbeit - auch Selbstdisziplin(ierung) und Bescheidung ein. Beispielsweise lebe ich mit meiner Familie ohne Pkw und TV, Geschirrspüler, Mikrowelle etc., und wir waschen dennoch nicht die Wäsche drunten am Bach, sondern haben zwei, drei Bücher, verreisen, essen und putzen uns die Zähne.

Aurora-Magazin: Herr Bräuer, vielen Dank für das Gespräch!


Das Interview führte Hermann Maier
(hmann@gmx.at)

(Ausdrucken?)

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