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Gesellschaftliche Naturkatastrophen
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Die synchronen Überschwemmungen und Dürren in der ganzen Welt
kündigen eine neue Qualität der ökologischen Krise an. Doch obwohl jeder weiß, dass
es sich bei diesen Katastrophen nicht um reine Naturphänomene handelt und diese
wenigstens zum Teil auf die gegebenen ökonomischen Prinzipien zurückzuführen
sind, ist die Bereitschaft zu ökologischen Eingriffen in die
Ökonomie sogar zurückgegangen.

Von Robert Kurz



Robert Kurz

ist freier Publizist und Mitherausgeber der Zeitschrift Krisis (www.krisis.org).

Er veröffentlichte unter anderem die Bücher: "Der Kollaps der Modernisierung", "Schwarzbuch Kapitalismus" und "Marx lesen".

 

 

Das Katastrophenjahr 2002

     Die weltweiten Überschwemmungen des Sommers 2002 werden in die Geschichte der Naturkatastrophen als trauriger Rekord eingehen. In einem Ausmaß wie noch nie seit Beginn der meteorologischen Aufzeichnungen in der Neuzeit wurden gleichzeitig in Europa, Afrika, Asien, Süd- und Nordamerika riesige Gebiete überflutet. Extrem starke Regenfälle mit bis zu 600 Litern pro Quadratmeter, Erdrutsche und über die Ufer tretende Flüsse zerstörten die Infrastrukturen ganzer Provinzen, vernichteten die Ernte, forderten zehntausende von Todesopfern und machten Millionen von Menschen obdachlos. In Ostdeutschland hat eine "Jahrhundertflut" fast das gesamteWirtschaftsleben lahmgelegt. Genau umgekehrt wurden gleichzeitig andere Regionen, oft innerhalb desselben Landes, von entsprechenden Dürrekatastrophen heimgesucht. So standen einerseits in Norditalien ganze Landstriche unter Wasser und die Weinernte dieses Jahres wurde zum größten Teil durch Unwetter vernichtet, während sich andererseits die Leute im ausgedörrten Süditalien nicht mehr duschen können und die Mafia das Wasser flaschenweise verkauft.

 

 

 

Jeder weiß, dass es sich bei den Katastrophen um keine reinen Naturphänomene handelt

Entweder die Sintflut oder gar kein Wasser mehr: Diese Disproportionalität hat Methode. Wie die großen, global tätigen Versicherungsgesellschaften melden, steigen die Schäden durch Unwetter und Überschwemmungen von Jahr zu Jahr an: In Europa haben sie sich nach Angaben des Allianz-Konzerns allein im ersten Halbjahr 2002 vervierfacht. Schon längst weiß jedes Kind, daß die "höhere Gewalt" dieser Katastrophen nicht von den Göttern kommt; ebensowenig handelt es sich um reine Naturprozesse, die der menschlichen Gesellschaft äußerlich wären. Vielmehr haben wir es mit gesellschaftlich produzierten Veränderungen der Natur zu tun, vor denen die Ökologen schon seit Jahrzehnten vergeblich warnen. Das Resultat sind "gesellschaftliche Naturkatastrophen", die sich irreversibel ausbreiten. Warum wird die längst vorhandene Einsicht in ökologische Zusammenhänge gesellschaftlich derart stur ignoriert? Das Problem des Verhältnisses von sozial-ökonomischen und natürlichen Prozessen muß offenbar grundsätzlich neu formuliert werden.

 

 

Der Mensch greift immer in die Naturabläufe ein

 

 

 

 

 

Damit dieser Prozess nicht destruktiv wird, muss die Gesellschaft vernünftig organisiert werden

    Gesellschaft hat eine andere Qualität als Natur. Obwohl es keine chinesische Mauer zwischen den Lebewesen gibt, unterscheiden sich doch Menschen grundsätzlich von Pflanzen und Tieren, worin auch immer das Wesen dieser Differenz liegt und wo auch immer die Schwelle des Übergangs zu suchen sein mag. Marx sagte, was den schlechtesten Baumeister von der besten Biene unterscheide, sei die Tatsache, daß das menschliche Werk "zuerst durch den Kopf hindurch muß", also nicht selber unmittelbar Naturprozeß ist, sondern Umgestaltung der Natur mittels des entkoppelten Bewußtseins. Dadurch entsteht ja erst ein Verhältnis von Natur und Kultur oder von Natur und Gesellschaft. Dieses Verhältnis enthält eine Spannung, die sich destruktiv entladen kann. Da gesellschaftliche und natürliche Prozesse nicht identisch sind, können sie kollidieren. Kein Mensch kann einfach "im Einklang mit der Natur leben", wie es die grüne Ideologie fordert. Sonst wäre er selber bloß Natur, also ein Tier. Gesellschaft ist nicht unmittelbar Natur, sondern "Stoffwechselprozeß mit der Natur" (Marx), also Umgestaltung und "Kulturalisierung" der Natur (Kultus bedeutete ursprünglich Ackerbau). Damit dieser Prozeß nicht zu katastrophalen Friktionen führt, ist eine vernünftige Organisation der Gesellschaft erforderlich. Vernunft heißt in dieser Hinsicht nichts anderes als eine Reflexion der Naturzusammenhänge im Bewußtsein und ein entsprechendes Verhalten bei der gesellschaftlichen Umgestaltung der Natur, das sinnlosen Raubbau und destruktive Nebenwirkungen vermeidet.

 

 

 

Alle bisherigen Gesellschaften agierten "unvernünftig"

Eine vernünftige Organisation der Gesellschaft kann sich aber nicht allein auf den "Stoffwechselprozeß mit der Natur" beziehen. Vernunft ist unteilbar. Ohne eine vernünftige, das heißt die sozialen Bedürfnisse befriedigende Beziehung der Gesellschaftsmitglieder untereinander kann es auch keine Vernunft in der Umgestaltung der Natur geben. Wie Horkheimer und Adorno in ihrer "Dialektik der Aufklärung" gezeigt haben, bedingen sich eine irrationale, destruktive, unreflektierte "Herrschaft über die Natur" und eine ebensolche "Herrschaft des Menschen über den Menschen" wechselseitig. Insofern müssen alle bisherigen Gesellschaften als unvernünftig gelten, weil sie von der Irrationalität der Herrschaft nicht losgekommen sind. Auch gesellschaftliche Katastrophen wie Kriege oder Hungersnöte und Naturzerstörung bedingen sich wechselseitig. Herrschaft ist immer destruktiv, weil sie ein unreflektiertes Gewaltverhältnis darstellt.

 

 

 

 

Erst die modernen Gesellschaften betreiben die Zerstörung im großen Stil

     Als Verhältnisse von Herrschaft und Unterwerfung auf der Ebene der  sozialen Beziehungen kannten die vormodernen Agrargesellschaften auch die damit verbundene Zerstörung von Naturzusammenhängen. Die Verkarstung der einstmals bewaldeten Ufer des Mittelmeers war bekanntlich eine Folge des rücksichtslosen Verbrauchs von Holz durch die antiken Mächte, vor allem das römische Imperium. Eine große Rolle spielte dabei der Bau von Kriegsflotten. Aber diese Naturzerstörung beschränkte sich auf einzelne Aspekte der Biosphäre, sie nahm noch keinen systematischen und umfassenden Charakter an. Erst die wunderbare Moderne hat eine Dynamik entfesselt, die zur Bedrohung für das irdische Leben überhaupt geworden ist und jene "gesellschaftlichen Naturkatastrophen" im großen Maßstab hervorbringt; und zwar mit umso größerer Wucht, je mehr sich die moderne Gesellschaft zu einem planetarischen Gesamtsystem entwickelt. Es wäre zu billig, die Dynamik der modernen Naturzerstörung allein der Technik zuzuschreiben. Gewiß sind es technische Mittel, die direkt oder indirekt in die Naturzusammenhänge eingreifen. Aber diese Mittel stehen nicht für sich, sondern sie sind Ergebnis einer bestimmten Form der gesellschaftlichen Organisation, die sowohl die sozialen Beziehungen als auch den "Stoffwechselprozeß mit der Natur" bestimmt. Das moderne warenproduzierende System, das auf der Verwertung von Geldkapital als Selbstzweck beruht, erweist sich dabei in doppelter Weise als irrational: nämlich sowohl auf der Makro-Ebene der Volks- und Weltwirtschaft als auch auf der Mikro-Ebene der Betriebswirtschaft.

 

Auf der Makroebene sind der ökonomische "Zwang" zu Wachstum und Kostensenkung der Grund für Armut, Arbeitslosigkeit und Naturzerstörung

Die Makro-Ebene, also die gesellschaftliche Summe aller Verwertungs- und Marktprozesse, bringt den Zwang zu einem permanenten abstrakten Wachstum der Wertmasse hervor. Das führt zu destruktiven Formen und Inhalten der Produktion und der Lebensweise, die weder mit den sozialen Bedürfnissen noch mit der Ökologie der Naturzusammenhänge vereinbar sind (Individualverkehr, Zersiedelung, Landschafts-Verbrauch, Bildung von städtischen Monster-Agglomerationen, Massentourismus usw.). Auf der betriebswirtschaftlichen Mikro-Ebene führen die Zwänge von Wachstum und Konkurrenz zu einer Politik der "Kostensenkung" um jeden Preis, egal ob der Inhalt der Produktion an sich sinnvoll oder destruktiv ist. Aber die Kosten werden größtenteils nicht objektiv gesenkt, sondern lediglich nach außen verlagert: auf die Gesamtgesellschaft, auf die Natur, auf die Zukunft. Diese "Externalisierung" von Kosten erscheint dann einerseits als "Arbeitslosigkeit" und Armut, andererseits als Verunreinigung von Luft und Wasser, Auslaugung und Erosion der Böden, destruktive Veränderung der klimatischen Bedingungen usw. Die zerstörerischen Auswirkungen dieser irrationalen Produktionsweise auf das Klima und die Biosphäre schienen zunächst eine bloß theoretische Frage zu sein, weil sie sich im planetarischen Maßstab erst über lange Zeiträume hinweg manifestieren.

 

Die Globalisierung der letzten beiden Jahrzehnte hat den Zerstörungsprozess auf die Spitze getrieben

    Vorbereitet wurde dieser Zerstörungsprozeß in zwei Jahrhunderten der Industrialisierung, forciert in der Entwicklung des Weltmarkts nach 1945 und auf die Spitze getrieben in der Globalisierung der letzten beiden Jahrzehnte. Die in immer kürzeren Abständen sich wiederholenden Flut- und Dürre-Katastrophen, die sich auf immer mehr Weltregionen ausweiten, kündigen die absolute ökologische Grenze dieser Produktionsweise an, ebenso wie die wachsende globale Massenarbeitslosigkeit und Massenarmut ihre absolute sozialökonomische Grenze markieren. Sintflut und Dürre lassen sich präzise als Verhältnisse von Ursache und Wirkung aus der destruktiven Logik von Weltmarkt und Betriebswirtschaft erklären. Im großen kontinentalen und transkontinentalen Maßstab werden die anormalen extremen Unwetter und Regenfälle ebenso wie umgekehrt der anormale extreme Wassermangel durch klimatische Veränderungen hervorgerufen, die ihrerseits Resultat der ungehemmten betriebswirtschaftlichen Emmission von sogenannten Treibhausgasen (Fluorkohlenwasserstoffen) sind. Diese Gase, von denen die Erdatmosphäre langfristig künstlich aufgeheizt wird, werden bei der Produktion und beim Betrieb fast aller wichtigen industriellen Waren freigesetzt, obwohl es auch andere technische Möglichkeiten gäbe.

 

Auf der Mikroebene wurden die Unwetter durch Bodenversiegelungen oder Flußbegradigungen zu Flutkatastrophen

Im kleineren regionalen Maßstab sind es eine ganze Reihe von marktwirtschaftlichen Eingriffen in die Natur, die dazu führen, daß sich die neue Qualität von Unwettern zu großflächigen Flutkatastrophen steigert: In den Flußtälern werden die Böden industriell versiegelt, die Auwälder vernichtet und als Gewerbe-Gebiete und Bauland vermarktet, die Flüsse selbst "begradigt", ausgebaggert und in "Wasser-Autobahnen" verwandelt. Einerseits konzentriert also der markt- und betriebswirtschaftlich erzeugte Wandel des Klimas die Regenfälle, die früher gleichmäßiger verteilt waren, massiv auf bestimmte Zonen; andererseits können dort die Wassermengen ebenfalls aufgrund rücksichtsloser markt- und betriebswirtschaftlicher Praktiken in viel geringerem Maße als in der Vergangenheit abfließen und versickern.

 

Ökologische Kritiker wie Greenpeace oder die Grünen haben nie die verursachenden ökonomischen Prinzipien in Frage gestellt

    Die ökologischen Kritiker haben zwar diese Zusammenhänge aufgezeigt und vor den Katastrophen gewarnt, die sich jetzt real manifestieren. Aber sie haben es stets vermieden, das verursachende ökonomische Prinzip als solches in Frage zu stellen. Ökologische Theoretiker und Publizisten, "grüne" Parteien und NGOs wie Greenpeace haben sich allesamt auf die "ewigen" Prinzipien des Kapitalismus vergattern lassen. Sie wollten nie etwas anderes sein als eine Art "Lobby der Natur" im Rahmen genau der Logik, von der die Biosphäre zerstört wird.

Die ganze Debatte über die sogenannte "nachhaltige Entwicklung" ignoriert den Charakter des abstrakten Verwertungs- und Wachstumsprinzips, das keinerlei Sensorium für stoffliche, ökologische und soziale Qualitäten besitzt und deshalb auch völlig unfähig ist, diese zu berücksichtigen. Vollends absurd ist das Konzept, der Betriebswirtschaft die Kosten der Naturzerstörung, die sie ausgelagert hat, wieder in ihre Bilanzen hineinrechnen zu wollen. Das Wesen der Betriebswirtschaft besteht ja gerade darin, systematisch Kosten zu externalisieren, die schließlich von keiner Instanz mehr bezahlt werden können. Wenn sie damit aufhören soll, wäre sie auch keine Betriebswirtschaft mehr und die gesellschaftlichen Ressourcen für den "Stoffwechselprozeß mit der Natur" müßten in einer qualitativ anderen Form organisiert werden. Daß aber die Betriebswirtschaft selbst ihr eigenes Prinzip verleugnen soll, ist eine Illusion. Der Wolf wird nicht zum Vegetarier, und der Kapitalismus nicht zum Verein für Naturschutz und Menschenfreundlichkeit.

 

 

 

 

Inzwischen ist die Bereitschaft zu ökologischen Eingriffen in die Ökonomie sogar zurückgegangen

    Wie nicht anders zu erwarten, sind sämtliche Gipfelkonferenzen über Klimaschutz und Nachhaltigkeit von Rio über Kyoto bis Johannesburg kläglich gescheitert, nicht zuletzt am "nachhaltigen" Widerstand der USA, die sich ihren Weltmacht-Konsum nicht vermiesen lassen wollen. Weil die durchaus mögliche Umrüstung auf andere Technologien das betriebswirtschaftliche Kalkül belasten und die Gewinne schmälern würde, wird sie verweigert und weiterhin Treibhausgas in großen Mengen emittiert; ebenso geht der Landschaftsverbrauch ungebremst weiter. Inzwischen ist die Bereitschaft zu ökologischen Eingriffen in die Ökonomie sogar drastisch zurückgegangen, weil das Ende des Finanzblasen-Kapitalismus die Weltkonjunktur abzuwürgen droht und deshalb Natur- und Klimaschutz nur noch als "Luxus" erscheinen, der zuerst gestrichen wird. Unter dem Eindruck der ökonomischen Krise bekennen sich auch immer mehr ehemalige prominente Öko-Aktivisten als Kinder des Kapitalismus, die von einer Beschränkung der Betriebswirtschaft nichts mehr wissen wollen. Einer von ihnen ist der Däne Björn Lomborg, der zum Liebling der Wirtschaftspresse wurde und als gut bezahlter Wanderprediger der Industrie herumreisen darf, weil er die Klima-Katastrophe ins Reich der Phantasie verweist und behauptet, daß mit Hilfe der globalen Marktwirtschaft alles immer besser werde und auch die Natur geradezu aufblühe. Aus Begeisterung über diese dreiste Verfälschung der Tatsachen widmete die "Wirtschaftswoche", das Zentralorgan des deutschen Neoliberalismus, den Thesen Lomborgs eine ganze Serie. Pünktlich zum letzten Teil dieser Serie kam die große Flut. Übereinstimmend stellten Meteorologen und Historiker fest, daß es in Mitteleuropa derartige Unwetter und Fluthöhen seit Jahrhunderten nicht gegeben hat. Die Veränderung des Klimas war dabei direkt sinnlich zu spüren, denn es handelte sich um Stürme und Wolkenbrüche ohne Abkühlung, wie sie sonst nur aus tropischen Gegenden bekannt sind. Die anschließende Flutkatastrophe hat in Deutschland, Tschechien und Österreich ähnlich wie in Asien Milliarden-Schäden verursacht. Da die Staatskassen leer sind, mußte Bundeskanzler Schröder den Stabilitätspakt der EU in Frage stellen. Die Flut nimmt finanzpolitische Dimensionen an. Es wird immer deutlicher: Ökonomische Krise und ökologische Zerstörungen verschränken sich zu einer einzigen Gesamtkatastrophe. Die physikalischen Gesetze lassen sich nicht statistisch manipulieren, und die "realistischen Pragmatiker" des globalen Marktsystems saufen buchstäblich ab in Dreckwasser und Schlamm.

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