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Von der Petro-Kultur zur Agri-Kultur
Ökosozial statt neoliberal
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Die bäuerliche Landwirtschaft wird immer mehr von der industrialisierten
Landwirtschaft verdrängt. Überschüsse und die Zerstörung von Umwelt und
Haustieren sind die Folge. Eine grundsätzliche Wende ist nur möglich "wenn die
Politiker zuerst auf die Ökologen hören und dann auf die Ökonomen, die Wissenschafter
sich an den Naturgesetzen orientieren und nicht am freien Markt, aus Landwirten
wieder Bauern werden und die Konsumenten durch ihr Kauf- und
Stimmverhalten den notwendigen Druck erzeugen".

Von Alfred Haiger


Zur Situation
(eine ökologische Negativbilanz)

     In den letzten vier Jahrzehnten hat sich am Prinzip der Landbewirtschaftung mehr geändert als in Jahrhunderten vorher. Die bäuerliche (humusmehrende) Kreislaufwirtschaft wurde von der (humus-zehrenden) industrialisierten Landwirtschaft verdrängt. Das führte in den westlichen Industriestaaten zu enormen Nahrungsmittelüberschüssen, die den Eindruck erwecken könnten - und viele glauben es auch tatsächlich -, daß unser derzeitiges Landbewirtschaftungssystem äußerst effektiv und rational sei. In Wirklichkeit "basiert die moderne Landwirtschaft weitgehend auf reichlich verfügbarem billigen Erdöl und eignet sich gewiß nicht für alle Zukunft" (SCHUMACHER 1977). Global gesehen verbraucht rund 1/4 der Weltbevölkerung in den Industriestaaten knapp 3/4 der Energie- und Rohstoffvorräte unserer Erde. Das hat in der Landwirtschaft dazu geführt, daß die "Weltagrarmärkte zu Abraumhalden geworden sind, auf denen die reichen Industrieländer mit hohen Subventionen ihre Überschüsse abladen und anderen Ländern aufzwingen" (WEINSCHENK 1990). Durch die völlig falsche Agrarpolitik (gleichermaßen zutreffend für die gesamte Wirtschaftspolitik, die auf weltweiten Freihandel setzt) werden sowohl die Entwicklungsländer als auch die westlichen Industriestaaten langfristig geschädigt (DALY 1999). Erstere durch die enormen Futterexporte (allein die EU-Staaten importieren jährlich fast 30 Mio. t Futtermittel überwiegend aus Entwicklungsländern), was großteils den Anbau von Grundnahrungsmitteln für die dortige Bevölkerung verdrängt, und in den Industriestaaten erfordert der ruinöse Preisverfall auf den Weltagrarmärkten immer größere Budgetanteile für die Flächenprämien und den Export von Überschüssen.


Politische Dogmen

(nicht erkannte Irrtümer)

    Wir leben im Industriezeitalter und haben eine kapitalistische Geldordnung. In der BROCKHAUS-Enzyklopädie wird der Kapitalismus wie folgt beschrieben: "Modell einer Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, in der die wirtschaftlichen, sozialen und politischen Beziehungen der Menschen sowie der Organisationen und Institutionen wesentlich von den Interessen derer bestimmt werden, die über das Kapital verfügen." Es ist daher einsichtig, daß die erdrückende Mehrheit der Wirtschaftswissenschafter, die von den führenden Politikern konsultiert werden, die ihrerseits wieder von den Interessen der Kapitalbesitzenden (Kapitalisten) "bestimmt" werden, an folgende "Dogmen" glauben:

A. Weltweiter Freihandel als Ordnungsprinzip (Gewinnmaximierung)

B. Möglichkeit eines unbegrenzten Wachstums (Zinseszins-Prinzip)

C. Prozentuale Lohn- und Gehaltserhöhungen (Verteilungs-Prinzip)


Alle drei Dogmen entbehren aber langfristig gesehen jeder realen Grundlage. Das einzusehen und eine grundsätzliche Umkehr im privaten wie gesellschaftlichen Leben zu vollziehen ist menschlich gesehen eine "Herkulesarbeit", wenn man in der Gesellschaftspyramide ganz oben angesiedelt ist und davon überzeugt ist, daß es persönlich einen Abstieg in jeder Beziehung bedeuten würde (Prestige, Einkommen, Lebensgewohnheiten etc.).Will die Menschheit jedoch als ganzes in Frieden mit sich und der Natur überleben, bleibt ihr nur eine kopernikanische Wende vom kapitalistisch-industriellen Denken und Handeln zu einem ökologisch-sozialen und dieser Weg muß nicht erst erfunden werden. Eine "ohnmächtige" Minderheit von Wissenschaftern und Praktikern bauen seit Jahrzehnten an diesem Weg, allerdings unbemerkt, belächelt oder bekämpft von der "herrschenden" Mehrheit. Beispiele aus der Praxis wären die Biobauern und Ökokonsumenten. Bahnfahrer statt Flugzeugbenutzer, Biomasse- statt Erdölverbraucher.

    Dem Freihandels-Dogma des englischen Ökonomen David RICARDO (1772-1823), das auf der internationalen Arbeitsteilung infolge der komparativen Kostenvorteile beruht, ist DALY (1994) mit einer fundierten Analyse über die "Gefahren des freien Handels" entgegengetreten. Den zerstörerischen Wirkungen des weltweiten Freihandels mit Massengütern ist am besten durch reale Transportkosten zu begegnen. In die gleiche Kerbe schlägt auch BINSWANGER (1979, 1988) in seinen Büchern, wenn er als Strategien gegen die Arbeitslosigkeit und Umweltzerstörung, zu einer "drastischen Erhöhung der Steuern auf primäre Rohstoffe und fossile Energie bei gleichzeitiger Steuerentlastung der menschlichen Arbeitskraft" rät. Eine solche Steuerreform würde auch die flächendeckende Ökologisierung der Landwirtschaft fördern, da Stickstoffdünger und Pestizide wesentlich teurer wären und sich die Leguminosen in der Fruchtfolge "rechnen" würden.

Dem Dogma vom "unbegrenzten Wachstum" hat der Club-of-Rome (MEADOWS 1972) schon vor rund 25 Jahren mit fundierten Modellrechnungen die "Grenzen des Wachstums" entgegengesetzt, die übrigens auch vom "normalen" Menschenverstand leicht eingesehen werden könne. (Die Bäume wachsen nicht in den Himmel). Ein neuer Club-of-Rome-Bericht "Mit der Natur rechnen" (DIEREN 1995) hat den bezeichnenden Untertitel "Vom Bruttosozialprodukt zum Ökosozialprodukt". Offensichtlich empfinden auch andere Menschen, daß in unserer volkswirtschaftlichen Rechnung die Erde nur als Rohstofflager (das es zu plündern gilt) und als Abfalldeponie (die Kosten bzw. Gewinne verursacht) vorkommt. Durch den unbestrittenen Zinseszinsanspruch erhalten die Kapitalinhaber ein gigantisches (arbeitsloses) Einkommen und das macht beim derzeitigen Schuldenstand der Entwicklungsländer wie der Industriestaaten die Dramatik der Einkommens- und Sozialleistungsproblematik für die unselbständig Erwerbstätigen aus (KENNEDY 1992).


Notwendige politische Maßnahmen

(weniger / naturgemäßer / gerechter)

    In dieser Situation ist der biologische Landbau schlechthin die Alternative zu diesem absurden, ökologisch ruinösen und kostspieligen Landbewirtschaftungssystem, das unsere Lebensgrundlagen arg gefährdet. Denn er beruht auf der natürlichen Bodenfruchtbarkeit, einer artgemäßen Viehwirtschaft (Haltung, Fütterung und Zucht) und pflegt gleichzeitig die gewachsene Kulturlandschaft. Der Landwirtschaft obliegt neben der Inlandsversorgung mit hochwertigen Grundnahrungsmitteln die Erhaltung unverzichtbarer Lebensgrundlagen und die Bauern sollen dafür ein entsprechendes Einkommen erwirtschaften. Diese dreifache Aufgabe verlangt ein Bündel von Maßnahmen wie: rigorose Produktionsbeschränkungen auf das Ausmaß der natürlichen Bodenfruchtbarkeit, Bindung der Tierhaltung an die Fläche, Abstockung übergroßer Bestände gegen finanziellen Ausgleich bzw. Einhebung von Abgaben, ein wirksamer Außenhandelsschutz und die Förderung von Alternativen (Eiweißfutter, Ölsaaten, Mutterkuhhaltung etc.). Mittelfristig müßte das Einkommen der ökologisch wirtschaftenden Bauern aber durch entsprechende Produktpreise gesichert werden. (Die Endkoppelung von Produktion und Einkommen ist eine Entwürdigung ehrlicher Bauernarbeit und keine sinnvolle Reformpolitik!).

Eine grundsätzliche Wende ist nur möglich, wenn die Politiker zuerst auf die Ökologen hören und dann auf die Ökonomen (Gestaltungs- statt Gefälligkeitspolitik), die Wissenschafter sich an den Naturgesetzen orientieren und nicht am freien Markt (Paradigmenwechsel), aus Landwirten wieder Bauern werden (Humusmehrung) und die Konsumenten (das sind wir alle) durch ihr Kauf- und Stimmverhalten den notwendigen Druck erzeugen (= praktizierte Ethik).

 

Literatur

BINSWANGER, H.Ch. u. Ma. (1979): Wege aus der Wohlstandsfalle. Fischer Taschenbuch, Frankfurt a. M.

(1988): Arbeit ohne Umweltzerstörung. Fischer Taschenbuch, Frankfurt a. M.

BRZEZINSKI, Z. (1999): Die einzige Weltmacht (Amerikas Strategie der Vorherrschaft). Fischer Taschenbuch, Frankfurt/M.

DALY, H.E. (1999): Wirtschaft jenseits von Wachstum (Die Volkswirtschaftslehre nachhaltiger Entwicklung). Verlag A. Pustet, Salzburg-München.

DIEREN, W. v. (1995): Mit der Natur rechnen. Birkhäuser Verlag, Basel.

KENNEDY, M. (1992): Geld ohne Zinsen und Inflation (Ein Tauschmittel das jedem dient). Goldmann Verlag, München.

MEADOWS, D. u. Ma. (1972): Die Grenzen des Wachstums. Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart.

SCHUMACHER, E. F. (1977): Die Rückkehr zum menschlichen Maß. Rowohlt Verlag, Hamburg.

WEINSCHENK, G. (1990): Wieviel Freihandel erträgt die Landwirtschaft? Förderungsdienst 38, 6-8.

 

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(Dieser Artikel ist zuerst erschienen im Freiland-Journal 1/03.)


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