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Worte versagen

Von 29. September bis 18. Februar 2004 wurden 1231 Palästinenser
getötet – waren das alles Terroristen?

Von Amira Hass



Amira Hass
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Tochter osteuropäischer Holocaust-Überlebender, ist Korrespondentin der israelischen Zeitung Ha’aretz und lebt seit über vier Jahren als erste und einzige israelische Journalistin in Gaza und der Westbank, derzeit in Ramallah. Sie gilt mittlerweile als intimste Kennerin des palästinensischen Lebens.

Für ihre ungewöhnlichen und mutigen Reportagen aus dem Gazastreifen wurde sie 1999 mit dem "World Press Hero Award" ausgezeichnet.

2002 erhielt sie den "Prince Claus Award" (NL) sowie den "Bruno Kreisky Preis für Verdienste um die Menschenrechte" (A).

Von Amira Hass sind auf Deutsch zwei Bücher erhältlich: 'Gaza‘ (C.H. Beck/München) und 'Bericht aus Ramallah‘.

     Dies ist ein Versagenseingeständnis. Das geschriebene Wort versagt, wo es darum geht, israelischen Lesern den wahren Horror der Besatzung im Gazastreifen begreiflich zu machen. Schreibt man, die Palästinenser im nördlichen und südlichen Gazastreifen seien durch Abriegelung vom Meer abgeschnitten, lautet die Reaktion: "es sind Terroristen". Schreibt man über die Wohnviertel im westlichen Teil des Khan-Yunis-Flüchtlingslagers, wo die Hauswände mit Einschusslöchern gespickt sind – von Kugeln aus großkalibrigen Maschinengewehren bzw. von Panzergranaten –, heißt es: "die Palästinenser haben angefangen". Erzählt man die Geschichte des 15jährigen Yusuf Bashir, dessen Heim in Dir al-Balah in ein (israelisches) Armee-Fort verwandelt wurde, sagen die Israelis: "es gibt eben keine Alternative, die jüdische Siedlung Kfar Darom muss geschützt werden und Kfar Dekalim und Atzmona und Morag".

Ein Report, in dem steht, dass Soldaten einer Armeestellung direkt neben Yusufs Haus einem UN-Team erlaubten, den Hof der Familie zu betreten, wird in Israel als Beleg für die humanitäre Gesinnung der Soldaten gewertet – sie seien bei Ausübung ihrer Pflicht also bereit, Risiken in Kauf zu nehmen. Berichtet man weiter, einer der Soldaten – ein Offizier, so die Sprecherin der israelischen Armee (IDF) später –, habe plötzlich "auf die Räder eines verdächtigen Fahrzeugs geschossen", (das Fahrzeug des UN-Teams), wird man die Schüsse in Israel einfach nicht zur Kenntnis nehmen. Und berichtet man weiter, dass der Junge, Yusuf Bashir, in den Rücken geschossen wurde, als er den UN-Besuchern nachwinkte und dass er vielleicht für den Rest seines Lebens gelähmt bleibt – horchen vielleicht ein paar Leser bei dem Wort "gelähmt" auf. Aber es gibt soviele Yusufs und soviele Geschichten, die nie berichtet wurden und nie berichtet werden.

 

 

 

Zehntausende Fotos wären nötig, um den Israelis begreiflich zu machen, welchen Schaden ihre Besatzung anrichtet

     Dieses Eingeständnis des Scheiterns des geschriebenen Worts geht allerdings nicht zugunsten der Rolle der Fotografie. Natürlich, ein Bild sagt manchesmal mehr als tausend Worte. Damit die Israelis die israelische Besatzung bis zu einem bestimmten Grad begreifen würden, wären aber zehntausende Fotos nötig, die sie sich eins nach dem andern ansehen – beziehungsweise mehrere Dokumentarfilme, von denen jeder mindestens 8 Stunden dauert, damit die Israelis in Realzeit sehen und begreifen, welche Angst in den Augen von Schulkindern liegt, wenn das Zischen vom Himmel zu verbogenem, zerquetschten Metall führt, zu verkohlten Leichen im Innern (des Fahrzeugs). Man sollte einen Film drehen, der den Zuschauern die Weinberge (Obstgärten) des Orts Sheikh Ajalin vor Augen führt. Man sollte sie die reifen Grapefruits sehen lassen und die Bauern, wie sie die Früchte seit Jahren liebevoll hegen und pflegen – um dann zu sehen, dass dies alles nur noch verbrannte Erde ist, nachdem die israelischen Panzer und Bulldozer kamen. Es gibt noch keinen Film, der die Israelis die wundervollen Früchte Sheikh Ajalins kosten lassen könnte. Die Weinberge (Obstgärten) sind ohnedies verschwunden – damit Militärposten (die jüdische Siedlung) Netzarim schützen können.

 

 

 

Im Flüchtlingslager Jabalya (Gazastreifen) kamen 81 Frauen und 344 Kinder durch die israelische Armee zu Tode

Wie würden Fotos wohl folgende Tatsachen illustrieren: Vom 29. September bis Montag dieser Woche wurden, laut IDF, 94 Israelis getötet – 27 Zivilisten und 67 Soldaten. Von 29. September bis 18. Februar 2004 wurden 1231 Palästinenser getötet – waren das alles Terroristen? Auf palästinensischer Seite gibt es keine zentrale Erfassungsstelle, also ist eine gewisse Diskrepanz zwischen dem Datenmaterial der verschiedenen palästinensischen Gruppen erkennbar. Keine Gruppe erhebt Anspruch auf hundertprozentige Genauigkeit. Laut Menschenrechtsgruppe Mezan – mit Sitz im Flüchtlingslager Jabalya –, kamen im Gazastreifen 81 Frauen und 344 Kinder unter 18 Jahren durch IDF-Gewehrfeuer zu Tode. 255 Mitglieder der palästinensischen Polizei bzw. der palästinensischen Sicherheitskräfte wurden ebenfalls getötet – auf Posten, in ihren Büros, manche im Kampf. 264 der (1231) Toten waren männliche Bewaffnete – in Kämpfen mit der IDF gefallen, oder beim Versuch, Militärstellungen anzugreifen bzw. Siedler/Siedlungen. Durch die 'gezielten-Ermordungen‘ der IDF starben 46 Zielpersonen und 80 Passanten, die der "zielgenauen Prävention" zum Opfer fielen.

 

 

Die israelische Gesellschaft hat gelernt, wegzusehen und ruhig weiterzuleben

     Warum gelingt es nicht, den Lesern all dies begreiflich zu machen? Es liegt nicht an der Schwäche des Worts oder an einem Mangel an Bildmaterial. Grund ist vielmehr, die israelische Gesellschaft hat gelernt, angesichts folgender Tatsachen ruhig weiterzuleben: Im Gazastreifen leben 8000 Juden neben 1,4 Millionen Palästinensern. Das Gesamtgebiet beträgt 365 Quadratkilometer. Davon nehmen die jüdischen Siedlungen 54 Quadratkilometer ein. Bezieht man die von der IDF – gemäß Osloer Verträge – gehaltenen Gebiete mit ein, heißt das: 20% des Gazastreifens stehen unter israelischer Kontrolle. 20% des Gesamtgebiets für 0,5 Prozent der Bevölkerung also. Die Aufgabe der israelischen Armee besteht darin, die Sicherheit dieses halben israelischen Prozents zu gewährleisten. Das halbe Prozent hält jede Menge Land besetzt, es genießt Bewegungsfreiheit, Entwicklungschancen und frisches Wasser – im Gegensatz zu der versalzenen Brühe, die man den Palästinensern zuteilt. Die israelischen Armeestellungen – dazu da, die jüdischen Siedlungen zu schützen –, befinden sich entweder in oder neben (jüdischen) Siedlungen. So überblicken sie die gesamte zivile palästinensische Nachbarschaft.

 

 

"Arrogante, zynische, rücksichtslose Siedlungen"

Die hohe Zahl palästinensischer Opfer im Gazastreifen, darunter ein hoher Prozentsatz Zivilopfer, hängt damit zusammen, dass alle expandierenden (jüdischen) Siedlungen in der Nähe dichtbesiedelter, erstickend übervölkerter palästinensischer Gemeinden liegen. Diese Nähe erklärt auch die 'flexiblen (militärischen) Einsatzregeln‘, sie erklärt die Bomben, die zu Fragmenten zersplittern und die unbemannten Flugzeuge, aus denen Raketen abgefeuert werden. Die IDF operiert in der Logik der arroganten, zynischen, rücksichtslosen Siedlungen – einiger weniger fetter Privilegierter – die inmitten der einzigen Landreserven thronen, die die Palästinenser im Gazastreifen noch haben. Obwohl jetzt von "Rückzug" die Rede ist, fehlt doch irgendein Zeichen, dass die israelische Gesellschaft diese offensichtlich unmoralische Logik, die das Weiterbestehen der Siedlungen mästet, abschüttelt. Das gilt für den Gazastreifen wie für die Westbank.

 

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Dieser Artikel ist uns freundlicherweise von Zmag.de zur
Verfügung gestellt worden. Die Übersetzung stammt von Andrea Noll.


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