Welternährung

Wer sich heute mit dem Thema der "Ernährung" und zumal mit dem der "Welternährung" befasst, wird mit einer Reihe von "Perversionen" konfrontiert: derjenigen der Ärzte und der der Sprache, mit der Perversion der Nahrungsmittelindustrie und der Perversion des Krieges.

Von Bernhard Heindl


     Ich möchte, das sei vorausgeschickt, das gestellte Thema hier nicht in Form unumstößlicher Wahrheiten abhandeln. Ich will auch niemanden mit objektiven Daten und neuesten Informationen dazu überreden, die entsprechenden Verlautbarungen nicht bezweifeln zu dürfen. Denn der Zweck meiner anekdotischen Überlegungen besteht nur darin, einen Bogen um den mir etwas dubios, um nicht zu sagen verdächtig scheinenden Begriff der "Welternährung" zu schlagen. Vielleicht gelingt es so, die Sache, die damit gemeint ist, von verschiedenen Seiten her einzukreisen und auf eine Weise in den Blick zu bekommen, dass der eingeschlagene Gedankenbogen zu einigen Fragen animiert, die vielen möglicherweise zuvor noch nicht – oder jedenfalls nicht so – vor Augen gekommen sind. Meine Anregungen wären dann gleichsam nur als eine Art Einleitung zu verstehen, mit dem Ziel, zu einem darauffolgenden "Kolloquium" zu kommen.

Manchmal ist es notwendig, seine gewöhnlichen Ansichten im Alltag hinter sich zu lassen und das frische Wagnis eines Denkens zu üben, das sich der Gefahr aussetzt, auf der Such nach Wahrheit in die Irre zu segeln. Bei einem solchen Risiko zählt anstelle der gewohnten Routine oder eines bewährten Kompasses, der einen sicher ans Ziel brächte, nur der Beistand der Begleiter in einem Gespräch, das keinen anderen Nutzen erstrebt als den, sich gemeinsam über etwas klarer zu werden. Z.B. darüber, warum im Begriff der Ernährung die Idee einer Genesung steckt, von welchem ursprünglichen Verständnis das heutige Schlagwort von der "Welternährung" ebenso weit entfernt ist wie das Internationale Rote Kreuz vom Internationalen Währungsfond zur Förderung der Weltwirtschaft.

Dazu braucht man sich nur in Erinnerung zu rufen, welche Tätigkeit mit dem Wort Ernährung gemeint ist: Das Füttern und Aufziehen (nutrire) des Viehs durch die davon profitierenden Bauern, oder das Säugen der Kinder durch die Mütter, die damit ihre kleinen Schreihälse stillen, die sich noch nicht selbst die Mäuler stopfen können. Beide ursprünglichen Bedeutungen ergeben zusammen das ideale Image einer modernen Wirtschaft, deren lukratives Geschäft umso schöner blüht, je besser sich das damit verbreitete Bild aufopfernder Fürsorglichkeit verkaufen lässt, mit der die Nahrungsmittelindustrie die ganze Menschheit an ihre Brust nimmt, die dabei voll von "Welternährung" schwillt.

Es wundert also nicht, dass der Begriff im Deutschen erst durch die beginnende Ernährungswissenschaft um die Mitte des 19. Jahrhunderts allgemein verbreitet wird. Und zwar als Übersetzung des englischen Ausdrucks nutrition, der v.a. in der Tierzucht verwendet und mit dem Aufschwung der Massentierhaltung in Amerika populär wird.

Elisabeth Meyer-Renschhausen weist in ihrem Buch Von der schwarzen zur weißen Küche darauf hin. Dazu zeichnet sie in anschaulicher Weise die Entwicklung von den rußgeschwärzten Rauchküchen der Bauernhäuser zu unseren hygienisch-blitzblanken Einbauküchen der Stadtwohnungen nach und schildert darin den parallel dazu ablaufenden Prozeß der ständigen Entmachtung der Frauen durch die zunehmende Marginalisierung ihrer Position innerhalb des Hauses. Gezeigt wird, wie die einstigen Beherrscherinnen des ebenso gefährlichen wie segensreichen Feuers im Zentrum des Hauses, von dessen tatkräftigen Ernährerinnen, zusammen mit der von ihr gemeisterten Küche im Zug der Industrialisierung immer mehr an den Rand gedrängt werden. Dort dürfen sie seither als moderne Hausfrauen ihre bescheidene Rolle im Dienst am neuen Herrn im Haus spielen, der sich als Geldverdiener in die Pose des wahren Ernährers der Familie wirft. Seine modernen Gehilfinnen haben sich dabei zur Unterstützung der schweren Aufgabe im Hintergrund ihrer Küchen – zumeist außerhalb des Wohnbereichs – möglichst ebenso dezent, sauber, verlässlich und pflegeleicht wie diese, ihren Partnern zum bequemen Gebrauch bereit zu halten, solange sie selbst nicht zu Höherem berufen, d.h. vom Arbeitsmarkt benötigt werden.

Dieser Prozeß einer Entwürdigung manifestiert sich aber nicht nur am Exempel der marginalisierten Rolle moderner Hausfrauen und der Verachtung aller Formen der "Hauswirtschaft". Vielmehr spiegelt sich darin nur eine der vielen Facetten einer tiefgreifenden Umwälzung wider. Erinnert sei diesbezüglich an ein Wort der französischen Dichterin Christiane Singer. Die Autorin ausgezeichneter Bücher (wie: Tod in Wien oder: Rastenberg) erklärte einmal in einer ORF-Sendung ("Im Gespräch" mit Peter Huemer), zwar nicht wortwörtlich, aber sinngemäß, dass die bedrückendste Erfahrung, die sie im Laufe ihres Lebens gemacht habe, die insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg rasend schnell vor sich gegangene Mutation selbständiger Subjekte zu kalkulierbaren Objekten gewesen sei. Ein Transformationsprozeß, der aus eigenwilligen Personen willige Konsumenten und aus souveränen Völkern die berechenbare Masse einer Bevölkerung produziere, in der die einzelnen Individuen zu statistischen Nummern degradiert würden und darüber hinaus nur mehr als Verbraucher für einen Weltmarkt zählten, wo sie nach dem Grad ihres Nutzens für diesen kategorisiert und wissenschaftlich klassifiziert werden.

Damit es aber zu einer solchen Perversion überhaupt kommen könne, die den Wert einer Person vor allem danach einschätze, was sich diese leisten könne, müssten die Menschen zuvor von ihren geistigen Grundlagen losgerissen und völlig entwurzelt worden sein. Nur wenn sie des geistigen Substrats jener Grundsätze beraubt worden seien, aus denen ihrem Leben ein Sinn erwachse, könne man sie in ihrem Hunger danach mit oberflächlichen Substituten füttern und das Bedürfnis danach nie versiegen lassen. Erst wenn man von allen Verankerungen in der Tiefe des Lebens losgerissen worden sei, die uns in dessen Gewoge standhaft und aufrecht erhielten, könne man im Meer der Illusionen umhergetrieben dann zur leichten Beute im Windspiel all der Gaukeleien werden, aus der unsere Wirtschaft ihre Energie beziehe.

Dieser Prozeß der Entwurzelung, bei dem das Leben nur mehr unter der Bedingung als kostbar betrachtet werde, dass man daraus Kapital schlagen könne, ließe sich heute überall erkennen: im politischen, kulturellen, sozialen und ethischen Bereich. Wir wüssten immer weniger, woran wir uns noch halten und worauf verlassen könnten. Das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren, nähme daher ebenso zu, wie die entsprechende Angst, in diesem ständig steigenden Sturm nicht mithalten zu können, der jeden von uns mit sich reiße und uns Atem und Besinnung raube.

Folgende Geschichte gibt ein kleines Beispiel dieser Art der Entwurzelung: Vor einiger Zeit fragte ich im Zug eines Gesprächs einen mir bekannten Arzt über die explodierenden Kosten im Gesundheitswesen, ob es auch für Österreich zutreffen könnte, was eine Studie über die Bundesrepublik Deutschland angeblich ergeben hatte, wonach ein Drittel aller Ausgaben zur Krankenfinanzierung von unserer Ernährung verursacht würde. Der Mediziner, der inzwischen längst in Pension ist, bestätigte mir ohne weiteres, dass diese Einschätzung seiner Meinung nach nicht übertrieben sei und sicher auch für Österreich zutreffe: In der Folge wollte ich wissen, warum dies in der Öffentlichkeit – angesichts der großen Bedeutung dieser Tatsache – entweder gar nicht oder jedenfalls viel zu wenig bekannt sei. Und weshalb die Ärzteschaft nicht wesentlich energischer darauf hinweisen und darüber aufklären würden? Die Auskunft kam wie aus der Pistole geschossen: Seine Kollegen, so meinte der Arzt, wären doch nicht so blöd, sich eine Kundschaft zu schmälern, von deren Krankheit sie schließlich leben würden!

Diese Antwort hat mit dem beißenden Spott eines Aristophanes über die Geldgier derer, die den hioppokratischen Eid schwören, nichts gemein. Hier klagt kein Satiriker jene Scheinheiligen an, die Hilfe in der Not zu ihrem obersten Prinzip erklären, während sie in der Tat nur den Zweck verfolgen, mit den hehren Beteuerungen, die sie verkaufen, ihr Geschäft florieren zu lassen. In der zitierten Äußerung wird kein frecher Widerspruch beklagt. Sondern in ihr nimmt sich ein Zyniker kein Blatt vor den Mund, vielmehr verleiht er mit ihm einer Realität das Wort, wonach Kranke als Wirtschaftsfaktoren eines Arztbetriebs wichtiger wären als die Verhinderung ihrer Krankheit durch medizinische Aufklärung. So wird einer geistigen Verworfenheit Raum gegeben, in der die theoretisch beschworenen Grundsätze durch eine Praxis verspottet werden, die ihnen den Boden abgräbt.

Die daraus folgende Perversion, die dem Sinn des Handelns seine geistige Grundlage raubt und die Blöße notdürftig mit einem oberflächlichen Nutzen bedeckt, könnte jedoch nicht so schnell um sich greifen, wenn nicht gewisse Schlagwörter ununterbrochen in unsere Köpfe eingehämmert würden. Dolf Sternberger, Gerhard Storz und W.E. Süsskind haben in ihrem Wörterbuch des Unmenschen ein ganzes Arsenal davon bereits 1945/6 unter dem Schock der grauenhaften Konsequenzen der Sprache des Nationalsozialismus und seines Ungeistes zusammengestellt. Ins selbe Lexikon der Abscheulichkeiten gehört der Begriff der "Welternährung" verbannt. Dort ist er zusammen mit der "Weltbevölkerung" an den selben Pranger zu stellen, den Barbara Duden bereits vor Jahren dafür errichtet hat (Siehe: Wie im Westen so auf Erden; rororo Handbuch, hg. Von Hans Sachs, 1993). Und dorthin gehören auch die beiden anderen Schandmäler der Sprache: "Übervölkerung" und "Überfremdung", die den Ungeist derer entlarven, die sie gerne zusammen im Mund führen.

Ihre Schreckgespenster dienen den Angstparolen einer Politik, die davon lebt, dass sie einen groben Keil zwischen die Menschen schlägt. Sind die Schlagwörter aus dem "Wörterbuch der Unmenschen" einmal in die Köpfe eingehämmert, die man damit spalten will, dann errichtet sich die trennende Mauer zwischen ihnen beinah ganz von selbst. Davon profitieren aber nicht nur die kleinen politischen Rattenfänger wie jener Millionär vom Kärtner Bärental, der alle "anständigen Österreicher" gegen alle "kriminellen Ausländer" mit Erfolg mobilisiert und mit dieser plakativen Schwarz-Weiß-Malerei die Übergänge dazwischen negiert. Umso leichter lässt sich die primitive Fiktion in die brutale Wirklichkeit geschlossener Grenzen verwandeln, die in ihrer Unüberwindlichkeit dann tatsächlich die Weißen von den Schwarzen "sauber" trennen!

Ähnliches leistet, nicht minder wirksam, das Schlagwort "Weltbevölkerung". Ein Begriff, der schwammig genug ist, um als jene unheimliche Biomasse vorgestellt werden zu können, die – im Unterschied zur eigenen Person – nicht aufhört zu wachsen wie der Brei im Märchen, der die Menschenkinder zu verschlingen droht. Das Schreckensbild reicht zur Forderung aus, einen festen Wall zu errichten, der die diffusen Massen dahinter in Grenzen hält und das eigene Individuum vor ihrem Schicksal verschont. Dieses kann sich, je höher der schützende Damm ausgemalt wird, umso besser in die Illusion eines Extrapostens der Menschheit versetzen. Von ihr kommt sich der Auserwählte in seinem Wahn umso distanzierter und ausgezeichneter vor, je stärker er auf die wissenschaftliche Objektivität seiner Additionen pochen kann, die er in seinem Kopf zur "Weltbevölkerung" zusammenrechnet.

Die horrende Zahl jagt aber ihren Schrecken erst so recht mit dem Kalkül ein, welche Futtermenge "Welternährung" der "Weltbevölkerung" in den Rachen zu stopfen ist, um einerseits ihr Wachstum in Grenzen zu halten, ohne sie anderseits mit ihrem Hunger all zu sehr zu reizen und eine Explosion zu verhindern, die den Kalkulator selbst verschlänge. Dies erwägend, stellt der kühle Rechner eine Gleichung von zwei Variablen auf, in der die ganze Menschheit zusammengenommen auf den Faktor X reduziert – und ihrer Nahrung in der abstrahierten Form der Menge Y gegenübergestellt wird. Da der Vergleich beider Mengen miteinander logischerweise nicht vollzogen werden und die aufgestellte Rechnung sich nie und nimmer ausgehen kann, solange die Menschen weder mit ihrer Nahrung verglichen noch mit den Mitteln verwechselt werden können, die sie zum Leben brauchen, versucht der Kalkulator sein Rechenexempel nach dem Gesetz der Marktwirtschaft von Angebot und Nachfrage zu lösen. Demnach muß sich entweder die Masse "Weltbevölkerung" verringern oder die Futtermenge "Welternährung" erhöhen, um beide miteinander in Einklang bringen zu können.

Zu dieser bizarren Form der Bilanzierung zwischen einer Menschheit auf der einen und ihrer Nahrung auf der anderen Seite, kommt das Heil in Form der neuen "Life-Industrie" gerade recht! Deren Geschäft blüht, solange ihre Rechnung aufgeht. Dazu gilt es, die Öffentlichkeit vom Segen zu überzeugen, den die Ernährungswissenschaftler aus dem unerschöpflichen Himmel ihrer Kreationen vermittels des "Weltmarkts" über die ganze Erde bringen. Sie werden von den Propagandisten des modernen Mannas ("novel food" genannt) mit dem Versprechen unterstützt, den schicksalhaft planetarisch steigenden Faktor X mit einer ebenso wachsenden globalen Produktionsmenge Y stets ausgleichen zu wollen. Wenn man ihnen nur möglichst bedingungslos die dazu nötigen Opfer brächte und alle geforderten Mittel in die Hand gäbe! Und ihnen nicht die dazugehörige Huld versagte! Denn demütig, nicht unwillig wollen die modernen Götter in Weiß für ihre Erfindungen bedankt werden, mit denen sie der Menschheit in ihrem Kampf gegen Krankheit und Hunger den Endsieg verheißen. Gegen sie werden die beiden Parolen GESUNDHEIT und ERNÄHRUNG aufs Banner geschrieben und ins Feld geführt, wo sie der gläubigen Gefolgschaft wie Schalmeien klingen.

Ein Hinweis auf die beiden Stichwörter genügt, um die Zweifel an den glorreichen Schöpfungen der "Life-Industrie" zu beseitigen und die Pharmazie und Biotechnologie triumphieren zu lassen. Und zwar umso mehr, je besser sie einander in die Hände spielen! Zu diesem Zweck müssen die alten Lebensmittel durch das neue Futter der "Lebensindustrie" ersetzt und mit diesem künstlichen Produktionsersatz der natürliche Zusammenhang von Nahrung, Genesung und Genuß zerrissen werden. Deren geglückte Synthesis wurde einst von den Köchinnen in wohldosierten Proportionen serviert, ehe aus den kundigen Frauen der Heilkunst moderne Konsumentinnen und Bedienerinnen von Mikrowellenherden wurden. Mit dem Verschwinden der alten Hexereien rund ums gefährlich-heilsame Feuer im Haus werden seither die klinisch-sterilen Fabrikate und Präparate der separaten Nahrungs-, Heil- und Genussmittelbranche umso mehr am Markt gepriesen, je weniger sie ihre modernen "Verbraucher" befriedigen können und je dringender sie daher einander bedürfen. Dies ist z.B der Fall, wenn eine Ernährung geradezu nach ihrer Gesundung durch den Mediziner schreit, damit dieser seinen Kunden die Heilmittel in Form "bitterer Pillen" verkaufe. Deren Genuß stillt dann allerdings den süßen Appetit der Menschen auf das Leben ebenso wenig wie die Futtermittel, denen sie zuvor ihre unersättliche Fresslust oder einen würgenden Brechreiz verdanken.

Kein Wunder, wenn der Titel Europa frisst Scheiße stimmt, mit der unlängst ein englischer Artikel über Klärschlämme, Kadavermehle und Dioxine als das "novel food" der Nahrungsmittelindustrie den von Ekel geschüttelten Lesern mit dem Magen auch ihre Lust auf das Essen verdirbt. Man reagiert zunehmend allergisch auf das, was tagaus, tagein hinter der schönen Verpackung "Ernährung" in seinem Schlund verschwindet. Offenbar bricht mehr und mehr aus ihren Leibern wieder aus, was sie in ihrem Innersten nicht mehr vertragen können: Eine Nahrung, die sie verdauen sollen, ohne sie genießen zu dürfen und in diesem Genuß den Hunger eine Weile zu stillen, mit Hilfe dessen Triebkraft alles, was lebt, sehnsüchtig nach einer Wiederherstellung und Erneuerung seiner stets mit dem Leben schwindenden Kräfte verlangt.

Zu unseren modernen Verdauungsstörungen kommt aber noch zusätzlich hinzu, wovon wir alltäglich, ob wir wollen oder nicht, im Überfluß zu schlucken bekommen und daran schrecklich zu würgen haben. Etwa daran, dass man uns fleißig eintrichtert, zur Verbesserung der Menschenrechte das Heil ein einem Krieg zu suchen, der ein Land von seinen Übeln befreit, indem mithilfe von Splitterbomben und Marschflugkörpern alles zerstört wird, was es an Mitteln zum Leben benötigt. Oder durch dein Politik, die vorgibt, unsere Fähigkeiten und die Möglichkeiten der Menschheit insgesamt in einem freien Spiel der Kräfte entfalten zu wollen und mit dieser Propaganda den Kampf ums tägliche Überleben erzwingt. Ein Prinzip, wie es unter Bestien üblich sein mag, bei den Menschen aber in der Tat nur zu ihrer Verbiesterung führt. Kein Wunder, dass sich die so Pervertierten in die Enge getrieben sehen und sich in ihrer Ausweglosigkeit in knurrender Angst zu neuen Horden, Stämmen, Sekten und Sippen aller Art zusammenrotten, um mit diesem Wahn ihren Ausweg zu suchen. In den daraus entspringenden Kriegen mästet die "Welternährung" bestens die Rudelführer ("warlords") und lässt das von ihnen in Geiselhaft genommene Volk darben.

Dazu gehört auch die Tatsache, dass die Regierungen der Entwicklungsländer von ihrem Jahresbudget nur 10 % für die Wohlfahrt ihrer Völker, aber 40 % für ihre Rüstung ausgeben. Deren Finanzierung entspricht insgesamt ziemlich genau die Summe, die ihnen von den Industrieländern unter dem Titel der Entwicklungshilfe jährlich überwiesen wird (50 Mrd. $). Mit anderen Worten subventioniert der Norden über den verschleierten Umweg in den Süden in Wirklichkeit jahraus, jahrein seine eigene Waffenindustrie. Deshalb muß daran erinnert werden, dass das von mir angedachte Thema nicht nur eine Angelegenheit von Statistiken, Quantitäten, Proteinen, Kalorien, Spurenelementen und Vitaminen ist. Man kann die Fragen der Ernährung und die sie begleitenden Skandale nicht mit physikalisch-chemischen Formeln beantworten und von ihren gesellschaftlichen, politischen, historischen und kulturellen Bedingungen isolieren. Das mag eine Binsenweisheit sein. Sie wiegt aber deshalb nicht geringer als der Satz Immanuel Kants: Friede ernährt, Unfriede verzehrt! 200 Jahre danach gilt diese einfachste und prägnanteste Formel aller "Welternährung" heute mehr denn je.


=== Zurück zur Übersicht ===