Sp-p-p-p-ra-ra-rachlos

In einer Gesellschaft, in der alles und alle reibungslos funktionieren sollen,
 haben Stotterer häufig nichts mehr zu sagen. Sprachgestörte Menschen werden
heute oft
wie Aussätzige oder Geisteskranke behandelt. Dies geschieht besonders
in der Wirtschaft, insbesondere bei der Arbeitssuche. Da heute in beinahe allen
Berufen flüssige Sprache gefordert ist, fällt der Stotterer durch fast alle Raster.

Von Jürgen Kirschner
(01. 03. 2007)


    Stottern ist ein weit verbreitetes Problem unserer Zeit. Viele Menschen wissen oft gar nicht, dass sie ein Problem mit dem Sprechen haben. Sie stottern und merken es nicht, weil sie ganz unbewusst Strategien entwickelt haben, die ihren Sprachfehler kaschieren und damit meist sogar verschlimmern. Stottern und Sprachstörungen allgemein werden von der Gesellschaft unterschätzt und vernachlässigt, mit gravierenden Folgen: wirtschaftlich, finanziell, sozial.

Gewisse Worte sagt man einfach nicht, solche, die man nicht aussprechen kann. Man benutzt andere, vergleichbare Ausdrücke, Synonyme. So wird ein Sw-w-w-weat-Shirt zu einem Pulli. Ein U-u-u-urlaub wird zu Ferien. Man umschreibt auch gerne was man sagen will und zeigt dabei, wenn möglich, auf jenes Teil: "So ein rundes Ding da, mit Käse drin" – aber kein Käsebr-r-r-r-r-rötchen, das man nicht aussprechen kann. Die heiß geliebte und gern gegessene Mo-mo-mo-mo ..., die nicht aussprechbare Mozartkugel, wird dann kurzfristig zu einem Stück Sachertorte, die man aber nicht unbedingt mag und nur deshalb nimmt, weil es in dem Laden gerade zu einer "Zwangslage" gekommen ist. Alle anderen Kunden und Verkäufer gucken schon so komisch. "Was dauert denn da so lange, was ist denn mit dem da los?"

   Besonders problematisch wird es in Partnerschaften sofern sie überhaupt zustande kommen: Du, ich li-li-li-li ..., das so wichtige und ernst gemeinte Liebesgeständnis, ich liebe dich, wird dann vielleicht zum belanglosen: "Du ich mag dich aber auch irgendwie!" – Betroffene Gegenfrage: "Liebst du mich denn nicht? Hast du mich nur irgendwie gern, mehr nicht?"

Hier bleiben Gefühle oft zu oft auf Distanz, eine unsichtbare Barriere, an der die Beziehung scheitern kann. Überhaupt: Der Wunsch, eine(n) Partner(in) zu finden, scheitert schon oft im ersten Satz, an der Aussprache: "D-d-d-du, ich möchte dich k-k-k-k-k-kennen lernen" – was beim Gegenpart entweder mit einer plumpen Verarsche-Nummer gleichgesetzt wird, mit einer nicht ernst genommenen Aussage oder gar einer Beleidigung, wenn man nicht erkennt, dass hier ein Stotterer/eine Stotterin versucht, ehrlich Kontakt aufzunehmen. Schließlich stellt sich oft die Frage: Was soll ich mit so einem/einer? Man kann ja nicht einmal miteinander reden!

Die Chance, hier einen Menschen kennenzulernen, den man vielleicht später sympathisch findet und der ein guter oder bester Freund/beste Freundin werden kann, steht sofort auf der Kippe. Der erste Eindruck zählt – leider zu oft.

   Beziehungen, sofern sie denn überhaupt stattfinden, scheitern noch an weiteren Problemen, oft gleich in der Anfangsphase. Hat man einen Menschen kennengelernt, der stottert, so gibt es noch die Eltern, Bekannte, Freunde und Verwandte des nicht stotternden Partners. "Was, mit so einem/einer hast du was?"
"Kriegst du nichts besseres als den/die da?"
"Da muss man sich ja schämen, wenn das die Nachbarn erfahren."
"Pass ja auf, dass da kein Kind kommt. Das wäre eine Katastrophe!"

Hat man als nicht stotternder Mensch eine(n) stotternde(n) Partner(in) gefunden und glaubt man, stark genug für diese Beziehung zu sein, um dieses "nicht so schlimme und belanglose Problem" zu meistern, zeigen sich auch die besten Freunde oft anders als erwartet: "Willst du nicht mal wieder alleine auf unsere Party kommen?" – Mit anderen Worten: "Bring den/die aber bloß nicht mit."

Der gesellschaftliche Druck auf die nicht stotternden Partner wird extrem hoch, wenn Intoleranz, Angst und Unwissenheit aufeinandertreffen; er kann bis zur Ausgrenzung und Ächtung unter den ehemals besten Kumpels und Freundinnen führen. "So jemand kann doch nicht mithalten da er/sie im Leben niemals weiterkommt! Da bleibt doch alles an dir hängen."

   Dabei kommt es nicht unbedingt auf die jeweiligen Kreise an, aus denen man kommt. In allen Schichten hört man solche Kommentare. Sprachlich beeinträchtigte Frauen, durchaus vergleichbar mit Migrantinnen, sind nicht selten sogar sexueller Belästigung ausgesetzt: "Probieren wir doch mal, wie es mit so einer ist. Der hilft doch bestimmt keiner. Da sagt auch keiner was. Das ist ja nicht schlimm, und der glaubt doch eh keiner was – wenn die überhaupt den Mund aufmacht. Die kann doch froh sein, wenn sie überhaupt mal einer nimmt! Da kommt es nicht drauf an, wie und wer." Diese Aussagen sind mit Sicherheit keine Ausnahmen, selbst dann nicht, wenn sie nicht öffentlich, in Gegenwart des Stotternden ausgesprochen werden. Dabei ist unter gehörlosen Frauen (die abwertend auch als taubstumm bezeichnet werden) sexueller Missbrauch ein noch größeres Tabuthema.

Auch in Firmen lästern oder hetzen Kollegen hinter dem Rücken der Betroffenen. Mobbing ist heute aktueller denn je, und geht es nur darum, einen unliebsamen Mitarbeiter loszuwerden, weil er nicht der Norm des perfekten und gesunden Menschen entspricht. Kommt dieser zufällig hinzu und hört das Gespräch mit, wird schnell so getan, als wüsste man von nichts. Auch Aussagen wie "Ach, stell dich nicht so an, es war doch nicht so gemeint/es war doch nur ein kleiner Scherz!" kommen oft zum Einsatz.

   Verweigert der Stotterer von sich aus das Gespräch, sollte man das akzeptieren, denn warum muss sich jemand, der Sprachprobleme hat, für etwas rechtfertigen, wofür er selber nichts kann? Grundsätzlich gilt, dass man den Stotterer aussprechen lassen soll, auch wenn es länger dauert. Wird er an einer Stelle unterbrochen, an der es zunächst für ihn nicht weitergeht, und der Gesprächspartner vollendet seinen Satz, so kann das zu weiteren Sprachstörungen führen, da der Stotterer sich als minderwertig oder nicht ernst genommen vorkommt. Wem gefällt es schon, wenn einem das Wort abgeschnitten und eine Aussage in den Mund gelegt wird, die man so vielleicht nicht sagen wollte?

Auch soll man einen Stotterer nie zwingen, bestimmte Worte zu benutzen, selbst dann, wenn sie in dem Unternehmen oder in der jeweiligen Gesellschaft so üblich sind. Kann ein Stotterer ein Wort nicht aussprechen und wird er unter Druck gesetzt, dieses zu sagen, so kann sich sein Sprachproblem noch verstärken, da er schwer unter Stress gerät. In Ausnahmefällen kann Stress allerdings auch genau das Gegenteil bewirken, und ein Stotterer kann bei Unfällen, Notlagen oder schlimmen Katastrophen plötzlich flüssig, klar und eindeutig reden und jedes Wort perfekt aussprechen. Er kann in solchen Fällen zum Sprecher einer Gruppe werden und sogar Befehle ausgeben.

   Was ebenso auftritt, ist, dass Stotterer manchmal perfekt und flüssig, ohne abzublocken, singen können und dieses auch gerne tun, da das Sprachproblem auf der Bühne bei Musik und Show vergessen wird. Diese panische Angst, das Lampenfieber eines jeden Künstlers vor dem Auftritt, lässt den Stotterer so unter Druck geraten, dass er jedes Lied brillant singen kann.

Der einstige Sänger, Scatman John, hat mit Stottern sogar Karriere gemacht. Er hat in seinem Song: "I am the Scatman" absichtlich weiter gestottert. Er musste sogar als Stotterer erst lernen, im Lied weiterzustottern. Er konnte es zuerst nicht. Der Disco- und Bühnenrenner "I am the Scatman" (hier sinngemäß: Ich bin der Stotterer) wurde ein absoluter Megahit. Viele Interpreten, die auf der Bühne, sei es nun Pop, Schlager, Rock, Musical oder Oper, singen, können nicht richtig sprechen. Musik aber, lässt jeden Sprachlosen aus sich herauskommen.

Leider kommt es immer wieder vor, dass stotternde Menschen wie Aussätzige oder Geisteskranke behandelt werden. Dieses geschieht besonders oft in der Wirtschaft, im Bereich der Arbeitssuche.

   Wie leicht kann es heute passieren, dass ein Mensch seine Stelle verliert und dann Behördengänge absolvieren muss. Oder eine Ausbildungsstelle sucht und dann zu einem Vorstellungsgespräch erscheinen muss.

Ha-a-a-allo, m-m-mein Na-a-ame ist D-D-D-D-Dieter Mü-ü-ü-üller.

Wie groß sind wohl die Chancen dieses Menschen, eine adäquate und seinen Fähigkeiten entsprechende Stelle zu finden?

Je härter der finanzielle Druck innerhalb der Wirtschaft, desto geringer sind seine Chancen, es sei denn, es ist gerade Not am Mann und er oder sie kann sofort für seinen Fähigkeiten entsprechenden, weitaus unterqualifizierteren Job einspringen. Mit dem Einkommen verhält es sich dementsprechend. Da heute in beinahe allen Berufen flüssige Sprache gefordert ist, um mit Kunden oder Vorgesetzten in möglichst kurzen Zeiten größte Erfolge durch Aussagen zu erzielen, fällt der Stotterer grundsätzlich durch fast alle Raster. Da bleibt nicht mehr viel übrig.

Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel. Ein sehr bekanntes Beispiel für einen auch geschäftlich erfolgreichen Stotterer gibt sicher der ehemalige Fußballstar und spätere Erfolgstrainer Franz Beckenbauer. Er hat gelernt, sich mit seiner Aussprache zu arrangieren. Ebenso können hier auch Boris Becker oder Dieter Thomas Heck angeführt werden.

Was ist Stottern?

  Allgemein gesagt, handelt es sich dabei um eine Störung des Atemverlaufes beim Sprechen. Diese Störung kann durch Schock, Unfall oder Vererbung – was allerdings noch umstritten ist – entstehen.

Haben wir es nicht alle schon einmal erlebt? Man sieht einen Horrorfilm oder überfordernde Szene – bei kleinen Kindern ist es vielleicht die Geisterbahn auf dem Volksfest, ein schlimmer Unfall, Gewaltakte –, die uns innerlich so sehr verwirrt und verstört, dass uns danach die Worte fehlen, wir aber unbedingt das Gesehene und innerlich Erlebte aussprechen und besonders auch besprechen müssen. Dieser Schock führt automatisch dazu, dass man keine richtigen Worte mehr aus dem Mund bekommt. Man stottert.

Auch bei misshandelten und missbrauchten Kindern kommt es sehr häufig zur Verdrängung der schockierenden Erlebnisse. Geraten sie in Situationen, bei denen das Unterbewusstsein wieder eine der frühkindlichen Misshandlungen, oder des Missbrauchs erwartet, so bricht der Sprachfluss zusammen und es kann zu einem vorübergehenden Stotteranfall kommen. In schwereren Fällen kann dieses unverarbeitete Trauma auch zu schweren Sprachstörungen führen, die sich unter Umständen zu einem permanenten Stottern in allen Lebenslagen, bis hin zur völligen Sprachlosigkeit (verbunden mit Angst- und Panikattacken) auswachsen kann.

   Gibt es in Familien bereits einen Fall, dass ein Mitglied stottert, gleich wie ausgeprägt, so zeigt hier eine Untersuchung auf, dass im Regelfall bereits dessen Vorfahren gestottert haben und auch die Nachkommen stottern. Dabei muss nicht unbedingt der direkte Vor- oder Nachfahre davon betroffen sein. Häufig findet sich die Situation, dass in der nächsten Generation vielleicht ein Kind eines Geschwisterteiles zu stottern beginnt. Die eigenen Kinder selbst können davon verschont bleiben, müssen aber nicht. Kommen alle drei Faktoren – Schock, Misshandlung, Vererbung –  bei einem Menschen zusammen, so ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, außer frühestmöglicher Schadensbegrenzung, nichts mehr zu machen.

In der heutigen, immer schneller werdenden Zeit, kommt das Problem des Stotterns mit stark steigender Tendenz vor. Es entwickelt sich eine neue Variante. Sie entsteht durch Stress. Jeder Mensch hat sein persönliches Stressniveau. Wird es überschritten, so kann dieser Stress zu einem inneren, vergleichbaren Schockerlebnis führen. Unter extremem Stress beginnt der Proband, seine Sprachflüssigkeit zu verlieren. Er bekommt Angst, nicht mehr mithalten zu können. Diese äußere Angst kann zu inneren extremen Verlustängsten führen.

Verliere ich meinen Job, wenn ich das nicht schaffe?
Werde ich nicht befördert, wenn ich wieder nicht pünktlich fertig werde?
Wirkt sich das auf mein Gehalt aus?
Von was lebe ich dann noch?
Wie stehen meine Familie und ich dann in der Öffentlichkeit und bei unseren Nachbarn da?
Bin ich ein Versager?

Dieser Angstfaktor kann jeden Menschen jederzeit treffen und ist heute leider auch sehr oft bereits bei Schulkindern, sogar schon im Vorschulalter, zu spüren. Nicht nur Stotterer, sondern allgemein sprachlich Geschädigte werden in der heutigen Zeit immer jünger.

   Schulkinder sind heute, im Vergleich zu früher, extrem von Stotteranfällen oder gar Sprachlosigkeit betroffen, wenn sie denn überhaupt noch richtig sprechen lernen können. Viele Kinder können nicht einmal mehr richtig mit Worten und Sprache allgemein umgehen. Hier tritt ein neues Phänomen auf: Stottern, weil man die Worte nicht kennt, die eigene Sprache nicht mehr richtig und korrekt erlernt hat(weder in korrekter Aussprache noch Bedeutung und Anwendungsbereichen). Wer spricht denn heute noch qualitativ hochstehende Sätze mit Kindern, so, dass sie richtig sprechen lernen? Schaltet man den Fernseher, das Radio oder den PC an, oder hat auch nur das Handy – das Mobiltelefon – in der Hand, so sieht und hört man fast nur noch "Denglisch" in allen Varianten, für Kinder sogar oft als Kiddy-Denglisch in einem mehr als eingeschränkten Trash-Niveau = Müllvokabular:

"Wow, hab mega-ga-geilen Hunger auf Bö-ö-ö-ö-örger Junkfood änd an Gola." – Welcher Bürger hat hier Hunger in Angola?

"Hey, I love u, u Knuddi-Duddi-Duddi-Bär!"

Werbung lehrt Kinder zu stottern. Sie zerstört bereits die Sprache in frühem Kindesalter, nicht nur mit undefinierbarem Mischmasch, aus welchen Sprachen auch immer, sondern mit dem Hintergrund, eine Aussage zu erhöhen, indem man Worte oder einzelne Buchstaben wiederholt anwendet. Wo sollen Eltern da heute noch wissen, ob ihr Sprössling einen angeborenen Sprachfehler hat, der dringend behoben werden muss, oder ob Werbeunternehmen und "Marketingstrategen" ihre Kinder missbrauchen, indem sie sie für ihre teilweise mehr als zweifelhaften Aussagen gefügig machen?

   Steigende Sozialbeiträge belasten heute schon die Kassen über Gebühr. Sollten dann nicht auch die Werbebranche und ihre Auftraggeber in die Verantwortung mit einbezogen werden, wenn sie Kindern "sprachliche Behinderungen" als cool anerziehen, die sprachlich so beeinträchtigen, dass aus diesen Kindern später Menschen ohne jede Chance werden?

"Hey Chef-f-f-f-f-f-fy, hab nen mega-mega-mega-giga Chip auf der b-b-b-backline. Cooooool, wa?"

Eine frühzeitliche Sprachschulung eines jeden Kindes ist diesbezüglich heute unumgänglich, leider jedoch dem Rotstift leerer Haushaltskassen untergeordnet. Eltern, die dies selbst in die Hand nehmen wollen oder oder müssen, sind heute selber oftmals nicht mehr fähig, sich richtig zu artikulieren. Unter diesem Aspekt ist abzusehen, dass Sprache langfristig in unserer Gesellschaft verkümmert.

Stottern ist vielfältig

   Manche Stotterer versagen (nur) bei bestimmten Buchstaben oder Worten. Andere kommen durch Stresssituationen ins Stottern. Wieder andere Menschen stottern ganze Sätze, wie bei Boris Becker und auch Franz Beckenbauer zu hören: Ich, ähm, gehe, ähm, jetzt, ähm, auf den ähm, Platz.

Ja, auch das ist Stottern. Hört man sich bei seinen Kollegen und Nachbarn um, so sieht man plötzlich überall jemanden, der stottert.

Beckenbauer versucht seine Schwachstellen melodisch zu überbrücken. Seine Stimme klingt leicht wie in einem Lied, melodisch eine Oktave höher oder niedriger, je nach Wort und Aussage. Der bayrische Dialekt hilft ihm dabei, die Schwachstellen sympathisch zu überwinden. Doch das sind Ausnahmen. Die Regel zeigt hier eine andere Sicht auf. Stotterer werden sehr oft als geisteskranke oder gefährliche Menschen angesehen, die möglicherweise unter Drogen stehen oder gerade etwas angestellt haben und deshalb unfähig sind, in der heutigen Zeit mitzuhalten. Ganz allgemein grassiert das Vorurteil: Wer nicht richtig sprechen kann, ist dumm!

    Dabei sind Stotterer, nicht die durch Werbung geschädigten Kinder, sondern die durch Schock, Unfall oder "Vererbung" belasteten Stotterer, um die es in diesem Artikel hauptsächlich geht, an Intelligenz oder sozialen Kompetenzen anderen "Normalos" oft überlegen.

Bei den durch Werbung missbrauchten, stotternden Kindern sieht das allerdings anders aus! Sie entwickeln sich dem Niveau entsprechend nicht nur sprachlich, oft auch noch sozial und gesellschaftlich nach unten, wodurch jedoch wieder jeder Stotterer auf diese Stufe herabgesetzt wird, um das bestehende Vorurteil vom dummen Menschen, der nicht (richtig) sprechen kann, aufrecht zu erhalten.

Man geht zwischenzeitlich sogar davon aus, dass Sprachprobleme in einigen Jahren zu einer neuen Volkskrankheit werden, besonders in leitenden und oberen Führungspositionen, spätestens, wenn unsere heutigen Kinder und Jugendlichen erwachsen sind. Dort ist heute schon der Anstieg weitaus höher als in anderen Bereichen der Gesellschaft.

   Stottern entsteht allgemein dadurch, dass im Vergleich beschrieben – erinnern wir uns an alte Vinylschallplatten – die Nadel am Arm des Plattenspielers durch ein Staubkörnchen an einer ganz bestimmten Stelle des Textes hängen bleibt. Es gibt nun zwei Möglichkeiten: Man lässt den Fehler und wird jedes Mal, wenn man das Lied wieder abspielt, an exakt dieser Stelle wieder über das Problem stolpern – stottern. Die andere Möglichkeit besteht darin, die Stelle auf der Platte zu säubern und damit zukünftig den Song wieder richtig zu hören. Hier wird vergleichsweise das Stottern erkannt und durch sofortige, gezielte Hilfestellung behoben.

Nimmt man diese Schallplatte in die Hand und hat vorher mit kleinen, spitzen Materialien gearbeitet, so wird die Platte – vergleichsweise durch einen Unfall –, durch das Restmaterial an den Fingern zerkratzt. Kopiert man nun einen solch zerkratzten Tonträger auf ein Band, so werden im Regelfall alle Kratzer mit überspielt. Hierbei handelt es sich um das – bisher noch umstrittene – Prinzip der Vererbung. Hat man jedoch einen guten Plattenspieler mit einem schweren Arm, der die Nadel fest auf die Musikrille presst, so kann es sein, dass bei der ersten Kopie die Kratzer nicht zu hören sind. Jedoch werden sie durch die Wucht der Tonnadel für weiteres Abspielen noch verstärkt. Spielt man die Schallplatte später wieder auf einem anderen Gerät mit einem leichten Tonarm, kann hier kein Wort mehr richtig verstanden werden. Das Lied stottert sich durch.

   Jeder Mensch atmet ganz unbewusst. Er muss sich nicht darauf konzentrieren. Würde das nicht so sein, so könnte er nicht schlafen, denn spätestens dort beginnt die Konzentration zu schwinden und der Gedanke, atmen zu müssen, würde verschwinden. In der Folge erstickt der Mensch. Um richtig sprechen zu können, erfolgt die Sprechatmung über das Zwerchfell. Bei einem Menschen, der stottert, funktioniert dieser Automatismus nicht mehr (richtig). Der Stotterer muss sich beim Sprechen darauf konzentrieren, dass er weiter atmet. Er hat demnach gleichzeitig drei Funktionen in einem Gespräch zu beachten: Wie atme ich richtig über mein Zwerchfell? Was sagt der andere Partner? Was will ich wie sagen/antworten?

Der "Normalmensch" kann sich oft nur auf eine Sache konzentrieren. Der schon durch Schock, Unfall oder anderen Gründen belastete Stotterer muss sich zusätzlich noch auf zwei weitere Dinge einlassen: Zwerchfellatmen und Gespräch/Konversation führen. Konzentriert er sich auf den Atemablauf, so kann er nicht mitreden, da er dem Gesprächsfluss nicht folgen kann. Besinnt er sich auf den Dialog, so hat er seine Luft nicht mehr unter Kontrolle, die er zur Aussprache benötigt.

   Es gibt heute viele verschiedene Wege, Sprachstörungen zu behandeln. Standard ist dabei immer noch die Logopädie. Doch Menschen sind verschieden. Standards haben ihre Berechtigung, aber auch ihre Grenzen, dort wo Probleme durch altbekannte Wege oder Schulmedizin nicht mehr aufgegriffen werden können. Doch es muss auch Alternativen, Ausnahmen und extravagante Wege geben, die nicht unbedingt schlecht sein müssen, die sogar weitaus erfolgreicher sein können als altbewährte Methoden.

Je später das Stottern als Problem erkannt und behandelt wird, desto schlechter sind die Heilungschancen. Allgemein wird hier auch gesagt, vergleichbar einem Alkoholiker, dass, wer einmal stottert, diese Sprachstörung nie wieder los wird. Sie kann sich nur verbessern und langfristig gehalten werden. Wird sie frühzeitig erkannt und im Anfangsstadium behandelt, so kann die Verbesserung dazu führen, dass der Stotterer nach außen hin hörbar nicht mehr zu stottern scheint. Doch das gelingt nur unter permanenter Konzentration und ständiger Übung des Atemflusses mit dem Zwerchfell. Lassen Übung und Konzentration nach, kann es wieder zu einem Rückfall kommen.

   Ein Stotterer hört, ob andere Menschen stottern oder nicht, selbst dann, wenn diese fest behaupten, sie würden nicht stottern, weil sie es nicht hören oder erkennen (wollen). Oftmals fürchten sie sich auch vor dieser Aussage und verleugnen deshalb ihr Problem – vergleichbar einem Drogensüchtigen oder Raucher: "Ich kann jederzeit aufhören. Ich will es nur nicht!" Bei einem Stotterer, der nicht wahrhaben will, was bereits hörbar ist, hört sich das so an: "Ich bin gerade nur im Stress! – Ich bin gerade nur etwas außer Atem! – Ich bin gerade nur nicht ganz bei der Sache! – Ich bin doch nur müde!"

Und Stottern ist nicht nur ein Problem unserer Zeit. Selbst in der Antike gab es schon einen Philosophen, der für sein Stottern bekannt war. Er brachte bedeutende rhetorische Theorien hervor, die heute noch maßgeblich sind. Man sieht also: Oft sind Stotterer die besseren Redner und Philosophen, denn sie müssen genau mitdenken, wie und was sie sagen wollen, um es auch ihren Vorstellungen entsprechend richtig zu übermitteln! Dazu gehört ein sehr hohes Niveau an sprachlichen und geistigen Fähigkeiten.

Im 17. Jahrhundert wurde der englische Thron von einem König regiert, der fast kein Wort richtig aussprechen konnte.

   Hier findet sich heute auch das Projekt "Sprachlos", das von dem ehemaligen Stotterer und heutigen Sprachheilpädagogen nach selbst erfundener Methode, Hans Liebelt, in Zusammenarbeit mit der Hermann-Hesse-Gesellschaft zum Erfolg geführt wird. Hinter "Sprachlos" verbirgt sich die Musik-, Theater-, Rock-, Pop-, Literatur-geschichtlich-romantische Rap und Showbühne der Stott Dot Com Boys im Stil eines musikalischen Improvisationstheaters. Ehemalige Stotterer und noch Stotterer zeigen auf der Bühne, was sie können und wie man mit Sprache, Stottern und Sprachlosigkeit umgehen kann und muss – besser, als manch ein richtig, flüssig sprechender Mensch es ahnt.

Hier wird romantische Liebeslyrik eines Novalis mit Songs der Beatles in einem mehr als ungewöhnlichen Outfit aus Rap und Hiphop losgelassen. Gesteigert wird das Programm mit Texten von Hesse, aufgefrischt in zitternden Bluestönen zu Comedy und Hits der Golden Twentys. Und wem das noch nicht reicht, der kann noch weiter auf- oder absteigen. Überirdisches, Außerirdisches, für Inländer, Traumtänzer und Neufundländer, in Reisen durch fremde, ferne Welten, spiegeln das außergewöhnliche, charmante und doch so irrwitzig Abgefahrene der Aussage in Trance und Meditationsreisen wider. Sprachlosigkeit wird zum Ausdruck einer neuen Weltordnung, die auf der Showbühne entsteht und sich in den Köpfen der Gäste verewigt. Die stetig größer werdende Fangemeinde dieser literarischen Kultveranstaltung spricht für sich. Wo diese Bühne einmal aufgetreten ist, ist nichts mehr wie es einmal war. Und doch sind die Texte dieser Songs und Rezensionen und Rezitationen alles andere als bekannt. Sie sind so neu wie alt. Ihr Thema ist und bleibt das Stottern und die damit verbundenen Probleme. Hier geht es auch nicht unbedingt um Perfektion. Die Stars der Bühne wissen, dass sie für die Gesellschaft fehlerhaft sind. So kommt es auch auf den Brettern, die die Welt bedeuten vor, dass man mal den Text vergisst oder sich im Takt des Notendschungels verirrt. Doch was soll’s? Wenn jetzt nicht nur das Publikum, sondern auch die Bühne vor lauter lachen nicht mehr weiß, wie und wo es weitergeht, dann steigt der Groove erst richtig ein.

Doch das ist genau der Sinn dieser Mega-Improvisationsshow.

   Will man diese irre Showbühne für Auftritte engagieren oder mit der Stotterer-Beratung, Annette oder Hans, in Verbindung treten, so ist das vor oder nach der Show möglich – wohl eher davor, denn danach ist man fertig, vor lauter lachen, denken und abdrehen im Wechsel.

Die Stott Dot Com Boys haben auch eine eigene Webseite im Internet. Vorabinfos kann man sich dort schon holen. Auf dieser Seite finden sich auch Links zu Gigs der Show, Selbsthilfegruppen für Stotterer, und weitere Seiten zum Thema, die Deutschland, Österreich und die Schweiz abdecken.

Telefonisch, um die Truppe zu engagieren, geht es unter:

Annette Ahrweiler
Lindenbergstraße 2
D - 58119 Hagen (Deutschland)

Telefon: (0 23 34) 50 28 10
Telefax: (0 23 34) 50 28 17
Mobil: (01 70) 80 473 82

Beim Telefonieren braucht man als Stotterer keine Angst haben, selbst dann, wenn man kein Wort herausbekommt. Das Problem ist dort garantiert mehr als nur bekannt!
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