Parzival ist nachdenklich geworden
Zum Terror des 11. September 2001

Die Verantwortung für die Welt als ganze zu übernehmen, fällt heute, angesichts
des Terrors, schwerer denn je. Nur wer fähig ist, das "Böse" nicht zu verdrängen,
nicht nur dagegen anzukämpfen, sondern es als Teil von sich selbst und als Teil der
eigenen Kultur zu betrachten, wird fähig sein, positive Alternativen der
Zukunft zu entwickeln.

Von Romina Lutzebäck



Kontakt

erkvy@aol.com

 

Politische Phänomene können symbolisch für den "Geist einer Epoche" stehen

 

 

 

 

 

"Haben wir den Terror mitzuverantworten?"

Imagine there`s a heaven.

      Stellen Sie sich einmal einen Augenblick lang vor, dass alles, was sich auf der politischen Realbühne ereignet, ein Reflex, ein materieller Abdruck eines geistigen Prozesses wäre. Jeder von uns kennt Zeitströmungen, den Geist einer Epoche usw. In der Haltung einer Generation kann sich ein ganzes Weltbild spiegeln. Wir kennen das zur Genüge. Also gehen wir, gerade in prosaischen Zeiten, doch einmal davon aus, dass sich - wie der große Pantheist Goethe glaubte -, auch in den Phänomenen der Politik und Kultur symbolhaft das Geistige, Göttliche und Transzendente spiegelt.

Stellen wir uns in einem zweiten Schritt das leidlich vertraute und viel beschriebene Horrorszenario des 11. Septembers vor. Dann der dritte Schritt, die radikale Frage am Rande der Theodizee:
Kann der Terror, kann das grauenhafte "Böse", kann all der Schrecken und das Leid, das uns von dort entgegenschlägt, nicht doch mehr sein als ein bloßer Selbstzweck? Haben wir, die wir in einer privilegierten Welt leben, diesen Terror mitzuverantworten? Ist er durch unsere eigene Schuld hervorgebracht worden, durch das genüssliche Mitsegeln auf dem Sonnenschiff eines wirtschaftlichen Global-Narzissmus? Einem Narzissmus, der sich einen Dreck schert um afrikanische Malariastrände, ölverschmierte Teppiche oder asiatische Rauschgiftpiraten und Sklavenhändler, die sich mit ihrem schmutzig erkauften Lohn im "Goldenen Dreieck" zur Ruhe setzen? Dann sind also auch wir ein Teil des Terrors, von dem ein kleiner Ausschnitt jetzt sichtbar geworden ist?! Bong! Bemerken Sie Ihre Adrenalinausschüttung? Gut so! Es kommt noch ärger. Denn genauso kann man sich nun fragen, ob auch Osma Bin Laden und die durch ihn materialisierte Geisteshaltung ein Teil unseres Wesens sind, unserer eigenen Kundry? Und noch einmal: Bong! Frechheit! Geistiger Dünnschiss! Antidemokratischer Wahn!, höre ich manche fluchen, die den Artikel schon wieder aus der Hand legen möchten. Doch das machen wir jetzt nicht. Sie entziehen sich als mündige, aufgeschlossene Zeitgenoss/-in nicht einem schrägen Gedankengang. Also weiter im Text: Was genau haben wir nun also mit dem Terror zu tun?

 

Wolfram von Eschenbach:
Die dämonische Kundry im Streit mit dem eitlen Parzival

      Lassen Sie es mich mit der oben angesprochenen Kundry sagen: Der epochenüberspannende Weitdenker Wolfram von Eschenbach (13. Jh.) hatte die Kundry-Gestalt in seiner höchst inspirierten Parzivaldichtung den Abendländern nahegebracht. Auf dem Höhepunkt seines weltlichen Erfolges, mitten in eine Auslobung und Ruhmesfeier hinein, erscheint dem erfolgsverwöhnten, satten und eitel gewordenen Parzival (das sollen wir Abendländler sein) diese Kundrygestalt. Kundry zeigt sich als altes, übelriechendes Ekel, als ein dämonisches Wesen, das den angeblich so "perfekten" Parzifal heftigst beschimpft und niedermobbt. Kundry bedroht Parzifal. Nichts scheint er ihr wert zu sein. Er, der Schöne, Edle, soll das wahre Ekel sein? Das schreit zunächst nach Rache!

Die Begegnung mit dem Dämon läßt Parzival an sich selbst zweifeln
Doch Parzival schafft etwas, was auch uns gut täte: er geht in sich, zweifelt an sich und reift! Ihm wird deutlich, dass er und Kundry ein und dasselbe Wesen sind und er nur durch die Veredelung seiner Seele (in der Versöhnung von Egoismus und wirklichem Mitgefühl für andere) diesen ekligen Schatten wegbekommt.Voila! Und was sagt dieses Bild uns reichen Champagnerschluckern auf unseren vergoldeten Bahnhofstoiletten? Sehen wir im Spiegel des 11. Septembers unsere unbewussten Schattenseiten? Möglich. Aber durch dieses fragile Schockerleben ist uns auch die Möglicheit gegeben, die Krise als geniale Chance zu nutzen, uns aus der materialistischen Weltverhaftung herauszulösen. Zum Wohle der one-world. Image there`s a heaven! It`s easy if you try!
 

 

Nach dem Jahr 2000:
Keine Utopien mehr?

     Wir können uns auch freuen: Ein Wendepunkt ist erreicht. Der Ruf des utopischen Grals ist vernehmbar -  als Forderung, den eigenen Erkenntnisweg zum Wissen, zur Teilhabe am Erlösungsweg Christi in der Welt zu beschreiten. Schauen wir Abendländler noch einmal selbstkritisch auf uns, über 2000 Jahre nach Golgatha. Welche Utopien sind uns geblieben? Welche humane Verantwortung für die Welt als ganze (nach Francis Bacon Voraussetzung für jeden wirklichen Fortschritt) durchdringt unseren Alltag? Eine Stufe schärfer formuliert: Ist unser meisterpropergeputztes Sonnenschiff in Wirklichkeit eine überlackierte rostige Galeere, die vor einem Zerrspiegel schippert -  im Beiboot die Lemuren? Werden die Terroranschläge und Katastrophen im 21. Jahrhundert uns zu einem permanenten Stachel im kollektiven Bewusstsein gegen den Nihilismus, eine Art A-B-C-waffendurchtränkter Kraft, die stets das "Böse" will und doch das "Gute" schafft?
 

Der einseitige Blick auf das "Böse" verdunkelt die geistigen Ursachen des Problems

Die Mehrheit des amerikanischen Volkes (54%) billigte im Kampf gegen das "Böse", das in der Person des Osama bin Laden personifizierbar scheint (und nach dessen Tod wieder auf den Irak übertragen werden wird) im November 2001 sogar den Einsatz von atomarer Gewalt. Inwieweit blickt es da noch auf die geistigen Ursachen der ganzen Misere? Verdrängung und Egoismus auf Kosten armer Würstchen, wie schlägt sich das seelisch nieder? Bingo! Auch die kollektive Seele, so helfen uns die Jungianer aus, lässt all das Verdängte zu irgendeinem Zeitpunkt, wie eben am 11.9.01, hochgehen. Wir haben plötzlich unsere eigene hausgemachte Rechnung vor Augen. Und jammern natürlich wegen der fiesen Höhe!
 

 

 

Eine Rückkehr zur Normalität ist nicht mehr möglich

     Es wäre aber fatal, wenn genau an dieser Stelle die Chance zur Besinnung nicht genutzt wird, gerade angesichts der vermeintlich rationalisierten Verarbeitungen der Vorgänge vom 11.9. Jedes Nachrichtenmagazin hat stapelweise Serien veröffentlicht, Expertenrunden um Scholl-Latour und andere haben unser gebildetes Urteil längst frei Haus ermöglicht. Aber Vorsicht, verehrte mündige Bürger/-in! Selber querdenken, sonst geht es unter Umständen in die kollektive Hose. Die Folge wäre eine weitere Anschlag- und Terrorserie, weltweit und über Jahre, Jahrzehnte. Im Nahen Osten beginnt es gerade. Mit gewissem Ausgang. Irgendwann aber raffen wir es. Es ist eine Frage der Zeit. Und eines scheint sicher: Einen Tanz der Eisscholle auf dem Feuerkessel, eine Rückkehr zur vermeintlichen "Normalität" einer überlebten Weltsicht aus der Trümmerasche des 19. und 20. Jahrhunderts, kann und wird es nicht mehr geben.

Anregung zur Nachdenklichkeit:
Der von den Nazis hingerichtete Jesuitenpfarrer Alfred Delp
Einsame Verstorbene weisen uns dabei den Weg in die Zukunft. Der am 2. Februar 1945 im Alter von 38 Jahren in Berlin wegen seiner Mitarbeit für den Kreisauer Kreis hingerichtete Jesuitenpfarrer und Seelsorger Alfred Delp, der noch im Gefängnis mit der Schrift "Im Angesicht des Todes" seine früheren Arbeiten "Tragische Existenz", "Der Mensch und die Geschichte", "Zur Erde erschlossen" und "Der mächtige Gott" mit sicherer Gewissenstimme fortführte, hinterließ einer dem freien Geist verpflichteten Nachwelt folgendes, eigentlich zeitloses Anliegen:

"Noch etwas wissen von Christus und selber Christ sein wollen, das heißt heute, innerlich bereit sein müssen, die Verantwortung für das Ganze auf sich zu nehmen. In diesen Zeiten erträgt Gott nicht den Menschen, der da vor ihm erscheint und nur sein privates Anliegen vor ihn bringt und nur seine private Sorge ihm vorträgt. In Zeiten, in denen Gott mit der Menschheit würfelt um die Grundordnungen des Daseins, da verlangt der Herrgott den Menschen des weiten Herzens, der großen Verantwortlichkeit, der wirklich vor Gott hintritt und das Ganze auf sich nimmt." (aus: Willy Brandt und Karl Dietrich Bracher (Hg):Das Gewissen steht auf. 64 Lebensbilder aus dem deutschen Widerstand 1933 – 1945, gesammelt von Annedore Leber, Berlin, Frankfurt a. M. 1954, S.196 f.).

Diese Distanz schaffende Geste des furchtsamen oder bloß emotionalisierten Zuschauens - das machen die Vernetzungen der Terroranschläge in jüngster Zeit deutlich -, kann im Zeitalter der demokratisch legitimierten freien Gesellschaften höchstgradig toxisch wirken für Geist und Seele.

In unseren Wünschen, sagte der Weltbürger Goethe, haben wir die Vorgefühle der Fähigkeiten, die in uns liegen, Vorboten desjenigen, was wir zu leisten imstande sein werden. Er hat Recht.

(Ausdrucken?)

...

=== Zurück zur Übersicht ===