Landwirtschaft im Alpenraum

Ansätze für eine Synthesedarstellung

Wer von der Landwirtschaft im Alpenraum bzw. von der Berglandwirtschaft
redet, muss sich darüber klar sein, dass das Bauer-Sein in den Alpen viele
Gemeinsamkeiten, aber mindestens ebenso viele Differenzen aufweist.

Von Werner Bätzing


    Wer über die Entwicklung und die Situation der "Landwirtschaft im Alpenraum" spricht und sprechen will, wird zuallererst mit einem Definitionsproblem konfrontiert: Wo beginnen die Alpen, wo hören sie auf? Die Vielzahl der Antworten bezeugt, dass diese Frage so einfach nicht zu lösen ist. Hat man den schwierigen Anfang des Definierens einmal geschafft, dann liegt die große Herausforderung einer Überblicksdarstellung darin, das Gemeinsame und Verschiedenartige der einzelnen Alpenregionen hervorzuheben, das heißt die alpenweiten von den regionalen bzw. nationalen Problemen zu unterscheiden. Eine solche Analyse ist aber die Voraussetzung für die Wahl der richtigen politischen Instrumente. Sie zeigt, wo ein gemeinsamer Lösungsansatz erforderlich und sinnvoll ist und wo regionale Maßnahmen gesetzt werden müssen. Aus Umfangsgründen beziehen sich die folgenden Aussagen nur auf die nationalen Alpenteilräume in ihrer Gesamtheit, also auf die französischen oder die österreichischen Alpen.


1. Das Problem einer einheitlichen Alpenabgrenzung

     Im Rahmen der Agrarpolitik ist in verschiedenen Staaten ein "Bergbauerngebiet", also ein Gebiet mit erschwerten landwirtschaftlichen Produktionsbedingungen, ausgewiesen worden, das aufgrund dieser spezifischen Zielsetzung bestimmte Fläche im Berggebiet mit günstigen Bedingungen für eine landwirtschaftliche Produktion (wenig geneigte oder flache Tal- und Beckenlagen) ausklammert. Daher handelt es sich bei der landwirtschaftlichen Alpenabgrenzung um eine relativ enge und rigide Definition. Im Gegensatz dazu steht die Berggebietsabgrenzung durch die nationalen Berggebietsgesetze: Ihr Ziel besteht in der Erhaltung bzw. Förderung der Berggebiete als gleichwertige Lebens- und Wirtschaftsräume im nationalen Kontext, was einen integrativen, die Wirtschaftssektoren übergreifenden Ansatz verlangt. Deshalb wird hier in der Regel das Berggebiet weiter gefaßt, indem alle inneralpinen Tal- und Beckenlagen zum Berggebiet gerechnet werden, selbst wenn sie einen nicht-alpinen Landschaftscharakter besitzen, und indem die Abgrenzung am Alpenrand großzügiger ausfällt, um funktional zusammenhängende Räume nicht durch geomorphologische Grenzen zu zerschneiden.

Die Alpenkonvention, die ebenfalls einer integrativen Perspektive verpflichtet ist, gründet ihre Alpenabgrenzung konsequenterweise auf das klassifizierte Berggebiet in den sieben betroffenen Staaten und geht daher über die enge Landwirtschaftsabgrenzung hinaus. Damit bezieht sich das Landwirtschaftsprotokoll der Alpenkonvention aber nicht mehr allein auf das in diesem Zusammenhang immer verwendete "Bergbauerngebiet" (das in Österreich bislang auf der Ebene des einzelnen Hofes, ansonsten als räumlich zusammenhängende "Zone" definiert ist), sondern auf das weiter gefasste "Berggebiet". Damit fallen jetzt auch die hochspezialisierten Obst- und Gemüsebetriebe in den großen inneralpinen Talböden in den Geltungsbereich dieses Protokolls, die zuvor aus der Bergbauernpolitik ausgeklammert worden waren. Darüber hinaus führen die flächenhaft meist nicht sehr bedeutenden Gebietserweiterungen am Alpenrand, in denen die Landwirtschaft meist relativ günstige Voraussetzungen besitzt, zu einer spürbaren "Stärkung" der alpinen Landwirtschaft, weil dadurch relativ zahlreiche Landwirtschaftsbetriebe zusätzlich zum Alpenraum hinzugerechnet werden. Es ist also aus inhaltlichen und politischen Gründen sehr entscheidend, wie der Alpenraum genau abgegrenzt wird, und die Verwendung unterschiedlicher Abgrenzungen führt dazu, daß die Ergebnisse nicht miteinander vergleichbar sind.

Die Differenzen in den Alpenabgrenzungen sind doch so groß, daß es nicht sehr sinnvoll wäre, die einzelnen nationalen Angaben über die Zahl der Landwirtschaftsbetriebe im Alpenraum einfach zu addieren - dadurch ergäbe sich ein verzerrtes Bild, bei dem die bayerischen Alpen wesentlich besser, die italienischen und schweizerischen Alpen schlechter dastünden, als es der Realität entspräche. Um diese Verzerrungen durch unterschiedliche Alpenabgrenzungen etwas zu bereinigen, wurde versucht, einen einfachen Korrekturfaktor zu entwickeln, um auf diese Weise die nationalen Angaben besser miteinander vergleichen zu können.Dafür ist es sinnvoll, sich am "Berggebiet", also an der etwas weiteren Alpenabgrenzung, und nicht am "Bergbauerngebiet" zu orientieren, so wie dies auch die Alpenkonvention macht. Demgegenüber sind alle Angaben über die italienischen und schweizerischen Alpen auf ein kleineres Alpengebiet bezogen, so daß sie vergrößert werden müssen, wenn sie mit den Angaben der anderen Alpenräume vergleichbar gemacht werden sollen.


2. Die Strukturdaten der Landwirtschaft im Alpenraum im Vergleich

    Um erstmalig einen alpenweiten Vergleich landwirtschaftlicher Strukturdaten durchführen zu können, wurde auf der Tagung "Landwirtschaft im Alpenraum – unverzichtbar, aber zukunftslos" (1996) überlegt, welche Indikatoren am einfachsten direkt vergleichbar seien. Die Wahl fiel dabei auf die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe sowie die Zahl der Rinder und Schafe (erhoben auf Gemeindeebene, aggregiert auf der Ebene dernationalen Alpenteilräume). Wie die Ausführungen der Referenten sehr deutlich zeigten, ist bei zahlreichen weiteren Indikatoren die Vergleichbarkeit stark eingeschränkt bzw. gar nicht gegeben. Deshalb bezieht sich dieser Syntheseansatz auch nur auf diese drei Indikatoren. Weil sie aber dennoch unterschiedlich definiert und erhoben worden sind, ist der direkte Vergleich nur mit einigen Einschränkungen möglich. Deshalb soll hier zu Beginn explizit darauf hingewiesen werden, daß diese Auswertungen lediglich das Ziel verfolgen, die allgemeinen Strukturunterschiede der Landwirtschaft im Alpenraum auf nationaler Ebene herauszuarbeiten, und daß es bei den Zahlenangaben lediglich um einen Hinweis auf unterschiedliche Größenordnungen geht und nicht um differenzierte Quantitäten.


2.1) Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe

Die im Anhang abgedruckten nationalen Definitionen des landwirtschaftlichen Betriebs sind von der Größenordnung her in etwa vergleichbar. Allerdings muß man dabei berücksichtigen, daß die Agrarstatistiken in allen Staaten das Ziel verfolgen, praktisch jede landwirtschaftliche Aktivität und nicht bloß eigentliche landwirtschaftliche Betriebe (Haupt- oder Nebenerwerbsbetriebe) zu erfassen. Daher beschönigt diese Definition die reale Lage der Landwirtschaft, indem bloße Hobbybetriebe oder Betriebe mit einer randlichen landwirtschaftlichen Tätigkeit als Landwirtschaftsbetriebe geführt werden. Deshalb wäre es nicht realistisch, von einer halben Million Betriebe im Jahr 1990 im Alpenraum auszugehen. Statt dessen dürfte es sich eher um dreihundert-, allerhöchstens vierhunderttausend Betriebe handeln, bei denen die Landwirtschaft eine relevante Rolle (im Rahmen eines Haupt- oder Nebenerwerbsbetriebes) spielt.
Die meisten Betriebe finden wir gegenwärtig in den italienischen Alpen, gefolgt mit großem Abstand von den österreichischen Alpen, wobei sich allein in diesen beiden Alpenräumen mehr als zwei Drittel aller Landwirtschaftsbetriebe im Alpenraum finden! (siehe Tabelle 1) An dritter und vierter Stelle folgen die schweizerischen und französischen Alpen (unter Einbezug des Korrekturfaktors ergibt sich ein deutlicher Abstand zwischen ihnen, sonst nicht). Den Schluß bilden die bayerischen vor den slowenischen Alpen. Allerdings sind diese absoluten Zahlen nur beschränkt aussagekräftig, da sie sich auf sehr unterschiedliche Flächen beziehen.


2.2) Betriebe/Fläche

Bedauerlicherweise sind die nationalen Angaben über die landwirtschaftliche Nutzfläche nicht direkt miteinander vergleichbar, (Eine wichtige Differenz besteht in der Behandlung der Waldflächen, eine andere in der der Alpweideflächen (Einbezug in die landwirtschaftliche Nutzfläche: ja/nein. Falls ja, mit welchem Prozentwert.)) so daß für die Auswertung nur der Bezug zur gesamten Alpenfläche möglich ist. Auch wenn dieser Indikator nur mit größter Zurückhaltung ausgewertet werden darf, weil die Ödlandanteile in den einzelnen Alpenräumen unterschiedlich sind und die Produktionsgunst im Süden größer ist als im Norden, so zeigen sich dabei doch erstaunliche Ergebnisse:
In den bayerischen, schweizerischen und slowenischen Alpen finden wir eine jeweils ähnliche Zahl von landwirtschaftlichen Betrieben pro Alpenfläche (der jeweilige Anteil des nationalen Alpenraumes an der Gesamtalpenfläche und an der Gesamtzahl der Betriebe ist sehr ähnlich), in den österreichischen Alpen treffen wir dagegen leicht unterdurchschnittliche, in den französischen Alpen sogar sehr stark unterdurchschnittliche Werte an (d.h. relativ wenig Betriebe pro Fläche), während die italienischen Alpen durch einen erstaunlich hohen, überdurchschnittlichen Wert auffallen. Das bedeutet: sowohl bei der absoluten Zahl der Betriebe als auch bei der Dichte der Betriebe nehmen die italienischen Alpen mit Abstand den ersten Platz ein!

Diese Zahlen werden noch etwas aussagekräftiger, wenn man sie mit dem Anteil der Haupterwerbsbetriebe an der Gesamtzahl der Betriebe vergleicht. Auch wenn dieser Indikator streng genommen nicht direkt vergleichbar ist, weil Haupterwerbsbetriebe recht unterschiedlich definiert werden, so kann er doch eine ungefähre Größenordnung vermitteln. Die Ergebnisse sind auch hier wieder überraschend: Den höchsten Anteil an Haupterwerbsbetrieben weisen Bayern und die Schweiz auf, gefolgt (mit Abstand) von Frankreich (der französische Wert liegt nach Véron zwischen 43 % und 54 %; der Wert des eigentlichen Alpengebietes in Bayern liegt bei 45 %), während Österreich eine mittlere Position einnimmt, und Italien und Slowenien den Schluß markieren. Der Alpenraum mit den meisten Bauern (Italien) stellt sich in betriebswirtschaftlicher Perspektive zugleich als besonders strukturschwach dar, während der Alpenraum mit den relativ wenigsten Bauern (Frankreich) und einem besonders extrem ausgeprägten Rückgang der Betriebszahlen (allein -21 % im Zeitraum 1979-88) beim Anteil an Haupterwerbsbetrieben erstaunlich positiv abschneidet.


2.3) Viehzahlen

Bei der Auswertung der Viehzahlen muß man berücksichtigen, daß es viehlose Betriebe (spezialisierte Gemüse- und Obstbetriebe, Betriebe mit dominierendem Ackerbau bzw. Pflanzenproduktion) gibt, so dass man nicht einfach das Vieh durch die Zahl der Betriebe teilen kann. Auf dem Umweg über die landwirtschaftliche Nutzfläche ist es jedoch möglich, den Anteil der viehlosen Betriebe ganz grob abzuschätzen: In den bayerischen, österreichischen, schweizerischen und slowenischen Alpen umfaßt das Ackerland je etwa 11 % der landwirtschaftlichen Nutzfläche, so daß das Dauergrünland um die 90 % ausmacht. Dieser letzte Wert wird auch in den italienischen Alpen erreicht. Allerdings setzt sich hier die übrige Nutzfläche anders zusammen, indem das Ackerland nur 3 %, die "coltivazioni permanenti" (Reben, Obst) dagegen gut 6 % erreichen. Sehr unterschiedlich ist die Situation dagegen in den französischen Alpen, wo die "surfaces fourragères" nur 71 %, die "cultures permanentes" 7 %, die "cultures specialisées" 2,5 % und die Ackerflächen ("Céréales, cultures industrielles, oléagineux et protéagineux") sogar erstaunliche 19 % der landwirtschaftlichen Nutzfläche einnehmen. Das bedeutet, daß die Situation in den bayerischen, österreichischen, schweizerischen und slowenischen Alpen strukturell ähnlich ist (sehr geringer Anteil an viehlosen Betrieben), während die viehlosen Betriebe in den italienischen Alpen eine wesentlich größere Rolle, in den französischen Alpen dagegen sogar teilweise eine dominierende Rolle spielen. Corrado Barberis weist explizit darauf hin, daß der ökonomische Ertrag dieser hochspezialisierten und flächenkleinen, viehlosen Betriebe ein Vielfaches von dem der traditionellen Viehwirtschaftsbetriebe beträgt.

Zusätzlich ist bei dieser Überlegung zu berücksichtigen, daß diese Angaben nicht das transhumante Vieh (Als transhumantes Vieh werden diejenigen Rinder oder Schafe verstanden, welche Eigentümern gehören, die nicht im Alpenraum wohnen. Dieses Vieh weidet im Winter in der oberitalienischen Ebene, an der ligurischen Küste oder im Rhonedelta, im Sommer auf den Alpweiden der französischen, italienischen, teilweise auch schweizerischen Alpen. Da die Viehzählungen auf der Grundlage von Befragungen der Eigentümer durchgeführt werden, erscheinen die transhumanten Tiere in der Statistik der Wohngemeinde der Eigentümer und nicht dort, wo sie realiter weiden.) umfassen, das traditionellerweise in Italien und Frankreich eine wichtige Rolle spielt.
Wenn man auf diesem Hintergrund die Angabe Rinder/Betrieb aus der Synthesetabelle interpretiert, dann müßte der französische Wert wegen des großen Stellenwertes der viehlosen Betriebe in etwa verdoppelt werden, während der italienische Wert etwa um 25 % vergrößert werden müßte. Bei Österreich ist andererseits zu berücksichtigen, daß hier sehr viele Nebenerwerbsbetriebe existieren, welche die Zahl der Rinder/Betrieb drücken. Zusammengefaßt bedeutet das, daß die Zahl der Rinder pro Betrieb in den französischen, österreichischen und schweizerischen Alpen in etwa ähnlich hoch ist, daß die bayerischen Alpen deutlich darüber liegen, und daß dieser Wert in den italienischen und slowenischen Alpen beängstigend niedrig liegt.

Bei den bayerischen und schweizerischen Alpen fällt noch auf, daß hier in Bezug auf die Alpenfläche überproportional viele Rinder gehalten werden, während die Flächen- und Rinderanteile in den österreichischen und slowenischen Alpen etwa ähnlich groß sind und die französischen und italienischen Alpen deutlich unterproportionale Werte aufweisen. Betrachtet man die absoluten Zahlen, dann kann man feststellen, daß in den bayerischen, österreichischen und schweizerischen Alpen knapp drei Viertel aller Rinder gehalten werden.

Bei den Schafzahlen liegen die Verhältnisse anders, wobei auch hier die transhumanten Schafe - die v.a. in Frankreich sehr zahlreich sind - nicht erfaßt sind: Allein in den relativ kleinen französischen Alpen mit dem großen Anteil von viehlosen Betrieben werden mehr als die Hälfte aller Alpenschafe gehalten. Erstaunlicherweise schneidet Italien bei diesen Angaben relativ schlecht ab, obwohl hier die Schafhaltung ebenfalls traditionell verbreitet war. Die schlechte Position der bayerischen, österreichischen und slowenischen Alpen ist dagegen nicht weiter verwunderlich. Auffällig ist jedoch die relativ starke Position der Schweizer Alpen, so daß die Schweizer Alpen insgesamt durch eine überdurchschnittlich hohe Viehdichte auffallen.


3. Bewertung der analysierten Strukturdaten

     Im Alpenraum gibt es - sehr allgemein und vereinfacht ausgedrückt - traditionellerweise zwei große Landwirtschaftstypen, nämlich den "romanischen" und den "germanischen" Typ: (Daneben gibt es in den südlichen Ostalpen noch einen slawischen (slowenischen) Typ, der sich aber nicht sehr wesentlich vom germanischen Typ unterscheidet.) Der erstere findet sich in den trockeneren und wärmeren Alpenräumen, also v.a. in den inneralpinen Trockenzonen und in den Süd- und Südwestalpen, und ist durch eine relativ starke Stellung des Ackerbaus gegenüber der Viehwirtschaft, durch kleine Betriebsgrößen, hohe Parzellierung der landwirtschaftlichen Nutzfläche und Realteilung, geprägt. Der zweite Typ findet sich traditionellerweise in den feuchteren und kühleren Alpenräumen, also v.a. am feuchten Alpennordwest- und Alpennordrand und im östlichen Teil der Ostalpen, und ist durch eine starke Dominanz der Viehwirtschaft über den Ackerbau, durch relativ große Betriebsgrößen, geringe Parzellierung der Nutzfläche und durch das Anerbenrecht geprägt.

Im Prozeß des modernen Strukturwandels besitzt der germanische Landwirtschaftstyp eindeutige Vorteile, indem im 20. Jahrhundert die Viehwirtschaft im Berggebiet noch lange Zeit auf der europäischen Ebene halbwegs konkurrenzfähig produzieren kann, während sich der alpine Ackerbau aus strukturellen (kleine Betriebsgrößen, Parzellierung) und aus naturräumlichen Gründen (starke Quantitätsabnahme im Ackerbau mit steigender Seehöhe) in der europäischen Konkurrenz überhaupt nicht behaupten kann. Diese Unterschiede werden durch die soziokulturelle Dynamik noch erheblich verschärft, indem die romanische Lebens- und Wirtschaftsform häufig Innovationen blockiert und damit sinnvolle Modernisierungen verhindert, während im germanischen Bereich der einzelne Hof einen großen Entscheidungsspielraum besitzt, der oft innovativ genutzt wird, was zu permanenten Modernisierungsprozessen führt.

Diese unterschiedliche Entwicklung wird durch die staatliche Dimension noch zusätzlich verstärkt: Der germanische Landwirtschaftstyp liegt v.a. in Bayern, Österreich und der Schweiz, die als föderalistische Staaten der Entwicklung im Alpenraum eine hohe Aufmerksamkeit schenken und bereits relativ früh die Berglandwirtschaft zu fördern begannen. Der romanische Landwirtschaftstyp liegt dagegen v.a. in Frankreich und Italien, die als zentralistische Staaten am Alpenraum lange Zeit wenig Interesse hatten und nur zögernd sich für eine Förderung der Berglandwirtschaft einsetzen.

Vor diesem Hintergrund können wir den alpenweiten Strukturwandel der Landwirtschaft folgendermaßen darstellen:
Im romanischen Raum ist die Landwirtschaft entweder bereits zusammengebrochen oder der Zusammenbruch steht kurz bevor, und es sind hier vergleichsweise wenig erneuerte oder neue Betriebe mit modernen Strukturen entstanden, weil der Strukturwandel häufig auch durch kulturelle Widerstände zusätzlich abgeblockt wurde.
Im germanischen Raum findet dagegen ein schleichender Substanzverlust statt, der zwar gegenwärtig noch nicht zu größeren flächenhaften Zusammenbrüchen geführt hat, der aber bereits mittelfristig als unabwendbar erscheint, wenn kein Trendbruch einsetzt.

In diesem Kontext können wir jetzt die zuvor analysierten Strukturdaten folgendermaßen bewerten: In den italienischen Alpen stellt Südtirol eine markante Ausnahme dar, denn die meisten Betriebe zählen hier zum germanischen Landwirtschaftstyp, und sie verzeichneten aufgrund der besonderen politischen Bedingungen Südtirols auch eine Entwicklung, die völlig unterschiedlich von der der übrigen italienischen Alpen ist. Hier setzte der Strukturwandel von der Selbstversorgerwirtschaft (die noch sehr anschaulich bei Gorfer 1973 beschrieben wird) zur spezialisierten Produktion für den Markt erst Mitte-Ende der 70er Jahre ein, in abgelegener Lage sogar erst Anfang der 80er Jahre, und damit so spät wie wohl nirgendwo sonst im Alpenraum, ohne daß damit zugleich ein signifikanter Rückgang der Betriebszahlen verbunden ist (siehe dazu am Beispiel des Untervinschgaus: Rochlitz, 1993).

Im flächenhaft sehr großen Gebiet der übrigen italienischen Alpen laufen dagegen völlig andere Prozesse ab: Der Zusammenbruch der romanisch geprägten Landwirtschaft ist zwar weit fortgeschritten, aber die noch sehr hohe Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe macht deutlich, daß das letzte Stadium dieser Entwicklung noch nicht erreicht ist. Allerdings sind die meisten Betriebe sehr strukturschwach, wie die Ausführungen von Corrado Barberis und die Strukturdaten (sehr geringe Zahl von Haupterwerbsbetrieben, sehr niedrige Viehzahlen) zeigen. Daneben gibt es auch neue, hochspezialisierte Betriebe, u.z. entweder als moderne Viehwirtschaftsbetriebe quasi agroindustrieller Art oder in den klimatisch und morphologisch günstigen Tallagen als spezialisierte Obst-, Gemüse- und Weinbaubetriebe. Es ist eindrücklich, wie deutlich diese wenigen modernen Betriebe bereits in manchen statistischen Darstellungen sichtbar werden.

Die Abwanderung aus der Landwirtschaft setzte in den französichen Alpen fünfzig Jahre früher als in den italienischen Alpen ein (siehe dazu Blanchard 1956, S. 535ff.), und deshalb ist hier der Strukturwandel auch weiter fortgeschritten als in Italien. Besonders auffällig ist im Vergleich mit Italien die sehr niedrige Zahl der Betriebe und der hohe Anteil der Haupterwerbsbetriebe, was den Schluß nahelegt, daß zahlreiche strukturschwache traditionelle Betriebe längst verschwunden sind und die verbliebenen v.a. hochspezialisierten Haupterwerbsbetriebe in agrarischen Gunstlagen sind, die in den Südalpen durch sehr extensiv wirtschaftende Betriebe mit sehr hohen Schafzahlen ergänzt werden.

Die Beispiele der französischen und italienischen Alpen zeigen, wie der landwirtschaftliche Strukturwandel unter ungünstigen strukturellen (romanischer Landwirtschaftstyp) und agrarpolitischen Rahmenbedingungen abläuft: Die traditionellen Landwirtschaftsstrukturen brechen flächenhaft zusammen, und nur in den agrarischen Gunstlagen entstehen neue, moderne und hochspezialisierte Betriebe, die auf dem europäischen Agrarmarkt zwar konkurrenzfähig sind, die aber teilweise gravierende Umweltprobleme verursachen. Wie schwierig die Lage im romanisch geprägten Alpenraum grundsätzlich ist, zeigt sich daran, daß selbst in den romanisch geprägten Schweizer Alpenregionen (Wallis und Tessin) - trotz der hohen Agrar- und Berggebietsförderungen der Schweiz! – die Landwirtschaft flächenhaft zusammengebrochen ist (Tessin) bzw. derzeit zusammenbricht (Wallis).

Im germanisch geprägten Alpenraum steht die Landwirtschaft dagegen noch vergleichsweise gut da. Das bayerische Beispiel - also derjenige Alpenraum mit den besten Betriebsstrukturen - macht aber anschaulich deutlich, daß die Konkurrenzfähigkeit der alpinen Viehwirtschaftsbetriebe trotz modernisierter, spezialisierter und für die Alpen optimaler Betriebsstruktur (im Durchschnitt 15 ha Nutzfläche und 30 Rinder pro Betrieb, dazu meist ein wirtschaftlich relevanter Waldbesitz als zusätzliche Einnahmequelle) selbst im positivsten Fall nur bedingt gegeben ist - auch in den bayerischen Alpen ging die Zahl der Betriebe in den Jahren 1979-91 um 11 % zurück!

In den Schweizer Alpen (18 Rinder/Betrieb) und in den österreichischen Alpen (der niedrige Wert von 10 Rindern/Betrieb kommt durch die traditionell hohe Zahl der Nebenerwerbsbetriebe zustande; bei den Haupterwerbsbetrieben dürfte die Situation in etwa mit der der Schweiz vergleichbar sein) ist die durchschnittliche Betriebsstruktur spürbar schlechter als in den bayerischen Alpen. Der signifikante Unterschied beim Anteil der Haupterwerbsbetriebe wirft ein bezeichnendes Licht auf einen wichtigen, oft übersehenen Unterschied zwischen beiden Ländern: Die Agrar- und Bergbauernförderung ist in Österreich vom Volumen her gesehen zwar deutlich geringer als in der Schweiz, aber dafür profitiert die Berglandwirtschaft in Österreich von einem für sie vorteilhaften regionalwirtschaftlichen Umfeld mit relativ günstigen Zu- und Nebenerwerbsmöglichkeiten, während dies in der Schweiz weniger ausgeprägt ist: Der staatliche Kontext - hier eine stark sozialstaatliche, dort eine stark liberale Konzeption - hat also unmittelbare Auswirkungen auf die Betriebsstruktur. Gemeinsam ist jedoch für alle Viehwirtschafts-betriebe im germanischen Raum die schleichende Intensivierung (steigende Zahl der Tiere pro Betrieb und Bewirtschaftung immer größerer Flächen), die mit kleinräumigen Veränderungen der Landschaftsstruktur einhergeht und die im Laufe der Zeit zu erheblichen ökologischen Problemen führen kann.

Aber trotz all dieser Intensivierungen, Spezialisierungen und Modernisierungen, die aus romanischer Sicht vielleicht spontan als vorbildlich erscheinen, gehen auch hier die Betriebszahlen konstant zurück, was auf eine grundsätzliche Strukturschwäche dieses Betriebstyps im gegenwärtigen europäischen Kontext hinweist. Wie eine exemplarische Einzelfallanalyse im Safiental/Graubünden zeigte (Peter/Sironi 1993), stehen diese Betriebe derzeit an einer dreifachen Grenze, nämlich an einer ökonomischen Grenze (sehr geringes Einkommen, Versuch der Kompensation durch Zehren von der ökonomischen Substanz und durch Konsumeinschränkung), an einer ökologischen Grenze (Ertragsrückgänge und Kostensteigerungen bei der Bewirtschaftung durch zu intensive, nicht nachhaltige Bodennutzung) und an einer kulturellen Grenze (Zerfall der besonderen Wertschätzung der bäuerlichen Lebensform durch zu große familiäre und persönliche Belastungen). Ohne Gegenmaßnahmen im ökonomischen, aber auch im ökologischen und im soziokulturellen Bereich, dem gegenwärtig eine Art Schlüsselrolle zukommt (Peter/Sironi 1993), wird auch hier in absehbarer Zeit ein flächenhafter Zusammenbruch einsetzen. Was das konkret bedeuten wird, können wir an der Entwicklung der italienischen und französischen Alpen heute schon sehen.

Einer besonderen Erwähnung bedürfen noch die slowenischen Alpen: Dies ist der einzige Alpenraum, der nach dem Zweiten Weltkrieg aufgrund seiner sozialistischen Staatsstruktur eine forcierte Industrialisierung in dezentralen Strukturen durchmachte, bei der die touristische Entwicklung aktiv blockiert und die Landwirtschaft durch Verstaatlichung auf Großstrukturen ausgerichtet wurde. Da diese Verstaatlichungen im Grenzgebiet der slowenischen Alpen nicht sehr konsequent durchgeführt wurden, wurden unbeabsichtigterweise die kleinen Privatstrukturen der traditionellen Landwirtschaft zementiert, und ihre Situation im Laufe der Zeit noch verschlechtert. Mit der Entstehung des neuen Staates Slowenien und dem Bruch mit der sozialistischen Vergangenheit wird die Landwirtschaft zwar wieder reprivatisiert, aber die Betriebsstruktur bleibt - im alpinen Kontext gesehen – sehr ungünstig. Gegenwärtig laufen hier Prozesse einer gewissen Wiederaufwertung der Landwirtschaft ab, aber es ist zur Zeit noch zu früh für ihre Bewertung. Diebeabsichtigte Annäherung Sloweniens an die Europäische Union dürfte jedoch die Strukturprobleme der slowenischen Berglandwirtschaft eher verschärfen als abschwächen.

Diese insgesamt unbefriedigende Lage der Landwirtschaft im gesamten Alpenraum wird dadurch noch zusätzlich erschwert, daß die betroffenen Bauern im romanischen wie im germanischen Raum in den meisten Fällen auf die gegenwärtigen Herausforderungen mit Strukturanpassungen (allmähliche Betriebsvergrößerungen mit schleichender Intensivierung/Extensivierung der Nutzung, Mechanisierung) statt mit strukturellen Innovationen (neue Produkte, Produktionsziele und -strukturen, bewusste ökologische Bodennutzung, neue Vermarktungsformen u.ä.) reagieren, wodurch sich die Probleme der mangelnden Konkurrenzfähigkeit im besten Fall zeitlich etwas nach hinten verschieben, mittel- bis langfristig jedoch verschärfen.
Allerdings ist diese geringe Innovationsbereitschaft nicht allein den Bauern anzulasten, sondern ebenfalls der Agrarpolitik und Agrarberatung der vergangenen Jahrzehnte, welche die Bauern immer stärker von politischen Entschlüssen und staatlichen Geldern abhängig machten und damit eine passive Grundhaltung förderten, sowie den nach dem Zweiten Weltkrieg aufgebauten Agrarstrukturen, die den einzelnen Bauer in eine immer stärkere Abhängigkeit von den der Landwirtschaft vor- und nachgelagerten agroindustriellen Betrieben brachten und damit seine Handlungsfreiheit erheblich einschränkten. (Auch diese Strukturen sind in den einzelnen Staaten sehr unterschiedlich entwickelt, und auch hier fehlt ein alpenweiter Überblick. Im Bereich der Milchverarbeitung z.B. wurden nach dem Zweiten Weltkrieg in Österreich ausgesprochene Großstrukturen aufgebaut, während in der Schweiz noch zahllose Dorfkäsereien bestehen. Im Land Salzburg entfallen heute auf zwei Arbeitsplätze in der Landwirtschaft ein gewerblich-industrieller Arbeitsplatz im vor und nachgelagerten Bereich.)

Nach den alpenweiten Untersuchungen des österreichischen Volkskundlers Hans Haid finden sich die meisten Innovationen im landwirtschaftlichen Bereich in den 80er Jahren v.a. in den "Extremregionen", d.h. entweder in sehr strukturschwachen Alpentälern, wo neue Betriebsformen, neue Genossenschaften, neue Produkte und Absatzwege entstehen, oder in stark touristisch erschlossenen Alpentälern, wo sich auf der Basis landwirtschaftlicher Innovationen eine neue Zusammenarbeit zwischen Landwirtschaft und Tourismus entwickelt. Dagegen sind solche Innovationen im Kernbereich der alpinen Landwirtschaft derzeit eher selten, obwohl auch hier langsam einige Veränderungen festzustellen sind, wie z.B. der Erfolg des Biolandbaus in Österreich aufgrund starker Nachfrage oder die Veränderungen in den Südtiroler Wein- und Obstbetrieben. Ohne die explizite Berücksichtigung der Dimension der Innovationen und ihrer Blockaden ist die gegenwärtige Situation der Landwirtschaft nicht zu verstehen und sind keine Alternativen wirklich realisierbar.


4. Zukunftsperspektiven

     Der Strukturwandel der Landwirtschaft ist also heute bereits so weit vorangeschritten, daß die Frage: "Welche Landwirtschaft wollen wir in Zukunft im Alpenraum?" keine rhetorische Frage mehr ist. Grundsätzlich gibt es dafür drei unterschiedliche Positionen:

a) Rein marktwirtschaftliche Position:

Weil man im europäischen Raum genügend Lebensmittel produziert, braucht man die teure Produktion im Alpenraum nicht mehr und überläßt die übriggebliebenen Betriebe dem freien Markt unter Abbau der bisherigen Subventionen. Auf diese Weise werden sich nach einer Übergangszeit Verhältnisse entwickeln, die denen der französischen Alpen der Gegenwart ähnlich sein dürften (moderne Intensivbetriebe in den günstigen Tallagen, im eigentlichen Gebirgsraum wenig Betriebe, aber mit sehr hohen Viehzahlen). Inwieweit Landwirtschaft dann zur Landschaftspflege eingesetzt wird, muß mit den zuständigen Umweltbehörden diskutiert werden; grundsätzlich haben Landwirtschaftsbetriebe dabei aber nur dann eine Existenzmöglichkeit, wenn sie bei den Pflegearbeiten nicht teurer arbeiten als andere Betriebe (z.B. spezialisierte Landschaftspflegebetriebe).

b) Autarkie-Position:

Rückkehr der Landwirtschaft zur Selbstversorgung unter Aufrechterhaltung des gegenwärtigen Subventionsvolumens. Weil man der Meinung ist, dass Marktwirtschaft und Berglandwirtschaft sich gegenseitig grundsätzlich ausschließen, besteht das Ziel darin, der Landwirtschaft durch Abkopplung von der Marktwirtschaft und Wiederbelebung der Selbstversorgerwirtschaft eine Zukunft zu geben, was allerdings ohne staatliche Subventionen nicht realisierbar ist. Dabei soll die gegenwärtige Zahl der Landwirtschaftsbetriebe auf Dauer stabil gehalten werden, was zugleich eine Strukturerhaltung auf Betriebsebene bedeutet.

c) Multifunktionale Position:

Bewußte Erhaltung einer weitgehend flächenhaften und dezentralen Landwirtschaft aus ökonomischen, ökologischen, sozialen, kulturellen, infrastrukturellen und Krisenvorsorge- Gründen mittels gezielter Marktöffnung (Qualitätsprodukte, neue Vermarktungsstrukturen) einerseits und staatlicher Unterstützung (als Abgeltung ökologischer, infrastruktureller und kultureller Leistungen) andererseits. Dazu ist jedoch ein erheblicher Strukturwandel auf vielen Ebenen (Betriebsstrukturen, Produktionsziele, Art und Weise der Bodennutzung, Vermarktung, Mentalitäten) erforderlich, damit die Landwirtschaft unter den neuen sozioökonomischen Rahmenbedingungen ihren traditionellen wie neuen Aufgaben gerecht werden kann.

Es hat zeigt sich, dass sowohl die rein marktwirtschaftliche als auch die Autarkieposition auf starke Skepsis stoßen. Breite Zustimmung erfährt dagegen die multifunktionale Position.

Mit der Betonung der bewußten Vernetzung der ökonomischen, ökologischen und soziokulturellen Aspekte der Landwirtschaft bezieht man freilich implizit Stellung gegen zwei Positionen, die gegenwärtig häufiger zu hören sind:

a) Pauschale Anerkennung der ökologischen Aufgabe der Landwirtschaft; da dabei die ökologischen Kriterien nicht konkretisiert werden, dominiert de facto weiterhin die betriebswirtschaftliche Dimension und die schleichende Umweltbelastung der Landwirtschaft nimmt weiter zu, so daß die ökologischen Aussagen bloß Alibicharakter besitzen.

b) Pauschale Negierung der Produktionsaufgabe der Landwirtschaft; da dann aber das Schwergewicht der landwirtschaftlichen Tätigkeit automatisch auf Landschaftsschutz und -pflege liegt, dominiert letztlich die naturschützerische gegenüber der Produktionsfunktion.

Die intensive Fachdiskussion, die während der internationalen Tagung "Landwirtschaft im Alpenraum" in Bozen geführt wurde, machte eindrücklich deutlich, daß die Experten aus allen sieben Staaten mit Alpenanteil die Zukunft der alpinen Landwirtschaft ausschließlich als "multifunktionale Position" sehen und dass die rein marktwirtschaftschaftlichen oder rein landschaftspflegerischen Strategien abgelehnt werden. Allerdings folgt daraus nicht unbedingt ein Ende der Grundsatzdiskussionen: Im Rahmen einer multifunktionalen Perspektive gibt es durchaus unterschiedliche Akzentsetzungen, die von mehr Markt bis mehr Staat und von mehr Qualitätsprodukte bis mehr Landschaftspflege reichen - die konkrete Ausgestaltung kann dabei vielfältig ausfallen. Meine persönliche Position besteht darin, daß ich eine Zukunft für die Landwirtschaft im Alpenraum nur dann sehe, wenn sie als "bäuerliche Landwirtschaft" fortbesteht, die wichtige und qualitätsvolle Lebensmittel produziert, die damit gleichzeitig eine vielfältige und artenreiche Kulturlandschaft erhält (Betonung der Produktionsfunktion, Reproduktion nicht als eigenständiges Ziel, sondern mittels einer reproduktionsorientierten Produktion) und die bäuerliches Leben in neuen Formen stärkt und damit die kulturelle Identität in den Alpenregionen aufwertet. Allerdings braucht es zur Realisierung dieses Zieles - je nach den unterschiedlichen Verhältnissen im Alpenraum - unterschiedliche Strategien, die an der konkreten Situation ansetzen und die "regionsspezifisch" ausdifferenziert werden - falsche Patentrezepte, die alpenweit überall anwendbar sein sollen, zerstören mehr als sie nützen. Neben dieser unmittelbaren Aufgabe kommt der Landwirtschaft darüber hinaus die Aufgabe zu, durch eine verstärkte dezentrale Nutzung der endogenen Potentiale im Alpenraum die Position der Alpen als europäischer Wirtschafts- und Lebensraum insgesamt zu stärken und dabei vor allem Kräfte zu aktivieren, die sich gegen die weitere Verstädterung in den Alpen einerseits und gegen die weitere Verödung v.a. in den Südwest- und Südostalpen andererseits wenden, um eine nachhaltige Gesamtentwicklung der Alpen fördern.


(Der hier publizierte Text ist eine leicht veränderte, autorisierte Fassung des von Werner Bätzing auf der Tagung der Europäischen Akademie Bozen zur Thematik der Berglandwirtschaft (1996) präsentierten "Syntheseberichts". Der Originaltext ist abgedruckt in: Europäische Akademie Bozen (Hg.), Landwirtschaft im Alpenraum – unverzichtbar aber zukunftslos? Eine alpenweite Bilanz der aktuellen Probleme und mögliche Lösungen, Schriftleitung: Werner Bätzing, Berlin und Wien: Blackwell Wissenschaftsverlag, 1996, 229-242.)


 

5. Anhang:

Landwirtschaft im Alpenraum 1990 - Synthesetabelle

D

F

I

A

CH

SLO

Alpen-Gesamt

Fläche (in 1000 km²)
+ Korrektur (
siehe Text)

Fläche in %
10
.
5
40
.
21
47
52
27
55
.
29
25
27
14
7
.
4
184
191
100
Bevölkerung (in Mio.)
Bevölkerung (in %)
1,3
12
2,1
20
2,9
27
3,1
29
0,8
8
0,4
4
10,6
100
LW-Betriebe (in 1000)
Korrektur (siehe Text)
LW-Betriebe in % (ohne Korrektur)
LW-Betriebe in % (mit Korrektur)
28
.
6
5
42
.
9
8
186
236
41
46
114
.
25
22
58
70
13
14
24
.
5
5
452
514
100
100
Davon Haupterwerbsbetriebe (in 1000)
Anteil am gesamten Alpenraum
Haupterwerbsbetriebe in %
17
11
61
22
14
54
39
25
21
41
26
36
34
21
58
5
3
19
158
100
35
Rinder (in 1000)
Rinder in %
Rinder pro Betrieb
847
21
30
355
9
8
547
14
3
1100
27
10
1028
26
18
101
3
4
4005
100
9
Schafe (in 1000)
Schafe in %
40
3
801
53
182
12
203
13
275
18
13
1
1514
100

 

6. Literaturverzeichnis

ABENSOUR, E.S./CÉPÈDE, M. (1961): Rural problems in the Alpine region. An international study. FAO, Rome, 201 S.
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