Das Wecken während des Schützenfestes 2001

oder
Was hat die Mettwurst mit dem Musikverein zu tun?
oder
Wie wird soziales Kapital hergestellt?
oder
Nähe braucht einen Trägerstoff

Das lokale bzw. regionale "Wir-Gefühl" wird durch Rituale wie die Borgentreicher
Weckzeremonie gefestigt. Das "Näheerlebnis", ein Bedürfnis, das, weil es längst
nicht mehr selbstverständlich ist, wieder an Bedeutung zu gewinnen scheint,
trägt nicht zuletzt zur Stärkung des regionalen Wirtschaftens bei.

Von Veronika Bennholdt-Thomsen



(c) privat

Veronika Bennholdt-Thomsen
,
Ethnologin und Soziologin, hat lange Jahre in Mexiko gelebt und geforscht. Sie ist Leiterin des außeruniversitären "Instituts für Theorie und Praxis der Subsistenz, e.V.", Bielefeld und Honorarprofessorin an der Universität für Bodenkultur, Wien

Schwerpunkte:
Bäuerliche Ökonomie und Feministische Forschung.

Letzte Publikationen:
There is an Alternative: Subsistence and Worldwide Resistence to Corporate Globalization, hrsg. zusammen mit Nicholas Faraclas u. Claudia von Werlhof, Zed Books, London/New York 2001.

FrauenWirtschaft. Juchitán – Mexikos Stadt der Frauen
, zusammen mit Mechtild Müser und Cornelia Suhan, Frederking und Thaler Verlag, München 2000.

Das Subsistenzhandbuch. Widerstandskulturen in Europa, Asien und Lateinamerkika
, hrsg. zusammen mit Brigitte Holzer und Christa Müller, promedia Verlag, Wien 1999.

      Am Pfingstsonntagmorgen, dem 3.Juni 2001, sind meine Kollegin Brigitte Holzer und ich beim "Wecken" mitgefahren. Pünktlich um 6 Uhr fanden wir uns vor dem Haus des Musikvereins Borgentreich am Osthagen ein. Dort stand schon der Traktor mit dem geschmückten Anhänger bereit. An den Seitenwänden waren frische Lindenzweige festgebunden. Aber was uns angesichts des Wetters viel wichtiger erschien, war die dicke Folie, die als Dach zwischen und über die extra befestigten Holzstreben gespannt worden war. Trotzdem sind wir wiederholt naß geworden, weil der Wind den Regen von der Seite herantrieb, oder das Dach mit einem Ruck aufbeulte, sodaß sich die angesammelte Lache auf einmal in unseren Kragen ergoß. Die MusikerInnen waren schon fast alle da. Reiner D., der Älteste unserer morgendlichen Kapelle, seit 23 Jahren dabei, meinte, so ein kaltes und nasses Pfingsten habe er noch nie erlebt.

Aber auf dem Hänger war es ganz gemütlich: rundherum Strohbunde, auf denen wir ganz weich sitzen konnten. Eine Kiste Bier stand auch schon bereit. Mit einer Wolldecke über den Knien die beiden Klarinettistinnen, außer uns die einzigen Frauen, vielleicht 16 Jahre alt. Außerdem noch ein weiterer Klarinettist, 6 Trompeten (5 Einheimische und ein Gast vom Musikverein aus dem benachbarten Bühne), eine kleine Trommel (Martin G.), eine große hätte nämlich gar nicht Platz gehabt, ein Tenorhorn. Genau genommen waren es am Anfang nur 5 Trompeter, weil der Gast aus Bühne sein Mundstück vergessen hatte, was Anlaß für nicht enden wollende Bemerkungen und Scherze gab. Er fuhr dann nach der ersten Station extra mit dem Auto los, es zu holen.

     Los ging’s. Über den Steinweg zu unserer ersten Station: Koch’s Karl, dem Hausschlachter. Es wird aufgespielt. "Walzer Nr. 1", sagt der Trommelspieler an, und es ertönt "Freut Euch des Lebens". Das werden wir noch so oft zu hören bekommen, bis es uns zu den Ohren herauskommt. Es scheint das Wecklied zu sein. Zuerst kommt Toni, Karls Frau heraus, in der Hand die obligate Mettwurst (die gar nicht mehr so obligat ist, wie wir im Laufe des Morgens erfahren werden) und eine Flasche Kräuterschnaps. Karl klettert über die Anhängerkupplung hoch und reicht uns das an. Es wird ein Schwätzchen gehalten. Ich mache Notizen. "Und der Hund heißt Johannes, wenn Du das auch aufschreiben willst", meint Martin spöttisch. Aber der Hund ist auch wirklich bemerkenswert. "Ein Kreuz, daß Du ein Eisen drauf schmieden kannst", meint ein anderer. Wir haben Zeit, denn erst mal ist der Bühner mit unserem Trecker und Treckerfahrer los, - der erste Versuch, sein Mundstück wiederzufinden. Der Treckerfahrer ist übrigens ziemlich jung und besonders liebenswürdig, sagen die anderen, denn schließlich muß er schon vorher auf jeglichen Alkohol verzichtet haben.

 

 

 

 

 

 


Mettwurst und Schnaps als traditionelle Belohnung

Weiter geht’s, der Trecker ist wieder da, ohne Mundstück und ohne Bühner. Fahren zurück zum Steinweg. Dort wird dauernd Walzer Nr. 1 geschmettert. Überall wohnen hier Leute, die für das Wecken in Frage kommen. In Frage kommen alle Mitglieder des Hofstaats ebenso wie ehrenvolle Mitglieder des Musikvereins, und ein Muß sind der König, die Königin, der Pastor, der Vorsitzende des Schützenvereins und die Jubelpaare. Dann bekommt aber schon auch der eine oder die andere auf dem Weg ein Ständchen, so Mutter und Bruder unseres Klarinettisten oder der Tierarzt im Vorbeifahren. Da der Hofstaat diesmal so groß ist, hat die Morgenkapelle beschlossen, nur zu denjenigen vom Hofstaat zu fahren, die auch im Musikverein sind, da gibt es genügend Überschneidungen.

     Gehalten wird am Steinweg beim Kassierer Ralf vom Schützenverein, auch wegen seines alten Herrn, der sich Lorbeeren im Musikverein verdient hat. Sie kommen heraus mit Mettwurst und Schnaps. Dann geht’s weiter auf dem Steinweg zu Heinrich R., einem Ehrenmitglied des Musikvereins. Er kommt heraus mit einer schönen Mettwurst und einem Messer, damit wir auch was abschneiden können. Vorbei in der Speckestraße bei Franz C., dem Bauern und verdientem Mitglied des Musikvereins. Er bringt eine schöne Mettwurst an den Wagen, und es gibt auch noch eine Tupperwaredose voller Käsewürfeln von seiner Frau Birgit. Nachdem der Musik über Nacht die versprochene Tuba wegen reichlichen Alkoholkonsums abhanden gekommen ist, wird Franz gefragt, ob er nicht mitkäme. Vielleicht später noch, sagt Franz, er muß erst noch in den Stall, Kühe melken. Tatsächlich gabeln wir ihn mit seinem Tenorhorn 1 ½ Stunden später vor Reiners Haus auf, mit dem er befreundet ist. Nächster Halt bei Redanten Jannes, einem älteren Ehrenmitglied des Musikvereins, gleich hinter der Kirche. Er reicht seine Mettwurst an einem langen Stock herüber. Das gibt ein schönes Foto, hopefully.

 

 

 

Die Mettwurst wird zunehmend von anderem abgelöst

Gleich an der Ecke sind zwei weitere, die es mit dem Wecken zu ehren gilt. Anke, Mitglied des Hofstaats und des Musikvereins. Ganz verschlafen und barfuß kommt sie an. Diesmal gibt’s einen Kasten Bier und eine Tüte voller Snickers, sehr zum Entzücken der beiden Musikantinnen. Ihre Kollegin weiß also, was ihnen lieb ist, vermutlich aus eigener Erfahrung. Und dann sehe ich zum ersten mal, daß Geld herübergereicht wird, nämlich 20.- DM von einer weiteren unfreiwilligen Frühaufsteherin. Wie wir hören, hat sie sich ihrer Kinder erbarmt, die eigentlich als Mitglieder des Musikvereins und des Hofstaats mit dem Wecken gemeint waren. Dabei hatten sie ein besonders schönes Ständchen bekommen: Die Ode an die Freude. Und ab nun müssen wir feststellen, daß die Mettwurst wohl zunehmend von anderem abgelöst wird. Es gibt immer wieder einen Kasten voll Bier. Am Schluß ist der Zwischenraum zwischen den Sitzenden im Anhänger mit bestimmt 10 Kästen Bier ausgefüllt. Die Musikanten freut es, dann hätten sie was für die Übungsabende. Auch die Mettwurst, die ja eine luftgetrockene Dauerwurst ist, soll für die Abende aufgehoben werden. Aber nur noch einmal, bei der Königin soll es eine weitere Mettwurst geben. Fünfmal wird Geld hochgereicht, - ich glaube ein paarmal einen 20.- DM-Schein zu sehen, zweimal auch ein Kuvert.

     Die meisten derjenigen, die geweckt werden, haben offenbar damit gerechnet und sind vorbereitet. An manchen Häusern regt sich aber nichts. Denen wird schon jetzt eine Strafe angedroht: Sie müßten am Nachmittag eine Runde ausgeben, an die Großkapelle des Musikvereins, versteht sich. Jetzt fahren wir ja nur mit kleiner Besetzung. Beim Umzug am Nachmittag hingegen geht eine ziemlich große Kapelle mit, die dann auch in die Schützenhalle mit einzieht und noch eine Weile aufspielt. Das gibt Durst. An manchen Häusern erscheinen nur völlig übermüdete Gesichter hinter den Fenstern. Der Kasten Bier stünde in der Einfahrt. Andere öffnen im Schlafanzug, was zu einem amüsanten Dialog Anlaß gibt. "Ich hab denselben Schlafanzug wie du," ruft Martin, der Schlagzeuger über die Straße. "Aber dem Mathias hier steht er besser", meint der Trompeter. "Woher weißt du das denn", will der Bühner wissen, der inzwischen mitsamt Mundstück zurückgekehrt ist.

 

 

 

 

 

 

Die Sozialkontrolle bäuerlicher Gesellschaften soll das Zerbrechen der Gemeinschaft verhindern

An diesem Pfingstsonntagmorgen fehlt nach Urteil der Musikanten aber immer noch die Tuba. So fahren wir also beim ersten Tubisten vorbei, Günther C. Der steht mit Stiefeln in der Stalltür. Nein, mit den Kühen sei er zwar durch, müßte aber noch die Schweine füttern. Leider. Er lacht mit blitzenden Zähnen. Ja, er hätte schon gehört, daß eine Tuba fehle; das höre sich so plan an.

     Dann fahren wir nach draußen vor die Stadt, Richtung Körbecke. Dort steht auf freiem Feld ein schniekes neues Einfamilienhaus direkt neben dem älteren Bauernhaus. Hier wohnt Uwe H., Beamter bei der Stadt zusammen mit seiner jungen Frau, die Lehrerin ist. Sie sind beide Mitglieder im Musikverein, und sie sind im aktuellen Hofstaat. Dort draußen konnten sie nur bauen, weil nebenan das Bauernhaus seiner Eltern steht. "Ein Palast", bemerke ich. "Ja, und innen erst mal! Da darfst du nur in Puschen rein, die stehen neben der Haustür". Klingt da ein spöttischer Unterton mit, nach dem Motto, die denken wohl sie seien was Besseres? Schließlich scheinen sie sich vom Beruf und vom Einkommen her von der Mehrheit zu unterscheiden. Verwunderlich wäre es nicht, denn gerade aus bäuerlichen Gesellschaften ist diese Form der sozialen Kontrolle bekannt und hat auch ihren Sinn. Sie wird als "institutionalized envy" bezeichnet (Forster), der die Funktion haben soll, der Ungleichheit entgegenzusteuern, auf daß die Gemeinschaft nicht zerbreche. Vielleicht schwingt hier auch derartiges mit.


Die Mitglieder der Kapelle sind nicht übermäßig reich

Die Mitglieder unserer Morgenkapelle scheinen durchweg nicht übermäßig reich zu sein. Reiner (ca. 40 Jahre alt) ist Lagerarbeiter bei einer Werkzeugfabrik, mit drei kleinen Kindern, und seine Frau arbeitet reduzierte Stunden als Sprechstundenhilfe. Toni, ebenfalls ca. 40 Jahre alt, arbeitet bei einem Fabrik für Foliendruck. Er ist jetzt auch in die Landwirtschaft eingestiegen. Hält zusammen mit anderen auf den Hängen bei Dalhausen, die unter irgendeiner Form von Naturschutz stehen, Galloways, Ziegen und ein paar Pferde. Der Tenorhornspieler Gabriel ist noch jung, ca. 25 Jahre alt, ein echter Sonnyboy; er ist dabei, den Hof der Eltern als Jungbauer zu übernehmen. Martin G. ( ca. 30 Jahre alt) arbeitet nicht mehr auf dem Hof, außer sehr nebenerwerbsmäßig. Er hat den Hof seines Patenonkels geerbt, der kinderlos geblieben war. Die beiden Mädchen und der eine Trompeter gehen noch zu Schule. Der Vorsitzende des Musikvereins ist Elektroingenieur, arbeitet als Software-Spezialist bei einer Firma im 20 Kilometer entfernten Scherfede und hat selbst nichts direkt mit der Landwirtschaft zu tun. Aber wir wissen, daß er regelmäßig auf dem Hof eines Vetters mithilft, einem der wenigen Mischbetriebe, der ohne diese Arbeitsunterstützung aus dem "Clan" nicht so gut funktionieren würde. Umgekehrt würde der "Clan" auch nicht mit so guten Lebensmitteln versorgt.

     Außerhalb der Stadt, auf dem offenen Feld nach Körbecke zu, zieht es so durch den schneidend kalten Wind, daß wir eilig wieder zwischen die Häuser kommen wollen. Dann geht’s zum König, dem jungen B., Sohn des Klempners und Installateurs am Ort, die zusammen mit der Ehefrau, respektive Mutter einen großen Laden betreiben. Wir werden hereingebeten in den Laden, dort sind Wurst, Käse, Brot und Bier aufgebaut, für die Mädels gibt‘s auch Cola und es ist geheizt. Wir erholen uns ein bißchen. Dann nochmals Walzer Nr. 1 für den Ortsvorsteher gegenüber, aber nur seine Schwägerin Luise zeigt sich hinter der Gardine. Aber dann wird es auch abwechslungsreicher mit den Stücken, zumal unser Bühner versucht, immer wieder zu anderen Passagen anzustacheln. Neben den Märschen (z.B. "Liebesboten", "Preußens Gloria", "Tochter Zion" für den Pastor), wird auch mal ein Swing gespielt (Marina, Marina) oder "Am Brunnen vor dem Tore" oder "Amazing Grace" für die Königin. Und es wird gesungen: Ein paarmal "Heimat, Heimat", "Hoch auf dem gelben Wagen", aber auch "Schmeißt die Bühner raus" – aus gegebenem Anlaß. Zwischendurch haben wir auch noch ein Horn dazugewinnen können, "Baritonhorn", wie der Musikant Johannes M. klarstellt. Aber er hat eine Suppe auf dem Herd – "Knochen auskochen für eine gute Brühe" - und kann nur eine ¾ Stunde lang dabeisein.

 

 

 

 

 

Den Musikverein zu bewirten, gilt als Ehre

Wir fahren mit unserem Kapellwagen alle Viertel dieser kleinen Ackerbürgerstadt ab. Die meisten Ständchen werden im alten Kern der Stadt gespielt, aber auch im Wohnviertel aus den 60er Jahren, Westring, gilt es zu "wecken". Auch im Neubauviertel mit Einfamilienhäusern - Am Roland – werden 4 oder 5 Ständchen geblasen: Bei der Königin, beim Vorsitzenden des Schützenvereins, dessen Tochter auch im Hofstaat ist (deshalb gibt’s zwei Kästen Bier), bei einem aktiven Mitglied des Musikvereins, der mit kleiner Tochter auf dem Arm herauskommt und an seinen schönen roten Haaren unschwer als Mitglied des Clans zu erkennen ist, der um Franz‘ und Birgits Mischbetrieb kreist. Er ist mit einer Musikerin aus dem Musikverein verheiratet, wird mir verraten. Schon die zweite Hochzeit, die die Musik und der Verein gestiftet haben. "Wenn ich bedenke, was für eine Diskussion das damals 1974 war, ob wir nun Frauen aufnehmen sollten oder nicht, erinnert sich Reiner. Hier kann man ja sehen, wie gut das war". Dann spielen "wir" noch an zwei weiteren Stellen, wo sich aber niemand zeigt. Zwischendurch mußten wir noch bei Reiner vorbei, die beiden Jungs aufgabeln, 10 und 6 Jahre alt, die schon lange auf der Straße standen, um nur nichts zu verpassen. Am Schluß, gegen ½ 10 Uhr fahren wir zu "Thomes" am Sünnerkeweg, die auf dem Papier Reinaldus heißen, einem Bauernhof etwas außerhalb gelegen, wo es ein Frühstück gibt, das schon schön als Buffet in der Garage aufgebaut worden war. Biertische und Bänke stehen bereit, extra für diesen Tag beim Bierverlag ausgeliehen. Neben Kaffee gibt es Bier und viele gekochte Eier, denn Thomes halten einen größeren Trupp Hühner. "Wir suchen uns immer jemand aus zum Frühstücken und fragen vorher an; meist sind es Höfe, die etwas außerhalb liegen. Nicht etwa, weil sie im Musikverein wären, sondern einfach so. Bislang hat noch niemals jemand abgesagt", erklärt mir Reiner. Thomes Rudi hätte sogar gesagt "es ist uns eine Ehre, den Musikverein bewirten zu können. Wörtlich: eine Ehre" unterstreicht er stolz.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hier kennt jeder jeden und weiß über seine Gewohnheiten Bescheid


Gemeinschaft wird hergestellt

     Nicht nur hier bei der Frühstücksbewirtung, sondern durchweg bin ich beeindruckt von der freundschaftlichen, fast intimen Atmosphäre, die zwischen den MusikantInnen und ihren Weck-"Opfern" herrscht. Dazu trägt sicherlich bei, daß viele direkt aus dem Bett im Schlafanzug und Bademantel am Fenster oder in der Haustür auftauchen, so wie man sich eben nur innerhalb des Hauses oder den guten Freunden zeigt. Ich erinnere mich an die Beschreibungen der mittelalterlichen Ackerbürgerstädte, wo die BewohnerInnen im "Schlafgewand" über die Gassen zur Badstube gegangen sind. Noch hatte sich die rigide moderne Trennung in hier öffentliche, dort private Räume nicht hergestellt. Der Abstand zwischen den Menschen, die Gefühlsdistanz würde sich erst in den kommenden Jahrhunderten herausbilden (N. Elias).

Wir beiden Fremden stellen fest, daß hier wirklich jeder jeden kennt, ja, man weiß sogar über die Gewohnheiten Bescheid. "Den kriegst du niemals wach, da kannst du ihm mit der Trompete ins Ohr blasen, so fest schläft der." Oder: "Die haben um diese Uhrzeit noch im Stall zu tun". Oder: "Die wird nicht zu Hause sein, schläft bei ihrem Freund, das ist näher an der Schützenhalle". Oder: "Der ist krank, hat schlimme Nervenschmerzen im Gesicht. Wie die das wohl mit der Arbeit im Stall geregelt bekommen? Wird alles die Frau machen müssen. Ob er überhaupt die Rede vor dem Umzug wird halten können?" Oder: "Die schlafen nach hinten raus, besser wir halten an der Hausecke und nicht vor der Haustür". Eigentlich kennen wir uns auch schon etwas aus, dank der vielen Interviews und der Untersuchung des Schützenvereins. Aber wir kennen die amtsüblichen Familiennamen, die "Eingeborenen" hingegen kennen sich mit Hausnamen, d.h. der Ort, das Haus trägt einen Namen und die dort wohnen, z.B. einheiraten, werden so angesprochen. So müssen wir immer wieder nachfragen.

 

 

 

 

Der Musikverein schafft Gemeinschaft

     Hier gibt es ein enges Binnengefüge, das durch zahlreiche Fäden zusammengehalten wird. Einer der Fäden ist ganz offensichtlich diese Weckzeremonie. Dadurch werden die bestehenden Bande innerhalb der Gemeinschaft bestätigt und affirmativ verfestigt. Diejenigen, die geweckt werden, empfinden das als Ausdruck der Wertschätzung ihrer Person und auch ihres Gemeinschafts-Amtes, das sie für das Schützenfest oder im Musikverein übernommen haben. Die MusikantInnen, so könnte man sagen, leisten hier (gemeinwesenorientierte) Sozialarbeit oder tragen zum sog. sozialen Kapital bei. Darauf angesprochen, lehnen aber alle die Ausdrücke "Arbeit" und "Kapital" ab. "Nein, das macht doch Spaß! Wir bekommen da nichts dafür. Manche aus dem Schützenverein wollten sogar schon, daß wir das aufhören, damit sie ausschlafen können. Ist ja sowieso schon anstrengend genug, im Hofstaat zu sein. Die kommen die drei Tage lang immer nur für 2-3 Stunden ins Bett. Aber bei den Musikanten ist das genauso. Allerdings, wer von den Musikanten beim Wecken dabei ist, der braucht erst wieder zum Umzug am Nachmittag auf den Beinen zu sein. Wir, als Musikverein, bekommen vom Schützenverin eine Pauschale für das ganze Jahr, weil wir die vielen Zeremonien immer mit einer Kapelle begleiten. Aber das Wecken ist unsere Sache. Wir haben beschlossen das nicht aufzugeben, es macht doch wirklich Spaß. Und die Hofdamen müssen sowieso dann bald zum Friseur, oder sie legen sich danach eben nochmal auf’s Ohr. Und wir bekommen ja auch etwas dafür, die Mettwurst oder einen Kasten Bier oder so. Das sehen wir allerdings nicht als Bezahlung an, sondern da freut man sich eben darüber, wenn dann so eine feine Mettwurst rübergereicht wird. Das ist auch eine Anerkennung für uns. Aber die beste Belohnung ist der Spaß, den wir dabei haben. Deshalb machen wir das".

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nähe drückt sich in konkreten Dingen aus


"Die Mettwurst ist mehr wert als Geld"

"Aber nicht jeder schlachtet heute noch selbst; die wenigsten eigentlich. Und man weiß ja, was das für eine Arbeit ist, so eine gute Mettwurst zu machen. Da ist doch das beste Fleisch drin, die Kotlettstränge nämlich. Dann muß man auch einen guten Platz haben, wo sie hängen und reifen kann, nicht zu feucht, nicht zu trocken, nicht zu warm, eher etwas zugig, aber auch nicht zu viel, sonst trocknet sie aus. Am Anfang mußt Du sie oft abwaschen, weil die Gärung außen so eine glitschige Schicht macht. Das ist wirklich viel Arbeit. Da freut man sich besonders, wenn man eine Mettwurst bekommt. Wir hatten Glück diesmal, daß wir gleich zu Beginn so schöne Mettwürste bekommen haben. Man weiß ja auch, wo es so was geben kann, da fährt man dann besonders gern vorbei. Und alle selbst gemacht. Habt Ihr gesehen, jede sah anders aus, als wir sie da am Querholz oben auf dem Wagen hängen hatten. Die gekaufte Mettwurst ist nicht halb soviel wert."

      Wieder einmal kommt mir in den Kopf, daß Nähe eines Stoffes bedarf, der sie sozusagen trägt. So, wie sich die mütterliche Nähe in der fürsorglich wärmenden Decke ausdrückt, die die Mutter über das schlafende Kind breitet, oder im guten, zuverlässig alltäglichen Essen oder dem schönen Schmuck für ein gemütliches Weihnachten, so vermittelt sich auch die soziale Nähe zwischen den Menschen eines Gemeinwesens über konkrete Dinge. Sie kann nicht nur idealistisch, durch schöne Worte und abstrakt hergestellt werden. Meist haben diese "Dinge der Nähe" direkt mit dem guten Essen und Trinken zu tun, mit dem, was zum vergnüglichen Leben beiträgt, wie das Musikständchen, und all das ist, wie das Zitat in der Überschrift besagt, "mehr wert als Geld". Anders ausgedrückt, die Dinge, die Nähe vermitteln, sind an das gebunden, was unmittelbar nützlich und deshalb wertvoll ist. Sie sind an die Subsistenz gebunden.

Was wir aus der unmittelbaren Beziehung zwischen Personen wissen, scheint auch zwischen Gruppen von Bedeutung zu sein: Nicht die Mettwurst, die gekauft wurde, sondern die, die selbst hergestellt wurde, gilt als etwas Besonderes. Umgekehrt werben die Metzgereien nicht umsonst mit dem Ausdruck "Hausmacher Art", was ja heißt "wie bei Mutter zu Hause". Oder das Ständchen ist deshalb so viel wert, weil die Musikanten es von sich aus, ohne dafür bestellt noch bezahlt worden zu sein, darbringen; schließlich auch, daß sie selbst spielen, ihr Können einbringen, statt etwa eine Konserve abzuspielen, was als vollständig absurd empfunden würde.

 

Das Bekannte wird wiederholt und dadurch reproduziert

     Diese Zusammenhänge bedeuten naheliegenderweise auch, daß die soziale Gruppe, die solchermaßen verbunden ist, nicht allzu groß sein kann, es sich also immer um eine lokale, überschaubare Gesellschaft handeln muß, wo man sich kennt und wo die Menschen eine Geschichte miteinander haben. Nicht unbedingt eine persönliche Geschichte, wie es in einer Nähebeziehung zwischen Individuen wäre, sondern eine Geschichte, die von Generation zu Generation "weitergeschrieben" wird. Auch das geschieht jedoch nicht automatisch, sondern will gepflegt sein. Sichtbar ist diese intergenerationelle Pflege des lokalen sozialen Zusammenhangs auf dem Schützenfest selbst und auch während des Weckens. Es sind alle Generationen vertreten, jung und alt feiern zusammen, tanzen, singen, musizieren, trinken zusammen und genießen gemeinsam die Mettwurst. Auf religiöser Ebene nennt man das "Kommunion" (lat. "Gemeinschaft", d.h. den Akt, die Gemeinschaft herzustellen).


Das Leben wird durch Zeremonien strukturiert und vertraut gemacht

Auch das Wecken ist eine Zeremonie. Und wie bei jeder Zeremonie ist die Handlung ritualisiert. Das Bekannte wird wiederholt, wird von Generation zu Generation weitergegeben und flößt damit Sicherheit und Vertrauen ein: Man kann sich aufeinander verlassen. Die Welt ist überschaubar und vertraut. Auch die Zeit ist kein Abstraktum, sondern "unsere Zeit". Früher wurde das Jahr in zwei Hälften geteilt: Vor dem Schützenfest und nach dem Schützenfest. "Und das Schöne war, daß man am Tag danach wieder vor dem Schützenfest war". In diesen ritualisierten Rhythmen der Gemeinschaft ist auch eine Parallele zu individualpsychischen Vorgängen zu sehen. Die Rolle, die die alltäglich, wöchentlich, jährlich gleichen Vorgänge im Leben des Einzelnen spielen, ebenso wie die Übergangsriten (Einschulung, Kommunion, Firmung, Schulabschluß, Heirat usw.), nämlich das Leben verläßlich zu strukturieren, sich eingebunden zu fühlen in ein übergeordnetes Ganzes, braucht es auch auf der Ebene gesellschaftlicher Gruppen. So wie der Einzelne krank wird, wenn diese Elemente nicht vorhanden sind, könnte es vermutlich auch der dörflichen oder kleinstädtischen Gesellschaft gehen (Erich Fromm). Zumindest scheinen meine Gesprächspartner aus dem Musikverein ein Gespür in dieser Richtung zu haben. Als ich nämlich meine, daß sie einen Beitrag zum friedvollen Miteinander leisten würden, also zum Frieden zwischen den Menschen im Ort, da können sie uneingeschränkt zustimmen, anders als sie hinsichtlich "Sozialarbeit" und "sozialem Kapital" empfunden hatten.

 

 

 

 

 

Die Mettwurst symbolisiert das Eigene


Was hat die Mettwurst mit dem Musikverein zu tun?

Antwort: Beide halten Leib und Seele zusammen.

     Für ihre "Leistung" für ein gutes, vergnügliches Miteinander, werden die Musikanten des Musikvereins beim Wecken am Morgen des Schützenfestsonntags traditioneller Weise mit einer Mettwurst "entgolten". Die Mettwurst entspricht sozusagen dem Geist dieser Zeremonie. Sie ist eine Spezialität dieser ländlichen Gegend, nämlich aus dem besten Schweinefleisch gefertigt, das der hiesige Stall hergibt und zwar in handwerklicher und hauswirtschaftlicher Manier besonders sorgfältig zubereitet. Sie hat viel mit dem Eigenen zu tun, auch mit dem Stolz zu dieser eigen-sinnigen Gesellschaft zu gehören, trägt zum Wir-Gefühl bei, zur Identifikation mit der lokalen Gesellschaft, wie es das Ständchen des Musikvereins auch tut. Diese Art von Entgelt ist der Gabe der Musikkapelle sozusagen würdig, sie entspricht ihr.

 

 

Die Mettwurst ist das Geld von Borgentreich

Was aber haben der Musikverein und die Mettwurst mit dem regionalen Wirtschaften zu tun? Gar nichts, würden meine Gesprächspartner sagen, genauso wie sie ablehnen, daß ihr Ständchenbringen zum Wecken etwas mit "Arbeit" oder "Kapital" zu tun haben würde. Dennoch fielen in den Gesprächen so denkwürdige Sätze wie: "Die Mettwurst kommt in Borgentreich als Qualitätswert gleich hinter dem Geld". Und: "Die Mettwurst ist sowas wie das Geld von Borgentreich". Als ich darüber nachdenke, fällt mir auf, daß hier unvermittelt ein ganz anderer Begriff von "Geld" verwendet wird. Geld ist plötzlich etwas Konkretes, Nützliches, etwas, was man anfassen, ja, essen kann und nicht mehr etwas Fremdes, Abstraktes, das Macht über mich hat und wofür ich leiden, arbeiten, malochen muß. Mit solch einem Geld wäre auch Arbeit etwas anderes, nämlich das, was wir alltäglich tun, um ein gutes Leben zu führen. Punktum, nicht mehr. Sogar "Kapital" könnte unter diesen Bedingungen zu einer vertrauten Größe werden, etwas, was ich handhaben kann, was ich überblicke, weil es sich in den zeitlichen Dimensionen meiner alltäglichen Bedürfnisse und meines Lebensabschnitts bewegt, ebenso wie in den bekannten gesellschaftlichen Dimensionen.

     Für derartige Bilder und Ideen hellhörig geworden bin ich durch die Lektüre von Bernard A. Lietaer: "Das Geld der Zukunft" und "Mysterium Geld". Er entwickelt darin Vorstellungen zu einer sog. Komplementärwährung, die neben der anderen, sog. Fernwährung, auf lokaler Ebene existiert und andere Eigenschaften als jene hat. Die Komplementärwährung eignet sich nicht zur Wertanhäufung, weil sie für die nützlichen, aber verderblichen Lebens- und Gebrauchsmittel da ist und wie diese deshalb selbst "verderblich" ist. Sie wird durch Liegenlassen weniger statt mehr, weil sie z.B. eine Liegegebühr nach sich zieht, statt durch Zinsen zu "wachsen". Dieses Geld ist also an Subsistenz- oder Versorgungsmittel gebunden, erleichtert deren lokalen und regionalen Austausch und schützt sie gegen den ausplünderischen, den lokalen Versorungskreislauf lähmenden Einfluß des Geldes der Landeswährung. Dort, wo es historisch Komplementärwährungen gegeben hat, ging es der Mehrheit der Bevölkerung besser als in anderen Zeiten. Es kam zu einem relativen Wohlstand der breiteren Schichten, und die wirtschaftliche Stellung der Frauen in diesen Gesellschaften war wesentlich besser als danach unter der Alleinherrschaft der Fernwährung. Eines der Beispiele, die Lietaer aufführt, bezieht sich auf das mitteleuropäische Hochmittelalter, die Zeit der aufblühenden Ackerbürgerstädte und der Kathedralen. Womöglich sind den Borgentreichern diese Erfahrungen gar nicht so fern?

 

 

 

Der Stolz auf das Eigene

Denn, so sinniere ich weiter, wie kommen sie eigentlich dazu, den Ausdruck "Geld" so unvermittelt positiv in den Mund zu nehmen, sozusagen menschlich und herzlich davon zu sprechen? Ist ihnen ihre gute Mettwurst dafür nicht zu schade? Bei "Arbeit" und "Kapital" haben sie vorher ganz anders reagiert. Da war ihnen ihr Wecken, ihr Musikverein und ihr Schützenfest zu schade für. Ich komme zu dem Schluß, daß sie bei dem Vergleich: Mettwurst gleich Geld (nicht: wieviel kostet eine Mettwurst!), die Perspektive gewechselt haben. Sie sind stolz auf das Eigene, unbeirrt, es ist so gut wie Geld. Und mit dieser Haltung kann sogar aus Geld etwas Eigenes werden. Umgekehrt (oder in demselben Geist, je nachdem wie man es betrachtet) lassen sie sich von den Begriffen "Sozialarbeit" oder "soziales Kapital" nicht vereinnahmen. Sie lassen sich, bildlich gesprochen, nicht von den falschen Leuten jovial auf die Schulter klopfen. Sie lassen ihr gemeinschaftlich wertvolles Tun noch nicht einmal begrifflich in den herrschenden Wirtschaftsdiskurs hineinholen, dem Gemeinschafthandeln dadurch vorgeblich Anerkennung und Sichtbarkeit verleihend, wie es die Intention der soziologischen Termini ist, sondern sie bleiben eigen-sinnig. Sie gehen von ihrem eigenen Gefühl für den Wert ihres Tuns aus, von dem, was für die Leute vor Ort von Bedeutung ist und das ist etwas sehr anderes, als die entfremdete Wirtschaftswelt des Konkurrenzkampfes und des Wachstumsdrucks. Sie zeigen mir, daß sie sich nicht "von oben" vereinnahmen lassen wollen.

 

Regionales Wirtschaften als Grundbedingung der Existenz

     Aber breiten sie sich statt dessen mit ihrer Sichtweise "von unten" her aus? Sichern sie dadurch das, was sie haben, ab? Gelingt es ihnen auf diese Weise auch "Wirtschaft", "Arbeit" und "Kapital" eigen-sinnig umzudefinieren und eigen-mächtig umzufunktionieren? Wo bleibt der bewußte Widerstand? Schließlich ist es unübersehbar, daß die Konkurrenz- und Wachstumswirtschaft immer mehr Bereiche unseres Lebens erobert. Diesen Prozeß nicht zu sehen, heißt einfach den Kopf in den Sand stecken. Ist es nicht schlicht eine Frage der Zeit, daß es in Borgentreich kein Wecken und auch keine Mettwurst mehr gibt?

Woher aber sollte auch eine bewußte Haltung der Verteidigung dieser eigenständigen Werte kommen? Schließlich gibt es keinen Diskurs für eine Gegenbewegung zur Eroberung unseres Lebens durch das kapitalistische Gewinnstreben, auf den man zurückgreifen könnte. Er muß erst geschaffen werden. Vielleicht enthält das Bild von der Mettwurst als lokalem Geld einen Hinweis? Ob es hier wohl Ansätze für eigenständige Werte gibt, an die man in der Börde anknüpfen könnte?

So viel ist sicher. Für ihre Existenz brauchen sie den Musikverein, das Wecken und das Schützenfest. Und für ihre weitere Existenz brauchen sie das regionale Wirtschaften. Da führt kein Weg dran vorbei.





(
Ausdrucken?)

 

Dieser Text entstand im Zuge der Arbeit an dem Forschungsprojekt "Ansätze regionalen Wirtschaftens in der ländlichen Gesellschaft: Die Warburger Börde", das vom deutschen Bundesforschungsministerium gefördert wird und das ITPS (Institut für Theorie und Praxis der Subsistenz, e.V. Bielefeld) durchführt.


Anmerkungen:

(1) Bennholdt-Thomsen, Veronika / Mies, Maria: Eine Kuh für Hillary. Die Subsistenzperspektive, Verlag Frauenoffensive, München 1997
(2) Lietaer, Bernard A.: Das Geld der Zukunft. Über die destruktive Wirkung des existierenden Geldsystems und die Entwicklung von Komplementärwährungen, Riemann Verlag, Verlagsgruppe Bertelsmann, o.O. , 2. Aufl. 1999
(3) ders.: Mysterium Geld. Emotionale Bedeutung und Wirkungsweise eines Tabus, Bertelsmann, o.O., 2000


=== Zurück zur Übersicht ===