Politik am Scheideweg

Öko-sozial statt neo-liberal

Die Landwirtschaft der Zukunft muss sich einen anderen Umgang mit Boden und
Tieren und die Arbeit an einer heimischen Kultur auf ihre Fahnen heften. Der Konsument
soll sich für steirische Äpfel entscheiden. Und überhaupt "muss sich jeder Staat
seine Grundnahrungsmittel auf der Basis der natürlichen Bodenfruchtbarkeit
und einer artgerechten Tierhaltung selbst erzeugen und gleichzeitig
die gewachsene Kulturlandschaft pflegen."

Von Alfred Haiger

Wer vom Ziel nicht weiß, kann den Weg nicht haben, wird im selben Kreis all sein
Leben traben
... (Christian Morgenstern)



Univ.-Prof. Dipl.-Ing. Dr.

Alfred Haiger,
1937 als Bauernsohn in Gröbming/Steiermark geboren, Studium der Landwirtschaft in Wien, Stuttgart und Edinburgh, seit 1975 Professor für Tierzucht und Vorstand des Instituts für Nutztierwissenschaften an der Universität für Bodenkultur in Wien.

Forschungsschwerpunkte:
Kreuzungszucht beim Schwein, Rassenvergleiche beim Rind, Hochleistungskühe ohne Kraftfutter, Lebensleistungszucht, Mutterkuhhaltung,

Publikationen:
Biometrische Methoden in der Tierproduktion" (1966), "Naturgemäße Viehwirtschaft" (1988),

Grundeinstellung (seit 1973):
Gegen den Größenwahn in Wirtschaft, Politik und Tierzucht

Vorwort    

     Das System der industrialisierten Landwirtschaft wird von folgenden Schlagzeilen begleitet: "Hormonmißbrauch in der Kälbermast", "Pestizidrückstände in der Kindernahrung", "Dioxin im Geflügelfleisch", "Klärschlamm im Futter", "Salmonellen-Epidemien", "Rinderwahn" (schon 1985 in England, 2000 in Deutschland), "Massentierverbrennung in England", "Illegaler Medikamenteneinsatz in Österreich". Und Ähnliches wird folgen, wenn wir uns nicht besinnen und umkehren.

Nur kurze Zeit war auch die Rede von einer grundsätzlichen Wende, doch die Handelsketten werben nach wie vor mit Lebensmittel zu Dumpingpreisen als Lockangebote, und die meisten Konsumenten sind schon wenige Monate danach wieder dem billigen Konsumrausch verfallen, während die maßgeblichen agrarpolitischen Kräfte auf lebensmittelpolizeiliche Kontrollmaßnahmen setzen, statt auf die Beseitigung der Ursachen im Sinne von "öko-sozial statt neo-liberal". Das liest sich dann so: "Wir sind gerüstet und stehen Gewehr bei Fuß", sagt der österreichische Chef der Veterinärbehörde. Der Agrarkomissär in Brüssel fordert ein stärkeres "Durchgriffsrecht" bzw. warnt vor der Flucht in "archaische ländliche Utopien" und die EU-Kommission startet eine "noch nie dagewesene Aufkaufaktion zur Vernichtung auch nur verdächtiger Tiere". Hier wird – um im militärischen Jargon zu bleiben – über's Ziel hinaus geschossen! Abrüsten und Frieden schließen mit der Natur ist das einzig Richtige. Denn schon PESTALOZZI (1746 - 1827) hat erkannt: "Früher oder später, aber gewiß immer, wird sich die Natur an allem Tun rächen, das wider sie ist".

 

 

 

In kapitalistischen Gesellschaftsordnungen werden die Interessen des Kapitals vertreten


KAPITALISMUS:

Geld regiert die Welt

    Der Kapitalismus ist ein "Modell einer Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, in der die wirtschaftlichen, sozialen und politischen Beziehungen der Menschen sowie der Organisationen und Institutionen wesentlich von den Interessen derer bestimmt werden, die über das Kapital verfügen" (BROCKHAUS-Enzyklopädie). Es ist daher einsichtig, daß die erdrückende Mehrheit der Wirtschaftswissenschaftler, die von den führenden Politikern konsultiert werden, die ihrerseits wieder von den Interessen der Kapital Besitzenden gesteuert werden, an den weltweiten Freihandel als Ordnungsprinzip und an die Möglichkeit eines unbegrenzten Wachstums (Zinseszins–Prinzip) glauben. Beide "Dogmen" entbehren aber langfristig jeder realen Grundlage.

 

Der 1. große Irrtum:
der weltweite Freihandel

 

 

 

 

Statt Welthandel brauchen wir eine kleinräumige, ökosoziale Marktwirtschaft


Seit Beginn des Industriezeitalters wird vom Begründer der kapitalistisch-liberalen Marktwirtschaftslehre, dem Moraltheologen Adam SMITH (1776) im weltweiten Freihandel "die Ursache des Reichtums der Nationen" gesehen. Er vertritt darin die Auffassung, daß jeder Wirtschaftstreibende - im moralisch vertretbaren Rahmen - nur zu seinem eigenen Vorteil zu handeln brauche, dann wäre die Harmonie der Gesamtwirtschaft wie durch eine "unsichtbare Hand" gewährleistet. Sehr bald ist aber offensichtlich geworden, daß die "unsichtbare Hand" vom Egoismus geleitet wird und nicht von der Nächstenliebe (Kinderarbeit, Arbeitslosigkeit etc.). Erst 100 Jahre Arbeiterbewegung mit blutigen Auseinandersetzungen haben zu einem gewissen Wohlstand des ganzen Volkes geführt. In den letzten 30 Jahren ist aber einer wachsenden Zahl von Menschen (Ökologiebewegung) bewußt geworden, daß die "unsichtbare Hand" in Form der freien Marktwirtschaft von Naturgesetzen, Kreislaufwirtschaft und sozialer Gerechtigkeit "keine Ahnung" hat. Statt einer gewinnmaximierenden Welthandelswirtschaft (WTO) brauchen wir eine kleinräumige Öko-soziale Marktwirtschaft (RIEGLER 1987), in der mit Naturzerstörung nichts zu verdienen ist.

Dem Freihandels-Dogma, das auf der internationalen Arbeitsteilung infolge der komparativen Kostenvorteile beruht, ist DALY (1996) mit einer fundierten Analyse über die Gefahren des freien Handels entgegengetreten. In die gleiche Kerbe schlägt auch BINSWANGER (1979, 1988) in seinen Büchern, wenn er als Strategie gegen die Arbeitslosigkeit und Umweltzerstörung zu einer "drastischen Erhöhung der Steuern auf primäre Rohstoffe und fossile Energie bei gleichzeitiger Steuerentlastung der menschlichen Arbeitskraft" rät. Eine solche ökologische Steuerreform würde auch die flächendeckende Ökologisierung der Landwirtschaft fördern, da Stickstoffdünger und Pestizide, vor allem aber der Transport, wesentlich teurer wären und sich die Leguminosen in der Fruchtfolge bzw. regionale Verarbeitung und Vermarktung "rechnen" würden.


Der 2. große Irrtum:
der Glaube an ein unbegrenztes Wachstum

Der andere grundlegende Irrtum ist der Glaube an ein unbegrenztes Wachstum auf einer begrenzten Welt. Obwohl dieses Postulat vom "gesunden Hausverstand", wie auch von wissenschaftlichen Studien über die Grenzen des Wachstums (z.B. MEADOWS 1972) als falsch erkannt worden ist, tut die praktische Wirtschaftspolitik so, als gäbe es auf unserer Erde unendliche Rohstoff- und Energievorräte und ebenso unbegrenzte Möglichkeiten der Mülldeponierung für alle Zeit. Der Atomphysiker WILD (1990), langjähriger Präsident der Technischen Universität München, sieht die Lösung der Probleme, stellvertretend für die Mehrheit der "etablierten" Wissenschafter, in der Wahl der richtigen Technik, wenn er meint: "Wir müssen uns nur vom Kleinmut und Pessimismus der grün-alternativen Bewegung frei machen und das Vertrauen in die etablierte Wissenschaft, und Technik zurückgewinnen". In der Natur gibt es aber keine Einbahnstraßen im Sinne eines technischen Prozesses: Rohstoffe + fossile Energie = Produkt ® Transport ® Konsum ® Müll. In der Natur gibt es in der Regel Stoffkreisläufe mit möglichst kurzen Transportwegen (regional) in denen kein naturbelastender Müll entsteht, sondern ein wiederverwertbarer Rohstoff (Recycling), der mittels erneuerbarer Energie nach einem schadstofffreien Umwandlungsprozeß wieder konsumiert werden kann. So gesehen ist die Globalisierung das genaue Gegenteil zur Regionalisierung mit geschlossenen Stoffkreisläufen und ethischen Werten wie Solidarität, Heimatgefühl und Geborgenheit.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die industrielle Landwirtschaft bringt billige Lebensmittel, schafft aber gleichzeitig gravierende ökologische Probleme


INDUSTRIALISIERTE LANDWIRTSCHAFT

Tiermaterial / Naturzerstörung / Gentechnik

     Der Materialismus ist jene Weltanschauung, die in der Anhäufung von Geld und Macht den höchsten Sinn menschlichen Daseins erkennt, sodaß menschliche Grundwerte wie Nächstenliebe, Bescheidenheit oder Ehrfurcht vor dem Leben der Erreichung dieses Zieles nur hinderlich sind. Wie tief verwurzelt inzwischen materialistisches Gedankengut im Alltag ist, erkennt man an Redewendungen wie "der Mann ist X Millionen wert", oder wenn von Tier-, Patienten- bzw. Schülermaterial gesprochen wird. Der Psychoanalytiker FROMM (1979) hat die Situation in seinem Buch "Haben oder Sein", in dem er sich mit den seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft auseinandersetzt, wie folgt zusammengefaßt: "In einer Gesellschaft, in der das oberste Ziel ist, zu haben und immer mehr zu haben,... wie kann es da eine Alternative zwischen Haben und Sein geben? Es scheint im Gegenteil so, als bestehe das eigentliche Wesen des Seins im Haben, so daß nichts ist, wer nichts hat".

Die Einführung industrieller Produktionsmethoden in der Landwirtschaft (Spezialisierung, Intensivierung, Technisierung, Rationalisierung und Abhängigkeit von Großkonzernen) hat zwar zu scheinbar billigen Nahrungsmitteln geführt, aber auch gravierende ökologische Schäden und unsagbares Tierleid verursacht. Die Vervielfachung des Dünge- und Spritzmitteleinsatzes hat schwerwiegende Grund- und Fließwasserbelastungen zur Folge. Die Verarmung der Fruchtfolgen bis zur Monokultur hat zu erhöhtem Unkraut- bzw. Schädlingsdruck und der Einsatz überschwerer Traktoren und Maschinen haben zu argen Bodenverdichtungen und großflächigen Erosionen geführt. In den intensiv wirtschaftenden, stark spezialisierten Tierhaltungsbetrieben mit hohen Bestandesdichten, aufwendiger Haltungstechnik und maximalen Leistungsanforderungen kommt es zu erhöhter Krankheitsanfälligkeit, steigenden Ausfällen und vermehrtem Medikamenteneinsatz. Schließlich kann nicht übersehen werden, daß die industriemäßige Landbewirtschaftung auch zu einer Ausräumung der in Jahrhunderten gewachsenen Kulturlandschaft geführt hat, deren Erholungswert in vielen Gebieten völlig verloren gegangen ist.


Wem nützt die Gentechnik?

Nun steht die Gentechnik vor der breiten Anwendung in der Landwirtschaft mit nicht abschätzbaren ökologischen Folgen und noch stärkerer Abhängigkeit von Wissens- und Machtmonopolen. Obwohl auch mit den herkömmlichen Zuchtmethoden (Selektion und Kreuzung) äußerst leistungsfähige Nutztierrassen für die Milch-, Fleisch-, Eier- und Wollerzeugung gezüchtet wurden. So hat sich beispielsweise in den letzten 40 Jahren die Milchleistung je Kuh verdoppelt und die Leistung je Henne ist um das Dreifache gestiegen. Wo allerdings die Leistungszucht einseitig auf Kosten von Fruchtbarkeit und Lebenskraft überzogen wurde, ging entweder die Nutzungsdauer zurück oder hat sich die Produktqualität, beispielsweise bei Schweine- und Geflügelfleisch, drastisch verschlechtert. Zur Behebung dieser unerwünschten Folgen bedarf es allerdings keiner neuen Zuchttechniken im Sinne einer "Genreparatur", sondern der Rückkehr zu einem ganzheitlichen Zuchtziel und einer Selektion nach der "Lebensleistung".

Wem nützt dann die Anwendung gentechnischer Methoden in der landwirtschaftlichen Nutztierzucht? Auf jeden Fall den multinationalen Konzernen und den von ihnen mit Forschungsaufträgen geförderten Wissenschaftern. Bezeichnenderweise wird die Notwendigkeit der Patentierung gentechnisch veränderter Lebewesen von einem einflußreichen Wissenschafter der Universität München folgendermaßen begründet (KRÄUSSLICH 1989): "Das Bedürfnis nach einem wirksamen Rechtsschutz wächst, da der mit moderner Genomforschung verbundene finanzielle Aufwand die Kosten traditioneller Tierzüchtung erheblich übersteigt. Die notwendigen Investitionen werden jedoch nur dann erfolgen, wenn eine Ausbeutung moderner tierzüchterischer Ergebnisse durch Dritte verhindert werden kann" (Das Wort Ausbeutung ist in diesem Zusammenhang treffend gewählt). Durch einen patentrechtlichen Schutz wird ein Teil der Schöpfung einem gewinnmaximierenden Konzern überlassen. Schließlich bringt der Präsident des Nestlé-Konzerns H. MAUCHER in einem Zeitungsinterview (Die BUNTE, 34/1997) seine Sicht der Dinge wie folgt auf den Punkt: "Gen-Food ist das Essen der Zukunft. Wer in zehn Jahren Lebensmittel essen will, die nicht genmanipuliert sind, muß entweder verhungern oder sehr reich sein".

 

Das Ziel der EU-Agrarpolitik ist nach wie vor Produktivität

Als Triebfeder der EU-Agrarpolitik gilt nach wie vor der Artikel 39 des Vertrages von Rom (1957), in dem es heißt: "Die Produktivität der Landwirtschaft ist durch Förderung des technischen Fortschrittes, Rationalisierung der landwirtschaftlichen Erzeugung und dem bestmöglichen Einsatz der Produktionsfaktoren, insbesondere der Arbeitskraft, zu steigern". Diese gemeinsame Agrarpolitik (GAP) schafft zwar Arbeitsplätze und Gewinne für Industrie und Handel mit Dünge-, Spritz- und Futtermitteln, Maschinen, Stalleinrichtungen, Saatgut und Zuchttieren etc., sie berücksichtigt aber den Boden nicht als "lebenden Organismus", das trinkbare Grundwasser nicht als unverzichtbare Voraussetzung menschlichen Lebens und das landwirtschaftliche Nutztier nicht als Geschöpf mit einem Recht auf artgemäße Haltung (rechtlich gelten Tiere in den meisten EU-Staaten auch heute noch als Sache). In letzter Konsequenz führte dieses lebensverachtende Denken schon 1975 zu folgender Aussage eines führenden EG-Bürokraten (THIEDE): "Ob unsere Nahrung auf dem Felde gewachsen, vom Tier erzeugt oder durch eine technische Fabrik synthetisch gewonnen wird, ist ernährungsphysiologisch unerheblich, .... falls sie nur alle erforderlichen Nährstoffe enthält". Demnach wäre ein Milchpulver aus Sojamehl mit heißem Wasser angerührt ernährungsphysiologisch einer Milch gleichwertig, die aus dem Euter einer gesunden Kuh gewonnen wird, die sich von einer Weide mit vielfältigstem Pflanzenbestand ernährt.

 

 

 

 

Der biologische Landbau
als Alternative


FLÄCHENDECKENDE ÖKOLOGISIERUNG:

Ein Gebot der Stunde

     In dieser Situation ist der Biologische Landbau schlechthin die Alternative zu diesem in mehrfacher Hinsicht absurden, ökologisch ruinösen, gesundheitsgefährdenden und kostspieligen Landbewirtschaftungssystem, das die Entsiedelung ländlicher Gebiete beschleunigt. Denn der Biologische Landbau beruht auf der natürlichen Bodenfruchtbarkeit, einer artgemäßen Viehwirtschaft (Haltung, Fütterung und Zucht) und pflegt gleichzeitig die gewachsene Kulturlandschaft. Dem Biologischen Landbau obliegt neben der Inlandsversorgung mit hochwertigen Grundnahrungsmitteln auch die Erhaltung der wesentlichen Lebensgrundlagen: Boden, Wasser, Luft und Tiere. Das einzusehen und eine grundsätzliche Umkehr im öffentlichen wie privaten Leben zu vollziehen ist menschlich gesehen eine "Herkulesarbeit", wenn man in der Gesellschaftspyramide ganz oben angesiedelt ist, und davon überzeugt ist, daß es persönlich einen Abstieg in jeder Beziehung bedeuten würde: Einkommen, Prestige, Glaubwürdigkeit, Lebensgewohnheiten etc.


"konventionell" vs. "ökologisch"

Der Richtungsstreit zwischen "konventionell" (vertreten durch Präsident G. SONNLEITNER vom Bauernverband) und "ökologisch" (vertreten durch Verbraucherministerin R. KÜNAST) ist in Deutschland unter dem Schlagwort „Agrarwende" voll entbrannt und wird von den führenden Agrarländern der EU mit Unverständnis beobachtet. In Deutschland selbst wird die Neuorientierung von 42 "führenden" Agrarökonomen strikt abgelehnt (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.1.01), die den Ökolandbau als "Sackgasse" bezeichnen.

 

 

 

 

 

Subventionen für die Bauern sind letztlich Preisstützungen für die Konsumenten

Die agrarpolitischen Entscheidungsträger Österreichs (Bundesminister, Präsidenten der Landwirtschaftskammern, Spitzenbeamte u.a.) und der EU-Agrarkommissär (jedenfalls wenn er in Österreich spricht) vertreten übereinstimmend den Standpunkt, daß der weitaus größte Teil der landwirtschaftlichen Betriebe ohnehin sehr naturnah und ökologisch produziere (Schlagwort: Ökoland, Feinkostladen Österreich, Dachgarten Europas). Verglichen mit Norddeutschland, Holland oder den ehemaligen Kolchosen bzw. Produktionsgenossenschaften östlicher Prägung ist das zweifelsohne richtig. Gemessen an meinem seit 1974 vertretenen Standpunkt: "Jeder Staat muß sich seine Grundnahrungsmittel auf der Basis der natürlichen Bodenfruchtbarkeit und einer artgerechten Tierhaltung selbst erzeugen und gleichzeitig die gewachsene Kulturlandschaft pflegen", erfüllen das nur die rund 10 % anerkannten Bio-Bauern. Ohne einer Erhöhung der Förderungsmittel und einer offensiven Aufklärung, kann die Zahl dieser Betriebe aber nur in dem Maße steigen, als auch die Konsumenten, die für so erzeugte Lebensmittel entsprechend mehr bezahlen, zunehmen. In diesem Zusammenhang möchte ich auch festhalten, daß die sogenannten Subventionen für die Landwirtschaft letztlich Preisstützungen für die Konsumenten sind. Denn alle Wirtschaftssysteme, die auf dauerndem Wachstum beruhen, sind an möglichst niedrigen Preisen für Grundnahrungsmittel interessiert, damit für die fast beliebig vermehrbaren, nicht lebensnotwendigen Güter und Dienstleistungen ein möglichst großer Einkommensanteil verbleibt.

Technisch Machbares darf nur dann getan werden, wenn es ökologisch unbedenklich, wirtschaftlich nachhaltig und sozial-ethisch verantwortbar ist.

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Erträge im biologischen Landbau sind geringer. Im Gegenzug geht aber auch der Aufwand an Energie und Kunstdüngern zurück


UNTERSCHIEDE SIND MESSBAR:

Konventionell ist nicht biologisch

     Wenn es in einem grenzenlosen Markt nicht möglich ist die Konsumenten zum Kauf von biologisch erzeugten Lebensmitteln zu "zwingen", muß man sie davon überzeugen, daß es für ihre Gesundheit und die Umwelt besser ist, dafür mehr zu zahlen. Aus der Fülle der inzwischen vorliegenden Untersuchungen, bei denen meßbare Unterschiede zwischen konventioneller und biologischer Erzeugung festgestellt wurden, werden hier nur 2 Beispiele angeführt, der Schadstoffgehalt von Lebensmitteln und die Bodenparameter eines Langzeitversuches in der Schweiz.

In einer umfangreichen Literaturarbeit (WEBER u. Ma. 1992) über Schadstoffrückstände in Nahrungsmitteln wird einleitend festgestellt, daß die sog. Pflanzenschutzmittel (Pestizide) ja nicht zwischen schädlichen und nützlichen Mikroorganismen (diese Einteilung trifft der Mensch) unterscheiden können und so für das Bodenleben grundsätzlich Schadstoffe darstellen. Bezüglich der Rückstände in der Muttermilch ergibt sich eine Abnahme der chlorierten Kohlenwasserstoffe auf ein Sechstel, wenn der Anteil der biologisch erzeugten Produkte in der Gesamtnahrung von 20 auf 80 % zunimmt. Durch die Art und Weise wie sich Pestizide und andere giftige Chemikalien verteilen, werden auch Bioprodukte nicht vollständig frei sein von bestimmten Schadstoffen, doch ist in fast allen Vergleichsuntersuchungen der Wert um 50 – 90 % niedriger.

In einer Broschüre des Forschungsinstitutes für Biologische Landwirtschaft in der Schweiz (FiBL 2000) wurden die 20 jährigen Erfahrungen des sog. DOK-Versuches publiziert. Dabei wurden folgende Wirtschaftsweisen miteinander verglichen: biologisch-dynamisch (D), organisch-biologisch (O) und konventionell/integriert (K). Die Erträge von Getreide, Kartoffeln, Gemüse und Kunstwiese waren auf den Bio-Parzellen durchschnittlich um 20 % geringer, allerdings bei 30-60 % geringerem Düngeraufwand. Das Bodenleben (Regenwürmer, Nützlinge und Mikroorganismen) nahm bis zu 50 % gegenüber dem integrierten und bis zu 80 % gegenüber dem konventionellen Anbau zu. Die Bioanbausysteme (D und O) ergaben demnach zwar niedrigere Erträge aber einen wesentlich geringeren Dünger- und Energieaufwand, eine deutlich vielfältigere Begleitflora, reicheres Bodenleben und weniger Bodenerosion.

 

 

 

 

 

Der biologische Landbau ist kein Rückschritt, sondern eine Notwendigkeit


BESINNUNG UND UMKEHR sind not-wendig:

     Eine grundsätzliche Wende vom industriell-technokratischen zu einem ökoloigsch-ganzheitlichen und damit ethisch richtigen Denken und Handeln muß so schnell wie möglich ein gesamt-gesellschaftliches Anliegen werden. Dabei nimmt die Landwirtschaft eine Vorreiterrolle ein, da ganzheitliches Denken dort noch in einigen Bereichen vorhanden ist und die Art und Weise, wie die Lebensmittel erzeugt werden, über die Ernährung alle Bürger eines Landes direkt betrifft. So gesehen ist der biologische Landbau keine Marktnische für Sonderlinge (fortschrittsfeindliche Bauern und schrullige Konsumenten), sondern die einzig verantwortbare Form der Landbewirtschaftung gegenüber unseren Kindern. Es ist auch kein Rückfall ins Mittelalter mit Hungersnöten und Seuchen, sondern schlichtweg das Überlebensprogramm für die wachsende Menschheit auf einem flächenmäßig begrenzten Planeten, wie NAGELSTÄTTER (1997) in einer fundierten Arbeit zeigte. Für die Erhaltung beziehungsweise Restaurierung einer bäuerlichen Landwirtschaft sind aber höhere Grundnahrungsmittelpreise eine unabdingbare Voraussetzung. Als Gegenleistung erhält der Konsument gesundheitsfördernde, gentechnikfreie Lebensmittel, trinkbares Grundwasser, fruchtbare Böden, artgerecht gehaltene Nutztiere und eine gepflegte, lebenswerte Kulturlandschaft und damit die bestmögliche Ausgangssituation für die kommenden Rohstoff- und Energiemangelzeiten.

In einer liberal-kapitalistischen freien Marktwirtschaft sind die Regierungen aber weitgehend abhängig von den multinationalen Konzernen, deren unbeirrbarer Glaube darin besteht Megaprobleme mit Megatechnik zu lösen und damit ihre Gewinne zu sichern, wofür die Top-Manager schließlich auch gut bezahlt werden. Es geht ihnen nicht um die Menschenschicksale und den Naturhaushalt, sondern um die Verzinsung des Kapitals. Heute verfügt aber "die Gesellschaft auch über ein großes Potential an profunden Einsichten und erprobtem Sachverstand, an konstruktiven Zukunftsvorstellungen und praktischen Umsetzungsvorschlägen, sowie an persönlichem Verantwortungsbewußtsein und ethischer Standfestigkeit" (DÜRR, Die Furche 12.7.01).


Der biologische Landbau lässt "Megaprobleme" gar nicht erst entstehen

Im Bereich der Landbewirtschaftung ist das der Biologische Landbau, der keine "Megaprobleme" entstehen läßt. Es geht aber sicher nicht um das "Management der Biosphäre", wie der Gentechniker MARKL in einem Artikel mit dem Titel "Pflicht zur Widernatürlichkeit" (Der SPIEGEL 48/1995) meinte, sondern um den pfleglichen Umgang (cultura) mit unseren Lebensgrundlagen Boden, Wasser, Luft und Tiere; also um die spirchwörtliche "Bodenkultur". Zur Erfüllung dieser Aufgaben bedarf es aber eines Bündels von politischen Maßnahmen wie rigorose Produktionsbeschränkungen auf das Ausmaß der natürlichen Bodenfruchtbarkeit, Bindung der Tierhaltung an die Fläche, Abstockung übergroßer Bestände gegen finanziellen Ausgleich bzw. Einhebung von Abgaben für Massentierhaltungen und eine wirksame Förderung von Alternativen (Eiweißfutter, Ölsaaten, biogene Rohstoffe, tiergerechte Haltungsformen etc.). Mittelfristig muß dann das Einkommen der ökologisch wirtschaftenden Bauern auch über entsprechende Lebensmittelpreise gesichert werden.

 

 

 

Von einer kapitalistisch-industriellen zu einer ökologisch-sozialen Lebensweise


NACHWORT

     Will die Menschheit als Ganzes in Frieden mit sich und der Natur überleben, bleibt ihr nur eine kopernikanische Wende von der kapitalistisch-industriellen zu einer ökologisch-sozialen Lebensweise. Dieser radikale Kurswechsel ist aber nur möglich, wenn die Politiker zuerst auf die Ökologen hören und dann erst auf die Ökonomen (Gestaltungs- statt Gefälligkeitspolitik), die Wissenschafter sich an den Naturgesetzen und nicht am freien Markt orientieren (Paradigmenwechsel), aus Landwirten wieder Bauern werden (Humusmehrer) und die Konsumenten durch ihr Kauf- und Stimmverhalten den notwendigen Druck erzeugen (praktizierte Ethik). Als Konsument - und das sind wir alle - kann man sehr viel tun! Beispielsweise keine Kiwi aus Neuseeland oder Granny Smith-Äpfel aus Südafrika kaufen, sondern Obst und Gemüse der Saison (Salat im Sommer, Kraut im Winter) aus heimischen Landen (burgenländische Erdbeeren, steirische Äpfel); Eier von Hennen in Boden- oder Freilandhaltung, Fleisch von der Mutterkuhhaltung, von Weidenmastgeflügel oder Schweinen die auf Stroh gehalten werden und Milch von Kühen die in den Grünlandgebieten weiden.

(Ausdrucken?)

(zuerst erschienen in: agrarische rundschau 5/2001, 37-40


LITERATURVERZEICHNIS:

BINSWANGER, H. C. u. Ma. (1979): Wege aus der Wohlstandsfalle. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a. M.
BINSWANGER, H. C. u. Ma. (1988): Arbeit ohne Umweltzerstörung. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a. M.
DALY, E. (1996): Wirtschaft jenseits von Wachstum. Verlag A. Pustet, Salzburg-München.
FiBL (2000): Bio fördert Bodenfruchtbarkeit. Dossier des Forschungsinstitutes für biol. Landbau, Frick, Schweiz.
FROMM, E. (1979): Haben oder Sein. Dt. Verlagsanstalt, Stuttgart.
KRÄUSSLICH, H. (1989): Patentierte Tiere? Tierzucht 41, 539.
MEADOWS, D. u. Ma. (1972): Die Grenzen des Wachstums. Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart.
NAGELSTÄTTER, Doris (1997): Das globale Hauptproblem - die nachhaltige Versorgung einer wachsenden Weltbevölkerung . Der Förderungsdienst 45, 250-262.
RIEGLER, J. (1987): Antrittsrede als Bundesminister für Land- und Forstwirtschaft. 21.1.1987, BMLFUW, Wien.
THIEDE, G. (1975): Europas grüne Zukunft. Econ Verlag, Düsseldorf.
WEBER, Carina u. W. BALZER (1992): Pestizide in Nahrungsmitteln. Stiftung Ökologie und Landbau, Bad Dürkheim, Deutschland.
WILD, W. (1990): Die Auswirkungen des grün-alternativen Wissenschaftsverständnisses auf die Forschung. Conturen 25 A, 45-62.


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