Bäuerliche Lebens- und Wirtschaftsweise
Historischer Überblick und Ausblick

Die eigentliche Kunst der Landwirtschaft besteht darin, die Bodenfruchtbarkeit
zu erhalten. Das Wenigerwerden der Sorge um die Bodenfruchtbarkeit kann als
Zeichen der gegenwärtigen Gesellschaftskrise gedeutet werden.

Von Bernhard Heindl



Bernhard Heindl
,

geb. 1947, Studium der Philosophie, Psychologie und Anthropologie; Mitbegründer und Mitstreiter beim Aufbau des Vereins zur eigenständigen Regionalentwicklung im oberen Mühlviertel von 1983-1993;

Veröffentlichungen:
"Afrika-Österreich, ein Dialog“ (1986), "Wir Österreicher sind ein anständiges Volk, Kurt Waldheim“ (1988), "Textil- Landschaft Mühlviertel“ (1992), "Einwärts-Auswärts; vom Hegen der Erde“ (1996), zahlreiche Artikel zu Philosophie und v.a. Landwirtschaft.

Zur Situation in der Gegenwart

     Die Heftigkeit und Radikalität der Umbrüche, die die bäuerliche Arbeits- und Lebensweise in Europa seit 50 Jahren unwiderruflich verwandelt haben, lassen auf eine tiefsitzende Krise nicht nur der Landwirtschaft, sondern der Gesellschaft überhaupt schließen. Die gewaltigen Umwälzungen, die von Wirtschaft, Wissenschaft und Technik – dieser heiligen Dreifaltigkeit des Götzens der Moderne – hervorgerufen und durchgeführt werden, überrollen uns mit einer Schnelligkeit, mit den äußeren Verhältnissen zugleich unser Innerstes aus den einst nur mühsam und zäh, jahrhundertelang gewachsenen, menschlichen Fundamenten reißen. Diese Risse brechen heute immer deutlicher auf und äußern sich in den entsprechenden Erschütterungen mit immer kürzeren Frequenzen und stärkeren Ausschlägen. Sie manifestieren sich nach einer Epoche der Lähmung, als Ergebnis der im "Kalten Krieg" gebannten Angst, seither weltweit mit aller Virulenz und Gefährlichkeit insbesondere auf zwei Gebieten, von denen das erste über das zweite im Hintergrund triumphiert:

 

 

Der Staat schützt vor
allem den "freien" Markt

      1) In einem immer verlust- und gewinnreicher werdenden "Heißen Krieg" der Wirtschaft aller gegen alle. Er wird im so genannten Spiel des freien Marktes ausgeführt, bei dem sich der Staat, wie es die neoliberale Propaganda will, immer weniger einmischen soll. In Wahrheit freilich werden von ihm immer gewaltigere Mittel (incl. militärischer, wenn es sein muss) gefordert und auch bereitgestellt, um den "freien" Markt um jeden Preis zu schützen und seine Herrschaft ohne Rücksicht auf Verluste möglichst überallhin ausdehnen zu können. In diesem "Spiel" gehen jedoch allen Ernstes die weltweit Unterlegenen (unter ihnen nicht nur viele Bauern hier- und anderwärts) vor die Hunde. Wie diese werden sie dann, wenn sie ihre Selbständigkeit im Denken und Handeln verloren haben, der Fürsorge und Gnade ihrer neuen Herrn ausgeliefert.

 

Die Opfer der Wirtschaft sind das Kapital politischer Rattenfänger

       2) Während also in der Wirtschaft wieder wie im 19. Jahrhundert zusehends grenzen- und hemmungsloser der Stärkere siegen und der Schwächere unterliegen darf, werden die damit unübersehbar wachsenden Ängste und Nöte auf dem Gebiet der Politik am Beginn des 21. Jahrhunderts keineswegs sich selbst überlassen, sondern ebenso schamlos ausgebeutet wie geschickt nach bewährten (schäbigen) Mustern ideologisch in Dienst gestellt. So kommen die sozialen und menschlichen Verheerungen, die der Vormarsch der Wirtschaft auf seinem Siegeszug um die Welt hinterlässt, der keck gestylten Variante jener politischen Rattenfänger gerade recht, aus den Verlusten der anderen für sich Kapital zu schlagen. Sie werden hierzulande bekanntlich (fälschlich) "Populisten" genannt, während sie – statt das Volk zu achten – sich nur dessen Pöbel anbiedern und ihm fleißig Honig ums Maul schmieren. Entsprechend proletenhaft ist die Sprache, die den neuen Volkstribunen im Aufstacheln der niedersten Instinkte der gemeinen "Plebs" pausenlos, atemlos, d.h. geistlos und mithin sinnlos durch die Zähne quillt. Schändlicherweise sind die so nach politischer Macht Geifernden bekanntlich in Österreich, dem einzigen Land in Europa (wenn man vom Balkan absieht) inzwischen sogar tatsächlich erfolgreich in die Regierung gehievt worden.

 

 

 

Landwirtschaft ist eine kulturelle Erscheinung. Ihr Verschwinden ist möglich


Rückblick in die Vergangenheit

Historisch gesehen stellt die bäuerliche Wirtschaftsweise, die als Teil tiefgreifenderer und umfassenderer Umwälzungen seit einigen Generationen in Frage gestellt ist, von all den Möglichkeiten der Menschen, sich Nahrung zu erwerben, ein Spezifikum dar. Was wir heute (noch) unter Landwirtschaft verstehen, versteht sich also nicht von selbst. Die bäuerliche Lebens- und Arbeitsweise ist daher auch keine natürliche Größe, sondern eine kulturelle Erscheinung und ihr Verschwinden möglich. In der Tat wird ihr Ende seit langem nicht nur stillschweigend in Kauf genommen, sondern um des Fortschritts der Industriegesellschaft willen seit 200 Jahren konsequent und erfolgreich betrieben. Dabei strebt Europa nach demselben Ziel und ist nur etwas zögerlicher und traditionell-skrupulöser unterwegs als seine ungeniertere Tochter in Übersee, die sie als Haupterbin auf diesem Weg längst überholt hat und zugleich unerbittlich vor sich hertreibt. Auf diese Weise bedroht ist es nur umso unerlässlicher, sich klarzumachen, was alles mit dem Ruin der bäuerlichen Wirtschaftsweise am Spiel steht und mit ihr zugrunde geht.

 

 

Die höchste Not kann gleichzeitig eine Wende und Chance bedeuten


Ausblick in die Zukunft

In der höchsten Not, sagt man zu Recht, liegt auch Wende und eine neue Chance. Allerdings nur, wenn man die Situation klar begreift. Dazu gehört, dass die Alternativen, vor denen man in der Krise steht, richtig erfasst und bewertet werden. Eine solche Einschätzung wird am gegenwärtigen Scheideweg nach drei Richtungen hin gewagt werden, denen sich die Landwirtschaft meines Erachtens in Zukunft gegenübersieht:

1) Revolutionär-bäuerlich wirtschaften: in Fülle leben
2) Traditionell-betriebswirtschaftlich arbeiten: mit Hilfe des Staates leben
3) Industriell Biomasse produzieren: bedingt durch "Life-Industrie" leben

 

 

 

Wir leben in einer Umbruchszeit

Dazu folgende Bemerkungen, die ich in 10 Punkte gliedere:

I)

Wir leben in einer Zeit grundstürzender Umbrüche, die sich an der Oberfläche in Erschütterungen vielfacher Art melden. Diese Auswirkungen sind zwar zu erkennen, aber noch nicht zu begreifen. Der Grund der Zerrüttung bleibt verborgen und wird noch lange nicht zu klären sein. Wir sind dem Epizentrum der Geschichte zu nahe und wirbeln zu sehr im Trubel herum, um eine ruhige und sichere Diagnose stellen zu können. Ebensowenig wie wir heute konnten auch die Menschen seinerzeit im 14. Jahrhundert bereits wissen, welche Welt (die man erst 300 Jahre später Mittelalter nannte) unwiderruflich zu Ende ging und dass die Neuzeit mit ihnen beginnen sollte.

 

 

 

 

Der Umbruch ist vor allem durch den Niedergang
der Landwirtschaft gekennzeichnet


II)

Die Umwälzungen in der Landwirtschaft sind ein Teil der allgemeineren geschichtlichen Verwerfungen; wenn auch kein Randphänomen, sondern eines, das wie eine höchst empfindsame Sonde (wenn man sie zu lesen verstünde) in der Tiefe der abendländischen, heute globalen Gesellschaft weist und ihrer Krise ins Mark fühlt. Denn was mit der Landwirtschaft geschieht – und darin unterscheidet sie sich von Hufnagelschmieden und Handwebern – geht uns sozusagen direkt an den Leib und unter die Haut und betrifft darüber hinaus das Selbstverständnis einer Gesellschaft, ihr geistiges Fundament. Doch gilt auch hier, was oben gesagt wurde. Wir registrieren zwar die Erschütterungen, haben aber keine Ahnung, was sie bedeuten. Z.B. die Tatsache, dass ... "der dramatischste und weitreichendste soziale Wandel in der zweiten Hälfte dieses (XX) Jahrhunderts, der uns für immer von der Welt der Vergangenheit getrennt hat, der Untergang des Bauerntums" war, wie Eric Hobsbawm in seinem "Zeitalter der Extreme" konstatiert (S 365). Ich glaube nicht, dass wir diese Dramatik schon begriffen haben, auch wenn ihre Auswirkungen heute weltweit immer nachdrücklicher spürbar werden. Z.B. in den Megastädten der so genannten "Dritten Welt". Oder in der gigantisch voranschreitenden Verwüstung und Zerstörung immer größerer Gebiete infolge des Niedergangs der bäuerlichen Art, das Land zu bewirtschaften. Oder in der ständig steigenden Zahl der Hungernden und Flüchtlinge, die, was Letztere betrifft, inzwischen immerhin bereits auf über 120 Millionen angewachsen sein soll. Aber das sind nur die sattsam bekannten Menetekel an der Wand, grobschlächtig -grimmige Zeichen an der Oberfläche. Selbst sie werden von uns nur mehr selten und wenn überhaupt, dann höchstens mit einem Achselzucken zur Kenntnis genommen. Und allzu oft mit einem dümmlichen Schielen auf die angeblich heilsamen Kräfte der ohnehin unausweichlichen Katastrophe, von der wir natürlich hoffen, dass sie uns selbst verschonen - und mit aller Härte nur die anderen treffen möge.

 

 

Früher standen die Menschen fest auf der Erde


III)

Ich möchte an dieser Stelle an den "Katalog des Elends" von Erwin Chargaffs "Vermächtnis" erinnern (Klett-Cotta 1992). Im Punkt 10 dieser Auflistung der ausweglos scheinenden Misere unserer Zeit heißt es unter der Überschrift "Innovationssucht" u.a.:

"Als die Menschen es schwer hatten, in der Welt zu leben, lebten sie auch schwer auf der Welt. Sie konnten stehen und in den Himmel schauen, weil sie fest auf der Erde standen. Der Einzelne hatte sein Gewicht, das man nicht auf der Waage misst. Die Lebensweise veränderte sich sehr langsam; man liebte die Jungen, man ehrte die Alten. Jetzt hat man aufgehört, über Tradition und altmodische Manieren zu spotten: man hat sie längst auf den Mist geworfen. Ich glaube, dass das Leben einen Rhythmus hatte, der sich zwischen Julius Cäsar und Napoleon nur sehr langsam verändert hat."

Von der "Sucht" der Industriegesellschaft beherrscht und von ihren Illusionen berauscht, torkeln wir heute eher durch die Welt als dass wir, wie einst die Bauern, schwer und fest "auf" ihr stünden und in den Himmel schauten; gebannt von einem Rhythmus, der den Irdischen auf Erden ein Gewicht verleiht, das sich weder nach ihrer Kapitalkraft bemisst noch sonst wie zu zählen ist.

 

 

 

Dürfen wir den Strukturwandel in der Landwirtschaft hinnehmen?


IV)

Was also zeichnete einst die bäuerliche Landwirtschaft gegenüber anderen (verschwindenden) Wirtschaftszweigen aus? Und ist ihr Untergang heute nicht ganz natürlich, ein völlig normaler Vorgang dessen, dass, was einmal entstanden ist, auch wieder vergehen muss? Müssen wir den "Strukturwandel" in der Landwirtschaft nicht ebenso akzeptieren wie andere Veränderungen, die das Leben und der sogenannte Fortschritt mit sich bringen? Die Antwort lautet: ja und nein. Es kommt darauf an, was man unter Landwirtschaft versteht. JA, wenn man sie nach den Kriterien der Industriegesellschaft versteht, und NEIN, wenn man sie nach den Maßstäben des Lebens misst. Beides ist keineswegs dasselbe, wie gerade unsere Wirtschaft beweist, die auch dann bestens floriert, wenn sie über Leichen geht und die Spur des Todes zieht.

 

 

 

Die bäuerliche Landwirtschaft wird dadurch bestimmt, dass sie die Erde zum Fruchten bringt und nicht zerstört


V)

Was wir in Europa bisher unter "bäuerliche Landwirtschaft" kannten und (in Restbeständen) noch immer erkennen können, ist im Großen und Ganzen 1000 Jahre alt, wenn man von den Resten römischer Agrikultur südlich der Alpen absieht, die die Stürme der Völkerwanderung überdauert haben. Diese 1000 Jahre bäuerlicher Landwirtschaft sind, so würde ich behaupten, durch zwei Faktoren bestimmt: Erstens dadurch, dass sie das Leben der Menschen prägte und zwar bis in ihre gewichtige Leibhaftigkeit hinein, deren Bedingungen sie in Raum und Zeit (im Sinne Chargaffs) fest "auf die Welt" stellte. Und zweitens dadurch, dass die bäuerliche Wirtschaft das Land formte, indem sie die Erde zum Fruchten brachte. Nehmen wir also an, dass ein inniger, also nicht bloß zufälliger Bezug der Landwirtschaft, wie sie "von Cäsar bis Napoleon" das Leben "nur sehr langsam verändert hat", zu dem besteht, was man einerseits als dieses Leben kannte und andererseits zu dem Fleck Erde, auf den man gestellt war und den man als das Land erfuhr, das einen leben ließ. Dann wäre die Landwirtschaft einst die harte Klammer gewesen, die den überwiegenden Teil der Menschen mit der Erde fest verband und sie in ihrem Wirtschaften unverrückbar an dem festpflockte, was in beiden (Leben und Erde) das jeweils Fruchtbare ist. Wenn es so ist, dann stünde also mit dem, was wir bisher als bäuerliche Landwirtschaft kannten, mit ihrem Verlust heute, mehr auf dem Spiel als bloß irgendein dürr werdender Zweig der Wirtschaft, dessen Absterben den Stamm, der neue Triebe treibt, wenig tangieren würde.

 

 

 

Der Beginn der Geschichte wird u.a. durch die Erfindung der bäuerlichen Landwirtschaft markiert


VI)

Was wir heute (im Unterschied etwa zur industriellen) als "bäuerliche" Form der Landwirtschaft bezeichnen, ist, wenn man die Menschheit von Anfang an betrachtet, eine junge Erfindung. Vielleicht, grob geschätzt, nicht mehr als 10000 Jahre alt. Sie beginnt mit dem, was wir "Geschichte" nennen, während wir die Zeit davor als "Vorgeschichte" bezeichnen, die ihrerseits, wie man inzwischen weiß, einige hunderttausend Jahre umfasst. Einen ungeheuren Zeitraum, in dem sich die Menschen, wie man sagt, durch Jagen und Sammeln am Leben hielten, wobei Letzteres ohne Zweifel bei weitem in der Ernährung überwog und vor allem den Frauen zu verdanken war. Jack Harlin vom Institut for Agriculture in Illionois hat vor einigen Jahren eindrucksvoll gezeigt, wie leicht man durch das Sammeln von Wildgetreide (etwa in Anatolien) seinen Jahresbedarf an Nahrung decken kann. Ähnliche Erfahrungen wurden von den Israelis gemacht, die sich in den semiariden Gebieten Palästinas vor dem Aufbau der Kibbuze unmittelbar nach dem Weltkrieg lange Zeit vor allem durch das Sammeln von Wildgräsern ernährten und über den Erfolg erstaunt waren (mehr und ähnliche Beispiele finden sie in den Büchern Pat Mooneys.) Die weit verbreitete Vorstellung, wonach man das Bebauen des Landes gleichsam aus der Not heraus erfunden habe, weil das Sammeln von Nahrungsmitteln zu mühsam und ineffizient gewesen wäre, ist also mehr als fraglich. Dasselbe gilt für die Idee, man habe zuerst Landwirtschaft betreiben müssen, um dann Reiche gründen – und also Geschichte schreiben zu können. Vielmehr scheint es umgekehrt: Nicht die Not an Lebensmitteln hat eine Landwirtschaft – und diese dann in den fruchtbaren Flusstälern (z.B. des Indus und Nils) in der Folge auch eine Geschichte hervorgebracht. Sondern durch den geheimnisvollen Ursprung der Geschichte wurde das Treiben von Landwirtschaft nötig. Diese ist die Folge einer Reichsgründung, nicht umgekehrt. Darauf kann ich hier nicht weiter eingehen, dagegen aber die Frage verfolgen, was mit diesem Beginn der Landwirtschaft in der Geschichte benötigt und notwendig geworden war.

 

 

 

Die klassische Landwirtschaft ist eine Kombination von Ackerbau und Viehzucht

 

 

 

 

 

 

 

Landwirtschaft heißt Sesshaftigkeit


VII)

Was wir Landwirtschaft nennen, besteht in seiner klassischen Form als eine Kombination von Ackerbau und Viehzucht. Um zwischen beiden eine Symbiose herzustellen, bedurfte es der Überwindung einer alten Feindschaft: zwischen (männlichen) Jägern und (weiblichen) Sammlern, eine Feindschaft, die im Mythos zwischen Kain und Abel, (sesshaften) Feldhütern und (nomadisierenden) Hirten zur Sprache kommt. Aus den feindlichen Brüdern mussten einander freundliche werden, um Ackerbau und Viehzucht miteinander kombinieren zu lernen. Das Ergebnis ist die Erfolgsgeschichte ersten Ranges namens "bäuerliche Landwirtschaft". In ihr werden Menschen, Tiere und Pflanzen einander wechselseitig innig verbunden und dieser Zusammenhang ständig, jahraus jahrein im Kreis gedreht und zwar um den Ort und Mittelpunkt herum, an dem der Mensch dann auf der Welt stehen bleiben und in den Himmel schauen kann, statt wie von den Mächten der Unterwelt gejagt, ständig durch die Welt hetzen ("jetten") zu müssen. Denn das war sozusagen der Haken bei der einfachen Form der Nahrungsbeschaffung durch stetes Sammeln und abenteuerliches Jagen. Man musste dabei ununterbrochen unterwegs sein und brauchte dazu sozusagen eine unendliche Weite nach allen Seiten. Irgendjemand hat einmal errechnet, dass man zum Sammeln und Jagen für die Ernährung eines Menschen mindestens fünf Quadratkilometer nötig hatte und man sich darüber hinaus ständig von diesem großen Fleck weiterbewegen musste. Das Bearbeiten des Bodens hieß dagegen: Platz nehmen auf Erden, sich an diesen Platz gewöhnen und es sich wohnlich machen. Dies war nur möglich durch jene Art von "Kreislaufwirtschaft", dank der Pflanzen, Tiere und Menschen gemeinsam, jeder auf seine Art, zusammen-"arbeiten" müssen. Und zwar so, dass sie sich aufeinander einlassen und dabei in ihrer Existenz voneinander abhängig werden, indem sie ebenso hartnäckig wie ausdauernd die Wechselfälle des Schicksals überstehen, statt darin unterzugehen.

 

 

 

Die eigentliche Kunst der Landwirtschaft ist das Kultivieren der Bodenfruchtbarkeit


VIII)

Was ist das Ergebnis der Symbiose von Pflanzen, Tieren und Menschen, d.h. einer (mühsamen) Freundschaft all derer, die man "Lebewesen" nennt? Um es mit einem Wort zu sagen: Dem Leben selbst in der Abfolge der Generationen, d.h. über das natürliche Entstehen und Vergehen hinweg, immerwährende Dauer, künstliche "Ewigkeit" zu verleihen. Wie? Durch unentwegtes Kultivieren der Fruchtbarkeit der Erde, die durch den Kreislauf im Entstehen und Vergehen zwischen Pflanzen, Tieren und Menschen von der bäuerlichen Landwirtschaft unermüdlich betrieben worden ist. Denn dies ist meines Erachtens die eigentliche Kunst der Landwirtschaft: das Kultivieren der Bodenfruchtbarkeit; eine Kunst, die auf Dauer nur im Kreislauf alles "Organischen" (Menschen, Tiere, Pflanzen) betrieben werden kann, wobei ich unter Tieren hier nicht nur Ochsen und Esel, Kühe und Schweine verstehe. Sondern auch die Myriaden all der Lebewesen, die in der Erde hausen und mit denen die Bauern durch ihre Arbeit in höchst lebhafte Verbindung treten.

 

 

 

 

Heute sorgt man sich vielfach nicht mehr um die Bodenfruchtbarkeit


IX)

Das Kultivieren der Fruchtbarkeit, und darin das Überdauern der (vergänglichen) Zeiten, geschieht aber in der Landwirtschaft nicht nur durch das Zusammenwirken aller drei Gattungen von Lebewesen (Pflanzen, Tiere, Menschen). Sondern die Symbiose alles "Organischen" wird ihrerseits nur effektiv, weil erst dadurch die Kraft des "Anorganischen" mobilisiert wird: Nämlich jene vier Elemente: Luft, Wasser, Licht und Erde (Mineralien), die sich in der bäuerlichen Arbeit zum Wachstum der Pflanzen und zu ihrer Verwandlung von Dünger, d.h. zur Steigerung der Fruchtbarkeit des Bodens miteinander verbünden. Dieser Sorge galt bekanntlich alle Anstrengung der bäuerlichen Landwirtschaft. Denn mit dem Gewicht ihrer Leibhaftigkeit auf der Erde stehend wussten die Menschen früher immer, wie gefährlich dünn und brüchig der Boden ist, von dem aus sie zum Himmel aufschauen. Heute scheint man das im Rausch der "Innovationssucht" der Industriegesellschaft, die vom Wahn befallen ist, alles produzieren zu können, vollkommen vergessen zu haben. Der Raubbau, bei dem wir uns den Boden unter den Füßen abgraben, ist daher kolossal. Und er wird nicht zuletzt heute in der neuen, nämlich industriellen Form von Landwirtschaft betrieben, die – z.B. in manchen Gebieten der USA – inzwischen mit jeder Ernte, die sie einfährt, mehr als das Äquivalent an Tonnage der fruchtbaren Erdkrume unwiderruflich, ein für alle Mal, in alle Winde zerstreut und also vernichtet.

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X)

Da ungefähr stehen wir also – oder vielmehr rutschen wir heute abwärts im selben rasenden Tempo, in dem wir die bäuerliche Landwirtschaft dem "Fortschritt" oder besser gesagt: dem Mythos davon opfern.

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