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Bäuerliche Esskultur im
Zeitalter der Globalisierung

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Je mehr das Wissen verloren geht, wie flott ein Kaiserschmarren, eine
Erdäpfelsuppe oder ein Mus gekocht ist, umso mehr lässt sich mit
Fertig- und Halbfertigprodukten Geld verdienen
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Von Elisabeth Loibl


     Hat unsere Kultur ihren Endpunkt erreicht, wenn wir nicht mehr selber kochen, wenn wir uns nicht mehr gegenseitig versorgen? Wenn wir nicht mehr wissen, woher die Lebensmittel kommen, die wir uns täglich einverleiben? Wenn wir uns nicht mehr darum kümmern, wie sehr wir mit unserer Art uns zu ernähren, unseren Leib, unser Gemeinschaftsleben und letzten Endes auch unsere Lebensgrundlagen zerstören? Wenn wir uns mit E-Nummernlisten befassen müssen, um zu wissen, was in einem Produkt enthalten ist? Die Krankenkosten unseres Gesundheitssystems platzen aus allen Nähten, doch die wenigsten machen sich Gedanken über Ursache und Wirkung von Ernährung und Krankheiten. Ist es übertrieben, einen Zusammenhang zu erkennen zwischen der konventionellen Lebensmittelproduktion und der fortschreitenden Entsolidarisierung in der hiesigen wie auch in der Bevölkerung anderswo auf diesem Erdball?

Fast food und die schnelle Küche sind nicht dasselbe

    Anhand unserer Esskultur lässt sich der US-amerikanische Einfluss auf unser Land deutlich erkennen. Beispielsweise in den Supermärkten an den immer länger werdenden Kühlregalen mit den immer mehr werdenden Fertig- und Halbfertigprodukten und den immer länger werdenden Regalen mit den pulverisierten Packerlgerichten. Vor mehr als zwanzig Jahren wusste eine US-Amerikanerin, die bei der Rauriser Bäuerin Roswitha Huber zu Besuch war, nicht mehr, dass ein Kuchen aus Butter, Mehl, Eiern und Zucker hergestellt wird. In den Staaten hat es dafür schon damals Fertigmischungen im Supermarkt gegeben. Das Wissen darüber, wie bestimmte Gerichte gekocht oder Brot und Kuchen gebacken werden, kann innerhalb einer Generation verloren gehen. Dahinter steckt natürlich eine Absicht, wie die meisten sofort vermuten werden.

Die aufgezwungene Esskultur wird uns durch den so genannten "Schnellfraß" (im Original: fast food) noch mehr deutlich. Es geht mir dabei um die grundsätzliche Frage nach der Sinnhaftigkeit des weltweiten Transfers von Essgewohnheiten und Nahrungsmitteln. Nicht zuletzt werden dadurch lokale kulinarische Eigenheiten wie auch der regionale Handel beeinträchtigt. Steckt dahinter eine Art Kulturimperialismus, der bereits beim Essen beginnt? In Indien, einem Land, in dem die Menschen sehr viel auf die Tradition heimischer Gerichte halten, kommt es durch die aggressiven Werbe- und Verkaufspraktiken US-amerikanischer Fast-food-Ketten nicht selten zu Protesten. Die öffentlich ausgetragene Kontroverse über Sinn und Unsinn des Imports fremder Nahrungsmittel und Essgewohnheiten hat mehrfach zum Ergebnis, dass Inderinnen & Inder die Fast-food-Produkte boykottieren.

    Wo bleiben die Boykotte hierzulande? Sind sie verpönt, weil wir selbst als ein westliches Land gelten? Oder sind die meisten hierzulande schon derart daran gewöhnt, dass unsereins – sich kritisch gegen diese Art der Ess-Unkultur äußernd – als verschroben angesehen und besser nicht weiter gelesen wird? Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang gerne an die mutigen Worte der Lungauer Bäuerin Elisabeth Lüftenegger: "Uns [im Lungau] geht es gut: Wir haben nur einen Hofer und keinen McDonalds." Die Verführung kommt erst, wenn ein Gebäude errichtet und eine massive Werbung in Gang gesetzt worden ist. Wer schafft es, die eigenen Kinder fern zu halten, wenn sie dadurch Gefahr laufen, in der Schulklasse als Banause oder Hinterwäldler/in verschrien zu werden? Mit dem Gruppendruck unter Kindern und Jugendlichen lässt sich sehr viel Geld verdienen. Das ist hinlänglich bekannt.

Aber selbst bei einer ablehnenden Haltung gegenüber dem "Schnellfraß" umfasst eine bäuerliche Esskultur nicht nur die sortenreine, ideologisch einwandfreie Versorgung mit vor Ort biologisch produzierten Lebensmitteln, oder gar eine autarke Selbstversorgungswirtschaft. Zwischen fast food respektive Fertiggerichten und einem schnell selbst zubereiteten Essen besteht noch immer ein sehr großer Unterschied. Dieser lässt sich nicht nur am Geschmack (am nicht vorhandenen Geschmacksverstärker), an der Tradition und der Einfachheit der Gerichte festmachen. Sondern vor allem auch daran, wer einerseits damit Geld verdient und wer andererseits noch über das Wissen verfügt, wie einfach und schnell ein gutes Essen auf den Tisch "gezaubert" werden kann. Je mehr dieses Wissen verloren geht, wie flott ein Kaiserschmarren, eine Erdäpfelsuppe oder ein Mus gekocht ist, umso mehr lässt sich mit den Fertig- und Halbfertigprodukten Geld verdienen. Nicht von den Bäuerinnen und Bauern selbst, die die Grundstoffe für unsere Ernährung erzeugen. Nein, im nach gelagerten Bereich der Lebensmittelverarbeitenden Industrie (die aus Milch und Eiern Trockenmilch- und Trockeneipulver herstellen) und im Handel natürlich. Ja, natürlich, mit den Bioprodukten lässt sich noch mehr Marge verdienen.

Am Anfang war die Empfindung

    Wie verarbeitet ein Produkt auch immer ist, es ist Natur, die wir uns einverleiben (abgesehen von künstlichem Süßstoff und derlei Dingen mehr). Wenn wir unser Essen bis zu seinem Ursprung zurückverfolgen, ist es früher irgendwo gewachsen, durch die Kraft der Erde, die Kraft der Sonne und welche Mächte damit immer in Verbindung stehen. Je achtsamer und gewissenhafter wir uns ernähren, auch im Hinblick darauf, wer unsere Lebensmittel wie erzeugt und dass sie möglichst wenig durch die Lande chauffiert werden, umso mehr achten wir gleichzeitig darauf, dass unsere Lebensgrundlagen auch noch nachfolgenden Generationen zur Verfügung stehen werden.

Dies lässt sich jedoch nicht von oben herab verordnen, wie wir das zuletzt am Beispiel der viel besprochenen Nachhaltigkeit erkannt haben. Es war ständig davon die Rede, ohne dass dies nachhaltig Früchte getragen hätte. Wir müssen es erfahren. Genauer gesagt: Wir müssen es am eigenen Leib erfahren. Christine Gattringer, Bäuerin im Mühlviertel und ausgebildete Krankenschwester, gibt zu bedenken, mehr darauf zu achten, was "wir täglich unserem Leib zuführen", wenn wir essen. Die sinnliche Wahrnehmung, die körperliche Empfindung ist der beste Ansatzpunkt, "nachhaltig" zu handeln oder auch zu verändern. Dies lässt sich anhand der Nahrungsmittelallergien leicht erklären. Eine Allergie ist eine Art Überempfindlichkeit, durch die die Ernährung aus sich heraus umgestellt wird, wenn jemand die Folgewirkungen eines unverträglichen Nahrungsmittels vermeiden will.

     Auf der globalen Ebene wirkt die sinnliche Wahrnehmung ebenfalls wesentlich stärker als bloße Aufklärungen. So hat Heidi Ammerer, Bäuerin in Großarl, nach der Bäuerinnen-Begegnungsreise in Ecuador im Herbst 2000 für sich die Zusammenhänge zwischen der Armut des Südens und dem Reichtum des Nordens erkannt und den Schluss gezogen, sie müsse wieder mehr auf ihre eigene Versorgung mit Lebensmitteln setzen, wieder selber Brot backen und ähnliches mehr. Vor allem "bestreikt sie seither die Bananen konsequent". Die pestizidreiche Plantagenwirtschaft in den Ländern des Südens beliefert die Märkte des Nordens mit billigen Produkten und die Intensivlandwirtschaft mit billigen Mastfuttermitteln wie Soja u.a.m. Hingegen fehlen den Menschen vor Ort die Böden für ihre Eigenversorgung, respektive werden sie von dort vertrieben.

Entmündigt sich das Maul stopfen lassen

    Um wieder in heimischen Gefilden zu landen und weiter den Zusammenhang zwischen sinnlicher Wahrnehmung und konsequentem Verhalten zu erklären, befasse ich mich mit einem Umstand, mit dem sich ebenfalls sehr viel Geld verdienen lässt: mit der Diät. Gibt es überhaupt noch eine Frauenzeitschrift, die in der aktuellen Ausgabe nicht wieder eine neue, "garantiert zuverlässige" Diät anbietet? Wie lange dauert es, bis Menschen sich nicht länger frustrieren lassen? Aus der Zwanghaftigkeit einer kalorienbewussten Ernährung kann erst ausgestiegen werden, wenn die Ursache für diese Zwanghaftigkeit bewusst geworden ist.

Es geht dabei – grob gesprochen – um eine Disharmonie zwischen Körper, Seele und dem Leben selbst. Denn einen gesunden Appetit auf Essen zu haben bedeutet immer gleichzeitig einen gesunden Appetit auf das Leben zu haben. Wenn mir dieser Appetit vergällt wird, muss doch eine Absicht dahinter stecken. Warum kann mir jemand (wer?) vorschreiben, wie meine Figur auszusehen hat, wie viel ich ergo zu mir nehmen soll und wie viel ich täglich trainieren muss, um Überschüsse wieder abzubauen und einen wohl geformten Körper zu erhalten? Oder warum stopfen wir aus lauter Frust Naschereien in uns hinein, um uns zu beruhigen? Warum kennen wir keine anderen, gesünderen Möglichkeiten, innerlich wieder zur Ruhe zu kommen? Wann haben wir den Kontakt zu uns selbst verloren, dass wir nicht mehr wissen, was und wie viel der eigene Körper braucht, um sich mollig wohl zu fühlen? Oder geht es hierbei um eine Art Entmündigung? Wenn wir als erwachsene Menschen entmündigt werden können, wie fest stehen wir dann noch mit beiden Beinen in diesem Leben, auf diesem Boden? Sind wir dann nicht schon längst entwurzelt?

Beherrschbarkeit und Manipulierbarkeit folgt der Entwurzelung auf den Fuß. Damit bin ich wieder am Anfang meiner Geschichte. Ich will damit verdeutlichen, welchen politischen Stellenwert unser Essen (noch) hat. Dieser wird für meinen Geschmack viel zu selten wahrgenommen.

Beziehungslos, farblos oder schmackhaft?

    Die naturwissenschaftliche Hygienekultur hat die weiß getünchten Küchen "zum langweiligsten Ort der Welt verkommen" lassen. In durchrationalisierten, engen Räumlichkeiten, abgespalten vom Wohnraum, werden selbst zubereitete Mahlzeiten zunehmend verschwinden. Damit verschwindet auch der Gemeinschaft stiftende Teil des Essens, wenn es im Kreis der Familie oder der Hausgemeinschaft eingenommen wird. Die mangelhafte Beziehung zu unserer Leiblichkeit als soziale Wesen und zu dem, was wir uns einverleiben, zum Essen, wird dadurch noch verstärkt.

Und wenn wir, die KonsumentInnen, keine Beziehung mehr haben zu den ProduzentInnen unserer Nahrung, zu Bäuerinnen und Bauern, werden bäuerliche Produkte – und das bedeutet das bäuerliche Leben in seiner Gesamtheit – dem Schnellfraß weichen müssen. Was das für unser aller Eigenständigkeit bedeutet, lässt sich nur in schwarzgrauen Bildern ausmalen. – Also, auf zum Einkauf im nächsten Biobauernhof, damit die Zukunft farbenfroh und vor allem schmackhaft (bleiben) wird!
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