In Fülle leben
Vom guatn Platz
Heute ist der Blick vor allem auf den materiellen
Mangel und den Mangel
an modernen Errungenschaften gerichtet. Die Fähigkeit, die "Fülle", die wenig
mit Geld zu tun hat, wahrzunehmen, führt dahingegen ein Schattendasein.
Von Kaspanaze Simma
Die materielle Versorgung, die
Möglichkeit zur Selbstverwirklichung, Gemeinschaft und "Ruhe" kennzeichnen den |
Was zeichnet für mich einen "guten Platz" aus und kann
dieser Platz in der bäuerlichen Welt sein? Diese Frage ist wesentlich im wahrsten Sinne
des Wortes. Ich will eingangs eine kurze Antwort darauf versuchen: Ein guter Platz ist für mich etwas, wo ich die Dinge, die für ein gutes
Leben hilfreich sind, vorfinde bzw. entwickeln kann. |
Die Entscheidung, in der Landwirtschaft tätig zu werden |
Anfang der 80er Jahre mein persönlicher Umstieg Um 1970 entschied ich mich nach Abschluss der Pflichtschule, in der elterlichen Landwirtschaft tätig zu werden. Bei uns im Bregenzerwald, wo sich die Bauern seit über hundert Jahren vor allem der Grünlandwirtschaft mit Milchwirtschaft und Viehzucht verschrieben haben, erreichten gerade die fortschrittlicheren bäuerlichen Betriebe so etwas wie die "Vollmechanisierung". Öffentliche Förderungen gab es damals auch für den Einbau von "Wasserklos" und Einbauküchen auf Platten- und Kunststoffbasis. Im Nachhinein meine ich, dass gerade zu dieser Zeit "Geldwirtschaft und Fortschritt" einen gewaltigen Sprung nach vorne machten. |
Vom Bewusstsein
...zum Begreifen der Landwirtschaft
als wunderbare Form |
Als bäuerlich
tätiger Mensch galt man zu dieser Zeit in der öffentlichen Meinung schon eher als arm.
Gerade die Agitation der bäuerlichen Interessensvertretung bewirkte bei mir, der mit dem
bäuerlichen Leben verbunden schien, dass mir der Mangel an Errungenschaften der Moderne:
Freizeit, Bargeld, Auto usf., immer schmerzhafter ins Bewusstsein kam. Politisches
Engagement, verbunden mit der Hoffnung, dass "die Regierung" uns helfen würde,
führte kaum zu spürbaren Ergebnissen. Allerdings öffnete es die Tür zu einem wichtigen
Lernprozess. Auf der Suche nach Ansätzen zur Verbesserung meiner Lebensverhältnisse durfte ich in der 2. Hälfte der 70er-Jahre viele weiterführende Begegnungen mit Menschen, ihren Ideen und ihrer Praxis machen. Stichworte dazu: Antiautoritärer Geist der 68er-Bewegung, Pioniere des biologischen Landbaus, Bildungs-, Verarbeitungs- und Vermarktungsinitiativen um die Österreichische Bergbauernvereinigung, das "einfache" Leben auf der Alpe, die Monate in der Lerngemeinschaft des Kurses für Politik, Wirtschaft und Sozialethik auf der katholischen Sozialakademie, das Bekanntwerden mit den schöpferischen Potentialen der Idee der Gewaltlosigkeit, viele Begegnungen mit Menschen unterschiedlichster Herkunft, die permanente Praxis in Landwirtschaft und Dorf, die für mich ein unabdingbares Experimentier- und Umsetzungsfeld war bzw. ist......bis ich Anfang der 80er-Jahre relativ klar vor mir sah, dass unsere Landwirtschaft mit ihren cirka 8 ha Wiesen/Weiden und 5 ha Wald eine wunderbare Existenz bietet und dass ich dazu nur einen Bruchteil der Möglichkeiten, die in IHR, in MIR und in UNSERER UMGEBUNG schlummern, zu schöpfen brauche. |
Hat die Industrialisierung Not und Mühe wirklich beseitigt? |
Vom "Phänomen des Mangels" Eine junge Konstruktion Gemeinhin besteht die Anschauung, dass es der Industrialisierung bei all ihren Pferdefüßen zumindest gelungen sei, die materielle Not und Mühe, unter der die Menschen früher weithin gelitten hätten, zu beseitigen. Die unbefriedigende Lebenssituation sei auch der Grund ihrer Entstehung gewesen.Bei genauerem Hinsehen entwickeln sich allerdings Zweifel an dieser Auffassung: So ist z.B. bei Hans-Joachim Rieseberg ("Verbrauchte Welt") über eine Forschung von Gerd Koch zum Thema "Materielle Kultur der Gilbert-Inseln" nachzulesen, dass von den Menschen in dieser heute noch bestehenden Sammler- und Jägerkultur etwa zwei Arbeitstage aufgewändet werden, um eine vierköpfige Familie sieben Tage lang zu ernähren. Die tägliche Nahrung hätte eine Variationsbreite von immerhin 82 Alltagsspeisefolgen. Auch gebe es dort großartige Versammlungshäuser und perfekt konstruierte Segelboote, die zu den schnellsten motorlosen Wasserfahrzeugen der Welt gehörten.Margrit Kennedy ("Geld ohne Zinsen und Inflation") berichtet über Forschungen von Wünstel und Damaschke. Sie verweisen auf eine kulturelle und wirtschaftliche Blütezeit im Hochmittelalter. In dieser Zeit entstanden viele Bauten, die wir heute noch bewundern. Im Fürstentum Bayern soll damals ein landwirtschaftlicher Taglöhner täglich 18 Pfennige verdient haben. Ein Pfund bestes Rindfleisch soll zwei Pfennige gekostet haben. Des weiteren wird aus dieser Zeit von 90 kirchlichen Feiertagen, die mit zwei arbeitsfreien Wochentagen hundertachtzig arbeitsfreie Tage im Jahr ergaben, die zu Mysterienspielen, Festen, Jahrmärkten und Turnieren genutzt wurden, berichtet. |
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In meiner
Lesewelt tauchte bei Peter Roseggers "Jakob, der Letzte" das Thema Veränderung
in Richtung "Mangel" besonders beeindruckend auf. Rosegger schildert in diesem
Buch wie im 19. Jahrhundert die Bauern in der Steiermark im Gefolge der so genannten
Bauernbefreiung durch das Erfordernis der Ablösezahlungen geldwirtschaftlich in
Bedrängnis kamen, ihre "Keuschn" verkauften und in die entstehenden
Fabriken zur Arbeit gingen. Erst dort merkten sie überrascht, was das Leben kostet, wenn
man alles zukaufen muss, was in der bäuerlichen Welt naturalwirtschaftlich vorhanden ist,
z.B. Essen und Wohnen. Diese Erzählungen sind für mich durch meine bäuerlichen Lebenserfahrungen wesentlich bestätigt worden. In unserer Erde und ihrem Leben ist die Fülle latent vorhanden. Der Mangel wird erst zum Thema, wenn wir uns "den Kopf auf eine andere Seite drehen lassen." |
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Wir nehmen eher den Mangel als die Fülle und die Schönheit wahr |
Fragmentarische Spuren Es wäre ohne Zweifel eine interessante und wohl auch lohnende Aufgabe, sich mit den Kräften, die "den Mangel" scheinbar wir am Fließband reproduzieren, intensiver zu beschäftigen. Weil ich aber eigentlich über FÜLLE und weniger über Mangel reden will, beschränke ich mich auf einige fragmentarische Hinweise/Spuren: |
| Ich gelange
immer stärker zur Einsicht, dass ein sehr großer Teil dessen, "was wir zum Leben
brauchen", sozusagen von Natur aus vorhanden ist. Weil uns also die
"Hauptspeise" in die Wiege gelegt ist, können wir uns den Luxus leisten, uns im
Wesentlichen mit dem "Nachtisch" zu befassen, also mit dem wenigen, woran es uns
noch mangelt. Unsere Wahrnehmung konzentriert sich also (zu sehr) auf den Mangel, unsere
Sprache versteht vor allem, den Mangel auszudrücken. Und "Sprache schafft
Welt", soll Ludwig Wittgenstein gesagt haben. Knappheit begegnet uns in unseren Breitengraden öfter als Knappheit an Geld, denn als Mangel an Gütern. Es erscheint mir eine besonders lohnende Spur, den Eigendynamiken des Geldes bzw. unseres Geldsystems mehr persönliche und gesellschaftlich-politische Aufmerksamkeit zuzuwenden. Stichworte dazu wären: Verschuldungsfrage, Zinsproblematik mit ihren Verteilungswirkungen und Wachstumszwängen, Erosion der Subsistenzwirtschaft usf. "Industrielle Effizienz" bzw. Rationalisierungsprozesse verlieren manchmal bei genauerem Hinsehen viel von ihrer scheinbaren Vorteilhaftigkeit. So ergeben sich, um es an einem Beispiel aus meiner Lebenswelt zu zeigen, bei langsamerem, handwerklicherem Heuarbeiten beträchtliche Nebennutzen in Form von Naturerlebnis, Körperbewegung, Sozialkontakt, Tätigkeits- und Lernfeld für Kinder,... Dieses Wegfallen von Nebennutzen durch die vollmechanisierte Heuernte muss durch Ersatzlösungen kompensiert werden, was neuen Geld- und Zeitaufwand im so genannten Freizeitbereich bedeutet. |
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Der selbstgezogene |
Ivan Illich
schreibt in seinen "Fortschrittsmythen": "Ob Bedürfnisse wirklich befriedigt und nicht nur abgespeist werden, bemisst sich am Vergnügen, das mit der Erinnerung an persönliches, autonomes Handeln verbunden ist. Möglicherweise hat also der selbstgezogene Salat aus dem Hausgarten einen eindeutigen "Mehrwert" gegenüber der zugekauften Ware, oder anders gesagt: Der arbeitssparende Umstieg auf das Zukaufprodukt hinterlässt einen für unseren Zusammenhang nicht unbedeutenden Mangel... |
Der Fülle mehr |
Laternenpfähle auf dem Weg zur Fülle Die Fülle sehen Eine
wichtige Voraussetzung erscheint mir, die weitverbreitete Blickstarre auf den Mangel
aufzulösen und die tatsächliche Fülle stärker in den Blick zu nehmen! Ein Hinsehen auf
die "übervolle Ressourcenkiste der Natur" ist diesbezüglich äußerst
aufschlussreich. |
Geldliche und nicht- geldliche
Tätigkeiten |
Unsere Ökonomie umfassender wahrnehmen Als Kind einer ähnlich beschränkten Wahrnehmung, wie unser Bild von Energieversorgung, entpuppt sich unsere Vorstellung von Wirtschaft, mit der Konzentration auf die Geldwirtschaft. Hazel Henderson hat schon gegen Ende der 70er-Jahre demgegenüber vorgeschlagen, unsere Ökonomie umfassender und zwar als Schichtenkuchen zu verstehen. In diesem Bild liefert, vereinfacht gesagt, das untere Drittel unserer Existenz (mehr oder weniger geschenkt). Das mittlere Drittel dessen, was uns am Leben erhält und das Leben schön macht, entsteht durch vielfältigste menschliche Nichtgeld-Tätigkeiten. Und erst als oberes Drittel kommen die Güter und Leistungen, die im geldwirtschaftlichen Bereich erbracht werden, dazu. Diese Aufteilung gelten selbst für hochindustrialisierte Gesellschaften.Folgendes Beispiel vermag dieses Phänomen wohl verdeutlichen: Die Familie Simma hat theoretisch zwei Möglichkeiten, die Bereitstellung des täglichen Essens zu organisieren, und zwar entweder, wie jetzt im Wesentlichen, nichtgeldwirtschaftlich zu Hause oder geldwirtschaftlich im Gasthaus. Den geldwirtschaftlichen Wert dieser Esssensbereitung, bei uns derzeit zum größeren Teil das Tätigkeitsfeld meiner Frau Lucia unter Mithilfe von Kindern und mir, kann man annäherungsweise nachfolgender Rechnung entnehmen: Eine Person bezahlt für Morgen-, Mittag- und Abendessen im Gasthaus 150 ÖS pro Tag, das sind 4500 ÖS pro Monat. Für eine fünfköpfige Familie macht das monatliche Kosten von 22500 ÖS, die, selbst nach dieser mehr als vorsichtigen Annahme (150 ÖS für dreimal essen), allein durch die Essensbereitung als Nichtgeld-Tätigkeit zu unserer Ökonomie beigetragen werden. Eine umfassendere Wahrnehmung unserer Ökonomie entlang Hendersens Schichtenkuchen eröffnet neue Potentiale und Spielräume für Personen und kleine überschaubare Gemeinschaften genauso wie für Volkswirtschaft und Politik |
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Gerade die Positionen der Ausgabenseite sollten auf Sinnhaftigkeit und Alternativen überprüft werden |
Steigenden Einnahmen folgen steigende Ausgaben Die Holländer Hanneke van Veen und Rob van Eeden schilderten bei einem Seminar eindrucksvoll, wie in unseren Haushalten in der Regel einer Steigerung der Einnahmen eine ebensolche der Ausgaben folgt. "Wer mehr Geld hat, braucht mehr Geld". Gemeinhin versuchen wir dann, uns "wirtschaftliche Luft" durch eine weitere Erhöhung der Einnahmen zu verschaffen. Ihr Vorschlag: Bewusst die Ausgabenseite genauer anschauen, für eine Zeit Aufzeichnungen machen, die einzelnen Positionen auf Sinnhaftigkeit und Alternativen prüfen. Nach ihren (auch meinen) Erfahrungen tun sich da meist überraschen große wirtschaftliche Spielräume auf! |
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Von wirklicher Effizienz und dem weitverbreiteten Gegenteil Ernst Friedrich Schuhmacher schreibt in "Small is beautiful": "Das erstaunlichste an der modernen Industrie ist, dass sie so viel verlangt und so wenig leistet. Die moderne Industrie scheint in einem Ausmaß leistungsunfähig zu sein, das die gewöhnliche Vorstellungskraft übersteigt. Daher bleibt diese Unfähigkeit unbemerkt." ...und tatsächlich: Schuhmacher hat nicht ganz Unrecht. Ich
schildere wieder ein Beispiel aus meiner Lebenswelt: Eine Bauernfamilie möchte ein
Joghurt. Grob gesagt gibt es wieder zwei sehr unterschiedliche Möglichkeiten zur
Beschaffung: |
Geld- und Ressourcenaufwand |
Die Kosten-/Nutzenfrage neu stellen Die Tatsache, dass ein wesentlich ressourcenaufwändigeres
Versorgungssystem geldwirtschaftlich kostengünstiger sein soll, ist wohl ein
überdeutlicher Fingerzeig dahingehend, welche Kosten-/Nutzenblindheit in unseren
volkswirtschaftlichen Rahmenbedingungen, aber auch in unserem wirtschaftlichen Denken
Platz gegriffen hat. |
Eine ökosoziale UmSTEUERung ist notwendig |
Ein politischer Rahmen, der Fülle fördert Im Zentrum
geht es dabei um Akzente, die unter dem Sammelbegriff "öko-soziale Umsteuerung"
schon mehrfach in der öffentlichen Diskussion gestanden sind, denen aber gerade
jetztzeitig viel zu wenig Bedeutung im politischen Raum zukommt. a) Die Bewahrung und nachhaltige Nutzung des Allgemeinguts Natur durch eine öffentliche Abgabe auf Naturverbrauch/Energieverbrauch sicherzustellen. b) Mit den daraus anfallenden Geldern die Erwerbsarbeit von Abgaben zu entlasten und eine Art Grundeinkommen (ein Ansatz in diese Richtung ist z.B. mit der Kinderbeihilfe vorhanden und bewährt) auch und gerade zur nachhaltigen Sicherung der Nichtgeld-Tätigkeiten einzuführen. |
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Vom "Genuss", nachhaltig zu leben An diesem
Punkt möchte ich noch ein kleines Fragezeichen hinter den Begriff "Genuss" im
Zusammenhang mit Fülle setzen. Nach dem Duden hat Genuss mit "fangen,
ergreifen" zu tun. Ich meine, dass Genuss möglicherweise den wichtigen Aspekt des
Tätigseins etwas unterbelichtet. a) Die Eleganz und Einfachheit vieler nachhaltiger Lösungen Und zum Abschluss noch ein wie ich finde sehr schönes Zitat zur Fülle, die in uns Menschen wohnt (in Abänderung von "Meine Erklärung meiner Selbstachtung" von Virginia Satir): "Du kannst sehen, hören, fühlen, denken, sprechen, handeln. Du hast alles, was du brauchst, um zu überleben, um anderen nahe zu sein, um schöpferisch zu sein und die Welt der Dinge und Menschen um dich herum sinnvoll zu gestalten." |
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