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Wiederbegegnungen: Bosnien

Der große jugoslawische Krieg war bereits vor Jahren für beendet erklärt worden und
andere Schau-Plätze hatten die Journalisten und Blauhelme inzwischen massenweise vom
Balkan weggelockt, als ich mich dazu entschloss, die ehemaligen Kriegsgebiete in
Bosnien und Kroatien zu bereisen (mit dem Fahrrad als Untersatz, da ich festen Willens war,
mich dort langsam und von keinen Scheiben umzogen zu bewegen). Ich wollte sehen, was
vom Krieg noch übrig war, wollte einmal ein Nachkriegsland aufsuchen, um mir selbst
ein Bild zu machen, wie die Leute leben und zusammenleben, wenn noch nicht genug
Zeit gewesen ist, das Vorgefallene zu vergessen. Und natürlich wollte ich mir endlich
auch das Land anschauen, aus dem die Bekannten meiner Familie einst
geflüchtet sind und von dem sie so viel erzählt haben.

Von Hermann Maier


Die Familie H.

     In den 90ern - während des Krieges - lebte für einige Zeit eine bosnische Familie in unserem Haus.

S., der Sportlehrer, dem man schon von weitem ansah, dass er über die hundert Meter nicht zu schlagen war, kam zuerst. Er verließ sein Land, bevor die Orte Bihac, Mostar oder Vukovar auch uns geläufig wurden, und strandete als Pizzabäcker irgendwo in Österreich, wie er den Seinigen am Telefon gerne mitteilte. - Ich erinnere mich an seine Erleichterung, als er in Frühlingstagen auftauchte und ein Zimmer bezog; wie er blinzelnd in der Sonne saß und genüsslich an der Zigarette sog. In halb Deutschland hatte er sich umsonst um Arbeit bemüht. Hier endlich etwas bekommen - freilich, zuerst nur als Putzer und Abwäscher, aber das lag hinter ihm: Jetzt schauten ihm die Leute zu, wenn er Margheritas und Vier Jahreszeiten in den Ofen schob.

Ein Bett, ein Schrank, zwei Stühle und ein Tisch: so sah die Zukunft eines Mannes Mitte dreißig aus. Das war nicht viel, aber S. verbat sich jedes bittre Wort. Er hatte seine Lektion erhalten; erahnt oder besser gesagt: erlebt, dass man in diesem Leben immer noch tiefer fallen und nichts, aber rein gar nichts für selbstverständlich nehmen konnte. Wissen Sie, bemerkte er wiederholt, als er anfing, sich des Deutschen zu bemächtigen, ich habe großes Glück gehabt!

     Das Wünschen blieb dann doch nicht aus. (Später kamen die Klagen über die viel zu engen, kalten Räume hinzu.) Eines Abends, vom Balkan hörte man längst nichts Gutes mehr, erzählte er von seiner Frau und dem vierjährigen Sohn, von seiner Sehnsucht nach ihnen. S. wollte sie bei sich haben und wusste, dass er dafür kämpfen musste. Tatsächlich zog er an diesem Abend seine schweren Waffen auf und warf sich für die Liebsten mutig ins Gefecht. Sie hätten ihn sehen sollen! Er breschte vor, focht, setzte nach, deckte dazu beide Flanken ab - und stellte endlich die vorsichtige Frage, ob er W. und A. zu sich holen dürfe.

Eine Woche und eine abenteuerliche Reise später standen sie da: der kleine Junge mit dem frechen Haar und seine schöne, freundliche Mutter. W. hatte wie S. in Banja Luka studiert, sie lernten sich vor dem Kaffeeautomaten kennen und lieben, sie hatten Pläne und noch höhere Erwartungen. - Und jetzt standen sie da und alles, was aus dieser Zeit geblieben war, verbarg sich in zwei mittelgroßen Plastiktaschen - mehr konnte einer nicht tragen. Ich werde dieses Bild niemals vergessen, die ganze Tragik des Krieges kommt darin zum Ausdruck, denn die Wahrheit ist, dass er manchen Spaß macht, einigen nützt und die, die am wenigsten dafür können, mit zwei Plastiksäcken auf die Reise schickt.

     Was muss man alles zurücklassen, um sein Leben zu retten?, ich habe mir diese Frage zu der Zeit oft gestellt, freilich zumeist nur spielerisch mir überlegt, welche drei Dinge ich auf die einsame Insel mitnehmen würde. Wie "notwendig" ein Kamm, ein stiller Platz oder eben ein Buch wirklich sein konnten, das erahnte ich erst, als ich W. bei irgendeiner Gelegenheit fragte, ob ich ihr etwas zum Lesen besorgen sollte und sie wehmütig leise Ivo Andric sagte; sie Ivo Andric Die Brücke über die Drina sagte, während es ihr die Tränen in die Augen trieb. – Bald darauf in einer Buchhandlung, bemühte ich mich vergeblich – und das in einer chilenischen Wein trinkenden und japanische Autos fahrenden Zeit – um die serbokroatische Originalausgabe der Brücke über die Drina; ja selbst die deutsche Version des nobelbepreisten Werks musste bestellt werden, doch es konnte dauern, bis sie hier wäre, schon lange hatte niemand mehr danach verlangt. - Selten habe ich mich so verlassen gefühlt wie damals in diesem Geschäft, in diesem Bücherladen, in dessen hintersten Ecken man noch den Geschäftssinn roch, anstatt dort wenigstens auf Lesenswertes zu stoßen. Aber ich habe am Ende, denke ich mir heute, bloß ein Buch gesucht und nicht gefunden, W. dahingegen hatte die Drina fließen sehen; vor langer Zeit sie bei Wischegrad aus den Bergen hervorbrechen sehen.

Wie jeder weiß, standen die Chancen, dorthin zurückzukehren, nunmehr bei null. Doch auch wer weg wollte, musste tapfer sein. Die nächsten, die sich zur Flucht entschlossen, waren W.'s Eltern: Sie sollten mit dem Bus oder sonstwie zu einer verabredeten Stelle im Norden kommen, wo sie S. mit dem Auto abholen wollte. Soweit der Plan. Sie haben kaum ein Wort darüber verloren, was wirklich geschah, aber an einem Kontrollposten im Kriegsgebiet – vielleicht noch in Bosnien, vielleicht schon in Kroatien – wäre ihr Vorhaben fast gescheitert. Ewige 15 Stunden wurden die drei nämlich von einer uniformierten Gruppe angehalten; ewige 15 Stunden, in denen alles passieren hätte können, aber nichts passiert ist, denn schließlich und endlich durften sie ihre Fahrt fortsetzen. Sie kamen, wie es so schön heißt, mit dem Schrecken davon.

      Und wieder schleppten zwei ihre Plastiktaschen in ein mehr oder minder erfreuliches (von der Caritas finanziertes) Quartier: M., ein brummelnder, aber trotz allem liebenswürdiger Dickwanst, der nichts mehr lieber tat, als zu essen, obwohl ihm, dem Dialysepatienten, die Ärzte schon alle möglichen Diäten anempfohlen hatten, und H., seine Frau, die ihn beständig dafür scholt, dass er sich so wenig zurückhielt, aber sich gleichzeitig freute, wenn es ihm schmeckte, was sie kochte. - Möglicherweise lag es daran, dass er keine Scheu kannte, jedenfalls fand sich M. bald ein in unsrem Haus; nach ein paar Tagen schon nahm er das Küchensofa für sich in Beschlag. Von dort hatte er nur zwei, drei Schritte bis zum Herd, außerdem stand der Fernseher in der Küche, und hier fehlten auch die Leute nicht. Noch heute – M. ist längst an einem Nierenversagen gestorben – sehe ich ihn manchmal dort sitzen: Ich komme in die Küche und er fragt mich, wie im Übrigen jeden Hereinkommenden, Aaaah, Hermann, Griiißgott, wie geht’s gut? - Natürlich versteht er meine Antwort nicht, trotzdem beginnen wir zu plaudern.

H., die Großmutter, ist mir in besonderer Erinnerung geblieben: Sie trug – tageintagaus – die immergleiche Trainingshose, den immergleichen Schlotterrock. (Das sollte sich auch nicht ändern, als ihre Kinder wieder zu verdienen begannen.) Freilich, was sie anhatte, war immer frisch gewaschen. Tauchte sie zum Beispiel auf im bunten, weiten Rock, hing, män hätte darauf wetten können, die rosa Trainingshose an der Wäscheleine. H. war beschämend ordentlich. Und sie konnte kochen wie keine zweite. Wenn sie etwa den Teig für eine Topfen- oder Gemüse-Pita auszog, genügte es ihr nicht, dass er einfach dünn war, nein, er musste sein wie das allerfeinste Wachspapier. Überhaupt konnte sie aus allem etwas machen, H., die rauchte wie ein Schlot, selbst für balkanische Verhältnisse. Aber das sind Randbemerkungen, Randnotizen. Wesentlicher ist, dass sie sich in den vielen Monaten, in denen wir das Haus mit ihr und ihrer Familie geteilt haben, niemals gehenließ. Nie war der Haarknoten verrutscht, nie die Haare schlecht getönt, immer trat man einer Dame gegenüber, daran vermochte die ärmliche Kleidung nichts zu ändern. H. war wirklich bemerkenswert. Manchmal hat man sich regelrecht gewünscht, dass sie ihre Fassung für einen Augenblick verliert! Dass sie endlich zum Messer greift, um wild herumzustechen! Umsonst. Da mochte sie das Heimweh schon halb zerfressen haben, irgendwo grub sie noch ein Lächeln aus, fragte, wie es einem gehe. Ja selbst als sie erfuhr, dass einer ihrer Söhne an der Front gefallen war, hatte sie kein böses Wort; sie weinte – und fing sich wieder. Schließlich mussten die Betten gemacht, die Hemden gebügelt, die Socken gewaschen werden, außerdem musste Essen auf den Tisch! Zweimal am Tag, sie vergaß es nicht, sowenig sie vergaß, den Ramadan zu halten, obwohl ihr Kinder und Ehemann wiederholt erklärten, dass Gott schon lange aufgehört habe, an sie zu denken; wahrscheinlich hat sie einfach gewusst, dass es darauf am Ende nicht ankommt. - Einmal, es war der Abend, bevor ich mein Studium begann, hat mich H. im Stiegenhaus zu sich gewinkt. Sie sprach kaum Deutsch, aber auch ohne viel Gerede war klar, was sie mitzuteilen hatte: Ihre Kinder seien einst in ebendieser Situation gewesen und sie wünsche mir für das Bevorstehende das Allerbeste. Dann drückte sie mir einen Hundertschillingschein in die Hand (Geld könne man schließlich immer gebrauchen.) und verschwand so schnell in ihr Zimmer wie sie daraus hervorgekommen war. Sicher, es war nur eine Geste, aber wenn man bedenkt, unter welchen Umständen sie zustandekam, war es vielleicht das Großzügigste, was mir jemals widerfahren ist.

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     Im Jahr 1993 veränderte sich vieles in meinem Leben; und auch die Welt schien sich zu verwandeln. Tatsächlich konnte man damals den Eindruck gewinnen, als ob die Leute nur mehr eines im Kopf hätten: Feuer. Überall schien es zu brennen. Auf dem Balkan setzten Serben, Kroaten und Bosniaken gegenseitig ihre Häuser in Brand. In Solingen fackelten vier junge Deutsche unter dem Beifall des Pöbels fünf Türken ab. In New York versuchte sich die Al Qa’ida das erste Mal am World Trade Center, biss sich allerdings am Stahlbeton die Zähne aus. Der beständige Hinweis "westlich-aufgeklärter" Medien und Analysten darauf, dass hier Radikale, d.h. Rechtsextremisten, Islamisten oder rückständige Nationalisten am Werk wären und ein anschauliches Beispiel dafür abgäben, wohin er, der Extremismus, führe, nämlich zur absoluten Geringschätzung des Anderen, mochte in dieser Situation nicht recht beruhigen. Der Hinweis war natürlich nicht falsch, aber er griff zu kurz, denn er schloss mit ein, dass man schon Skin oder Serbe ("Am Balkan laufen die Uhren eben anders!") sein musste, um das Ungeheure zu tun und er schloss damit die Vielen vom Verbrechen aus.
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(c) Hermann Maier

Republika Srpska, östlicher Vorort von Sarajevo

Was mich immer wieder verblüffte, war wie "selektiv" in diesem bosnischen Krieg vorgegangen worden ist: ein Haus wurde gebrandschatzt, das andre ließ man stehn...
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Kroatien, Vukovar

Erich-Maria Remarque: "Es ist schön, still irgendwo zu sitzen, zum Beispiel in dem Wirtsgarten gegenüber den Kastanien."
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     Aber die Vielen sind nicht freizusprechen; in vielen schlummert das Verbrechen, wartet es auf seine Gelegenheit. Das ist so banal – wie leicht vergessen, also erinnere dich, dass es keine Glatzen waren, die das Wort vom Jugoslawenviertel aufbrachten, als fünf Kriegsflüchtlinge bei euch zuhause aus- und eingingen! Es waren ganz Gewöhnliche, die das sagten, so gewöhnlich wie E., der Briefträger, der an einem Tag nebst der Post die schlimme Botschaft brachte, dass wir bald Haus und Hof in Rauch aufgehen sehen würden, wenn wir uns weiterhin so um dieses Türkenpack scherten. (Hier waren sie, die Wörter, von denen Beauvoir sagt, dass sie so mörderisch sind wie die Gaskammer.) Er sprach ganz unbekümmert, sah sich vollkommen im Recht. Stellte nicht die Frage, warum die fünf hier waren, ob sie bleiben wollten, – wer sie waren. Sie missfielen ihm, dem pflichtbewussten Kirchenrat, allein deshalb sollten sie weg! Darauf, dass er eine Grenze überschritten hatte, kam er nicht, wie auch: Für den Briefträger E. war es schon lange zur Selbstverständlichkeit geworden, die Türschwellen fremder Häuser zu übertreten und dann in den diversen Küchen die Deckel zu lüften, um an Suppe und Braten zu riechen. Dreist und distanzlos mochten für ihn andere sein, er, ein bauchiger Koloss, fühlte sich sichtbar wohl in seinem Körper. Seelenruhig trat er einem nahe – zu nahe – und verströmte seinen Gestank.

In dem Moment, in dem man zu begreifen beginnt, dass der Andere nicht davor zurückschreckt oder zurückschrecken würde, dir einen Schlag zu versetzen oder von hinten dir eine Kugel in den Kopf zu jagen, in dem Moment, in dem du nicht mehr ruhig schlafen kannst, weil man dir gedroht hat, deine Existenz in Schutt und Asche zu legen, in dem Moment, in dem man feststellt, dass man sich nicht mehr darauf verlassen kann, dass der Andere die Distanz wahrt, die du willst – in dem Moment hat man sein Weltvertrauen verloren. Du wiegtest dich in Sicherheit, aber ein Wort oder, wie im Falle Jean Amérys: der erste Schlag hat deine Hoffnungen zerstört. - Ich weiß nicht mehr, wie ich vor zehn Jahren auf die Äußerungen E.s reagiert habe, wahrscheinlich erstaunten sie mich einfach, im Nachhinein würde ich jedoch sagen, dass sie mich, darauf verweist wohl die Tatsache, dass sie sich mir so tief eingeprägt haben, ent-täuscht haben. Nicht in dem Sinne, wie man von seiner großen Liebe vielleicht irgendwann enttäuscht ist oder wird, nein, mehr in dem Sinne, dass sie die Augenblicke des Sicher-Seins als das wiederenthüllt haben, was sie in Wahrheit sind, nämlich selten.

      Noch verblüffender als die Erschütterung des Weltvertrauens (diese hat man bis zu einem gewissen Grad gelernt als erwachsenmachende Initiation hinzunehmen) ist es aber, wie schnell die Drohung mit Feuer und mordio ausgesprochen und auch in die Tat umgesetzt wird; wie wenig oft genügt, dass sich einer aufs Allerärgste mit jemandem verfeinden kann. Jeder kennt die Erzählungen, wo einem aufgelauert und für ein paar Münzen die Kehle durchgeschnitten worden ist, so als ob ein Menschenleben nicht mehr zählte als in einem x-beliebigen amerikanischen Actionfilm. Was hier fehlt – immer fehlen wird – ist zweifelsohne die "Trägheit des Verbrechers", denn selbst wenn man sich an die Existenz, ja Banalität der Gewalt gewöhnt hat, bleibt doch die Geschwindigkeit, mit der sie zuweilen entsteht, über alle Maßen bemerkenswert.

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Die Reise

     Der große jugoslawische Krieg war bereits vor Jahren für beendet erklärt worden und andere Schau-Plätze hatten die Journalisten und Blauhelme inzwischen massenweise vom Balkan weggelockt, als ich mich dazu entschloss, die ehemaligen Kriegsgebiete in Bosnien und Kroatien zu bereisen (mit dem Fahrrad als Untersatz, da ich festen Willens war, mich dort langsam und von keinen Scheiben umzogen zu bewegen). Ich wollte sehen, was vom Krieg noch übrig war, wollte einmal ein Nachkriegsland aufsuchen, um mir selbst ein Bild zu machen, wie die Leute leben und zusammenleben, wenn noch nicht genug Zeit gewesen ist, das Vorgefallene zu vergessen. Und natürlich wollte ich mir endlich auch das Land anschauen, aus dem die Bekannten meiner Familie einst geflüchtet sind und von dem sie so viel erzählt haben.
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(c) Hermann Maier

Bosnisch-kroatische Föderation, nahe Livno

Trotz der Tatsache, dass man ein Land nicht einfach trennen kann, in dem die Ethnien und Religionen so dicht beisammen leb(t)en, bisweilen sogar im selben Haushalt, waren die zentrifugalen, nationalistischen Kräfte im Land weit stärker und verbreiteter als das Bekenntnis zum multikulturellen Staat Bosnien.


(c) Hermann Maier

Bosnisch-kroatische Föderation, Jošanica Kolo

Wie dieses Land trennen? Dzevad Karahazan: „Indem ich nacheinander auf meine Mitbewohner deutete, konnte ich zeigen, dass von zehn Ehepaaren, die in den zehn Wohnungen meines Hauses leben, nur ein Paar aus Angehörigen derselben Nationalität bestand. (Dieses Detail habe auch ich mir damals zum ersten Mal vergegenwärtigt.)“
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     Den Krieg fand ich denkbar rasch. Die blumenhaften Einschläge der Mörsergranaten auf den Straßen, das durch Artilleriebeschuss gekappte Minarett oder die von Maschinengewehrsalven durchbrochenen Fassaden legten hinlänglich Zeugnis von ihm ab. Aber selbst dort, wo man mühsam versucht hat, ihn wegzuverputzen oder wegzuasphaltieren, ist er immer noch da. Unüberhörbar hallt er nach. Hat sich gleich seinen zahlreichen Flüssen tief in dieses Land eingekerbt. Und schlimmer noch: Die wenigen Kriegsjahre haben genügt, um die bisherigen Vorstellungen von den ehemals jugoslawischen Ländereien verblassen zu lassen. Dass hier einmal Olympische Winterspiele stattgefunden und sich, wie es heißt, unterschiedliche Nationalitäten mit friedlichen Mitteln gemessen haben, ist ebenso in die Ferne gerückt wie die unmodern-trotzige Idee vom Vielvölkerstaat, die das "südslawische", gegen Habsburger, Türken, Russen und andere Übermächte angetretene Zweckbündnis dereinst zu entwickeln verstanden hatte.
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(c) Hermann Maier

Sarajevo

Einschlagsstelle einer Mörsergranate.

 (c) Hermann Maier

Sarajevo, Parlamentsgebäude

Als Symbol der bosnischen Unabhängigkeit von den serbischen Belagerern zerstört; wird momentan mit mit Hilfe der Europäischen Union wiederaufgebaut.


     Naiv ist es am Ende gewesen, auch nur eine Sekunde lang anzunehmen, der bosnische Krieg könnte sich mir entziehen, wenn ich nicht augenblicklich mich in dieses Land begäbe. Als ob ein Krieg so schnelllebig wäre wie die Kleider-, Fahrzeug- oder Geistesmoden! Kriege dauern, sie überdauern, davon kann man sich leicht überzeugen, indem man sich beispielsweise vergegenwärtigt, wie lange die kriegsbedingten Knicke in Wirtschaftsleistung und Bevölkerungspyramide über die gewalttätige Auseinandersetzung hinauswirken. Beständiger, wenngleich in vielen Fällen weniger beachtet als die quantitative Erinnerung an einen Krieg sind aber andere Kriegsrelikte, namentlich die Schäden an der Gesellschaft, die verderbte Sprache oder die allesverschlingende Kriegstopographie.

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(c) Hermann Maier

Sarajevo, Hotel Europa

Dzevad Karahasan: "Das Hotel ‚Europa’ ist der semantische Mittelpunkt der Stadt Sarajevo. Indem es den Orient und Mitteleuropa in sich vereint, bündelt dieses Hotel wie ein Prisma die diffusen Strahlen, was Sarajevo wirklich ist.“ (Im Juli 1992 wird das "Europa“, in dem zu der Zeit Flüchtlingsfrauen mit ihren Kindern untergebracht sind, von einer Artilleriegranate getroffen und in Brand gesetzt.)
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(c) Hermann Maier

Sarajevo, Bašcaršija ("großer Marktplatz“)

"Am 5. Februar 1994 detoniert eine Mörsergranate auf dem Marktplatz in Sarajevo. Eine Untersuchungskommission unter Oberst Gauthier (UNO) kommt zu dem Ergebnis, dass jede Seite die Granate abgeschossen haben könnte."
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     Noch viele Jahre werden die Orte Bosniens auf den Krieg verweisen und kaum mehr als Kriegsschauplätze sein: Von Mostar wird der (ausländische) Besucher wissen, dass die dortige Brücke einmal von kroatischen Milizen zerstört worden ist. In Sarajewo schließt er sich womöglich einer geführten Tour durch den während der Belagerungszeit so wichtigen Versorgungstunnel unter dem Flugfeld an. Pale und Banja Luka werden ihm die "berüchtigten Serbenhochburgen" sein und Foca oder dessen Umgebung Karadzic’ vermuteter Aufenthaltsort. Vom anderen bosnischen Großverbrecher, Ratko Mladic, weiß er, fehlt mittlerweile jede Spur, aber er weiß auch, dass dieser völlig unbehelligt im Bunker der Militärbasis von Han Pijesak saß, als draußen, vor dem strengbewachten Tor, schon die französischen und amerikanischen Soldaten kreuzten. Die "Silberstadt“ Srebrenica schließlich hat den ganzen Glanz verloren. Nichts, was hier vor der Abschlachtung der Tausenden muslimischen Knaben und Männer geschah, ist für den Durchreisenden, hier nicht Verweilen-Wollenden noch von Bedeutung, und nichts was seitdem geschehen ist, kümmert ihn. Dieser Ort benennt, sein Name behält das Verbrechen, wie das auch Hiroschima, Vichy, Sabra oder Auschwitz tun, und unvorstellbar ist es, dass eine solche Erinnerung irgendwann erlöschen oder von einer anderen überlagert werden sollte.
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(c) Hermann Maier

Sarajevo, Skenderija

Die Skenderija ist eine Veranstaltungshalle, wo u.a. das Eishockeyturnier der 14. Olympischen Winterspiele ausgetragen wurde. Während des Krieges begann gleich hinter der Halle der serbische Belagerungsring.
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(c) Hermann Maier

Republika Srpska, Gegend bei Han Pijesak

"Die nächsten 25 Kilometer ist Ausländern das Halten und Parken verboten!"

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     Der in einem deutschsprachigen Land Aufgewachsene weiß vielleicht am besten, wie nachhaltig ein Krieg und die in seinem Verlauf begangenen Schandtaten sich erweisen können. Denn wenn auch die tatsächlich an der Expansion des Naziregimes Beteiligten zum Gutteil tot oder in die Jahre gekommen sein mögen, so ist die Zeit von 1933/39 bis 1945 doch etwas so Gewaltiges gewesen, dass sie – anders als etwa der verjährte Dreißigjährige Krieg oder irgendein politisches Tagesgeschehen in den Siebzigern – noch immer in hohem Maße präsent ist und zu Negationen geführt hat, die bis heute unaufgehoben geblieben sind. Man denke nur an den von verschiedenen Seiten wiederholten Satz, dass von Deutschland kein Krieg mehr ausgehen dürfe oder die Europa tragende Achse Berlin-Paris, die ohne den Blick auf die Ereignisse in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts nur unzureichend erklärt werden kann. Oder man rufe sich in Erinnerung, was für Ehrenwörter die Begriffe Nation und Heimat einmal waren, wie herrlich fruchtbar die Erde einst noch roch – nicht nur bei Hamsun –, und wie übel ihnen die nationalsozialistische Ideologie mitgespielt hat. - Nun stimmt es, dass die Ökologiebewegung der jüngeren Zeit durch die (Wieder-)Entdeckung der Natur, des Einfachen und des Regionalen ein paar der ärgsten, von den Nazis verursachten Diffamierungen des Landes, des Bodens und der Natur zurückgenommen und abgeschwächt hat, und es stimmt auch, dass die aktive deutsche Beteiligung an den NATO-Einsätzen auf dem Balkan und in Afghanistan die bis dahin so kompromisslose Antikriegshaltung der Bundesrepublik aufgeweicht hat, aber vergessen sind die Nazijahre deshalb noch lange nicht. Ganz im Gegenteil stellen sie als Bezugs- und Identifikationsrahmen (wie mir scheint mehr und mehr im Sinne eines Negativbildes, von dem man sich abzusetzen, das man – omnis determinatio est negatio – durch viele Neins hinter sich zu lassen versucht) ein konstantes Moment im Erinnerungshorizont der Deutschen dar.

Freilich, ein so umspannendes Ereignis wie ein Krieg bringt viele tiefe Erinnerungen hervor (Der Henker hat ihn anders erfahren als der Gepeinigte, aber für beide ist er womöglich zur zentralen Tatsache ihres Lebens geworden.), dementsprechend umstritten ist die Perspektive, die im öffentlich-medialen Raum auf ihn eingenommen wird. Was Deutschland und Österreich betrifft, sollte man nicht daran vorbeireden, dass der Krieg – natürlich! – einen gewaltigen Niederschlag im Bewusstsein der Bevölkerung gefunden hat, es aber ein langwieriger Prozess gewesen ist, bis der Erinnerung der Nazi-Opfer die ihr zustehende Stimme zugesprochen worden ist. Das Wort vom Niemals vergessen! kommt mir wieder in den Sinn. In Christoph Ransmayrs Roman Morbus Kitahara wird die Parole von einem amerikanischen Major namens Elliot ausgegeben. Das ist ein treffendes Bild und ein Stück Wirklichkeit, denn nur langsam und mit internationalem Druck wollten die Deutschen und Österreicher die, wie Borchert sagt, Verantwortung zurück.

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     An dem warmen Spätsommertag, als ich die löchrige, von verkommenen Häusern gesäumte Hauptstraße Srebrenicas hinunterfuhr, wurde fünf Kilometer weiter in der Nähe des Fabriksgeländes von Potocari, wo Ratko Mladic in den Julitagen des Jahres 1995 unter den Augen holländischer Blauhelme über 7000 Moslems exekutieren ließ, eine Gedenkstätte eröffnet. Ein paar Dutzend der exhumierten Leichen fanden in diesem Zusammenhang ein würdiges Begräbnis. Und Bill Clinton war da. Er rief auf zur Vergebung und forderte gleichzeitig, alles zu unternehmen, die Schuldigen zu fassen. Im heute großteils von bosnischen Serben – eingesessenen wie vertriebenen – bewohnten Srebrenica nahm man davon kaum Notiz. Man pflegte den Alltag: Alte saßen vor einer Bar und unterhielten sich, in einem Innenhof wurde ein Spanferkel angeschnitten, einer hackte Holz, der andere schleppte ein paar Kolben Mais nachhaus. - Es war mir nicht wohl in dieser so schon hässlichen, von Bergen beengten Stadt, denn die Normalität, um die man sich bemühte, hatte etwas Gespanntes, ja Trotziges, (Die "Nachdenklichkeit" der Serben, von der Handke in der Winterlichen Reise spricht, blieb mir – hier zumindest – verschlossen.) man spürte förmlich, dass sie zum Ausdruck bringen sollte, wie wenig der Aufmarsch dort unten sie kümmerte, man hatte weiß Gott selbst Sorgen genug, mochte sich nicht auch noch ein schlechtes Gewissen einreden lassen von denen, die selbst gemordet und geplündert hatten zum Beispiel in Gestalt eines Naser Oric, dem in Den Haag angeklagten Kriegsverbrecher.
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(c) Hermann Maier

Republica Srpska, in den Hügeln oberhalb von Srebrenica

"Abgeschieden" schien mir das richtige Wort für Bosnien zu sein: die Orte, die Verbrechen, alles entzog sich der Welt.
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(c) Hermann Maier

Republika Srpska, Srebrenica

Das vor dem Krieg von drei Ethnien besiedelte Gebiet des Bezirks Srebrenca wird heute von 21.000 bosnischen Serben bewohnt. "Die Sicherheitslage in Srebrenica", heißt es in einem Bericht zur Flüchtlingsrückkehr, "ist zur Zeit stabil. Eine akute Gefährdung für Rückkehrer durch die Bevölkerung ist derzeit nicht erkennbar. Die Rückkehr von nicht-serbischen Vertriebenen oder Flüchtlingen kann dies aber schlagartig ändern, da die vor Ort lebenden vertriebenen Serben noch immer auf die Lösung ihrer eigenen Probleme warten."
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      Es war wie so oft: Man leckt die eigenen Wunden, aber Verständnis für die Leiden des Anderen gibt es nicht, die Plakate, die die Moslems überall in Srebrenica angebracht hatten, um auf die Zeremonie in Potocari hinzuweisen, wollten nicht die gegenteilige Hoffnung erwecken. Never forget! stand auf ihnen zu lesen, gar nichts Kyrillisches, so als ob man allerhöchstens die Weltöffentlichkeit auf seine Seite ziehen könnte. Immerhin hat auch ein offizieller serbischer Vertreter an der Einweihung des "Memorial Centers" teilgenommen, wird es später in irgendeiner Zeitung heißen. Ja, immerhin und Hut ab vor ihm, aber was niemand geschrieben hat, ist, dass die 20 000 Moslems, die sich dort aus allen Teilen Bosniens einfanden, in strengbewachten Konvois kamen. Es war ein seltsames, sich häufig wiederholendes Bild an diesem Tag. Zuerst flitzte die Polizei mit Blaulicht vorbei, dahinter versuchten vier, fünf Busse, in denen hauptsächlich kopfbetuchte Frauen saßen, die Geschwindigkeit zu halten, hintennach fuhr wieder ein Army- oder Polizeifahrzeug. Obendrein wurde die gesamte Strecke, die die Moslems nach Srebrenica nahmen, von serbischen Sicherheitskräften bewacht: An jeder Hauseinfahrt, an jeder Bushaltestelle, an jeder Abzweigung, kurzum: an jedem Platz, wo sich Bosniaken und Serben hätten begegnen können, stand ein Polizist – wobei freilich nicht klar erkenntlich war, wer vor wem geschützt werden sollte.

Hier war der Konflikt nicht zu Ende oder gar gelöst. Jeder konnte das sehen. Bill Clinton hatte zur Versöhnung aufgerufen, jedoch sicherheitshalber waren ein paar Black-Hawk-Hubschrauber aufgestiegen. - Ob auch ein Serbe aus der Nachbarschaft an der Feier teilnimmt, habe ich mich fortwährend gefragt, als ich neben ein paar andern auf einer Steinmauer saß und die Muslime beobachtete, wie sie hinaufströmten bis zu der Stelle, wo ihnen die Absperrungen das Weitergehen verwehrten, um wenigstens ein paar Blicke auf Srebrenica zu erheischen. Ich konnte es mir nicht vorstellen. Diejenigen von ihnen – deren es hoffentlich einige gab –, die sich für das, was in Potocari passiert ist, geschämt es völlig zu Recht als Übersteigerung des Krieges, als Außer-Rand-und-Band-Geraten der eigenen Leute empfunden haben, sind meines Erachtens einfach zu Hause geblieben, haben die Jalousien heruntergelassen und die Augen niedergeschlagen. Viel zu viele der Serben jedoch sah man, wie sie hinter dem polizeilichen Spalier die An- und Abfahrt der Moslems beäugten, an Hausmauern gelehnt oder über die Balkone gebeugt. Mit festem Blick folgten sie dem Treiben, so in Bratunac, dem Nachbarort Srebrenicas, wo man in einer Kriegsnacht zweitausend gefangengenommene Muslime aufstellte, erschoss und in einem Massengrab verscharrte.

     Den Wahnsinn nach der Tat nennt es Nietzsches Zarathustra, wenn der Verbrecher hernach bereut, was er getan hat. - Reue las ich in den Blicken der die Straßen säumenden Serben keine, nicht einer von ihnen war bleich geworden, wie man es vielleicht vermutet hätte. Im Gegenteil – so empfand ich es – wollten sie den Vorüberfahrenden ihre Abgeneigtheit zeigen. Das war der Wahnsinn nach der Tat, der von der politischen Führung noch verstärkt, anstatt, wie man vielleicht gehofft hat, abgemildert worden ist. Man hätte jetzt auch andere, drängendere Probleme als "vermeintliche" Kriegsverbrecher vors UN-Tribunal zu senden, ließ unlängst der serbische Ministerpräsident Vojislav Kostunica, ein gemäßigter Nationalist bloß, wieder wissen. Hier gilt (wie im Übrigen überall): Nur, wer schwach ist, belädt sich mit dem Blei seiner Schuld. Und nur wer nie gestrauchelt ist, findet Gefallen.

Jedoch in Srebrenica ist Schlimmes geschehen. Und Serben waren die Täter. Täter freilich, die die Unschuld suchten, denn Schuldig-Werden heißt, sich mit den Augen des Anderen zu sehen; heißt, die Perspektive des durch meine Hand Geschlagenen einzunehmen. - Sich dem Anderen, dem Opfer, so "auszuliefern", wo man aus eigener Erfahrung weiß, dass sich der Schmerz, den man spürt, wenn der Stock auf einen niederfährt, lange im Gedächtnis hält, viel länger jedenfalls als die ruhigen Jahre zuvor, ist bestimmt nicht erquicklich und ein mancher wird sich durch die Erinnerung des Opfers auf einen, wie er sagen wird: kleinen und längst vergangenen Ausschnitt seines Lebens beschränkt und dadurch von der Zukunft abgeschnitten sehen. Er wird sich – keep on moving! Bewegung wünschen wie Bering in Morbus Kitahara; er wird möglicherweise dem Opfer und seinen Anwälten flehentlich ins Gesicht schreien wollen, dass er noch anderes sei als der Mörder, Vergewaltiger oder Parteigänger von damals und man ihn nicht ewig festhalten möge in seiner dumpfen Vergangenheit. - Allein das Opfer hört nicht auf, sich zu erinnern. Weniger, weil die Erinnerung die Rache des Opfers am Täter ist, wie mancherorts behauptet wird, sondern weil es einfach dauert, bis der Gepeinigte neues Vertrauen schöpfen und des Schlägers Wandlung glauben kann. Man soll ihm das nicht übelnehmen, denn auch das Opfer – gerade das Opfer – ringt um eine Zukunft jenseits der furchtbaren Erinnerung.

     Unweigerlich wird diese Zukunft mitbestimmt durch das Verhältnis des Täters zur Tat. Wenn der nie aufgehört hat, die Tat zu bejahen, das heißt nicht fähig oder willens gewesen ist, die Perspektive des Verbrechers gegen die des Schmerzes einzutauschen, dann werden die grausige Vergangenheit fortgesetzt und die schwachen Illusionen des Opfers zunichte gemacht. Mag der Krieg nun auch seit geraumer Zeit verflogen sein und alles wieder seinen gewohnten Gang gehen, die Leute wieder Schaufeln statt der Gewehre tragen und sonntags sich im Gastgarten unter der blühenden Linde Bier oder Schnaps einschenken lassen, jedesmal, wenn das Opfer drüben einen sitzen sieht, der seine Folterknechte rühmt, oder zufällig mithört, wie jemand seinen Kindern und Kindeskindern wie ein General und nur selten wie ein Mensch vom Krieg erzählt, kurzum: es bitter enttäuscht wird, wo es leichte Hoffnungen gehegt hat, ist es so, als ob man es in seine einstige Zelle zurückgestoßen hätte. Anstatt ihn zu lösen, hat man den Konflikt, der ihm das Leben unerträglich gemacht hat, in die Zukunft hineinverschleppt. "Gegebenenfalls", da lässt das Opfer keinen Zweifel, das psychologische Verständnis für die Reulosigkeit des Schlägers liegt ihm fern, "würde man wieder auf mich einschlagen, nicht heute, aber vielleicht morgen!"

Natürlich bedeutet die Versöhnung einen doppelten, zweiseitigen Akt, trotzdem liegt es in erster Linie am Täter (oder am Starken oder am Ranghohen oder wie auch immer man ihn nennen will), den Konflikt zu entschärfen. Er müsste – ganz entgegen den Machtverhältnissen, durch die es ihm leicht wäre, den Schwachen zu zerquetschen – Zugeständnisse an den Gepeinigten machen – oder ihm einfach die Hand reichen; Verzichtet er, der Mächtige, nicht auf einen Teil seiner Macht (und sind Verständnis und Toleranz etwas anderes als der Verzicht auf Macht?) ist die wichtigste Voraussetzung für den Frieden dahin. Nun gibt es zweifelsfrei "nachgiebige“ Mächtige, die sich redlich darum bemühen, auch schwache Positionen in die Gemeinschaft zu integrieren, aber allzu oft wird die Zurückhaltung der Macht (das, was nach Rudolf Bilz die zivilisierten von den unzivilisierten Gesellschaften unterscheidet) als Qual oder schlichtweg als Beleidigung empfunden: Man fühlt sich gestört, ja, im Stolz verletzt durch die Erinnerung des Opfers und verlangt von ihm zurückzustehen, spricht ihm ganz selbstverständlich das ab, worauf man selbst Anspruch erhebt. Die Vergangenheit endlich ruhen zu lassen, jemanden in einer misslichen Lage Verständnis, Mitgefühl und ein Körnchen Humanität entgegenzubringen, das Prinzip des "Audiatur et altera pars" – das sind Forderungen an den schwachen Andren, nicht an sich selbst: Der soll unsren Schmerz in Stalingrad oder Dresden, dort in Pancevo und am Amselfeld nachfühlen, der soll von unsren edlen Absichten im Krieg erfahren und der soll seine Erinnerungen begraben, während wir von den alten Heldentagen zehren. Was man hier augenscheinlich anstrebt, das ist die Affirmation der eigenen – so großen wie leidvollen – Geschichte und gleichzeitig ein biologisches Lehrstück. Man drängt auf die Kapitulation des Ohnmächtigen vor dem Mächtigen und die Anpassung der Abweichler an die Meisten, indem man die zahlreichen "Gegen-Erzählungen" und das in den Folterkammern quäkende Fleisch aus der gemeinsamen Erinnerung zu verbannen sucht. - Zuerst, so könnte man wohl sagen, herrschte der Mächtige über den Leib, setzte ihm zu mit Hieben und glühenden Zigarettenstummeln, das war ihm aber nicht genug, also suchte er sich auch der Erinnerung zu bemächtigen, oder wie sonst ist es zu verstehen, dass nächtens ein paar Kerle auftauchen, um die Gräber der Opfer vollzuschmieren oder ihnen ihre Zeichen zu versagen, so wie sich das auf dem im Bau befindlichen "Gedenkkomplex" von Potocari zugetragen hat, wo es Steine hagelte gegen die Arbeiterbaracken.
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(c) Hermann Maier

Sarajevo

Im muslimisch geprägten Stadtteil Kovaci ist zum Gedenken an die "Verteidiger Sarajevos", die während der Belagerungszeit umgekommen sind, ein Friedhof errichtet worden; auf andere, d.h. nichtmuslimische Sichtweisen auf den Krieg trifft man im öffentlichen Raum Sarajevos kaum.
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     Nicht dass der Mächtige (gleich ob es sich dabei um einen einflussreichen Staat, eine Bevölkerungsmehrheit oder eine durchschlagsstarke Gruppe handelt) vom Leid verschont bliebe und nie zum bemitleidenswerten Opfer würde, aber in keinem Augenblick droht die öffentliche Erinnerung an das, was ihm widerfahren ist, zu verschwinden oder gar verdrängt zu werden. Die deutschen Landschaften, darüber wird so gern hinweggesehn, sind voll mit Ehrengräbern und -denkmälern für die "Helden" der beiden Weltkriege, ohne dass dafür jemand hätte kämpfen oder sich ähnlich endlosen Diskussionen hätte stellen müssen wie die Bauherren des Holocaust-Denkmals am Potsdamer Platz. Wer die Macht hat, der beherrscht die Erinnerung, daran besteht kein Zweifel, Opferzahlen spielen hierbei nur eine nebensächliche Rolle, denn selbst wenn die Statistiken 10 anstatt der 6 Millionen von den Nazis ermordete Juden auswiesen, hätten die Davongekommenen deren Platz in der deutschen Geschichte erstreiten müssen. Umgekehrt haben die 3000 Amerikaner, die bei den Attentaten des 11. Septembers 2001 ums Leben gekommen sind, "genügt", dass man allenthalben von einem neuen Zeitalter zu reden begann. Schlimm genug – natürlich! -, dass 3000 Unschuldige so zugrunde gehen mussten, doch noch schlimmer ist es, wenn Zigtausende ebenso Unschuldige ausgelöscht werden und daran nicht oder allenfalls durch Fußnoten erinnert wird, weil die mächtigen Fürsprecher fehlen. Wo ragen blaue Lichtsäulen auf, muss man etwa fragen, für die hunderttausenden in den nordamerikanischen Indianerkriegen Ermordeten? Und wo ist das Denkmal für die 500 000 irakischen Kinder, die infolge der UN-Sanktionen gestorben sind? Und das israelische Massaker an der palästinensischen Zivilbevölkerung in den Flüchtlingslagern von Sabra und Chatila? Warum verschwand das so schnell wieder aus dem Gedächtnis? - - Dies sind überaus wichtige Fragen, die deutlich machen sollten, wie eng die Erinnerung mit der Macht verknüpft und wie unterrepräsentiert die Perspektive der Schwachen gleichzeitig ist.
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(c) Hermann Maier

Republika Srpska, Ravna Romanija

Zu Ehren der 4000, durchwegs bei der Belagerung Sarajevos gefallenen Serben aus der Region Romanija erbaute Kirche.
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(c) Hermann Maier

Republika Srpska, Ravna Romanija

Irritiert von der Tatsache, dass Marmor und Kirchenraum den eigenen Helden vorbehalten ist, beginnt man dann doch irgendwann, einen aus dem eignen Jahrgang zu suchen.
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     Ich will damit, wie gesagt, nicht behaupten, dass die glücklichen Fälle nicht existierten, wo der Mächtige sich von der Position der Ohnmächtigen beeindrucken lässt oder wo er seine Kräfte dafür einsetzt, ihnen – den Schwachen, Unterrepräsentierten und Machtlosen – die Mitgestaltung der Gemeinschaft zu ermöglichen. Die US-Soldaten, mit denen ich mich nahe Srebrenica unterhalten habe, verhelfen den Bosniaken ja augenscheinlich zu so wichtigen Dingen wie ihrer Erinnerung; in Deutschland und Österreich ist es ja trotz aller Widerstände gelungen, Erinnerungsräume für die Naziopfer zu schaffen; die westlichen Demokratien haben ja durchwegs Minderheitsrechte in ihren Verfassungen verankert uswusf.
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(c) Hermann Maier

Republika Srpska, Potocari

"Der bosnisch-kroatischen Teil des Landes strömt Freundlichkeit, Initiative und Aufbruch aus", bestätigt mir der amerikanischer SFOR-Soldat mein Empfinden, "hier ist die Stimmung um vieles schlechter, es ist wie in einem Wartehaus, in dem noch keiner eine Zukunft sieht."
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(c) Hermann Maier

Republika Srpska, entlang der Drina

Ich solle doch hierbleiben übernacht und mit ihnen auf einem Zeltfest trinken und tanzen! – "Weißt du", so auch die anderen serbischen Jugendlichen in Vogošca, einem Vorort von Sarajevo, "für die Leute unter 35, d.h. für die, die damals noch zu jung für den Krieg waren, ist die Nationalität kein großes Thema; und so weit das halt möglich ist, vermeidet man es auch, das Gespräch darauf zu bringen."
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     Trotzdem ist es aber so, dass der Schmerz oder das, was die Ohnmächtigen vorzubringen haben (so subtil dieses auch sein mag), "schwache Argumente" sind; nachgeordnet – zwingend beinah – noch immer der wirklichen, der physischen, der materiellen Macht. Vielleicht machte mir gerade das Srebrenica und dessen Umgebung so unheimlich: zu sehen, wie wenig die Bilder der Gequälten den Anderen zu beeindrucken vermochten. Freilich fehlt auch anderswo dem Schmerz (und den guten Argumenten) die expansive Kraft, gibt man auch dort nur der Maschinenpistole nach, aber hier war aufgrund des engen räumlichen Nebeneinanders das alles so greifbar. Man spürte, dass eine Erinnerung genauso weit reichte wie die jeweilige Macht reichte. Nichts floss ineinander. Wenige Grauzonen, kaum ein Dazwischen war noch auffindbar. Die Grenzen stießen glatt aneinander. Ein Schritt genügte, um die Erinnerung an das Andere, Drübenseitige aus dem Blick zu bringen.

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     Das Zwingende (das Absolute, das Unwiderlegbare, das Notwendige, das Unabweisbare, ...) müsste, das wurde mir nicht erst in Srebrenica klar, der Schmerz sein – und er müsste es immer sein; er müsste das erste und letzte Wort haben, dürfte von niemandem übergangen werden, denn im Leiden besteht kein Ziel. "Es darf einfach nicht sein!", dass einer von zwei Schergen die Treppen zur dunklen Kammer hinuntergestoßen und dann an den Armen aufgehängt wird, bis ihm die Schultergelenke ausbrechen. Sowenig wie es sein darf, dass irgendwo Hekatomben von Kindern verhungern, unbemerkt beinah. Man müsste endlich, wie der Nazaräer, die Welt mit den Augen des Leidenden und Ohnmächtigen betrachten und demnach zu verändern beginnen. (In diesem "Perspektivenwechsel" besteht meines Empfindens auch der – zu wenig wahrgenommene? – Kern der christlichen Ethik.)

Allzuoft widersprechen die Dinge freilich dem Wünschen; das Leid des Anderen, Ohnmächtigen wird in Kauf genommen und im schlimmsten Fall verteidigt. Friedrich Nietzsche etwa unterstreicht in seinen Schriften mehr als einmal die Notwendigkeit, sich über die Elenden, Ohnmächtigen und Hässlichen hinwegzusetzen. Nun war Nietzsche ein Kind des 19. Jahrhunderts, er bewunderte Napoleon, aber niemand vermag zu sagen, wie er sich zum Holocaust verhalten hätte; wohin die Ablehnung des jüdischen Christenglaubens und seiner weichlichen Mitleidsmoral (so Hitler in den "Gesprächen" mit Hermann Rauschning) tatsächlich führen konnte, das machten erst Hitler und seine Gefolgsleute deutlich. Sie beseitigten den "moralischen Ansatz" gründlicher aus der Politik als jedes andere Regime. Hier war keine Rede mehr von Mitleid oder Menschlichkeit, im Mittelpunkt ihres Denkens standen Land- und Ressourcengewinn, Versklavung und Machtexpansion – anderes zu behaupten, wäre Unsinn.

     Was man für ein Handeln vorzubringen hat, das scheint mir am Ende jedoch die allesentscheidende Frage zu sein: Wenn man die nationalsozialistische Pest mit ihren Abermillionen Opfern bestenfalls mit der irrigen Annahme "rechtfertigen" kann, dass ihre Ausbreitung die Expansion der Sowjets verhindern sollte (ein Argument, das man im Rahmen der Wehrmachtsausstellung des Öfteren zu hören bekam), dann zeigt sich darin doch nur, wie gewalttätig und inhuman, wie aberwitzig dieses System gewesen ist; allerspätestens seit 1940 hätte man dieses erkennen müssen, zu dem Zeitpunkt nämlich waren die Bestimmungen von Versailles endgültig aufgehoben und dem Naziregime nichts Positives mehr abzugewinnen: Es schuf im Gegenteil nur noch Schmerz und Ungerechtigkeit.

Aber nur wer gegen den Schmerz und die Ungerechtigkeiten auftritt, darf, wenn überhaupt, Rechtfertigung und Verständnis für sein Handeln beanspruchen. Jemanden zu missachten oder zu bedrängen, weil er "gottlos" oder einfach anders ist, für den eigenen Wohlstand die Lebensbedingungen der Anderen zu opfern, das Westjordanland besetzt zu halten, weil es integraler Bestandtteil des Heiligen Landes sein soll, uswusf., all dem fehlt der zwingende Grund, denn man ist entweder dem Schmerz und der Freiheit verpflichtet (Camus) oder ein Diener der Macht.

- - Und natürlich müsste man endlich aufhören, die Dinge mit zweierlei Maß zu messen, dürfte eine Ungerechtigkeit nicht einmal verdammen und ein andermal entschuldigen. Man müsste, hier ist Edward Said nichts hinzuzufügen,...

"...die Krise ausdrücklich als universelle ansehen, den Horizont erweitern, das Leiden einer bestimmten Rasse oder Gruppe oder Nation mit dem Leiden anderer in Zusammenhang bringen. Es geht nicht an, nur zu versichern, dass ein Volk vertrieben, unterdrückt oder niedergemetzelt, seiner Rechte und seiner politischen Existenz beraubt wurde, ohne zu tun, was Fanon während des Algerienkrieges tat, nämlich diese Schrecken mit ähnlichen, von anderen erlittenen Schrecken in Verbindung zu setzen. Dies relativiert keineswegs die historische Besonderheit, sondern schützt davor, eine Lehre, die aus einer Erfahrung der Unterdrückung gezogen wurde, in einer anderen Situation außer Acht zu lassen."

     Für einen Konflikt wie den jugoslawischen hieße dies: Zurückzugehen in die Zeit, wo es noch keine "Sieger" und "Besiegte" gab, Nach-Schau zu halten, welche "Ungerechtigkeiten" einen Konflikt eskalieren haben lassen und wie gehaltvoll diese waren. (Wie schlimm war es für Kroatien und Slowenien tatsächlich, jugoslawische Teilrepubliken zu sein? Wie sind oder wären die Serben im neuentstandenen kroatischen Staat behandelt worden? Welche Stellung wurde den Muslimem Ostbosniens im geplanten Großserbien zugedacht? Welche Verschlechterungen erwarteten die Serben durch die Auflösung Jugoslawiens? Wie sah die Kriegsführung der Serben, Kroaten, Bosnier aus? Uswusf.) Dabei dürfte keine Partei geschont werden, kein Anteil am Konflikt ausgespart bleiben – bloß selten ist die Schuld so einseitig verteilt wie zwischen Juden und Nazis –, die ganze Geschichte und Vorgeschichte des Krieges ist zu erzählen, jedes Vergehen gegen die Menschlichkeit zu benennen, gleich welcher Seite es zuzuschreiben ist.
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(c) Hermann Maier

Republika Srpska, Bijeljina

Dort, wo der bosnische Krieg begonnen hat, wird jetzt eine zerstörte Moschee wiederaufgebaut.
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(c) Hermann Maier

Kroatien, zwischen Vukovar und Osijek

10, 12 Jahre, und der Krieg wird aus den Augen verschwunden sein.
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     Ohne die Aktzeptanz eines absoluten Prinzips (das Prinzip des Schmerzes) und ohne die universelle Anwendung dieses Prinzips, wie sie Handke in der Winterlichen Reise und vor allem in derem Sommerlichen Nachtrag fordert, bleibt, so scheint es mir, jede Versöhnung unmöglich.
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