Gott ist Mensch geworden
 

_________________________Von Hermann Maier_________________________

Wenn es Gott wirklich gäbe und wenn sich dieser Gott wirklich entschlossen hätte, Mensch zu werden, schießt es mir in einer übel nach Schweiß riechenden Gaststätte durch den Kopf, dann müsste er jetzt eigentlich vor mir sitzen: bebrillt und Torte essend. Oder er würde sich mir ein paar Tage zuvor in der Gestalt einer sinnlichen Frau offenbart haben. Dass er sich ausgerechnet diesen Jesus von Nazareth ausgesucht hätte, halte ich für ebenso unwahrscheinlich und ungeheuerlich wie es der Hohepriester Kajaphas getan hat. Denn eigentlich kann man sich über einen Menschen wie Jesus, um mit Kierkegaard zu sprechen, nur "ärgern": Das andauernde Gerede über Gott und das Letzte Gericht, sein exzentrischer Wunderglaube und seine übertriebene Enthaltsamkeit töten noch dem geduldigsten Menschen den Nerv.

Gott war mir schon als Teenager zu blöd und bald bin ich auch dem Jesus-Rummel entflohen. Das Gute, dachte ich, müsste anderswo zu finden sein: Zuerst habe ich es auf windumtosten Gipfeln und in der Unendlichkeit des Weltraums, auf den unbefahrenen Meeren und in den entferntesten Gegenden gesucht. Vergeblich. Auch die hellsten Sonnen stellten sich als Blendwerk heraus. Erst als ich begonnen habe, die Steine vor meinem Haus umzudrehen, bin ich fündig geworden. Das Gute, weiß ich heute, ist unscheinbar und leicht zu übersehen: Manchmal ist es alt und hässlich.

Wie gesagt: Ich habe Gott längst aus meinem Kopf ausgetrieben. Wenn ich aber mit F zusammen bin, mich dieser Kathy im Film "Dancers in the dark" erinnere oder in der Zeitung von den großen Taten eines kleinen Menschen lese, dann werde ich religiös: Ich spüre, wie die Freude durch meinen Körper huscht.


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