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Vermischte Gedanken zum Altern
...

Der Zivildienst in einem Altersheim hat meine negative Haltung gegenüber
dem Alter nur bestärkt; ich glaube heute, dass der, der das Alter
idealisiert, einen krassen Irrtum begeht.
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V
on Hermann Maier
(27. 08. 2000)

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Hermann Maier
(1973-2006)

 

 

 

Noch immer erscheint
mir das Alter als etwas
Unerträgliches, Bedau-
ernswertes und Erbärm-
liches.


 

 

 

 

 

Zwei Menschen, die
dasselbe durchmachen,
machen niemals das-
selbe durch!

 

 

 

 

 

 

Theo Angelopoulos'
"Die Ewigkeit und ein Tag":
Ein Mann in gesetztem Alter
begibt sich auf den Weg in
ein Sanatorium, das er nicht
mehr lebend verlassen wird.

 

 

 

 

 

 

Das Fehlen des Helden
als Jüngerer desillusioniert
und entlarvt jegliches
Familienidyll als bloßes
Hirngespinst.

 

 

 

 

 

 

Oft begegnen uns Alte,
deren Seele "abgestorben"
ist: Wichtige Erinnerungen
und Gedanken, Melodien
und Sehnsüchte sind ihrem
Kopf entschwunden.

"Heute wie gestern glaube ich, dass gesellschaftlich alles unternommen werden
muss, um alternden und alten Menschen ihr missliches Geschick zu erleichtern. Und zugleich beharre ich noch immer darauf, dass alle hochherzigen und hoch
achtenswerten Bemühungen in dieser Richtung zwar möglicherweise etwas zu
lindern vermögen - also: gleichsam harmlose Analgetika sind - dass sie aber am
tragischen Ungemach des Alterns nichts Grundsätzliches zu verändern,
zu verbessern imstande sind." (Jean Améry)

     Nein, an meiner grundsätzlichen Einstellung dem Alter gegenüber hat sich durch die Arbeit im Altenheim (Der Autor dieser Zeilen hat in der Zeit vom 1. Februar 1999 bis zum 31. Jänner 2000 seinen Zivildienst in einem Altersheim versehen, Anm.) nichts geändert: Noch immer erscheint mir das Alter als etwas Unerträgliches, Bedauernswertes und Erbärmliches. Gewiss, es gibt Alte, denen es gelungen ist, so manch eine ihrer Begabungen (beispielsweise ihre Denkkraft) zu bewahren und ins Alter "herüberzuretten"; schlussendlich überlagern aber die hässlichen Mitbringsel des Alters alles andere. Altern, erklärt der Maler Strauch in Thomas Bernhards "Frost", heißt "leiden, absterben und am lebendigen Leib verfaulen." Der Gedanke an die eigene "Altersunfähgikeit" kann daher nur schreckerregend sein. Der junge Mensch will nicht wahr haben, dass diese seine Augen einmal nicht mehr in der Lage sein werden, Sartre- oder Camus- oder Nietzsche-Sätze zu entziffern, oder dass seine Beine einst nicht mehr dazu taugen werden, einen Drahtesel über die höchsten Dolomitenpässe zu bewegen, und wird tagtäglich eines Besseren belehrt.

Doch halt! Ist uns nicht bis zum Überdruss eingetrichtert worden, dass man seine Vorstellungen den Gegenständen (hier: dem Phänomen Alter) gegenüber nicht bedenkenlos auf andere Menschen übertragen kann und darf? Haben wir uns in anderen Belangen nicht entschieden gegen sinnlose Pauschalierungen und Verallgemeinerungen gewehrt? Gehört die Feststellung, dass sich Glück bzw. Unglück immer subjektiv definiert, nicht längst schon zum philosophischen Allgemeingut? Natürlich, darüber sollte man nicht hinwegsehen: Ein Zustand kann nur dann angemessen beurteilt werden, wenn man fragt, wie ihn die Person, die es betrifft, empfindet und "erlebt"! (Dem wird man bei der Euthansie-Debatte größte Aufmerksamkeit schenken müssen!). Gram, Freude, Lust, Leid oder Schmerz: Seelenzustände müssen "individualisiert" gedacht und behandelt werden, weil (philosophisch gesprochen) das "Verhältnis" zu den Dingen in jedem Falle individuell ist. Mit einem Wort: Zwei Menschen, die dasselbe durchmachen, machen niemals dasselbe durch!

    Zu den bemerkenswertesten Filmen im abgelaufenen Kinojahr gehört für mich . In den für ihn typischen langen (zuweilen langatmigen) Kameraeinstellungen konfrontiert uns Angelopoulos mit dem Thema des "Zeitvergehens" (Jean Améry): Ein Mann in gesetztem Alter begibt sich auf den Weg in ein Sanatorium, das er, so wird es im Film angedeutet, nicht mehr lebend verlassen wird. An diesem seinem "letzten" Tag (vor der Einweisung) zieht er die Bilanz aus seinem Leben; vieles, so muss er sich im Nachhinein eingestehen, ist schief gelaufen: Seine Arbeit als Schriftsteller, Reisen und anderes waren ihm immer wichtiger als seine mittlerweile verstorbene Frau oder seine inzwischen erwachsene Tochter. Voll Sehnsucht "erträumt" sich der Alte eine Vergangenheit, in der er für diese beiden da ist, in der er mit diesen beiden sein kann:

Ganz im Stile der Surrealisten, die versuchen, Träume und Irrationales zu vergegenständlichen, lässt Angelopoulos die Vergangenheit noch einmal real entstehen - mit einem kleinen, wenn auch gewichtigen Unterschied: Der alte Mann ist in ihr zugegen: Wir sehen wie er seine Frau küsst, seine kleine Tochter in den Arm nimmt, ein Familienfest mitfeiert. So weit, so gut? Es hat eine Weile gedauert, bis mir der Schlüssel zu diesem Film klar geworden ist: In all diesen Vergangenheitssequenzen tritt der Protagonist immer als Gealterter auf; als der, der er damals tatsächlich war, fehlt er immer. Damit ist die Botschaft eindeutig: Der Gealterte ist es, nach dem die Vergangenheit so abgelaufen wäre, wie sie dargestellt wird. Das Fehlen des Helden als Jüngerer aber desillusioniert und entlarvt jegliches Familienidyll als bloßes Hirngespinst und eben als Traum des Alten!

    Angelopoulos hält den Menschen dazu an, sich beizeiten auf das Wesentliche zu besinnen: Wir, so gibt er uns zu verstehen, behandeln gewisse Dinge unser Lebtag lang stiefmütterlich und kommen oft erst im letzten Augenblick drauf, dass sie das eigentlich Wichtige im Leben gewesen wären. Am "letzten Tag" versuchen wir dann das zu tun, was wir eine "ganze Ewigkeit" verabsäumt haben - und können in diesem Bestreben nur scheitern!

Beim Betrachten des Porträts des kranken Nietzsche: Oft begegnen uns Alte, deren Seele "abgestorben" ist: Wichtige Erinnerungen und Gedanken, Melodien und Sehnsüchte sind ihrem Kopf entschwunden. Uns zeigt sich ein anderer Mensch als der, der war. Jetzt muss unser Gedächtnis als Seelenprothese des Anderen fungieren: Wir wissen, wer dieser Mensch gewesen ist und hauchen ihm dadurch neues Leben ein.

    David Lynch – "the Straight story": Das Schlimmste am Alt-Sein sei, antwortet der Alte Alvin Straight einem vitalen jungen Mann, sich zu erinnern, einmal jung gewesen zu sein.

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