|
Hermann Maier
(1973-2006)
Noch immer erscheint
mir das Alter als etwas
Unerträgliches, Bedau-
ernswertes und Erbärm-
liches.
Zwei Menschen, die
dasselbe durchmachen,
machen niemals das-
selbe durch!
Theo Angelopoulos'
"Die Ewigkeit und ein Tag":
Ein Mann in gesetztem Alter
begibt sich auf den Weg in
ein Sanatorium, das er nicht
mehr lebend verlassen wird.
Das Fehlen des Helden
als Jüngerer desillusioniert
und entlarvt jegliches
Familienidyll als bloßes
Hirngespinst.
Oft begegnen uns Alte,
deren Seele "abgestorben"
ist: Wichtige Erinnerungen
und Gedanken, Melodien
und Sehnsüchte sind ihrem
Kopf entschwunden.
|
"Heute wie gestern glaube
ich, dass gesellschaftlich alles unternommen werden
muss, um alternden und alten Menschen ihr missliches Geschick zu
erleichtern. Und zugleich beharre ich noch immer darauf, dass alle
hochherzigen und hoch
achtenswerten Bemühungen in dieser Richtung zwar möglicherweise
etwas zu
lindern vermögen - also: gleichsam harmlose Analgetika
sind - dass sie aber am
tragischen Ungemach des Alterns nichts Grundsätzliches zu verändern,
zu verbessern imstande sind."
(Jean Améry)
Nein,
an meiner grundsätzlichen Einstellung dem Alter gegenüber hat sich durch die
Arbeit im Altenheim (Der Autor dieser Zeilen hat in
der Zeit vom 1. Februar 1999 bis zum 31. Jänner 2000 seinen Zivildienst in
einem Altersheim versehen, Anm.) nichts geändert:
Noch immer erscheint mir das Alter als etwas Unerträgliches, Bedauernswertes
und Erbärmliches. Gewiss, es gibt Alte, denen es gelungen ist, so manch eine
ihrer Begabungen (beispielsweise ihre Denkkraft) zu bewahren und ins Alter
"herüberzuretten"; schlussendlich überlagern aber die hässlichen Mitbringsel
des Alters alles andere. Altern, erklärt der Maler Strauch in Thomas
Bernhards "Frost", heißt "leiden, absterben und am lebendigen Leib
verfaulen." Der Gedanke an die eigene "Altersunfähgikeit" kann daher nur
schreckerregend sein. Der junge Mensch will nicht wahr haben, dass diese
seine Augen einmal nicht mehr in der Lage sein werden, Sartre- oder Camus-
oder Nietzsche-Sätze zu entziffern, oder dass seine Beine einst nicht mehr
dazu taugen werden, einen Drahtesel über die höchsten Dolomitenpässe zu
bewegen, und wird tagtäglich eines Besseren belehrt.
Doch halt! Ist
uns nicht bis zum Überdruss eingetrichtert worden, dass man seine
Vorstellungen den Gegenständen (hier: dem Phänomen Alter) gegenüber nicht
bedenkenlos auf andere Menschen übertragen kann und darf? Haben wir uns in
anderen Belangen nicht entschieden gegen sinnlose Pauschalierungen und
Verallgemeinerungen gewehrt? Gehört die Feststellung, dass sich Glück bzw.
Unglück immer subjektiv definiert, nicht längst schon zum philosophischen
Allgemeingut? Natürlich, darüber sollte man nicht hinwegsehen: Ein Zustand
kann nur dann angemessen beurteilt werden, wenn man fragt, wie ihn die
Person, die es betrifft, empfindet und "erlebt"! (Dem wird man bei der
Euthansie-Debatte größte Aufmerksamkeit schenken müssen!).
Gram, Freude, Lust, Leid oder Schmerz: Seelenzustände müssen
"individualisiert" gedacht und behandelt werden, weil (philosophisch
gesprochen) das "Verhältnis" zu den Dingen in jedem Falle individuell ist.
Mit einem Wort: Zwei Menschen, die dasselbe durchmachen, machen niemals
dasselbe durch!
Zu
den bemerkenswertesten Filmen im abgelaufenen Kinojahr gehört für mich . In den für ihn typischen langen
(zuweilen langatmigen) Kameraeinstellungen konfrontiert uns Angelopoulos mit
dem Thema des "Zeitvergehens" (Jean Améry): Ein Mann in gesetztem Alter
begibt sich auf den Weg in ein Sanatorium, das er, so wird es im Film
angedeutet, nicht mehr lebend verlassen wird. An diesem seinem "letzten" Tag
(vor der Einweisung) zieht er die Bilanz aus seinem Leben; vieles, so muss
er sich im Nachhinein eingestehen, ist schief gelaufen: Seine Arbeit als
Schriftsteller, Reisen und anderes waren ihm immer wichtiger als seine
mittlerweile verstorbene Frau oder seine inzwischen erwachsene Tochter. Voll
Sehnsucht "erträumt" sich der Alte eine Vergangenheit, in der er für diese
beiden da ist, in der er mit diesen beiden sein kann:
Ganz im Stile der
Surrealisten, die versuchen, Träume und Irrationales zu vergegenständlichen,
lässt Angelopoulos die Vergangenheit noch einmal real entstehen - mit einem
kleinen, wenn auch gewichtigen Unterschied: Der alte Mann ist in ihr
zugegen: Wir sehen wie er seine Frau küsst, seine kleine Tochter in den Arm
nimmt, ein Familienfest mitfeiert. So weit, so gut? Es hat eine Weile
gedauert, bis mir der Schlüssel zu diesem Film klar
geworden ist: In all diesen Vergangenheitssequenzen tritt der
Protagonist immer als Gealterter auf; als der, der er damals tatsächlich
war, fehlt er immer. Damit ist die Botschaft eindeutig: Der Gealterte ist
es, nach dem die Vergangenheit so abgelaufen wäre, wie sie dargestellt wird.
Das Fehlen des Helden als Jüngerer aber desillusioniert und entlarvt
jegliches Familienidyll als bloßes Hirngespinst und eben als Traum des
Alten!
Angelopoulos
hält den Menschen dazu an, sich beizeiten auf das Wesentliche zu besinnen:
Wir, so gibt er uns zu verstehen, behandeln gewisse Dinge unser Lebtag lang
stiefmütterlich und kommen oft erst im letzten Augenblick drauf, dass sie
das eigentlich Wichtige im Leben gewesen wären. Am "letzten Tag" versuchen
wir dann das zu tun, was wir eine "ganze Ewigkeit" verabsäumt haben - und
können in diesem Bestreben nur scheitern!
Beim Betrachten
des Porträts des kranken Nietzsche: Oft begegnen uns
Alte, deren Seele "abgestorben" ist: Wichtige Erinnerungen und Gedanken,
Melodien und Sehnsüchte sind ihrem Kopf entschwunden. Uns zeigt sich ein
anderer Mensch als der, der war. Jetzt muss unser Gedächtnis als
Seelenprothese des Anderen fungieren: Wir wissen, wer dieser Mensch gewesen
ist und hauchen ihm dadurch neues Leben ein.
David
Lynch – "the Straight story": Das Schlimmste am Alt-Sein sei, antwortet der
Alte Alvin Straight einem vitalen jungen Mann, sich zu erinnern, einmal jung
gewesen zu sein. |
|