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Terror und Widerstand
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"If you forget history you will believe anything. […] If we don’t have any history,
we’ll live our lives believing what we’re taught in school, that America is a beacon
for democracy and freedom in the world. We’ll think that we’ve been the Boy Scouts of
the world, helping countries across the street"
(Howard Zinn)

Von Hermann Maier



 

 

Sa’id Ghazali,
The story of Hiba

Jede Geschichte ist eine Verzerrung der Wirklichkeit

   Was bringt z.B. die 19jährige Hiba aus der Westbank dazu, sich vor einer israelischen Mall in die Luft zu sprengen? Nochmal den Duft der Rosen einzusaugen und dann loszumarschieren, um ihr völlig Unbekannte über den Jordan zu jagen? – Tatsache ist, die Studentin der englischen Literatur war religiöse Fanatikerin; sie bedeckte ihren Körper bis auf die Augen, las andauernd im Koran und hasste es, wenn das Radio Lovesongs spielte. Doch das ist nicht alles: Da waren noch diese Graffitis überall; die Ausgangssperren; die Verhaftung ihres Bruders. Und nicht zuletzt der israelische Soldat, der sie zwang, ihren Schleier abzunehmen...

"Doch das ist nicht alles": Selten zuvor hatte man so das Gefühl, den "offiziellen Stimmen" zum Terrorismus, aber auch den sich auf die Terrorbereiten beziehenden Fernseh- und Zeitungsbildern etwas hinzufügen zu müssen; keine neuen Tiefsinnigkeiten, wie man vielleicht meinen könnte, nein: vielmehr Schon-Geschriebenes, Schon-Gewusstes, Schon-einmal-ans-Zeitungslicht-Gebrachtes. Es geht dabei um so schlichte Hinweise wie den, dass so mancher von den Palästinensern, die 1948 von der israelischen Armee systematisch aus ihren Häusern und von ihren Feldern vertrieben worden sind - und nicht einfach, aufgescheuchten Hühnern gleich, aus ihrer Heimat "geflohen" sind, wie es in einer Dokumentation des ansonsten gründlichen Gemeinschaftssenders 3SAT zu hören war -, noch immer auf die Grenzhügel seines Gastlandes steigt, um zornig-sehnsüchtig sein altes Heimat-, ihm nunmehr verbotenes israelisches Land zu betrachten. Derlei lässt sich wie gesagt leicht herausfinden, man muss dafür nicht große Nachforschungen anstellen; die wesentliche intellektuelle Herausforderung ist ein Lesen: ein Wieder-Lesen und (Sich-)Wieder-Erinnern.

     Wohlgemerkt ist der "Kampf der Erinnerung gegen das Vergessen" (Zinn) nicht einer gegen den Westen, die USA oder gar gegen die Juden. Wer so denkt (hofft?), der braucht mit Handke gesprochen "gar nicht erst weiterzulesen". Hier geht es um die Verzerrungen und Entstellungen, die in der Beschreibung des Verhältnisses zwischen Islam und Westen geschehen sind; vor allem aber um die Feststellung, dass die Geschichte der "terrorbereiten Gesellschaft" ziemlich kompliziert ist, viel komplizierter jedenfalls als sie seit dem 11. September 2001 erzählt wird.

 

 

 

Josef Joffe, Die Zielscheibe: Unsere Zivilisation

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Seit damals, seit den Anschlägen auf das World Trade Center und das Pentagon, wird Terror vor allem als ideologisches, als kulturelles Phänomen wahrgenommen: als ein Konflikt zwischen der „zivilisierten" und der "unzivilisierten" Welt: Sie, die islamischen Glaubenskämpfer, schreibt etwa Josef Joffe in der ZEIT, würden "den freien Markt hassen, die liberale Ordnung, das interessengeleitete Individuum, die Freiheit zur Selbstbestimmung, die Trennung von Kirche und Staat"; kurzum, alles, was die westliche Identität ausmacht. - Und weil sie diese Unterschiede in der Lebensart, diese gravierende Andersheit (anders heißt in dieunseremsem Fall natürlich besser) nicht verkraften und tolerieren könnten, würden sie mit Flugzeugen in Hochhäuser rasen oder mit Sprengstoffgürteln in vollbesetzte Busse steigen.

 

 

 

 

 

Samuel Huntington, The clash of civilizations?

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     In der Terrorisierung unserer Gesellschaft sähen sie einen letzten Ausweg, ihren Gott, ihre Werte zu retten. Und wenn man sich so lange gefragt und gestritten habe, was auf die kommunistische Gefahr folgen würde, hier sei es: Beirut (1983 und nicht 1985), Nairobi/Daressalam, die Intifada, Aden, El Dscherba, Bali und schließlich das Zusammensacken der Twin Towers wären Hinweis genug, dass die Weltgeschichte in eine "neue Phase" eingetreten sei und ihre Dominante gewechselt habe. - In Nichts hätten sich die Thesen vom "Ende-der-Geschichte" Francis Fukuyamas aufgelöst, dafür bestätigten sich – wie konnten wir das so lange übersehen!- die Ideen des Harvard-Politologen Samuel Huntington. Der gab schon 1993 in einem Aufsatz zu bedenken, dass die Konflikte der Zukunft primär durch kulturelle Unterschiede entstünden und nicht etwa durch die ökonomischen oder politischen Interessenslagen: "The clash of civilizations". Jetzt verstand man das! (Wohl auch deshalb, weil Huntington zwischen dem Westen und dem Islam die größten Spannungen, die gefährlichsten Differenzen vernimmt. Und wohl auch deshalb, weil er eine absolute Überlegenheit der westlichen Kultur annimmt.)

Und alles fügte sich in ein klares historisches Bild: Der Fall des Eisernen Vorhangs bedeute die Auflösung der kommunistischen Gefahr und damit das Ende des 20. Jahrhunderts. Der 11. September hätte uns drastisch (So ein großer Knall!) die "neue Bedrohung", die "Geißel des 21. Jahrhunderts" vor Augen geführt. Nicht mehr die zukunftssüchtigen Anhänger einer falschen Philosophie bestürmten den Westen; unaufgeklärte, rückschrittliche Rowdys wären an ihre Stelle getreten: eine Mischung aus dem radikalen florentinischen Dominikanermönch Girolamo Savonarola und dem ultraharten Alex aus Stanley Kubricks A Clockwork Orange gewissermaßen.

    Diesen Aggressoren müssten wir uns entgegenstellen; uns gegen deren barbarischen Irrationalismus wehren. Unsre Kultur, unsre Art zu leben wären es wert, mit allen Mitteln verteidigt zu werden. Immerhin "besäßen wir Mozart und Michelangelo und sie nicht" (Silvio Berlusconi)!

Der "nackte Terror" (Josef Joffe) gegen die Freiheit also? "We are good and they are evil!" (Bush II) also? Nun, am Morgen des 11. September 2001 kidnappten 19 Araber vier Flugzeuge und funktionierten sie zu Bomben um. Es war das der erste Angriff auf das Territorium der Vereinigten Staaten seit dem englisch-amerikanischen Krieg von 1812; und er kam (für uns) völlig überraschend. - Das sind die Fakten.

    Jeder von uns weiß noch, wann er davon erfahren hat; welche Arbeit er unterbrochen hat, um sich wieder und wieder den Ablauf der Ereignisse anzusehen. Diese Bilder aus den USA! Wer hätte damit gerechnet?

Ungeheuerlich waren die Ziele, die sich die Attentäter auserkoren hatten, ungeheuerlich ihre Grausamkeit und die Perfektion in der Planung; (Wie oft sind sie wohl, den Tag X simulierend, durch die Sicherheitsschleusen des Bostoner Flughafens marschiert?) ungeheuerlich war vor allem die Tatsache, dass hier eine Supermacht und mehr noch: die Zentren einer Supermacht getroffen worden sind.

     Freilich, schon öfter haben es "Aufständische" geschafft, mit ihren Bomben in die Machtzentren vorzudringen: die Palästinenser nach Jerusalem oder Tel Aviv, die Tschetschenen nach Moskau, die Rebellen Kaschmirs nach Delhi. - Einen Anschlag wie diesen allerdings hatte die Welt noch nicht erlebt.

Verblüffte (und erzürnte) uns nicht gerade das am meisten? Dass hier einer uns nahestehenden "Imperialmacht" von der Peripherie her (um das Wort "Kolonie" zu vermeiden) ein so gewaltiger Schlag versetzt wurde? Spielten in unsere Bestürzung nicht auch die uns von unseren Lehrern vermittelten Kategorien hinein? Im Sinne von: Rom am Rhein, in Gallien oder in Kleinasien, das war schon o.k., aber die Goten und Vandalen in Rom: ein Skandal!

 

 

 

Paul Auster, Jetzt beginnt das 21. Jahrhundert

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    Die USA, auch das machte den Anblick der brennenden und dann zusammenstürzenden Türme des World Trade Centers so grauenhaft, würden sich diese Demütigung nicht gefallen lassen und Vergeltung üben. (Man schlägt Rom nicht einfach ins Gesicht!) Man musste kein Hellseher sein, um vorauszusehen, "dass die Folgen dieses Angriffs zweifellos schrecklich sein werden. Noch mehr Gewalt, noch mehr Tote, mehr Schmerz für alle."

Am Abend dann, auf CNN, die Bilder von Afghanistan: Alles erwartet förmlich den US-Angriff, d.h. die militärische Vergeltung für das Erlittene. ("We have to strike back!", antwortet ein New Yorker Passant dem Journalisten, der wissen will, wie die Vereinigten Staaten auf das Geschehene reagieren sollten.) Und kaum eine, nein: keine Stimme erhebt sich, die gerichtliche Verfolgung der Drahtzieher der 9/11-Attacken zu fordern...

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     So oft sind die Bilder der Ereignisse des 11. Septembers wiederholt worden, dass sie alle anderen Eindrücke geschwächt, wenn nicht überhaupt verdeckt haben: 19 Araber haben 4 Flugzeuge entführt und damit ein Großverbrechen an Amerika verübt. So geht die Geschichte. Und immer und immer wieder diese Bilder: Amerika (bzw. der Westen) als tragisches Opfer, Araber (bzw. Muslime) als Täter.

Aber war es nicht so? Doch, natürlich: Am 11. September 2001 sind die Vereinigten Staaten von Amerika zum Opfer geworden; Araber haben ein scheußliches Verbrechen gegen dieses Land und seine Bevölkerung verübt. Dieses zu zeigen, ist notwendig. Sicher. Sind wir uns aber der Schieflage bewusst, haben wir bemerkt, dass die Bildermassen uns längst schon parteiisch und einseitig gemacht haben, uns eingebläut haben, dass der Westen meistens das Opfer ist und die islamische Welt immer der Täter?

- Auch der zweite Eindruck, den uns das andauernde Replay der in die Twin Towers krachenden Verkehrsmaschinen vermittelt, nämlich dass der Konflikt, der "Krieg" zwischen Amerika und dem Islam erst am 11. September begonnen hätte und, wichtig: von islamischer Seite begonnen worden wäre, ("Sie haben angefangen!") ist nicht unbedingt richtig.

 

Robert Fisk, Bush is marching straight into Bin Laden’s trap

    Die Terrorattacken auf New York und Washington, Terrorattacken überhaupt, haben in Wahrheit eine lange Vorgeschichte. Sie sind im Kontext, sind "historisch" zu betrachten. Das gerade hat man aber nach dem 11. September nicht getan. Kaum jemand interessierte sich wirklich für die Frage nach dem Warum, den Motiven, den Hintergründen dieser schrecklichen Tat. Und schlimmer noch: Politiker und willfährige Medien haben alles unternommen, um von den Motiven und Hintergründen der Täter wegzuführen. Wer hat es getan (Araber!), wie ist es geschehen (Mit einer Boeing!) und was ist geschehen (Tausende tote Amerikaner!), allein darauf, auf diese, man verstehe das nicht falsch: "oberflächliche" Darstellung der Dinge, hat man sich konzentriert. – So kam es, dass man das World Trade Center im Fernsehen aberhunderte Male hat einstürzen sehen und sich gleichzeitig durch alle möglichen Sender zappen musste, um den einen Blick auf das halbverhungerte irakische Kind zu erheischen.

Solcherlei "Bilder-Gewalt" hat fraglos Folgen auf unsre Vorstellungen. Sie verändert die Welt, aus der heraus wir handeln: Sind wir beispielsweise einmal überzeugt, dass sie von Grund auf böswillig sind und uns in der Durchsetzung absurder Ziele (Zurück ins Mittelalter!) mit allen denkbaren Mitteln an den Kragen wollen ("Atombomben auf London!", Steve Forbes), und sind wir gleichzeitig davon überzeugt, dass wir erstens gar keine Verbrechen begehen können und uns zweitens "bloß verteidigen" – immer bloß verteidigen, dann ist uns dadurch vieles erlaubt, was uns andernfalls verwehrt geblieben wäre: Wir können etwa in den Irak marschieren und behaupten, es ginge nicht um Öl. Und wir können in Jenin ein Blutbad anrichten ohne uns die Hände schmutzig zu machen.

 

 

 

 

Edward Said, Culture and Imperialism

 

 

 

Covering the Middle East, an Interview with Robert Fisk

     Wer die Bilder - die "Welt der Bilder" und die Vorstellungen beherrscht, wer seine Taten und Vorhaben am besten zu "rationalisieren" und rechtfertigen versteht, das wissen alle kleineren und größeren "Welten-Lenker", hat das Wichtigste schon geschafft. Nun hat man den Morgenländern nicht erst am 11. September den "Bilderkrieg" erklärt, nein, "seit Jahrzehnten schon", schreibt der palästinastämmige Intellektuelle Edward Said, ...

"...tragen die Vereinigten Staaten einen kulturellen Kampf gegen die Araber und den Islam aus: Mit miesen Karikaturen wird der Eindruck erweckt, als ob die Bevölkerung des Nahen Ostens nur aus Scheichs und Terroristen bestünde und die dortigen Wüstenregionen nur dazu taugten, um Profite zu machen oder Krieg zu führen."

Der medialen Macht des Westens, vornehmlich der USA, hat die islamische Welt abgesehen von Al Jazeera wenig entgegenzusetzen. Die meisten Bilder aus dem Nahen Osten kommen aus dem Westen. Nicht selten von Korrespondenten wie jenen von CNN, die mit dem Auftrag in die Region geschickt werden, nur nicht zuviel vom Leid der dort ansässigen Bevölkerung zu zeigen: Immerhin hätten die ja Bin Laden versteckt und den 11. September ausgeheckt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bassam Tibi, "Die Unfreiheit wird größer"

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     Freilich, viele Terrorattacken gehen auf das Konto von Organisationen, die sich ausdrücklich einem islamischen Fundamentalismus verschrieben haben. Dieses Unleugbare hat zu den schlechten Bildern von den Muslimen geführt und dazu, dass terroristische Gewalttaten häufig als Kampf gegen die aufgeklärte Welt und für eine rückschrittliche "Gottesordnung" begriffen worden sind. Amerika etwa, beteuerte George Bush junior seinen Landsleuten, wurde zum Ziel des internationalen Terrorismus, weil es weltweit kein fortschrittlicheres und freiheitsliebenderes Land gebe. ("America was targeted for attack, because we are the brightest beacon for freedom and opportunity in the world") Ihr Hass sei nichts weiter als ein Hass auf das Moderne und gemessen an unseren Wertvorstellungen völlig irrational und unverständlich. ("Warum hassen sie uns so?")

Überhaupt seien die "Probleme", die sie mit uns haben, ganz und gar aus der arabisch-islamischen Gesellschaft zu erklären: ("Sie sind das Problem!") Ihr Hang zur Intoleranz und autokratischen Maßlosigkeit, ihre Unfähigkeit zum demokratischen Kompromiss und Das-jedem-den-Kopf-abschlagen-dem’s-nicht-passt, kurz ihre "[mangelnde] politische Kultur" (Bassam Tibi) würden nicht nur im Inneren bestimmend sein, sondern mehr und mehr auch nach außen getragen – eben in Form des Terrors. Die Tausenden unschuldigen Opfer des 11. Septembers wären das bislang krasseste Beispiel dieser Expansion des Grauens, d.h. des Versuchs, dem Westen ein überwundenes Gesellschaftsmodell aufzudrängen.

 

Noam Chomsky, 9-11

 

UNDP, First Arab Human Development Report;

 

Robert Fisk, All these cruel Muslim regimes abuse the people of the Middle East;

 

Robert Fisk, UN highlights uncomfortable truths for Arab world

     Die Dinge so zu betrachten, ist ziemlich bequem. Denn wenn sie uns wegen nichts hassen, gibt es auch nichts, was wir von unserer Seite aus verändern müssten, um den Konflikt zu entschärfen. Gleichzeitig sind wir ohne Schuld vieler Schranken entledigt und geradezu verpflichtet, uns mit aller Gewalt zu verteidigen.

Nun braucht man die arabisch-islamische Welt nicht romantisch zu sehen: Im Iran werden Schauspielerinnen – meist unter dem lauten Beifall der Bevölkerung - gesteinigt, wenn sie in Filmen auch nur halb so viel Haut zeigen wie Jennifer Lopez; in Ägypten sperrt man missliebige Journalisten gleich für Jahre weg; und "Saddam Hussein hat seine eigenen Landsleute vergast!" (Tony Blair) Das alles ist nicht zu bestreiten. Und wenn man den religiösen Fanatismus oder die Grausamkeit der Araber bzw. des Islam zu bestätigen sucht, dann wird man leichtes Spiel haben.

     Die andere Wahrheit aber ist, dass der Westen in der Region für viele Ungerechigkeiten mitverantwortlich ist und dort immer noch auftritt wie das Empire in seinen Kolonien.

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So sehen die Vereinigten Staaten seit mehr als 50 Jahren zu, wie sich Israel zum Schaden der Araber am internationalen Recht vergeht. Doch damit nicht genug, gewährt das offizielle Amerika Israel Jahr für Jahr 3 Mrd. Dollar an Militärhilfe; Mittel, die, wie es das regelmäßige Auftauchen der mit Lockheed-Martin-Raketen bestückten Apaches über den besetzen Palästinensergebieten so offensichtlich macht, in hohem Maße der Okkupationsarmee zufließen.

     Nicht minder fragwürdig ist die Haltung der westlichen Welt zu den arabisch-islamischen Regimen: Sicher kann sich noch jeder daran erinnern, wie ein US-Panzer die Saddam-Hussein-Statue unter dem Jubel der Bevölkerung Bagdads geschliffen hat; wie "die" (oder doch nur einige) Irakis den Amerikanern vor zahllosen zufällig laufenden Kameras für die "Befreiung" gedankt haben.

Der Jubel der Menschen über den Sturz Husseins ist zweifellos echt gewesen. Aber er hätte zu denken geben müssen, nicht als nachträgliche Rechtfertigung der Invasion des Irak herhalten dürfen ("Was wollen Sie? Wir haben sie befreit!", Donald Rumsfeld). Der Jubel hätte verstanden werden sollen als das, was er gewesen ist: die Freude über das Ende einer unpopulären, viel zu lange vom Westen gestützten Herrschaft. Er hätte ganz generell zur Frage der Repression in der Region führen müssen.

 

Robert Fisk, Victory for Ben Ali makes a mockery of Tunisians; The Middle East according to Robert Fisk, by Marc Cooper [Interview]; Jonathan Steele, Exiles voice fears as conflict looms

 

Edward Said interviewed by David Barsamian

 

 

 

 

 

 

Robert Fisk, What the US President wants us to forget

     Tatsächlich gibt es in der arabisch-islamischen Welt (abgesehen vielleicht von den von Khatami bzw. Erdogan geführten Regierungen) kaum einen populären Herrscher. "Wahlen", so überhaupt welche stattfinden, die den Regierenden zwischen 98 (Mubarak in Ägypten) und 99,52 % (Ben Ali in Tunesien) der Stimmen einbringen, sind kindisch und bestätigen den repressiven, undemokratischen Charakter der Herrschaft eher als sie ihn widerlegen.

Der "wirklich traurige Teil" an der ganzen Geschichte ist aber, betont der New Yorker Edward Said in einem Interview, dass "wir" nie aufgehört haben, diese Regierungen in ihrer Grausamkeit und "gegen die Wünsche ihrer Bevölkerungen" zu unterstützen, und es damit den "Demagogen, im Besonderen Leuten, die behaupten im Namen der Religion, in dem Fall des Islam, zu sprechen, leicht machen, einen Kreuzzug gegen [den Westen] aufzuziehen".

Wir, das ist ja das Ungeheuerliche, haben 1953 die demokratisch-gewählte Regierung Mossadegh gestürzt und durch den dienstbaren Shah Reza Pahlevi ersetzt. (Dessen Statue in Teheran brachte die iranische Bevölkerung dann auch ohne uns zu Fall.)

Unser Spezialgesandter, Donald Rumsfeld, heute Verteidigungsminister der Vereinigten Staaten, schüttelte Saddam Hussein noch im Dezember 1983 freundlich die Hände – der Irak bekriegte den Iran damals schon mit Giftgas – und traf sich 1984, in der Absicht, die Wirtschaftsbeziehungen zum Irak zu verbessern, just an dem Tag mit Tariq Aziz, als die UNO den Irak wegen dieses Giftgaseinsatzes verurteilte. Selbst als der "Schlächter von Bagdad" 1988 zehntausende Kurden vergaste, "seine eigenen Landsleute", wie Tony Blair wie gesagt so bestürzt vermerkt hat, ließen die USA den Mann nicht fallen und gewährten ihm weiterhin enorme finanzielle Unterstützung.

 

Noam Chomsky, 9-11

Robert Fisk interviewed by Matthew Rothschild

Robert Fisk, The corrupt, feudal world of the House of Saud

 

 

Edward Said, Culture and imperialism

     Der Irak-Krieg hat an unserer grundsätzlichen Haltung wenig geändert, kein Umdenken herbeigeführt: Noch immer sind unsere wichtigsten Verbündeten in der arabisch-islamischen Welt Staaten wie Ägypten, Saudi Arabien, Pakistan oder Uzbekistan, Länder, deren Menschenrechtsberichte "jeden anständigen Bürger beschämen sollten" (Chomsky). Würde man gegen diese Länder Medienkampagnen starten wie 2002 gegen den Irak, sie alle wären - mit Leichtigkeit - zu "Schurken" und "angreifbar" zu machen.

Nein, der Westen verfolgt im Nahen Osten nicht viele vornehme Ziele; Amerika überflutet die Region nicht mit Demokratie und Freiheit, wie Bush&Co gerne behaupten. Im Gegenteil:

"Seit zwei Generationen stehen die Vereinigten Staaten im Nahen Osten auf der Seite der Tyrannei und Ungerechtigkeit. Hier ist kein Kampf für Demokratie oder Frauenrechte oder die Trennung von Religion und Staat oder die Rechte von Minderheiten jemals offiziell von den USA unterstützt worden." (Edward Said)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Jürgen Krönig, Das Kartell schlägt zurück

     Um den Anschein zu wahren, werden hie und da kosmetische Korrekturen vorgenommen, ja, aber das darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Westen die Politik und Machthaber des Nahen Ostens vor allem danach beurteilt, ob sie seine Selbstinteressen, seine "vitalen Interessen", wie George W. Bush so schön sagt, zufriedenstellen oder nicht. Genügen sie diesen nicht (mehr), lässt man sie fallen oder entdeckt ganz plötzlich ihre Boshaftigkeit. Das war 1956 so, als der ägyptische Präsident Nasser den Suezkanal verstaatlichte und von der britischen Presse nur noch "Der Hitler vom Nil" genannt wurde, (Dass sich ein Farbiger gegen die Interessen das Empires stellte und mit seinen antiimperialen Brandreden eine ganze Region in Aufruhr versetzte, war nach wie vor ein unerhörter Gedanke.) und das war 1990 so, als Saddam Hussein in Kuwait einmarschierte. Jetzt erst hatte er gegen die Regeln verstoßen, ist zum Hitler und gejagtem "Ass" geworden. Vorher konnte er in seinen Folterkammern walten wie er wollte; er durfte den Iran angreifen und ein paar seiner ärgsten Feinde vergasen.

- - Nun muss man wohl davon ausgehen, dass der Nahe Osten für den Westen hauptsächlich wegen seines Ölreichtums interessant ist (alles andere: seine strategisch wichtige Lage oder seine Rolle als Absatzmarkt oder seine Zitrusfrüchte kommen später). Die Region deckt gegenwärtig immerhin 30 % weltweiten Erdölverbrauchs und, was vielleicht bedeutender ist: in ihren Böden lagern über 60 % der bislang bekannten Ölreserven. (Nur etwas über 10 % der Ölreserven liegen übrigens in nicht-islamischen Ländern.)

 

 

Jürgen Krönig, Am Tropf der Scheichs

     Dieses ungeheure Energiereservoir zu vernachlässigen, will sich der Westen nicht leisten. Schließlich sind das Öl und seine Nachfolgeprodukte die Güter, mit denen viele westliche Unternehmen, heißen sie nun Exxon, Halliburton, Shell, BP oder Elf ihre Geschäfte machen. Darüber hinaus ist Erdöl ein wichtiger volkswirtschaftlicher Schmierstoff: So führt laut IWF jede Erhöhung des Barrelpreises um 10 Dollar zu einer Schrumpfung der Weltwirtschaftsleistung um 1 %.

Die ökonomischen Konfliktlinien die sich dadurch zwischen dem Westen und dem Nahen Osten ergeben, sind vorgezeichnet: Hier wird man an möglichst billigem Öl interessiert sein und daran, dass die Unternehmen des Westens an den Erlösen der Förderung und Veredelung des so genannten Schwarzen Goldes möglichst hohe Anteile haben. Dort wird man sich, völlig konträr verständlicherweise, nicht "ausbeuten" und auf die Rolle des reinen Rohstoffproduzenten festnageln lassen wollen.

     Zwar sind die Zeiten vorbei, in denen der Nahe Osten ein Selbstbedienungsladen war, ist die koloniale Ausbeutung durch Joint-Venture-Verträge abgelöst, die den Ölländern ein Mehr an Einkünften aus der Erdölproduktion zubilligen, dennoch liegen die Vorteile offensichtlich auf der Seite des Westens: Schon dessen Förderfirmen dürfen mit garantierten Mindestgewinnen und Steuererleichterungen rechnen. - Und die Verarbeitung und der Verkauf, die liegen ganz bei ihm.

 

 

Joseph Conrad, Heart of Darkness

 

Robert Fisk, One year on: A view from the Middle East

 

Noam Chomsky, A painful peace

Amira Hass, Clarifying the Occupation Lexicon

Edward Said, The latest peace plan. A roadmap to what and where?

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Der "zivilisierte, aufgeklärte Westen" verhält sich entgegen allem Anschein nicht immer fair. Je weiter er in die Peripherie vorstößt, umso launischer wird er. Wir hier haben es ganz vergessen, aber die dort halten es fest im Gedächtnis: "Er kann furchtbar sein!"

Dieses zu erzählen, ist den Muslimen nach dem 11. September noch wichtiger geworden. Einfach deshalb, weil sie den Westen nicht für das einzige Opfer halten, in ihm "kein unschuldiges Opfer" (Chomsky) sehen. Ganz im Gegenteil haben sie ihn in der Region als aggressiv, ungerecht und äußerst demütigend kennen gelernt.

     Aber wie sonst als ungerecht soll man es empfinden? Die Tatsache etwa, dass der, wie es die Araber ausdrücken, "Vorposten des Westens im Nahen Osten", Israel, noch den Kompromiss (die so genannte Roadmap, 2003) vom Kompromiss (das 2. Osloer Abkommen, 1995) vom Kompromiss (die UN-Resolution 242, 1967) vom Kompromiss (das von der UNO festgeschriebene "Recht auf Rückkehr" für die vertriebenen Araber, 1948) vom Kompromiss (den UN-Teilungsplan für Palästina, 1947) als ein "schmerzvolles Opfer" seinerseits verkauft und sich für seine "Bereitwilligkeit", das "Palästinenserproblem" ja lösen zu wollen, feiern und bejubeln lässt.

 

Robert Fisk, One year on: A view from the Middle East

 

 

 

 

John Pilger, Iraq

Oder die Tatsache, dass wir den Horror vom 11. September 2001 niemals vergessen wollen, aber längst vergessen haben, was im September 1982 in den Flüchtlingslagern von Sabra und Chatila vor sich ging; ja dass uns Israels Ministerpräsident, Ariel Sharon, nun gar ein "Mann des Friedens" (Bush 2) ist, trotzdem er in den 80ern als Militärchef maßgeblich an der Ermordung tausender palästinensischer und libanesischer Zivilisten mitgewirkt hat.(Von diesem anderen 11. September im Jahre 73 ganz zu schweigen, an dem die Regierung Allende in einem von den USA mitorganisierten Militärputsch gestürzt und Salvador Allende massakriert worden ist.)

     Oder die Tatsache, dass der Irak nach dem "Wüstensturm" von 1991 mit Sanktionen belegt wurde, deren Preis – nach Schätzungen der UNICEF wenigstens 500 000 tote Kinder – kein westliches Land bezahlt hätte, geschweige denn bezahlen hätte müssen: Wären es nämlich 500 amerikanische Kinder gewesen, die da anstelle der dunkelhäutigen, irakischen verkommen wären, selbst Madeleine Albright hätte gezweifelt, ob "es [das] wert ist".

- - Das Fatale an der ganzen Angelegenheit ist, dass sich diese Liste um zig Punkte erweitern lässt und man bei jedem wieder schweigend nicken muss; einräumen muss: "Ja, hier ist den Muslimen ohne Zweifel große Ungerechtigkeit widerfahren!" "Hier haben 'wir' 'sie' unfair behandelt!" – Freilich, solches Eingeständnis währt meist nicht lang, ein paar Augenblicke vielleicht, dann hat man schon wieder ein Aber hinters Ja gesetzt, ein "...aber 'sie' haben zuerst geschossen!"

 

 

 

 

 

 

 

Amira Hass, What the doctor orders

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     Doch wechseln wir nicht so schnell wieder die Seiten, bleiben wir bei der Erniedrigung der Muslime; fragen wir, wer denn hier nun seine Stimme zum Nein! erhebt; erinnern wir uns dann, dass es nicht selten die Islamisten sind - wohl auch durch den Mangel und die Niederhaltung anderer "Oppositionsbewegungen" – die dagegen protestieren.

Erinnern wir uns, dass es der der Ajatollah Chomeini auf keiner seiner im Pariser Exil besprochenen und in den persischen Moscheen abgespielten Kassetten vergaß, die tyrannische, pro-westliche Politik des Schahs samt der damit verbundenen "kolonialen Ausbeutung" zu verteufeln.

Ebensowenig wie ein anderer Islamist, der Hamas-Führer Abdel Aziz Rantisi, ein Gespräch beendet, ohne den " vollständigen Rückzug [der israelischen Armee] aus dem Gazastreifen und dem Westjordanland" zu fordern.

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     Aber selbst Osama bin Laden muss als "Gotteskrieger" mit einem Sinn für die Ungerechtigkeiten in der islamischen Welt betrachtet werden. Die Interviews, die Robert Fisk, der langjährige Nahostkorrespondent des Independent, mit ihm geführt hat, machen das überdeutlich: Sie zeigen einerseits den religiösen Fanatismus Bin Ladens, zugleich aber vermitteln sie auch etwas von seinem "leidenschaftlichen Ärger" über die korrupten arabischen Eliten, die Militärpräsenz der USA in der Golfregion oder die Un-Zahl der in der Sanktionszeit gestorbenen irakischen Kinder.

Ganz gleich nun, ob die Islamisten den religiösen Rahmen aus einer populistischen Berechnung oder einem echten Gefühl heraus überspringen, durch ihr beständiges Bezugnehmen auf die "wirklichen" Probleme in der islamischen Welt, sind sie mehr als eine ideologische Rückwärtsbewegung; sie sind Teil einer Widerstands- und Befreiungsbewegung.

 

Bassam Tibi, Fundamentalismus im Islam – Eine Gefahr für den Weltfrieden?;

Noam Chomsky interviewed by Michael Albert;

Franz Wagner, Auf dem Weg zum Kampf der Kulturen;

Amira Hass, What the doctor orders

     Das zu bestreiten, wäre trügerisch. Oder soll es blanker Zufall sein, dass der Islamismus ausgerechnet in den "nationalen", von Selbstbestimmungsgedanken geprägten 20ern seinen Ursprung hat und nach dem für die Araber so verheerenden Sechstagekrieg (1967) zum Massenphänomen geworden ist? Oder kann die ungeheure Popularität der Islamisten – ganze 95% der Araber wünschen sich nach neuen Studien "mehr Einfluss der islamischen Religionsführer in der Politik" (Chomsky) – allein mit der Ablehnung westlicher Werthaltungen begründet werden? Oder die Sympathien der Muslime für die Osama bin Ladens und Rantisis? Nein, der Zuspruch zum Islamismus ist auch zu lesen als Indiz dafür, dass die Islamisten ihre Finger auf die "weltlichen" Wunden ihrer "Mitbrüder" legen. Und mehr noch: dass sie das überzeugend tun.

Tatsächlich ist der Islamismus eine recht breit angelegte Bewegung – jedenfalls viel breiter als von uns gedacht; er hat sich durch die Benennung der unterschiedlichen Übel in der muslimischen Welt und das gleichzeitige Offerieren von "Auswegen" zu einer politischen Protestbewegung gemacht, die aus einem ungeheuren „Reservoir von Zorn, Angst und Verzweiflung" (Chomsky; Fisk) schöpfen kann.

 

Hossam el-Hawalawy, A new wave of Islamic Militancy?

     Wer das nun nicht begreift, wer nicht begreift, dass sich umso mehr Muslime dem Islamismus zuwenden oder von seinen militanten Armen rekrutieren lassen, je mehr Leid und Ungerechtigkeit ihresgleichen geschieht, der übersieht einen wesentlichen Zusammenhang in der islamischen Welt; er übersieht, dass der Islamismus, aber auch die Terrorbereitschaft ganz stark von den Bildern der leidenden Muslime abhängen. Eine Beobachtung, die sich nach Emad Shahin, einem Fundamentalismusexperten an der Amerikanischen Universität in Kairo, durch den Irakkrieg erneut bestätigt hat. Nach dem 11. September waren die Islamisten nämlich "weltweit in der Defensive", jetzt schwimmen sie wieder obenauf.

 

 

 

Howard Zinn, Retaliation

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Nun kann Terror den Rachedurst befriedigen oder das Gefühl geben, dass "ja was getan wird"; als Mittel jedoch, das Leid und die Missstände zu beseitigen, ist er anzuzweifeln. - Freilich kam die FLN im algerischen Unabhängigkeitskrieg (1954-1962) nicht zuletzt durch ihre "asymmetrische Kriegsführung" zum Erfolg gegen die Franzosen. Und natürlich trugen die Bomben der Hizbollah wesentlich zum Rückzug der israelischen Armee aus dem Südlibanon (2000) bei. Aber das sind Randerzählungen. In der Regel macht Terror alles nur noch viel schlimmer: Nach den Anschlägen auf die US-Botschaften in Nairobi bzw. Daressalam (1998) ließ Clinton unter anderem eine pharmazeutische Fabrik im Sudan bombardieren, auf den 11. September folgte Afghanistan, auf die 2. Intifada Jenin und so weiter.

 

Noam Chomsky, 9-11;

Robert Fisk, Bush is marching straight into bin Laden’s trap;

Bassam Tibi, Fundamentalismus im Islam

     Vielleicht sind es aber gerade die „harten und spektakulären Gegenschläge" (Bush 2) des Westens, die Terrororganisationen wie die Al-Qa’ida zu provozieren suchen? Im Glauben, dass sich das Leid der Muslime noch steigern, der Konflikt zum Westen noch weiter radikalisieren müsse, damit es endlich in einer "islamischen Revolution" zu einem Aufstand sowohl gegen die "westlichen Besatzer" als auch gegen die "tyrannischen, pro-westlichen Regierungen" in der Region komme.

Diesen Leuten darf, nein: muss man solches Denken sicherlich zutrauen. Sowenig Skrupel sie hatten, sich in den 80ern und 90ern ihren "Heiligen Krieg" in Afghanistan vom "großen Satan" Amerika finanzieren zu lassen, so wenig Skrupel haben sie, politisches Kapital aus dem Leiden ihrer Mitbrüder zu schlagen; wissen sie doch, dass sie nur "gewinnen, wenn der Frieden verliert" (Josef Joffe)

 

 

 

 

Josef Joffe, Der Tempelkrieg

     Bevor man jedoch voreilige Schlüsse zieht, (im Sinne von: "Aha, da haben wirs wieder!") sollte man sich vergegenwärtigen, wie wenig anders westliche Politiker manchmal handeln: Oder war Ariel Sharons, von unzähligen schwerbewaffneten Sicherheitskräften begleiteter Gang auf den Tempelberg (2000) etwas Anderes als politisches Kalkül? Hatte er sich nicht bei jedem Schritt dorthin gewünscht: "Zuerst provoziere ich die palästinensische Gewalt, dann macht mich das israelische Volk zum Retter und Ministerpräsidenten!"? (Vor dem 11. September erkannte man solche Parallelen noch, selbst Josef Joffe von der ZEIT, am 11. September einer der Wort-Führer der Zivilisationskampfidee, "betrachtete" Ariel Scharon damals "noch ganz kalt" und beschrieb den "Exverteidigungschef und Möchtegern-Premier" als "Terroristen in der Tradition von Hamas und Dschihad.")

 

 

What Bush’s, Anthony Arnove interviews Howard Zinn

Und ist nicht sogar der 11. September mit seiner erschütternden Totenbilanz mittlerweile politisch missbraucht worden? Indem er den USA beispielsweise dazu dient, ein 300 Milliarden Dollar Militärbudget zu rechtfertigen. Oder indem er zur Rechtfertigung der Invasion des Iraks herhalten muss, obwohl sich die USA schon seit dem Ende des Iran-Irak-Kriegs mit dem – offensichtlich aus einer imperialen Ambition herausgeborenen - Gedanken tragen, dieses Land zu erobern. Da mögen noch so viele Amerikaner von der Mitverantwortung Saddam Husseins an den Attacken auf New York und Washinghton überzeugt worden sein (nach jüngsten Berichten halten weit über die Hälfte der US-Bürger Hussein für einen der Drahtzieher der Anschläge vom 11. September), in Wirklichkeit werden hier Aberhunderte unschuldige Tote für eine langbestehendes wirtschaftspolitisches Interesse eingesetzt, um nicht zu sagen: aufs Spiel gesetzt.

     Doch warum schon wieder "Gegen-Bilder"? Um Un-Taten "abzuschwächen", wie man ein böses Wort abschwächt, nachdem es gesagt ist? Neinnein, das grad nicht - oder nur mit dem Einwand, dass die Intensität einer Tat nicht kleiner, allerhöchstens begreifbarer gemacht werden kann. Diese Gegenbilder, sie wenden sich vor allem gegen die Übertreibung des Anders-Seins einzelner Menschen und Menschengruppen und sind heute ebensowichtige Brückenschläge wie es vor Jahren oder Jahrzehnten Conrads Heart of Darkness, Coppolas Apocalypse now oder Handkes Winterliche Reise waren (?). Traurig nur, dass man daran immer wieder erinnern und erinnert werden muss: Sie frieren, wie wir. Sie freuen sich über dieselben Dinge wie wir. Und sie können - wie wir - schrecklich sein.

 

 

Paul Krugman, These American statesman prefer the martial plan;

Hobsbawm, Das Zeitalter der Extreme

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Was es im "Kampf gegen den Terror" bräuchte, ist zuallererst eine Haltung gegenüber der islamischen Welt, wie sie die USA nach dem Zweiten Weltkrieg zu den besiegten Staaten Europas (und Japan) einnahmen; damals, schreibt der Starökonom und -kolumnist Paul Krugman, passierte etwas noch nie Dagewesenes: Amerika entschloss sich, mit dem Marshall-Plan Alliierten und Feinden beim Wiederaufbau zu helfen. Es war dies die "edelste Stunde der USA" in der Geschichte; natürlich wegen der gewaltigen materiellen Hilfeleistung gegenüber den Besiegten, vor allem aber wegen der Bereitschaft Amerikas, diese als gleichwertige politische und ökonomische Partner in die westliche Gesellschaft zu integrieren.

 

 

UNDP, First Arab Human Development Report

 

 

Franz Wagner, Auf dem Weg zum Kampf der Kulturen

    Hat man eine solche Haltung gegenüber dem Orient (und den so genannten Dritte-Welt-Ländern überhaupt) jemals an den Tag gelegt? Kaum. Die Hinweise, dass die 280 Millionen Einwohner Arabiens zusammen gerade mal das BIP einer mittleren europäischen Volkswirtschaft wie Spanien erwirtschaften oder dass jeder fünfte Araber von weniger als 2 Dollar am Tag leben muss oder dass die Arbeitslosenrate hier mittlerweile bei 15 % liegt und die immer schlechter werdenden Jobaussichten ein Mitgrund sind, warum mehr als 50 % der jungen Araber nur mehr aus ihrer Heimat weg wollen, kaschieren wir mit Bildern von verschwenderischen Scheichs oder beruhigenden Feststellungen wie der, dass "der Reichtum [Arabiens] in den letzten Jahrzehnten genauso nach unten verteilt worden ist, und dies in einem Ausmaß, von dem westliche Industrienationen bloß träumen können: völlige Steuerfreiheit, kostenloses Bildungs- und großzügiges Sozialsystem, hochbezahlte Jobs u.v.m."

 

 

 

 

Noam Chomsky, A painful peace

So schief sie auch sein mögen, das sind die Bilder, die wir uns vom Orient wünschen. Sie sorgen dafür, dass niemand auf die Idee kommt, die vorteilhafte Rolle des Westens in den Wirtschaftsbeziehungen mit der islamischen Welt anzuzweifeln ("Es geht ihnen ja so gut!") und/oder die Forderung zu erheben, dort eine eigenständige, moderne Ökonomie aufzubauen. (War es aber nicht gerade das, was man im Nachkriegseuropa so bewusst gefördert hat?) Schließlich sollen sie ja nicht "auf unsere Kosten" selbst tun, was auch – wie es sich an der Vergabe der Rekonstruktionsverträge in Kuwait und jetzt im Irak zeigt – unsre Firmen leisten können. Im schlimmsten Fall, d.h. wenn der Westen seine ganze Macht ausspielt, wird der Wirtschaftsimperialismus so weit getrieben, dass man ihnen die Herstellung bestimmter Produkte untersagt; so geschehen in Hebron im Westjordanland, dort hat es die israelische Behörde einem palästinensischem Unternehmer einfach verboten, eine Nagelfirma zu gründen, weil dadurch einer israelische Firma in Tel Aviv "unnötige" Konkurrenz entstanden wäre.

 

 

Noam Chomsky, A painful peace

     Das ist freilich nur ein Beispiel für den fehlenden Willen des Westens, die Muslime ebenbürtig – "auf Augenhöhe" – zu behandeln; bei näherem Hinsehen und –horchen sind deren so viele zu entdecken: Da sind die Swimmingpools israelischer Siedler in der Westbank und die gleichzeitigen Beschränkungen für die benachbarten Palästinenser, nach Wasser zu bohren. Da ist Rumsfelds Äußerung nach der "Befreiung" der Iraker von ihrem Hitler, dass "diese Leute noch nicht reif für die Demokratie wären." (So haben auch die Liberalen, Nietzsche und Thomas Mann seinerzeit gesprochen; die sozialistischen und christdemokratischen Massenbewegungen abwehrend.) Da sind die Vereinigten Staaten von Amerika (und nicht zu vergessen: die UNO), die das ungeheure Leid der irakischen Bevölkerung in den letzten Jahren und Jahrzehnten mitverantwortet, ja: mitbewirkt haben, ohne - bis zum heutigen Tag - auch nur ein Wort des Bedauerns dafür gefunden zu haben. Und so weiter.

 

 

 

 

Howard Zinn, Terrorism and war

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- - Würde die Beseitigung der Ungerechtigkeiten gegenüber der islamischen Welt dem Terror aber wirklich ein Ende setzen? - Mit Sicherheit würde das Gefühl, gleichwertig behandelt zu werden, die Terrorbereitschaft der Muslime reduzieren; möglicherweise schränkte sich das Mittel des Terrors auf ein paar gewalttätige Fanatiker ein, wie sie uns auch hier im Westen in Gestalt der IRA, ETA oder AUM-Sekte, eines Timothy McVeigh oder Theodore Kaczynski bekannt sind. Jedenfalls ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass ein tiefergehendes Verständnis für die Misere der muslimischen Bevölkerung im Kampf gegen den Terrorismus wirksamer ist und mehr Sicherheit vor weiteren Anschlägen bringt, als das unfassbare Militärbudget der USA oder Israels "Grenzzaun" zur Westbank, von dem ein jüdischer-amerikanischer Leser der Herald Tribune unlängst behauptete, dass er stark an die Mauern um die jüdischen Ghettos in Europa erinnere.

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