Die Schnäppchenwirtschaft

Von Hermann Maier


     Es ist seltsam ruhig geworden um die Ökonomik. Sieht man von den paar "Globalisierungsgegnern" einmal ab, so herrscht tiefes Einverständnis darüber, dass die Dinge so, wie sie jetzt laufen, richtig laufen: Das Vertrauen in den Markt ist unverbrüchlich, die Vergötzung des Billigen geradezu modern; und kaum jemand zieht in Zweifel, dass die Unternehmer auf ihrer Suche nach erschwinglichen Produktionsstandorten und lukrativen Absatzgebieten um die halbe Weltkugel hetzen müssen.

Das Prinzip der derzeitigen Form des Wirtschaftens ist es, möglichst billig zu produzieren: Nur wer den Produktionsaufwand gering hält, kann, heißt es, gegen die Marktkonkurrenz bestehen und dem entsprechende Erfolge verbuchen. Nun möchten wir gar nicht bestreiten, dass die Idee der "ökonomischen Effizienz", d.h. die Minimierung des Mitteleinsatzes, eine Berechtigung hat; nein, ganz im Gegenteil glauben wir, uns an die unsägliche Verschwendung von Ressourcen in den mehr oder weniger marktlosen Gesellschaften des ehemaligen Ostblocks erinnernd, dass es erstrebenswert ist, die Produktionsfaktoren (Natur, Arbeit, Kapital) sparsam und haushälterisch einzusetzen.

Aber Sparsamkeit ist das eine, Geiz das andere: Heute versucht man im Produktionsprozess auf alles zu verzichten, worauf sich irgendwie verzichten lässt: skrupellos. Die Dinge müssen so wenig als möglich kosten, das ist das absolute, das einzige noch verbliebene Ziel. Um es zu erreichen, schreckt man vor nichts zurück: Menschen werden "wegrationalisiert" (was billig ist, ist nämlich auch vernünftig) und durch laute, dampfende Maschinen ersetzt. Ein Schwein sieht sein Lebtag die Sonne nicht, weil sich der damit verbundene Aufwand nicht rechnet. Ein Mann wird entlassen, weil seine Arbeit Tausende Kilometer entfernt um einen Bruchteil seines einstigen Lohnes getan wird: Die Radios, Armbanduhren und Zahnbürsten seiner ehemaligen Firma soll er freilich weiterhin kaufen...

     Auf der anderen Seite des Ladentisches ist es um die Welt nicht besser bestellt: Auch hier ist alles Augenmerk darauf gerichtet, ob etwas billig ist oder nicht. Entscheidend für den Kauf eines Produkts ist der Preis und nicht etwa die Tatsache, dass bei seiner Herstellung sorgsam mit der Natur umgegangen worden ist. Entscheidend ist, wie viel man für sein Geld bekommt, und nicht, was man dafür bekommt. – Paul Auster meint in einem seiner Bücher, dass [der, der] die Welt nur aus dem Blickwinkel des Geldes betrachtet, am Ende überhaupt nichts mehr sieht. Das ist zweifellos richtig: Denn wem der Preis das einzige Kriterium geworden ist, der hat den Blick für die Unterschiede verloren, den Blick für Qualität. Ob sich auf seinem Teller dieser Schinken findet oder ein anderer, wird ihm nichts bedeuten: Er war hungrig. Jetzt ist er satt.

Der solcherart Gesättigte ist bezeichnend für die Paradoxie der Moderne: Währendessen er hier immer neue Frisuren, Berufe oder Lebensstile erfindet, sprich die Welt differenzierter und komplexer macht, verliert er anderswo den Sinn für Distinktionen und die Vielfalt des Seins: Die Verdrängung der Geschmäcke von z.B. Rosmarin, Thymian oder Liebstöckl (und vor allem der Fähigkeit, diese Geschmäcke zu unterscheiden und auseinanderzuhalten) durch den Hamburger-Ketchup-Maggiwürfel-Geschmack darf hier als ebenso anschauliches wie repräsentatives Beispiel einer sich auf vielen Ebenen abspielenden Entwicklung angeführt werden.

      Eine Hauptursache der Nivellierung, der Vereinfachung und Vereinheitlichung der Welt ist, wie schon angedeutet, in der übermäßigen Fixierung auf einen niedrigen Preis zu suchen: Wo der Preis nämlich zum wichtigsten Wert erhoben wird, schwindet erfahrungsgemäß das Interesse und die Wahrnehmungsfähigkeit für andere Werte: Die vielen möglichen Arten, ein Produkt herzustellen, werden nach und nach und ohne großes Aufsehen durch die billigste und simpelste ersetzt. Aber unserem Schinkenesser kann es nur recht sein, dass die so genannte Wirtschaft das Schnäppchen zu ihrem Liebkind auserkoren hat: Es stört ihn nicht weiter, dass auf den (Welt-)Wirtschaftsgipfeln nur darüber diskutiert wird, wie die Welt dereinst noch "billiger" gemacht werden könnte, und nicht etwa über die Frage, wie Schweine zu mehr Sonne kommen könnten. Ganz im Gegenteil: Das erleichtert ihn.

Georg Simmel schreibt an einer Stelle seiner Essaysammlung "Das Individuum und die Freiheit":

"Das Wesen der Blasiertheit ist die Abstumpfung gegen die Unterschiede der Dinge, nicht in dem Sinne, dass sie nicht wahrgenommen würden, wie von dem Stumpfsinnigen, sondern so, dass die Bedeutung und der Wert der Unterschiede der Dinge und damit der Dinge selbst als nichtig empfunden wird. Sie erscheinen dem Blasierten in einer gleichmäßig matten und grauen Tönung, keines wert, dem anderen vorgezogen zu werden. Diese Seelenstimmung ist der getreue subjektive Reflex der völlig durchdrungenen Geldwirtschaft; indem das Geld alle Mannigfaltigkeiten der Dinge gleichmäßig aufwiegt, alle qualitativen Unterschiede zwischen ihnen durch Unterschiede des Wieviel ausdrückt, indem das Geld, mit seiner Farblosigkeit und Indifferenz, sich zum Generalnenner aller Werte aufwirft, wird es der fürchterlichste Nivellierer, es höhlt den Kern der Dinge, ihre Eigenart, ihren spezifischen Wert, ihre Unvergleichbarkeit rettungslos aus."

Ohne geschmäcklerisch zu sein, muss man heute ein so manches Produktions- bzw. Konsumtionsverhalten "blasiert" in Simmels Sinne nennen. Der sich selbst überlassene Markt, so viel steht demnach fest, kann "qualitative Unterschiede" weder konservieren noch ihnen zur Durchsetzung verhelfen. Man sollte also aufhören, auch wenn sie ihre unbestreitbare Legitimation haben, ihn und seine Mechanismen in rosigem Licht zu sehen. Der Markt ist schließlich kein Unschuldsengel, sondern hauptverantwortlich für viele Fehlentwicklungen. Es ist (und wäre) blanker Zynismus, darauf kann man nur beharrlich hinweisen, ihn allein mit dem Ordnen der Dinge zu betrauen.


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