Österreich anno domini 1998/99
Die im Folgenden abgedruckte Expertise Karl Müllers zum "Verein Dichterstein Offenhausen" macht überdeutlich, welche ungeheure Attraktivität die deutsch-völkische bzw. nazistische Weltanschauung für so manchen Teil der Bevölkerung nach wie vor hat.
Vorbemerkungen Karl Müllers
Von der Bezirkshauptmannschaft Wels-Land wurde ich 1997 gebeten, aus der Sicht des Literaturhistorikers und Literaturwissenschaftlers eine Stellungnahme zu den Aktivitäten des "Vereins Dichterstein Offenhausen" zu verfassen. Offenhausen ist ein Ort in der Nähe von Wels. Auch Wissenschaftler aus anderen Fächern wurden aufgefordert, Gutachten bzw. Stellungnahmen zu erarbeiten. Schließlich lagen Beurteilungen auch aus dem Bereich des österreichischen Verfassungsrechtes sowie der Zeitgeschichte vor. Ich sollte mich insbesondere auf drei Fragenkomplexe konzentrieren, nämlich ob aus der Sicht des Literaturhistorikers der "Dichterstein ein bedeutendes Ziel im Ortsgebiet" Offenhausen darstellt, weiters ob eine Nähe zum Gedankengut des Nationalsozialismus bei einem Teil der auf dem Dichterstein "verewigten" Schriftsteller oder die Ablehnung eines selbständigen Österreich mit der Bitte um Quantifizierung festzustellen sei und schließlich sollte ich Informationen zu Karl Springenschmid (1987-1981) beibringen, der im Jahre 1967 "Dichterschild-Träger" war. Ich lieferte meine
Stellungnahme im März 1998 ab.lMit Bescheid der BH Wels-Land vom 24. April 1998 wurde die Tätigkeit des genannten Vereins gemäß §25 Abs 2 des Vereinsgesetzes bis zur endgültigen Entscheidung über seine Auflösung eingestellt, und zwar unter der Annahme, dass der Verein gegen § 3 des Verbotsgesetzes verstoßen habe. Schließlich wurde mit Bescheid der Sicherheitsdirektion für das Bundesland Oberösterreich vom 23. Dezember 1998 der "Verein Dichterstein Offenhausen" wegen Verstoßes gegen § 3 des Verbotsgesetzes (NS-Wiederbetätigung) aufgelöst. Herr Dipl. Vw. Mag. DDr. Stephan Tull aus Vöcklabruck brachte gegen diesen Bescheid daraufhin Berufung ein, die schließlich am 5. Juli 1999 mit einem Bescheid des Bundesministeriums für Inneres/Generaldirektion für die öffentliche Sicherheit abgewiesen wurde.
Die Berufung des Vereines bezog sich auch auf meine "Stellungnahme", die kein "Gutachten" im Sinne des AVG sei. Inhaltlich jedoch wurde nichts moniert dies sollte später in anderer Form kommen. Der Bescheid des BMs für Inneres enthält eine nicht weniger als 50 Seiten umfassende Begründung, in der auch meine "Stellungnahme" ausführlich und zutreffend zitiert wird. Dort heißt es abschließend über meine Untersuchung: "Die Berufungsbehörde vermag [...] keinen Grund zu erkennen, aus dem die Seriosität dieser Arbeit oder ihres Verfassers in Zweifel zu ziehen wäre. Die Untersuchung wirkt schlüssig und überzeugend, die zusammengetragenen Fakten blieben unwidersprochen, die daraus gezogen Schlüsse erscheinen zutreffend. Das Wirken des Vereins erfährt eine Ausleuchtung, die an Prägnanz und Deutlichkeit wohl kaum zu überbieten sein dürfte." Gegen den Bescheid ist zwar kein ordentliches Rechtsmittel mehr zulässig, aber binnen sechs Wochen kann eine Beschwerde an den Verwaltungs- und Verfassungsgerichtshof erhoben werden. Ob dies geschah, entzieht sich meiner Kenntnis. So weit, so gut.
Datiert mit 31. August 1999 aber wurde ich von Herrn Diplomvolkswirt Mag. DDr. Stephan Tull als "ehrenwerter ao. Univ. Prof." bei der Staatsanwaltschaft Salzburg angezeigt. In der Anzeige, die zuständigkeitshalber an die Staatsanwaltschaft Wels abgetreten wurde, legte Herr Tull gegen meinen angeblich "falschen Befund" bzw. meine angeblich "falsche Beweisaussage" mehrere Texte vor, die für ihn den Charakter von "Beweisen" haben, und zwar einfache Kopien z.B. aus der dreibändigen "Deutschen Literaturgeschichte" von Brenner/Bortenschlager (81. Auflage 1986 und 1992) zu einigen einschlägigen Autor/inn/en oder aus dem "Biographisch-Bibliographischen Kirchenlexikon" (1999). Auch eine Kopie aus der Brockhaus-Enzyklopädie zum Stichwort "Großdeutsche" legt Herr Tull netterweise bei, um angeblich zu beweisen bzw. sich anzumaßen, "dem Herrn Universitätsprofessor ein geschichts- bzw. politikwissenschaftliches Privatissimum zu erteilen", dass ich nicht zwischen "großdeutsch" und "nationalsozialistisch" zu unterscheiden wüsste. Schließlich liegt der Anzeige auch ein Ausdruck meiner Homepage bei "zwecks strafrechtlicher Beurteilung der Frage, ob der Gutachter vorsätzlich eine objektiv unrichtige Beweisaussage gemacht hat." So weit, so gut: Österreich anno domini 1999.
Stellungnahme zum "Dichterstein Offenhausen" für die Bezirkshauptmannschaft Wels-Land (März 1998)Von Karl Müller
1.) Zur Frage, ob der Dichterstein ein bedeutendes Ziel im Ortsgebiet [Offenhausen] darstellt, ist aus der Sicht eines Literarhistorikers und Literaturwissenschafters folgendes festzuhalten:Der spezifische Umgang mit dem Leben und Werk von bisher über 500 deutschsprachigen Autorinnen und Autoren, wie er sich am Offenhausener Dichterstein in Form einer steinernen Literaturgeschichte(1) die kleine österreichische Walhalla oder Klein-Walhall und in allen einschlägigen Publikationen des Vereins Dichterstein Offenhausen und dessen Sympathisanten in insistierend unveränderter Weise zeigt, basiert auf einem deutsch-völkischen, volkstreuen und reichsdeutschen kulturellen Selbstverständnis.
Dieses kann seine Anteile an der rassistischen und rassenmystischen Tradition, wie sie spätestens seit 1935 in den Nürnberger Rassegesetzen sogar Gesetzeskraft erlangt hat, nicht verleugnen. Sowohl die steinerne Verewigung von ideologischen Wegbereitern des Rassismus (z. B. Friedrich Ludwig Jahn 1778-1852),(2) die Berücksichtigung von rassistischen Literarhistorikern oder Philosophen (z. B. Otto Hauser 18761944, Adolf Bartels 18621945, Hermann Schwarz 18641951) als auch die auf der sogenannten Treuetreppe (S. 126) eingemeißelten Begriffe wie z. B. Sippenreinheit oder Artbewußtsein sind sichere Belege für diese Orientierung. Diese Terminologie gehört fest in das Sprachrepertoire rassenmystischer und damit auch antisemitischer Tradition. Die auf der Treuetreppe ebenfalls verewigten Schlagwörter wie z. B. Gefolgschaftstreue, Opfersinn, Ahnenehrung, Volkseinheit, Tapferkeit, Einsatzfreude, Gesittung usw. werden in diesem volkstreuen Kontext zu Wertbegriffen mit spezifischer Bedeutung: Sie werden zu volkstreuen Appellen und Mahnungen an alle, wie es der seit 1980 über dem Eingang der Anlage prangende Spruch von Erwin Guido Kolbenheyer Wer den Geist verrät, verrät sein Volk programmatisch ausdrücken soll. Kolbenheyer stand auf der sogenannten Gottbegnadetenliste des NS-Regimes, er beförderte die rassistisch fundierte völkische Kulturerneuerung, wie seit 1933 die Verfolgung und Vernichtung der dem NS-Regime nicht-genehmen, insbesondere der jüdischen Kultur hieß, und wurde dafür vom NS-Regime wiederholt geehrt und ausgezeichnet.(3) Der Wahrheitsanspruch, den sich die Dichterstein-Betreiber selbst bescheinigen, kommt im Richtspruch Karl Springenschmids führender NS-Kulturpolitiker, Leiter des NS-Lehrerbundes im Gau Salzburg zwischen 1938 und 1945 zum Ausdruck: Möge dieser Dichterstein den Kommenden ein Richter sein!(4)
Die Dichtersteinanlage wird von den Betreibern und Sympathisanten(5) als Ehrenmal des deutschen Geistes Österreichs, als Mahnmal völkischen Geistes oder auch als einmalige Gedenkstätte deutschen Geistes bezeichnet, die der Feier der volkstreuen Dichter und Schriftsteller gewidmet sei. Wenn in den Dichterstein-Publikationen der Begriff deutsch verwendet wird, so ist damit nicht eine Bezeichnung für staatsbürgerliche Zugehörigkeit oder für Deutschsprachigkeit gemeint, sondern immer nur eine wesenhaft-existentielle und/oder völkisch-biologische Kategorie, die Körper, Seele und Geist etwa im Sinne der Rassenmystik von Alfred Rosenberg meint. Ein derartiges wesenhaft Deutsches soll und muß zu Nutz und Frommen von Volk und Heimat(6) in trotziger und unablässig beschworener Treue gepflegt, verteidigt und gefestigt werden. Dazu sollen die Dichterstein-Wallburg als ein Ort für deutschen Geist und deutsches Wort ebenso dienen wie diverse, z. T. revisionistische Vorträge zu Themen wie Gedanken um das Reich. Zum 30. Todestag des Historikers Heinrich Ritter von Srbik (Norbert Scharnagl 1982), Der Kampf um die deutsche Identität. Entwicklung zu einem neuen deutschen Nationalbewußtsein (Andreas Mölzer 1985), Der Panslawismus (Karl Hans Ertl 1989), Die Bedeutung deutscher Dichtung für unser Volks- und Geschichtsbewußtsein (Gertrud Hofmann 1990) oder Historikerstreit und Geschichtsbewußtsein (Rolf Kosiek 1990). Nur in dem skizzierten Sinne kann auch der Begriff von der unverlierbaren Heimat , so Joseph Hieß in der Dichterstein-Festschrift von 1963, verstanden werden, nicht nur als geographische Bezeichnung, sondern als Metapher für die skizzierte Identität.
Das kulturpolitische Ziel sei es demgemäß, für die Allgemeinheit Volksdienst und zugleich Abwehrkämpfe zu leisten, um in Zeiten eines kulturellen Niederganges der Nachkriegszeit, inmitten einer entwurzelten und haßverwirrten Zeit die Macht unserer Ideale zu demonstrieren, nämlich für Volk und Reich und Kindeskind, wie ein dichtender Sympathisant programmatisch formulierte.(7) Demnach soll nur das als heimat- und volksverbunden bezeichnete Schrifttum, das nach der Niederlage des Hitler-Regimes geächtet worden sei, geehrt und verewigt werden. Es sollen eben jene ausgezeichnet werden, die bis 1945 in ehrenvollem Ansehen [standen], manche davon als Schöpfer von Ewigkeitswerten seit mehr als hundert Jahren anerkannt. (Joseph Hieß)
Joseph Hieß (19041973), der Initiator und Ideenträger, seit den 20er Jahren dezidierter Rassist und Antisemit,(8) der gemeinsam mit dem Österreichischen Turnerbund(9) ein Denkmal für Turnerdichter geplant hatte, weitete später seine Initiative auch auf andere Autoren aus, die alle zu volkstreuen Dichtern und Schriftstellern erkoren wurden, so daß heute (November 1997) nach meinen Recherchen insgesamt 512 als Volkstreue Deklarierte vom Mittelalter (!) bis ins 20. Jahrhundert der skizzierten ideologischen Optik unterworfen werden konnten. So überrascht es nicht, daß die steinerne Galerie der für würdig befundenen Autoren äußerst heterogen ist und eine literarhistorisch betrachtet nicht zu homogenisierende Skala von Schriftstellernamen darstellt.
Sie umfaßt erstens ca. 75 Klassiker, z. B. Frau Ava von Melk, Oswald von Wolkenstein, Johannes von Saaz, Martin Opitz, Hans Jakob von Grimmelshausen, Christian Günther, Gotthold E. Lessing, der in der Kleinen Offenhausener Literaturgeschichte 1978 sogar zu einem Überwinder der Aufklärung uminterpretiert wird, weiters die dem Humanismus verpflichteten Dichterfürsten Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller, die freilich erst durch die im Jahre 1971 erfolgte Installierung der beiden Mühlsteine jeweils seitlich des Eingangs zu volkstreuen Türhütern umgedeutet wurden, weiters Matthias Claudius, Ferdinand Raimund, Franz Grillparzer, Adalbert Stifter, Gottfried Keller, Franz Michael Felder oder Georg Trakl.
Zweitens: Verewigt wurden weiters ca. 90 literarhistorisch gesehen unbedeutende, aus dem Turner-, Volkstums-, Schutz- und Kulturarbeiter-Milieu stammende Schreiber, die der deutsch-völkischen Jahn-Tradition verpflichtet sind (z. B. Karl Bienenstein, Hermann Bienert, Ernst Egermann, Josef Eisenburger, Otto Gallian, Josef Vinzenz Großauer, Hermann Hango, Franz Keim, Ludwig Mahnert, Aurelius Polzer, Adolf Schwayer). Der Dichterstein Offenhausen stellt entsprechend dem Herkommen seines Ideenträgers, Joseph Hieß, der aus dem dem antisemitischen Arierparagraphen verpflichteten Deutschen Turnverein (seit 1920 Mitglied)(10) kam , auch eine Ehrenstätte für derartig orientierte Turner-Dichter dar. Die geistigen Übergänge zur nächsten Gruppe von Autoren sind fließend.
Schließlich werden mehr oder weniger prominente Autoren gefeiert, die als geistige Wegbereiter des Nazismus und/oder als NS-Kulturträger und Repräsentanten des nationalsozialistischen Großdeutschland fungierten (z. B. Heinrich Anacker, Hans Baumann, Josefa Berens-Totenohl, Werner Beumelburg, Hans Friedrich Blunck, Bruno Brehm, Hermann Burte, Herbert Böhme, Hermann Claudius, Dietrich Eckart, Kurt Eggers, Gustav Frenssen, Hermann Graedener, Hans Grimm, Robert Hohlbaum, Karl Itzinger, Mirko Jelusich, Erich Kernmayr, Erwin Guido Kolbenheyer, Erich Landgrebe, Agnes Miegel, Eberhard Wolfgang Möller, Georg Oberkofler, Hermann Heinz Ortner, Josef Friedrich Perkonig, Wilhelm Pleyer, Friedrich Pock, Gottfried Rothacker, Franz Schauwecker, Wilhelm Schäfer, Karl Springenschmid, Franz Spunda, Karl Hans Strobl, Will Vesper, Karl Wache, Karl Heinrich Waggerl, Hans Watzlik, Josef Weinheber oder Heinrich Zillich). Im Hinblick auf diese Kategorie von Autoren bekommt die Äußerung von Joseph Hieß im Vorwort zur zweiten Festschrift des Dichterstein-Vereines (1965), wonach gerade jene Schriftsteller, die bis 1945 in ehrenvollem Ansehen standen, in Offenhausen besonders gewürdigt werden sollen, ihren konkreten Inhalt.
Festzuhalten ist weiters, daß auf dem Dichterstein ausnahmslos alle Schriftsteller fehlen, die nach den Rassengesetzen der Nationalsozialisten als Juden galten und/oder aus politischen und anderen Gründen verfemt waren. Das bedeutet, daß der Betrachter der Dichterstein-Anlage vergeblich nach den Namen jener sucht, deren Werke vom NS-Regime verboten und/oder die ins Exil vertrieben oder in den Konzentrationslagern vernichtet wurden. Somit fehlen die Namen z. B. von Thomas Mann, Heinrich Mann, Bert Brecht, Alfred Döblin, Carl Zuckmayer, Theodor W. Adorno, Kurt Tucholsky, Hermann Broch, Robert Musil, Elias Canetti, Theodor Kramer, Joseph Roth, Franz Werfel, Stefan Zweig, Ödön von Horváth, Jura Soyfer, Richard Zach, Hilde Spiel oder Hans Weigel. Es fehlen klarerweise auch Autoren wie z. B. Heinrich Heine oder Ludwig Börne und Autoren, die zum festen Bestandteil österreichischer Identität geworden sind, z. B. Hugo von Hofmannsthal, Arthur Schnitzler oder Karl Kraus. Auch den Namen Franz Kafkas sucht man natürlich vergebens.
Die selektierende volkstreue Optik der Dichterstein-Verantwortlichen ist über das Jahr 1945 hinaus eindeutig und unerbittlich. So hat z. B. die gesamte literarische Moderne und Avantgarde des 20. Jahrhunderts keinen Platz in Offenhausen. Es fehlen naturgemäß, ist man geneigt zu sagen alle Vertreter der modernen, z. T. sprachexperimentellen Literatur wie z. B. Paul Celan (+ 1970), Ingeborg Bachmann (+ 1973), Konrad Bayer (+ 1964), Rose Ausländer (+ 1988), Uwe Johnson (+ 1984), Else Lasker-Schüler (+ 1945), Gottfried Benn (+ 1956) 1933 liebäugelte er sogar mit der nazistischen Züchtungsidee, um sich aber schnell wieder von seiner Verirrung abzuwenden , Hans Henny Jahnn (+ 1959), Herbert Zand (+ 1970), Heinrich Böll (+ 1985), Stefan Andres (+ 1970), Arno Schmidt (+ 1979) oder Thomas Bernhard (+ 1989).
Dadurch aber kann der Offenhausener Anspruch, Literaturgeschichte zu betreiben, eine steinerne Literaturgeschichte darzustellen, in keiner Weise erfüllt werden, denn nicht literarische Qualität und innovative ästhetische Kraft ist Kriterium der Auswahl, sondern einzig und allein die skizzierte deutsche Gesinnung. Der Offenhausener Dichterstein sei ein Ehrenmal des deutschen Geistes Österreichs, wie Joseph Hieß in der Festschrift von 1963 formulierte, indem er wohl nicht zufällig jene Formel zitierte, die schon 1933 im Titel von Karl Waches Handbuch des völkischen Lebens der Ostmark stand, das dem Reichskanzler Adolf Hitler, dem Erbauer und Führer Groß-Deutschlands gewidmet war: Deutscher Geist in Oesterreich. Der Name Karl Wache (18871973) ist in Offenhausen ebenfalls eingemeißelt. Waches Handbuch des völkischen Lebens der Ostmark (1933) ist eine umfassende Darstellung der völkischen Presse und des völkischen Verbands- und Vereinslebens der Ostmark. Das Handbuch unterscheidet zwischen rassisch-volklichen, gesittungsartigen, geselligen, sportlichen, wirtschaftlich-beruflichen und Jugendbünden. Insgesamt werden ca. 170 Vereine und Verbände nicht mitgezählt ist hier die völkische Presse genannt und charakterisiert.(11)
Der Offenhausener Dichterstein (seit 1963) hat somit folgende Funktionen in der Kultur der Nachkriegszeit:
Durch die Vereinnahmung der Klassiker wird eine die historischen Zusammenhänge verschleiernde und/oder bewußt umdeutende volkstreue Vorgangsweise faßbar, die> man als Konstrukt einer angeblich ungebrochenen, einheitlichen deutschen Kultur, als Konstrukt einer mystifizierten ewigen Deutschheit bezeichnen könnte, an dem sich alle verewigten Dichtergrößen beteiligt und an dem sie alle teilgehabt hätten. So wird eine unhaltbare Einheit z. B. von Gotthold E. Lessing und Adolf Bartels, von Johann Wolfgang von Goethe und Eugen Dühring (1833-1921) oder von Ferdinand Raimund und Karl Springenschmid hergestellt, beschworen und gefeiert. Eine weitere Funktion einer solchen Vorgangsweise liegt auf der Hand: Der geistige und ästhetische Abstand zwischen den beispielshaft genannten Autoren wird eingeebnet, zugleich werden die Beiträge, die die volkstreuen Literaten für die Gewaltgeschichte des Hitler-Regimes geleistet haben, in den Schatten gerückt oder ausgeblendet. Überdies bekommen durch diese Strategie jene unbedeutenden Schreiber aus dem Turnermilieu und der deutsch-völkischen Schutzarbeit der NS-Zeit einen Stellenwert, der ihnen in keiner Weise zusteht.
Der Dichterstein ist ein steingewordener Beitrag zur Ehrenrettung der im Jahre 1945 diskreditierten und belasteten NS-Autoren und eine Ehrenrettung der sogenannten deutsch-völkischen Turner-Dichter und Schutz- und Kulturarbeiter(12). Durch den in den Selbstdarstellungen der Offenhausener Betreiber wiederholt auftauchenden Hinweis auf den aufopferungsvollen Widerstand, der mit dem Offenhausener Projekt inmitten eines kulturellen Niedergangs der Nachkriegsepoche geleistet werde Geschrei der Pornographen und Schizophrenen, so lautet eine der polemischen Formeln gegen die für unser Volk [...] bittersten Notjahre(13) , stilisiert man sich selbst als Verfolgte und Unterdrückte und rückt damit den kultur- und menschenzerstörerischen Beitrag vieler geehrter Autoren vor 1945 aus dem Blick. Das Dichterstein-Projekt, betrieben seit den 50 Jahren, ist eine kulturideologische Initiative, die eine Art Machtkompensation für die erlittene Niederlage des Jahres 1945 darstellt und offenbar die Aufgabe hat, erneut scheinbar deutsche Orientierung zu bieten und deutsch-völkische Identität und Gemeinschaft zu fördern und zu stärken, unabhängig von der moralisch-politischen Diskreditiertheit der beschworenen Ideen und Personen.
Es sei darauf hingewiesen, daß es auch andere, der Internationalität und dem aufklärerischen Humanismus verpflichtete Deutschtums-Konzepte gegeben hat, wie sie z. B. Thomas Mann im Widerstand gegen die Nationalsozialisten vertreten hat. Daß die Dichterstein-Betreiber auch den Namen Friedrich Nietzsches verewigen, ist ein zusätzlicher schlagender Beweis für den traditionsschänderischen Umgang mit der deutschen Vergangenheit, denn Nietzsche hatte nie mit jenem volkstreuen Konzept von Deutschheit zu tun, wie es der Verein Offenhausener Dichterstein suggeriert.
Es ist kein Zufall, daß die Anlage in Anspielung auf die bei Regensburg 1841 erbaute Walhalla als österreichisches Klein-Walhall bezeichnet wird. Denn die im Kampf gefallenen Krieger und Helden werden gemäß dem germanischen Mythos in Odins Totensaal Walhall (altnord. Valhöll) berufen eine anspielende Analogie zur Ehrung der in Offenhausen gewürdigten Dichter als angeblich gefallene deutsche Geisteshelden. Was aber als Beitrag zur inneren Erneuerung ausgegeben wird, basiert auf Ideen, die schließlich in den deutschen Angriffskrieg und in den Holocaust geführt haben. In diesem Lichte betrachtet, bekommen die Äußerungen des Ideenträgers, Joseph Hieß, zum Abschluß des dritten Bauabschnittes im Jahre 1968 eine zynische und bedrohliche Bedeutung: Die Idee des Dichtersteins beweist [...] die Macht unserer Ideale. Denn es geht darum, den nachwachsenden Geschlechtern zu zeigen, wie wirksam solche Ideale werden können, wenn ein Volk sie nicht erst in blutigen Kriegen, sondern schon im Frieden in sich gestaltet und den Geist der Gemeinschaft pflegt.(14)
Aus literarhistorischer Sicht stellt der Dichterstein Offenhausen deswegen kein bedeutendes Ziel im Ortsgebiet von Offenhausen dar, weil sich die Betreiber des Dichtersteins eines mißbräuchlichen Umgangs mit literarhistorischen Fakten und Zusammenhängen befleißigen. Ästhetische Leistungen und Qualitäten bleiben unberücksichtigt. So werden z. B. die auf dem Dichterstein verewigten Klassiker historisch unangemessen der skizzierten deutsch-völkischen Ideologie unterworfen und damit deren künstlerische Leistungen verkürzt und verfälscht. Von ebenso großer Tragweite ist auch die Tatsache, daß breite und wesentliche Teile der literarischen Überlieferung überhaupt verschwiegen werden. Der seit den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts in vielen rassistisch orientierten Vereinen und Verbänden geltende Arierparagraph ist bei diesen Leuten offenbar noch immer geübte Praxis, unabhängig von der literarischen Leistung der Betroffenen für die Literaturentwicklung. Die unter volkstreuer und deutscher Terminologie verborgene Pflege rassistischer und rassenmystischer Vorstellungen ist nicht zu leugnen. Bedeutend mag die Anlage für jene sein, die ihren eigenen deutschen Blick bestätigt bekommen wollen, sozusagen für die ohnehin schon Eingeweihten und Gläubigen, bedeutend möglicherweise auch im Hinblick auf die Umwegrentabilität der Region, insbesondere im Zuge der Abhaltung der Offenhausener Kulturtage, unbedeutend aber jedenfalls im Sinne einer wissenschaftlich fundierten Literaturgschichtsschreibung.
Es stellt sich auch die Frage, ob auf den in Offenhausen praktizierten Umgang mit vielen Werken und Autoren, die dem NS-Regime als Kulturträger dienten, die österreichischen Strafgesetzbestimmungen der NS-Wiederbetätigung zutreffen. Weiters stellt sich für die Republik Österreich die Frage, ob und inwiefern angesichts der skizzierten Offenhausener Dichterstein-Praxis das Ansehen der demokratischen Republik im In- und Ausland nachhaltig geschädigt wird. Ich denke, ausschließlich durch historische und literarhistorische Aufklärungs- und Bildungsarbeit, nicht jedoch durch Zensur und Verbote, könnte gegen die ideologieträchtige Arbeit des Vereins Offenhausener Dichterstein vorgegangen werden.
2.) Zur Frage nach der Nähe zum Gedankengut des Nationalsozialismus bei einem Teil der auf dem Dichterstein verewigten Schriftsteller oder einer Ablehnung eines selbständigen Österreich mit der Bitte um Quantifizierung
Die Nähe zum NS-Gedankengut von vielen der gewürdigten Schriftsteller könnte am besten durch eine Lesung aus vielen ihrer Werke illustriert werden. Aber auch andere Parameter können herangezogen werden, um eine solche Nähe anzuzeigen: z. B. Mitgliedschaften, Preise und Ehrungen, die Rolle im NS-Literaturbetrieb oder die Präsenz in einschlägigen Anthologien und NS-Literaturgeschichten. Dabei sind immer folgende historische Tatsachen und Kontexte mitzudenken.
Ab 1933/34 errangen die literarisch antimodernen Kräfte sowohl im Deutschen Reich als auch im Dollfuß-Staat den literaturpolitischen Sieg. Die NS-Kulturpolitik zielte unter Einsatz ihrer auf rassistischen Grundlagen beruhenden und nach politisch-ideologischen Kriterien ausgerichteten Zensur- und Lenkungsmaschinerie auf die völlige Zerstörung eines pluralistischen und freien literarischen Lebens. Diese Reinigungswut, die sich als revolutionäre Tat zur Rettung deutscher und abendländischer Geistigkeit und Kunst ausgab, äußerte sich am spektakulärsten in den Bücherverbrennungen 1938 fand auch in der Ostmark, auf dem Salzburger Residenzplatz, unter der Patronanz des Goebbels von Salzburg, Karl Springenschmid, eine derartige Aktion statt, und zwar in Anlehnung an jene von 1933 im Deutschen Reich. In Salzburg freilich brauchte nur mehr jenes Schrifttum ins Feuer geworfen zu werden, das nach der hausgemachten ständestaatlichen Zensur seit 1933/34 übriggeblieben war. Der NS-Zerstörungsfuror dokumentierte sich auch in Säuberungen von Bibliotheken und Buchhandlungen oder in Arisierungen des Verlagswesens. Er bedeutete für viele Künstler den Verlust öffentlicher Wirksamkeit, der wirtschaftlichen Existenz, er bedeutete Emigration, Vertreibung und physische Vernichtung. Ungefähr 9000 österreichische Künstler und Wissenschaftler aller Sparten, davon über 1500 Schriftsteller und Journalisten der "Ostmark" waren betroffen.
Die Vorgänge im Deutschen Reich seit 1933 bildeten den Anlaß für eine tiefe Spaltung und Fraktionierung der österreichischen Autoren. Die österreichischen Autoren und Verleger waren schon immer vom reichsdeutschen Markt abhängig. An die 90% der Schriftsteller hatten ihren Verlag in Deutschland, ca. 70 % der österreichischen Verlagsproduktion wurde in Deutschland verkauft (Murray G. HALL 1984). Das spitzte die Situation für viele zu. Einige österreichische P.E.N.-Mitglieder protestierten gegen die Verfolgung und Einkerkerung ihrer deutschen Kollegen die Unterzeichner dieser Protestresolution waren vielfach die Emigranten des Jahres 1938 (unter ihnen R. Auernheimer, F. Th. Csokor, E. Lothar, F. Torberg). Mit dieser kritischen Haltung wollten hingegen viele sogenannte deutschfreundliche und nazistische Wiener P.E.N.-Mitglieder nichts zu tun haben und traten aus dem Club aus, unter ihnen M. Mell, R. Billinger, B. Brehm oder J. Weinheber. (G. RENNER 1986) Franz Theodor Csokor kommentierte die damalige Situation: Man muß sich eben entscheiden: Gutes Geschäft oder gutes Gewissen? Ich bin für das zweite auf jede Gefahr hin, selbst auf die einer Emigration, falls der braune Zauber auch bei uns einmal Fuß fassen sollte! (19.6.1933) Noch zugespitzter formulierte die Arbeiterzeitung: Das Dritte Reich braucht Lakaien [...] Auf Leichenhügeln sollte ein Dichterfrühling grünen. [...] Göbbels lud zum Tee die Schriftsteller hatten zu wählen: Geist oder Macht, Charakter oder Konjunktur, tapfere Isolierung oder feige Gleichschaltung. Sie haben gewählt. Die Männer sind ins Exil, die Kreaturen zum Tee gegangen. (30.4.1933) Mehrere Anläufe, die östereichischen Sänger deutschen Heldentums und Priester des deutschen Herzens zu organisieren, hatten schließlich 1936/37 Erfolg. Der getarnte nationalsozialistische Bund deutscher Schriftsteller Österreichs wurde unter der Präsidentschaft des katholisch-großdeutschen Max Mell gegründet, um den Weg zur Befreiung ihres Volkes zu bahnen und zu vollenden (M. Stebich 1938). In ihm waren u. a. B. Brehm, F. K. Ginzkey, P. Grogger, R. Hohlbaum, M. Jelusich, E. Landgrebe, J. G. Oberkofler, H. H. Ortner, J. F. Perkonig, F. Schreyvogl, K. Springenschmid, H. Stuppäck, F. Tumler, K. H. Waggerl und J. Weinheber vertreten. (Bekenntnisbuch 1938) Von 50% seiner Mitglieder ist die Mitgliedschaft in der NSDAP gesichert. NSDAP-Mitglieder, z. T. schon seit Beginn der 30er Jahre, waren auch Gertrud Fussenegger, Josef Hieß, Bodo Kaltenboeck, Sepp Keller, Erich Kernmayr, Fritz Stüber, Kurt Ziesel oder Heinrich Zillich.
Nach dem März 1938 gingen die Nationalsozialisten auch in Österreich endgültig daran, das kulturelle Leben nach ihren Vorstellungen gleichzuschalten. 1938 trat das Reichskulturkammer-Gesetz in Kraft, das dies ermöglichte. 1941 waren 811 ostmärkische Autorinnen und Autoren per Ahnenpaß und politisch überprüft und aufgenommen. Die Palette der im "völkischen Kampf" der Deutschen Österreichs geschätzten und geförderten Literatur umfaßte folgende Bereiche: Die verherrlichende Darstellung des Krieges (Heldische Dichtung), die blutsmäßig gebundene Verkündigung von "Landschaft, Volkstum, Heimat" (Heimatroman und historischer Roman) sowie die Darstellung von Glauben und Bekenntnis im Kampf um das Reich (Weihedichtung). (ZIESEL 1938, VONDUNG 1976) Für Schriftsteller, die solcherart ins Konzept paßten, bedeutete dies die Übernahme der frei geräumten Plätze der nicht-nazistischen und jüdischen Berufskolleginnen und -kollegen. "Da kommen sie nun aus allen Löchern gekrochen, die kleinen Provinznutten der Literatur, schrieb Kurt Tucholsky 1933, nun endlich, endlich ist die jüdische Konkurrenz weg - jetzt aber! [...] Lebensgeschichten der neuen Heroen. Und dann: Alpenrausch und Edelweiß. Mattengrün und Ackerfurche. Schollenkranz und Maienblut also Sie machen sich keinen Begriff, Niveau null."
Im folgenden habe ich die Verankerung der Autoren in der NSDAP, im NS-Lehrerbund, in der NS-Frauenschaft, in der SA und SS, im Kampfbund für deutsche Kultur, im Bund deutscher Schriftsteller Österreichs untersucht auf der Basis der mir zugänglichen Materialien der Arbeitsstelle Österreichische Literatur im Nationalsozialismus, die am Institut für Germanistik der Karl Franzens Universität Graz unter der Leitung von Uwe Baur eingerichtet ist, und meiner eigenen Materialien aus dem Berlin Document Center. Einschränkend freilich muß gesagt werden, daß für viele Autoren des Dichtersteins entweder aufgrund fehlender Forschungen auf diesem Gebiet oder wegen des zu großen Aufwandes bei meiner Recherche keine Daten zur Verfügung stehen. Dies betrifft hauptsächlich die literarisch unbedeutenden Turner-Dichter und Autoren aus dem reichsdeutschen Raum.(15) Bringt man zusätzlich die Klassiker in Abzug, bleiben ca. 100 bekannte Namen hauptsächlich aus dem österreichischen Raum übrig, die die Basis der Quantifizierung darstellen.
Zur Mitgliedschaft in der NSDAP seit den 20er Jahren. Für mich war eine Mitgliedschaft von 79 Autoren eruierbar, davon traten 35 vor dem März 1938 in die NSDAP ein, waren nach dem Verbot der NSDAP in Österreich (1934) illegal.
Zur Mitgliedschaft im NS-Lehrerbund, der NS-Frauenschaft, in der SA und in der SS sowie im Kampfbund für deutsche Kultur, eines frühen kulturkämpferischen Vereins der NS-Bewegung, gegründet vom NS-Ideologen Alfred Rosenberg. Insgesamt 44 Autoren waren Mitglieder in diesen Vereinigungen.
Zur Jahreswende 1936/37 wurde in Wien nach mehreren Anläufen die getarnte NS-Schriftstellervereinigung Bund der deutschen Schriftsteller Österreichs gegründet, die vom großdeutsch orientierten Max Mell auch er ein Dichterstein-Autor präsidiert wurde.(16) Im Vorwort der anläßlich der Heimkehr der Ostmark im Jahre 1938 vom Bund publizierten Anthologie mit dem Titel Bekenntnisbuch österreichischer Dichter (Wien: Krystall Verlag) wird das sogenannte deutsche Selbstverständnis zum Ausdruck gebracht: Das Ziel ihres [der Dichter] Kampfes, den sie mit den makellosen Waffen des Geistes führten, war dasselbe Ziel, das sich alle aufrechten deutschen Dichter in vergangenen Jahrhunderten auf ihre Fahnen schrieben: ein einziges, freies, glückliches und ewiges Deutschland, ein Deutschland, das alle umfaßt, die desselben Blutes und derselben Sprache sind. Über die Aufgabe der Dichter heißt es: Sänger deutschen Heldentums, Priester des deutschen Herzens. Im Bund waren insgesamt 31 Dichterstein-Autoren als Mitglieder vertreten. 24 der Dichterstein-Autoren waren würdig, auch im Bekenntnisbuch (1938) mit einem Text abgedruckt zu werden, der der zitierten Identität entsprach.
Im Jahre 1933 publizierte einer der späteren Dichterstein-Autoren, Max Morold (= Max von Millenkovich), die für das deutschbewußte Lager Österreichs repräsentative Anthologie Dichterbuch. Deutscher Glaube, deutsches Sehnen und deutsches Fühlen in Österreich. Es versammelte die bekanntesten und besten Stimmen dieses Lagers. Die Dichter Österreichs hätten [...] niemals mahnend und lehrend auf ihre Landsleute wirken, niemals eine treue Gefolgschaft finden können, wenn sie nicht in ihrem Sange und als Persönlichkeiten deutsches Blut und deutschen Sinn verwirklicht hätten. 47 Dichterstein-Autoren sind in dieser Anthologie vertreten.
Die umfangreichste Anschluß-Anthologie (1939) stellte Heinz Kindermann zusammen. Sie trägt den Titel Heimkehr ins Reich. Großdeutsche Dichtung aus Ostmark und Sudetenland 1866-1938 und erschien im Leipziger Reclam-Verlag. Mit der Heimkehr der Ostmark und des Sudetenlandes ins Großdeutsche Reich erfüllte sich ein Tausendjahr-Gesetz deutschen Blutes, so der Herausgeber in seiner Einführung. Nicht weniger als 65 Dichterstein-Autoren waren Beiträger zu dieser Anthologie.
Auch die Präsenz der Dichterstein-Autoren in einschlägigen NS-Literaturgeschichten läßt sich dokumentieren. Hellmuth Langenbuchers Volkhafte Dichtung der Zeit (6., unveränderte Aufl. 1941) war eine der anerkanntesten NS-Literaturgeschichten. Sie verzeichnete die wichtigste, den NS-Vorstellungen entsprechende Dichtung und würdigte in ihrer 6. Auflage die seit 1939 militärischen Erfolge Hitlers bei der Schaffung des großdeutschen Reiches. 90 Dichterstein-Autoren gehörten zum Kanon Langenbuchers.
Ebenfalls im Jahre 1941 erschien eine literarhistorische Darstellung des späteren Dichterstein-Autors Friedrich Pock mit dem Titel Spielmann im Harnisch. Dichter und Kämpfer der Ostmark (Salzburg, Leipzig: Verlag Anton Pustet). Gewidmet ist das Buch einem weiteren späteren Dichterstein-Autor, Josef Papesch. Es geht Pock um die Darstellung der reichen Ernte artgemäßer Dichtung. Insgesamt 139 Dichterstein-Autoren sind vertreten. Offenbar hat sich der Verein Dichterstein Offenhausen bei der Auswahl seiner Autoren stark an Friedrich Pocks Kanon von 1941 orientiert.
Der Abstand zu Joseph Hieß Versuch der 50er Jahre, die belastete Literatur als Inbegriff deutschen Wesens und als Ausdruck ewiger Werte zu retten, und zur Beurteilung dieser Dichtung durch antinazistische Instanzen angesichts des Endes des Hitler-Regimes im Jahre 1945 läßt sich dadurch andeuten, daß ich zwei Listen von gesperrten Autoren und aus Bibliotheken auszusondernden Büchern untersuche. Die österreichische Liste der gesperrten Autoren und Bücher. Maßgeblich für Buchhandel und Büchereien wurde im Jänner 1946 vom Bundesministerium für Unterricht herausgegeben und zielte darauf, alle Bücher und Schriften, deren Inhalt eindeutig nationalsozialistische bzw. faschistische Ideologien verfolgt, für Druck, Verkauf und Verleih in Österreich zu sperren. Für die Liste der auszusondernden Literatur, herausgegeben von der Deutschen Verwaltung für Volksbildung in der sowjetischen Besatzungszone in Berlin im April 1946, wurde nach ähnlichen Kriterien vorgegangen. In beiden Listen wurden Einzeltitel gesperrt, es konnte aber auch das Gesamtwerk eines Autors betroffen sein. Insgesamt 141 spätere Dichterstein-Autoren waren mit Einzeltiteln oder dem Gesamtwerk betroffen. Das Gesamtwerk von insgesamt 57 Autoren war betroffen. Von 36 späteren Dichterstein-Autoren standen mehr als drei Einzeltitel auf den Verbotslisten.
3.) Informationen zu Karl Springenschmid (18971981), Pseud.: Christian Kreuzhakler, Beatus Streitter, Offenhausener Dichterschild-Träger 1967
3.1. Vgl. beiliegenden Lexikonbeitrag von Bruno Jahn. In: Literatur Lexikon. Autoren und Werke deutscher Sprache. Hg. von Walther Killy. Band 11. (= Literatur Lexikon, Band 1 bis 12) Gütersloh/München: Bertelsmann Lexikon Verlag 1991
Vgl. auch die hagiographisch ausgerichtete Biographie eines Enkels Springenschmids:
Wolfgang Laserer: Karl Springenschmid (Biographie). Graz: Herbert Weishaupt Verlag 1987. Dort heißt es: Die Akten von Springenschmids Verwaltungstätigkeit sind in den Wirren des Krieges verbrannt, die Mehrzahl der Zeitgenossen ist tot. (S. 101) Hier auch die Kommentierung und der auszugsweise (!) Abdruck aus Springenschmids Zusammenfassung über meine berufliche, schriftstellerische und politische Tätigkeit von 19381945 vom 10. Mai 1945. Laserer bezeichnet die Meinung des SS-Mannes Springenschmid in der Judenfrage als unorthodoxe Ansichten (S.104) und gibt in der Folge die Selbsteinschätzung seines Onkels aus dem Jahre 1945 unbefragt weiter: Springenschmid selbst berichtet, er sei von der NSDAP sogar als Judenfreund gescholten worden, weil er sich für jüdisch versippte Lehrpersonen im Gau Salzburg eingesetzt habe. Laserer: Was Springenschmid nach 1945 vor allem zur Last gelegt wurde, war die Überführung des privaten Schulwesens in die Staatsschule, ein Auftrag, den er ressortmäßig durchzuführen hatte. (S. 106)2. Weitere Daten aus dem Akt Karl Springenschmid aus dem Berlin Document Center betreffend Springenschmids NS-Orientierung und Tätigkeit im Hitler-Staat (Archiv: Karl Müller)
In die NSDAP eingetreten am 16.11.1932, Ortsgruppe Aigen/Salzburg, Mitgliedsnummer 1,306.826
Eintritt in den illegalen NS-Lehrerbund am 1.10.1932
1.2. 1941 Ernennung zum Regierungsdirektor (Leiter der Abt. II/Erziehung und Volksbildung) der Behörde des Reichsstatthalters NS-Landesrat (Schulreferat) (17)
Gauschulungsleiter seit April 1938 ehrenamtlich, Gauamtsleiter 1938
zwischen März 1934 und Januar 1938 Mitglied der SA
1.1.1938 Eintritt in die SS, Untersturmführer
Hauptverantwortlicher für die Salzburger Bücherverbrennung auf dem Salzburger Residenzplatz am 30. April 1938, die einzige Bücherverbrennung in Österreich in Anlehnung an die Bücherverbrennungen des Jahres 1933 in über 40 deutschen Städten des Deutschen Reiches. Springenschmid sprach 1938 in seiner Bücherverbrennungs-Rede von der Notwendigkeit der Vernichtung alles Klerikalen und Jüdischen. (SV und SZ, 2. Mai 1938)
Verfasser des NS-Weihespiels Das Lamprechtshausener Weihespiel zur Feier der sogenannten Heimkehr der Ostmark. Das Thing-Spiel sollte ab 1938 als Volksspiel die alljährliche Aufführung des Jedermann von Hugo von Hofmannstal auf dem Salzburger Domplatz ersetzen und wurde bis Kriegsbeginn auf einer eigens errichteten Naturbühne in der Nähe von Lamprechtshausen zweimal aufgeführt (1938 und 1939).(18)
Beiträger u. a. zum Bekenntnisbuch (1938) des Bundes deutscher Schriftsteller Österreichs und zu Heinz Kindermanns Anthologie Heimkehr ins Reich (1939)
Gewürdigt u. a. in den NS-Literaturgeschichten von Hellmuth Langenbucher und Friedrich Pock. Weiters: Beiträger zum Sammelwerk Krieg und Dichtung. Soldaten werden Dichter Dichter werden Soldaten. Ein Volksbuch. Hg. von Kurt Ziesel. Wien: Wiener Verlagsgesellschaft 1940, S. 418ff (dort auch eine Selbstdarstellung Springenschmids)
1946 steht das Gesamtwerk auf der österreichischen Liste der gesperrten Autoren und Bücher und insgesamt 16 Einzeltitel auf der Berliner Liste der auszusondernden Literatur (1946)
Springenschmid steht als Kriegsverbrecher auf dem staatspolizeilichen Fahndungsblatt vom 1. Juli 1946. Er entzieht sich seiner Verhaftung durch Flucht (vgl. seinen autobiographischen Roman: Der Waldgänger. Graz, Stuttgart: Leopold Stocker Verlag 1975.) (19)
Anmerkungen:
(1) Rudolf Nowotny: 25 Jahre Dichterstein. Vortrag bei den Offenhausener Kulturtagen 1988. In: Wir gedenken ... Festvorträge aus den Offenhausener Kulturtagen des achten Jahrzehnts. Hg. vom Verein Dichterstein Offenhausen 1991, S. 129. Die Aktivitäten des Vereins werden durch die seit 35 Jahren stetig steigenden Zahlen der verewigten Autoren faßbar: Nach Angaben von R. Nowotny waren im September 1965, etwas mehr als zwei Jahre nach der feierlichen Enthüllung des ersten Bauabschnittes im Juni 1963, schon 150 Namen von Autoren verewigt, nachdem man sich entschieden hatte, auch andere volkstreue Dichter und Schriftsteller zu ehren und nicht nur literarisch tätige Turner und sogenannte Volkstums-, Schutz- und Kulturarbeiter zu würdigen. Die Kleine Offenhausener Literaturgeschichte verzeichnet im Jahre 1978 insgesamt 415 Autoren, im Jahre 1988 sollen es schon 468 Autoren (vgl. R. Nowotny, S. 126) gewesen sein, im November 1997 waren es nach meinen Zählungen insgesamt 512.
(2) Zu Friedrich Ludwig Jahn und seinen Einfluß auf die deutsch-völkischenTurnerbewegungen vgl. Andreas P. Pittler: Friedrich Ludwig Jahn und der ÖTB. Zum ideologischen Gehalt des Jahnschen Turnens. In: Handbuch des österreichischen Rechtsextremismus. Hg.: Stiftung Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes. Wien: Deuticke 1993, S. 271282.
(3) Vgl. Helga Strallhofer-Mitterbauer: NS-Literaturpreise für österreichische Autoren. Eine Dokumentation. Wien, Köln, Weimar: Böhlau Verlag 1994, S. 112 (z. B. Literaturpreis der Stadt München 1936, Goethepreis der Stadt Frankfurt am Mai 1937, Grillparzer-Preis der Stadt Wien 1944)
(4) Nach Rudolf Nowotny: 25 Jahre Dichterstein. Vortrag bei den Offenhausener Kulturtagen 1988 (1991), S. 125
(5) Dazu gehören u.a.: Deutsches Kulturwerk Europäischen Geistes, Schutzverein österreichische Landsmannschaft, Wohlfahrtsvereinigung der Glasenbacher, verschiedene studentische Korporationen: vgl. dazu u. a.: Kleine Offenhausener Literaturgeschichte 1978 [besonders zu Herbert Böhme, dem Begründer des Deutschen Kulturwerkes]; Handbuch des österreichischen Rechtsextremismus. Hg.: Stiftung Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes. Wien: Deuticke 1993, S. 176183; S. 235238; Karl Heinz Schwecht: Freunde um den Dichterstein. Wels 1967. Mirko Jelusich, illegaler Nationalsozialist, frühes Mitglied des antisemitischen Kampfbundes für Deutsche Kultur in Österreich, 1938 NS-Direktor des Burgtheaters und Verfasser diverser Führer-Romane und Hitler-Hymnen, hatte den Ehrenschutz über den Dichterstein übernommen. (Vgl. dazu: Johannes Sachslehner: Führerwort und Führerblick. Mirko Jelusich. Zur Strategie eines Bestsellerautors in den Dreißiger Jahren. Königstein/Ts.: Verlag Anton Hain 1985). Vgl. dagegen den affirmativen und geschichtsklitternden Vortrag Robert Hampels zum Thema Mirko Jelusich Macht und Dichtung (1986) (In: Wir gedenken ... 1991, S. 107-120)
(6) Nach: Rudolf Nowotny: 25 Jahre Dichterstein. Vortrag bei den Offenhausener Kulturtagen 1988 (1991), S. 133
(7) Nach: Rudolf Nowotny: 25 Jahre Dichterstein. Vortrag bei den Offenhausener Kulturtagen 1988 (1991), S. 122-133
(8) Nach den Archivmaterialien, die beim Projekt Österreichische Literatur im Nationalsozialismus (Graz, Leiter: Uwe Baur) aufbewahrt werden, nach der Darstellung von Helga Strallhofer-Mitterbauer (Mitarbeiterin des Grazer Projektes) und nach meinen eigenen Recherchen im Berlin Document Center (insbesondere Personal-Fragebogen der NSDAP, unterzeichnet von Joseph Hieß am 19.9.1938) ergibt sich folgende biographische Skizze von Joseph Hieß: Lehrer und Schriftsteller, seit 1924 Wanderlehrer, Werbeleiter des Deutschen Schulvereins Südmark, seit 1923 Beitritt zur NSDAP (Gruppe Karl Schulz), 1928 NSDAP-Hitlerbewegung, Redner in getarnten Veranstaltungen des Deutschen Schulvereins Südmark, zwischen 1924 und 1927 HJ-Führer, 1929 erstmals Teilnahme am Reichsparteitag der NSDAP in Nürnberg, 1929 Gründung des NS-Lehrerbundes in Hollabrunn, mehrere Haftstrafen wegen NS-Betätigung in Österreich, 1934 Flucht in das Deutsche Reich, vom NS-Flüchtlingswerk betreut (Mitgliedsnummer 1692), Gauredner, Bundesredner, Abteilungsleiter für volkspolitische Aufklärung und Erziehung beim Volksbund für das Deutschtum im Ausland (VDA), seit 1940 Gaugeschäftsführer des Grenzlandamtes der NSDAP in Linz Internierung im Camp Marcus W. Orr, Bundesdietwart des ÖTB.
(9) Gegründet 1952 in der Turner-Tradition Jahns. Die Vorläuferorganisation war 1945 verboten worden
(10) 1919 wurde der Deutsche Turnerbund gegründet. Über die Ziele und Statuten dieses Turnerbundes vgl. Karl Wache (Hg.): Deutscher Geist in Oesterreich. Ein Handbuch des völkischen Lebens der Ostmark. Dornbirn: Verlag C. Burton 1933, S. 399401 Dort heißt es: Als Grundlage für die völkische Erziehung dienen die durch Friedrich Ludwig Jahn in seinem Schrifttum niedergelegten drei arischen Weistümer Rassenreinheit, Volkseinheit und Geistesfreiheit. Nur Angehörige deutschen Stammes, somit arischer Abkunft konnten Mitglieder sein.
(11) Es wäre noch zu überprüfen, in welchem Ausmaß die in Offenhausen gewürdigten Volkstreuen in den in Waches Handbuch genannten völkischen Vereinen und Verbänden vertreten waren.
(12) Zum Nachkriegs-Kontext vgl. mein Buch: Zäsuren ohne Folgen. Salzburg 1990, auch meinen Beitrag: Sieben Jahre später, in einem Totenhaus. In: Der Standard, 12. März 1998
(13) Nach: Rudolf Nowotny: 25 Jahre Dichterstein. Vortrag bei den Offenhausener Kulturtagen 1988 (1991), S. 133 und 124 (Joseph Hieß)
(14) Nach: Rudolf Nowotny: 25 Jahre Dichterstein. Vortrag bei den Offenhausener Kulturtagen 1988 (1991), S. 126
(15) Für die reichsdeutschen Autoren wären z. B. die Angaben der Sammlung von Joseph Wulf auszuwerten oder weiterführende Archivrecherchen anzustellen. Vgl. Joseph Wulf (Hg.): Literatur und Dichtung im Dritten Reich. Eine Dokumentation. Frankurt am Main 1983 (1963)
(16) Vgl. Gerhard Renner: Österreichische Schriftsteller und der Nationalsozialismus (19331945). Der Bund der deutschen Schriftsteller Österreichs und der Aufbau der Reichsschrifttumskammer in der Ostmark. Frankfurt am Main 1986
(17) Vgl. Ernst Hanisch: Gau der guten Nerven. Die nationalsozialistische Herrschaft in Salzburg 1938-1945. Salzburg, München: Verlag Anton Pustet 1997
(18) Dazu vgl. meinen Aufsatz: Vaterländische und nazistische Fest- und Weihespiele in Österreich. In: Hilde Haider-Pregler/ Beate Reiterer (Hg.): Verspielte Zeit. Österreichisches Theater der dreißiger Jahre. Wien: Picus Verlag 1997, S. 150169, bes. S. 160-169) Vgl. auch: Lamprechtshausen. Ein Dorf der Ostmark kämpft für Adolf Hitler. Text von Karl Springenschmid. Bilder von Enno Folkerts. München: deutscher Volksverlag o. J. (1938)
(19) Vgl. dazu: Andrea Reiter: Karl Springenschmid: Der Waldgänger. Rechtfertigungsprosa im Biedermeierstil? In: Macht Literatur Krieg. Österreichische Literatur im Nationalsozialismus. Hg. von Uwe Baur, Karin Gradwohl-Schlacher, Sabine Fuchs unter Mitarbeit von Helga Mitterbauer. Wien, Köln, Weimar: Böhlau Verlag 1998, S. 307319
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