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Die Philosophie Ibn Khalduns

"Er hat die Geschichte zu einer Wissenschaft gemacht", schreibt der Historiker Y.
Lacoste über den islamischen Gelehrten Ibn Khaldun. Tatsächlich hat der im 14. Jahrhundert
lebende arabische Philosoph nicht nur historische Daten gesammelt, so wie andere vor ihm.
Er entwarf als erster Theorien darüber, wie Gesellschaften sich entwickeln. Manche
seiner Ansichten klingen bemerkenswert modern. So könne etwa der Wohlstand eines
Landes nicht an seinen Geldreserven oder Edelmetallen gemessen werden,
sondern durch die Spezialisierung und die Arbeitsteilung seiner Bewohner.

Von Giovanni Patriarca
(01. 03. 2007)


    Ibn Khaldun's Leben nimmt, dank unzähliger Ereignisse und Tragödien, fast schon epische Züge an. Eine legendäre Aura geprägt von unerschütterlichem Mut mit der er das harte damalige Leben bestritt, zeichnet diesen Interpreten der Geschichte und der Gesellschaft aus. Er hatte die sagenhafte Fähigkeit, in einer Zeit, die von einem ständigen Herrscherwechsel geprägt war, Ereignisse weitblickend und schematisch zu erfassen. Furchtlos verstand er es, in einem nie enden wollenden Spiel von Intrigen und Betrug im richtigen Moment die Seite zu wechseln und sich so unter den Schutz des stärksten Herrschers zu stellen. Manch einer bezeichnete ihn daher als Opportunist, andere hingegen als einen Freidenker mit eben den typischen Eigenschaften, die erst später im Machiavellismus der Renaissance klar definiert wurden. Das schwierige Überleben in einer Welt voll gewalttätiger sozialer Konflikte und blutigen Revolten, entschuldigt, historisch gesehen, seine wechselhaften Entscheidungen, die auf seinen ungewöhnlichen Scharfsinn und seine herausragende Klugheit hinweisen.

Von westlichen Geschichtsschreibern entdeckt, war er zunächst ein unverstandenes Genie. Folglich waren alle Versuche, seine Werke zu analysieren und ihren wahren Wert zu ermitteln, noch bis vor Kurzem mit Vorurteilen belastet. Ibn Kaldhun’s methodische, stark analytische und präzise Nachforschungen erschienen seinen westlichen Lesern als Vorläufer positivistischer Geschichtstheorien. Diese machten ihn, auf Grund vieler inhaltlicher Übertreibungen, zu einem ante litteram des historischen Materialismus. Einige zeitgenössische Experten hingegen sehen in ihm   wegen seiner Kritik an der uneingeschränkten Macht der Herrscher und des Staates, wegen seines Auflehnens gegen die hohen Steuern und wegen seiner Glorifizierung der Freiheit einen Vorreiter des klassischen Liberalismus.

    Diese oftmals erzwungene und voreingenommene akademische Auffassung hat besonders während der nordafrikanischen Dekolonisierung ihren Weg in die arabische Kultur gefunden. Arabische Historiker sehen in Ibn Khaldun zu Recht einen sorgfältigen und methodischen Gelehrten, der sich mit den antiken Wurzeln der aktuellen Missstände beschäftigte. Die gewaltsame Verwestlichung seiner Ideen resultiert aus offensichtlichen Manipulationsversuchen und aus hermeneutisch-wissenschaftlich diffusen Arbeiten, die ihn oft als einen Mann völlig außerhalb des traditionellen islamischen Gedankenguts darstellen.

Nur diesen einen Aspekt hervorzuheben, würde weder Ibn Khaldun noch der kulturellen und philosophischen Geschichte des Islams gerecht werden und erst recht nicht der arabischen Zivilisation. Ibn Khalduns philosophisches Gedankengut ist nicht auf reine Humanwissenschaft ohne jedes spirituelle Vermächtnis reduzierbar. Von Seiten der Forschung aber wurde mitunter behauptet, Khaldun wolle die vorangegangene philosophische Tradition und religiöse Kultur nicht anerkennen.(1)

    Ibn Khaldun ist jedoch kein Mann außerhalb des geschichtlichen Geschehens. Er ist ein Mann seiner Zeit, seines Landes und der arabisch-islamischen Kultur. Er wurde 1332 in Tunis, in eine einflussreiche arabisch-andalusische Familie aus Sevilla (die Stadt war zu jener Zeit in der Hand der Reconquista Cristiana), geboren. Seine Familie rühmte sich ihrer Hadramawtischen Herkunft. Seine Jugend und die ersten Jahre des Erwachsenenalters wurden allgemein von einer soliden Erziehung, nach den Lehren der traditionellen islamischen Kultur, geprägt. Im Anschluss öffnete die Invasion der Mariniden (1347/1349) hervorragenden Gelehrten und Literaten die Türen der Stadt. Leider dezimierte eine schlimme Seuche, die als Schwarzer Tod in die Geschichtsbücher einging, die Bevölkerung und verwandelte Tunis in eine Geisterstadt. Unter den Toten waren Ibn Khaldun's Eltern und ein Großteil seiner Lehrer und Freunde.

"Die schreckliche Seuche brach aus […]" – berichtet Ibn Khaldun mit dem Pathos und der Tragik eines Mannes, der selbst dieses furchtbare Ereignis miterlebt hatte – "in einer Zeit, die ohnehin schon von dem Niedergang der Imperien gezeichnet war. Der Ausbruch der Seuche schwächte ihre Macht bis zu dem Punkt, an dem die völlige Zerstörung drohend nah war. […] Die Erde hörte auf zu gedeihen, die Städte verwaisten und die Landschaft war nicht mehr die, die sie einmal war."(2)

Die einstige Pracht war vergangen und ließ "eine intellektuelle Leere"(3) zurück, die Ibn Khaldun dazu brachte, Zuflucht in der Stadt Fez zu suchen, um seiner Einsamkeit und Schwermut zu entkommen. Fez war das pulsierende Zentrum des damaligen kulturellen Lebens und ein wichtiger kommerzieller Knotenpunkt. "Hier waren alle damit beschäftigt, Marmor- und Steinpaläste zu errichten und sie mit wertvollen Mosaiken und Arabesken zu schmücken."(4) Er begann, in der Verwaltung des Sultans Abu Ishak (1350) mitzuwirken und konnte von der dortigen Anwesenheit angesehener Gelehrter und deren Lehren profitieren, um seine Nachforschungen weiterzuführen.(5) Doch seine Arbeit dort blieb nur von kurzer Dauer. Die Invasion von Ifrikiya durch den Amir Abu Yazid (1352) löste Chaos in der ganzen Region aus. Sie zeichnete den Beginn einer Zeit plötzlicher und abenteuerlicher Richtungsänderungen Ibn Khalduns, die sein ganzes weiteres Dasein bestimmen würden.

    Er wanderte durch weite Teile Nordafrikas, wo er verschiedenen Herrschern und Despoten seine Dienste anbot. Einmal bat er sich als Hofpoet des Sultans Abu Salim an. Das Umfeld des Sultans entsprach jedoch nicht seinen Vorstellungen und er machte sich dort zahlreiche Feinde. Schließlich erhielt er die Erlaubnis, nach Granada zu gehen, wo er endlich die verdiente Ehre und Anerkennung erhielt. Während dieser Zeit hatte er auch die Gelegenheit, sich Sevilla anzusehen die Stadt, aus der seine Familie und seine Ahnen stammten. Hier wurde er von Peter dem Grausamen empfangen, der ihn drängte zu bleiben. Dieser hatte die Fähigkeiten Khalduns sofort erkannt und versprach, ihm die Besitztümer seiner Familie zurückzugeben, falls er bliebe.

Dennoch zog es Ibn Khaldun zurück an die afrikanische Küste, wo er sich in der Stadt Bugia am Hof von Abu Abd Allah Muhammad niederließ. Dieser war ein alter Freund aus der Zeit der Verschwörungen in Fez (1365). Auf Grund der Invasion des Emirs von Qacentina im Frühjahr 1366 blieb auch dieser Aufenthalt von kurzer Dauer. Nach einigem Umherziehen fand er letztendlich Zuflucht in Biskra bei den Banu Mauzni. Obwohl er ernsthaft vorhatte, sich während dieser Zeit der Lektüre und dem Nachdenken zu verschreiben, zog er sich nicht wie geplant zurück. Sein innigster Wunsch, aktiv am Verlauf der Geschichte teilzunehmen etwa an den Verschwörungen und Komplotten zwischen den Königshäusern der Region (Mariniden, Hafsiden und andere Despoten der Zone) , ließ ihm für nichts anderes Zeit. In diesem historisch-geografischen Umfeld waren die Chancen, an den Höfen zu Ehre zu kommen, ebenso groß wie das Risiko, eine schmerzhafte Niederlage zu erfahren. Ibn Khalduns unermüdliche Teilnahme am politischen Leben lässt jedenfalls zu Recht vermuten, dass er bei so manchen Komplotten die Hände mit im Spiel hatte.

    Er zog sich in das Heim Banu Salamas zurück, das wenige Kilometer neben der heutigen Stadt Frenda lag und der ideale Ort zum Nachdenken war. Hier fand er die nötige Inspiration, sein vielfach bewundertes Werk zu schreiben: die Muqaddima.(6)

Gegen Ende des Aufenhaltes im Schloss von Banu Salama verspürte er den Wunsch, nach Tunis zurückzukehren, wo "seine Ahnen lebten und wo noch immer ihre Häuser, sterblichen Überreste und ihre Gräber waren".(7) Nachdem er die Erlaubnis des hafsidischen Hofes erhalten hatte, gab er sich der Verfassung seines Werkes "Ibar" hin, deren erste Kopie an den Sultan Abu 'l-'Abbas ging. Doch mit dem Erfolg, den er dort hatte, stellten sich auch Neid und Eifersucht ein. Unter dem Vorwand, zur religiösen Wallfahrt nach Mekka zu gehen, verließ er seinen Geburtsort, der voll von Boshaftikeit und Heimtücke war (1382), und kehrte niemals zurück.

Er ging nach Kairo, in die mamelukische Hauptstadt, deren Pracht ihn anfangs überwältigte. Sein guter Ruf verschaffte ihm die Möglichkeit, in Al-Azhar zu unterrichten, dem berühmtesten Studienzentrum der Stadt. Da seine malakischen fikh-Kurse von einer beachtlichen Zahl von Studenten besucht wurden, wurde er (1384) zum qadi ernannt. Doch kurze Zeit später sollte ihn ein großes Unglück heimsuchen. Seine Familie hatte, dank der Fürsprache des Sultan Al-Zahir Barkuk, endlich die Erlaubnis erhalten, zu ihm zu kommen. Unglücklicherweise erreichte sie aber nie den Hafen von Alexandria, da ihr Schiff in der Nähe von Benghazi sank.

    Zu Khalduns seelischem Schmerz über diesen Verlust gesellte sich der Chauvinismus der örtlichen kulturellen Elite, die davon überzeugt war, dass der Fremde zu viel Macht besäße. Aus diesem Grund musste er 1385 zurücktreten. Nun verbrachte er einen Großteil seiner Zeit damit, an verschiedenen Schulen der Stadt zu unterrichten. Diese Aufgabe beschäftigte ihn vierzehn Jahre lang völlig. 1399 wurde er wieder zum qadi ernannt, trat aber schon wenige Monate später zurück, da er dazu gezwungen wurde, Al-Nasir auf seiner Expedition nach Damaskus zu begleiten, wo zu dieser Zeit bereits Tamerlano an der Macht war. Er wurde am Hof dieses grausamen Herrschers empfangen und führte höfliche Gespräche. Dieses Erlebnis zeugt vom unerschrockenen Mut Khalduns; was sich dort wirklich ereignete, verbirgt sich bis heute hinter einer Reihe von Mythen und Legenden. So wird berichtet, dass Tamerlano von der Weisheit und Bildung Ibn Khalduns so sehr beeindruckt war, dass er ihn bat, an seinem Hof zu bleiben. Da dieser jedoch von dem rauen und rachsüchtigen Charakter des mongolischen Herrschers wusste, nahm er das Angebot nur unter der Bedingung an, dass er seine Bücher aus Kairo holen dürfe, ohne die er seine Studien nicht hätte weiterführen können. Mit dieser List schaffte er es, lebend nach Kairo zurückzukehren, wo er 1406 starb.

Sein Ruf lebt bis heute weiter, besonders in den Muqaddima, dem Vorwort des ambitionierten Werks über die Weltgeschichte, das nie zu Ende gebracht wurde: der Ibar. Dieses Werk ist jedoch lückenhaft, insbesondere was die Dynastie Almohade(8) betrifft, und hält den Versprechungen und Erwartungen, die aus dem Vorwort resultieren, nicht stand. Außerdem sollte man die folgenden Werke erwähnen: Bei dem Ersten, dem Tarif, handelt es sich um eine detailreiche Autobiographie, und bei dem Zweiten, der Shifa al’sa’il, um eine mystische Abhandlung, die er wahrscheinlich gegen Ende seines Lebens geschrieben hat und deren Authentizität noch immer nicht geklärt ist.

   Die erste Fassung der Muqaddima stammt aus der Zeit seines Rückzuges in die Residenz der Familie Ibn Salamas (1375/1379): In ihr kommt der ganze Reichtum seiner Gedanken zum Vorschein, die die traditionellen Lehren der islamischen Pädagogik mit einer objektiven Analysefähigkeit verbinden. Diese letztere resultiert sowohl aus seinen turbulenten politischen Machenschaften als auch aus seinen präzisen psychologischen Nachforschungen, die sich nicht mit der Macht des Einzelnen befassen, sondern mit der der sozialen Gruppen. Die Absichten des Autors sind, ohne jeden Zweifel, vorbildlich und innovativ: Er versucht, "eine enzyklopädische Synthese des notwendigen methodischen und kulturellen Wissens zu kreieren. Dies ermöglicht einem Historiker, rein wissenschaftliche Arbeiten zu schreiben".(9)

Ibn Khaldun kritisierte die viel zu unterwürfige Arbeitsweise seiner Vorgänger, die seiner Meinung nach zu parteiisch waren, als sie die Heldentaten des einen oder anderen Herrschers niederschrieben ohne eine kritische Analyse durchzuführen. Ibn Khaldun führte eine neue Definition von Geschichte ein: Seiner Meinung nach sind die sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Aspekte unerlässlich, um die Vergangenheit verstehen zu können. Bei seinen Nachforschungen hält er sich an das folgende Kriterium: Die Übereinstimmung mit der Realität (kanun al-mutabaka); dies ist der Meilenstein von dem jedes andere Ereignis ausgeht. Wenn man dieses Kriterium berücksichtigt, scheinen seine Bemühungen, den Ursprung der historischen Entwicklung verstehen zu wollen, einleuchtend. Dies tat er, indem er versuchte, mit einer endlosen ätiologischen Suche die sozialen Spielregeln der untersuchten Fälle ans Licht zu bringen. Vorraussetzung für eine rein wissenschaftliche Arbeit ist immer ihre Unabhängigkeit (ilm mustakill bi-nafsih); ihr primäres Studienobjekt muss zudem die menschliche Zivilisation sein. Laut Ibn Khaldun umfasst dieser Begriff das Verständnis aller Charaktereigenschaften einer Zivilisation und der gesamten, sozialen Fakten.

    Bei den sechs Kapiteln der Muqaddima handelt es sich um eine soziale, anthropologische Studie über den Einfluss der Natur und der Umgebung auf die menschliche Natur, die schließlich in eine Beschreibung der ersten nomadischen Zivilisationen (umran badawi) übergeht. Das Konzept umran umfasst eine Vielzahl von Bedeutungen, die von einem bewohnten Ort bis zur Gesellschaft stricto et lato sensu reichen.(10) Später werden die ersten institutionellen Formen und ihre Entwicklung analysiert, um sich dann mit den höher entwickelten Formen der Gemeinschaften in einem städtischen oder sesshaften Umfeld (umran hadari) zu beschäftigen. Es folgt die Analyse der Handelsbräuche und der Entwicklung der Manufaktur und ihr Beitrag zur Blüte einer geordneten Gesellschaft, in der man sich philosophisch, kulturell und künstlerisch frei und ohne Grenzen oder Einschränkungen entfalten kann. Dieser komplexe methodologische Organon ist eine konkrete Studie der historischen Dynamiken. In ihm werden prinzipiell die Idealtypen der verstehenden Methode durch die Analyse der Dichotomien Stadt-Land, nomadische-sesshafte Gesellschaft, Stammessolidarität, Individualismus/Egoismus erörtert.(11)

Seine globale Vision der Geschichte erlaubte es Ibn Khaldun, eine eigene Wirtschaftstheorie zu entwickeln, die von folgendem Zyklus geprägt ist: Zu Anfang besitzt jeder Staat nur ein begrenztes Maß an Macht und die Steuerabgaben sind relativ gering. Dies macht ein stetiges Wachstum der Produktion und des Konsums möglich. Nach dieser Phase (erste und zweite Generation) reißt der Staat alle Macht an sich, erhöht folglich die Steuern und schränkt die Freiheiten des Einzelnen ein. Dies führt zu einer spürbaren Verringerung des Konsums und der Produktion. In der letzten Phase (vierte Generation) kommt es zu einem völligen wirtschaftlichen Stillstand, der so umfangreiche Konsequenzen hat, dass es bis zur Lähmung des gesamten Staates kommt.(12)

    In seiner Theorie über Symptome und Probleme, die eine Gesellschaft entstehen, sich entwickeln und sterben lassen, spielt die asabiyya eine wichtige Rolle. Sie beinhaltet Zivilcourage, sozialen Zusammenhalt, Gruppenzugehörigkeit, gemeinsame Ziele, die Stärke der Gruppe und Lebenskraft.(13) Dieses Gefühl von Zusammengehörigkeit und "gegenseitiger Solidarität, das mit dem Lebenskampf verbunden ist,"(14) lenkt jedes Mitglied einer Gesellschaft durch gemeinsame Anstrengungen in Richtung eines gemeinsamen Ziels. Eben dieses Volksstreben bestimmt das Schicksal der Gesellschaft, da die asabiyya "die motorische Kraft im staatlichen Geschehen ist."(15) In der Geschichte jeder Zivilisation findet man "eine Entwicklung, einen Höhepunkt und einen Niedergang"(16) der sozialen Bindungen, die die treibende Kraft der Zivilisation darstellen. Ein gemeinsamer Glaube stärkt den Zusammenhalt, da er nicht nur im spirituellen Sinn verbindet. "Eine Dynastie" erklärt Ibn Khaldun "die sich auf eine Religion gründet, verdoppelt den Zusammenhalt der asabiyya, der dann wieder den Aufstieg der Dynastie ermöglicht."(17)

In Bezug auf die sozialen Entwicklungen vertritt Ibn Khaldun die Meinung, dass der Wohlstand eines Landes nicht an seinen Geldreserven oder Edelmetallen gemessen werden kann, sondern durch Spezialisierung und Arbeitsteilung sichtbar wird. Sie ermöglicht eine "virtuose Spirale", die die Produktivität erhöht und die Risiken und Rollen gerecht verteilt: Der Handwerker wird für die Produktionszeit bezahlt; der Händler wird durch seinen Lohn für die Risiken, die er eingeht, entschädigt; die Beamten werden für die Dienstleistungen, die dem Schutz der öffentlichen und privaten Güter dienen, bezahlt (und müssen dafür nicht in die Privatsphäre des Einzelnen eingreifen).(18) Laut Ibn Khaldun, der damit sogar die soziologischen Theorien der Verstädterung vorwegnimmt, spiegeln Städte die Lebendigkeit einer Gesellschaft wieder: Je mehr Menschen es gibt, desto ausgeprägter ist die Spezialisierung und die Zusammenarbeit, da es dem Einzelnen unmöglich ist, sich komplett selbst zu versorgen. Der Wohlstand und der Reichtum eines Volkes zieht einen enormen Bevölkerungszuwachs nach sich, der wiederum zu einem starken Anstieg der Produktion und des Konsums führt. Und doch findet man in der Stadt auch den giftigen Keimling der Verweichlichung und der Sünde. Der Luxus und die Laster, die sie in sich birgt, sind die primäre Ursache der Schwächung des sozialen Zusammenhalts und Respekts, die wiederum das Fundament der Gesellschaft darstellen und lebenswichtig für sie sind.

    Egal von welchem Blickpunkt aus man Ibn Khaldun's Werk sieht, wird es Bewunderung und Erstaunen hervorrufen: Seine empirischen Methoden gehen über die unpersönliche Transkription der Ereignisse hinaus und dürfen zu Recht die Bezeichnung historische Wissenschaft beanspruchen.(19) Y. Lacoste geht sogar so weit zu schreiben, dass "wenn Thukidides der Entdecker der Geschichte sei", so habe "Ibn Khaldun die Geschichte zu einer Wissenschaft gemacht."(20) Obwohl einige die Philosophie Ibn Khalduns nicht ganz ohne Sarkasmus als "ancilla sociologiae"(21) bezeichnet haben, wäre es falsch, sie nicht aus philosophischer Sicht zu würdigen. Seine Werke resultieren aus einer historisch-philosophischen Synthese, in der Soziologie und Sozialpsychologie, Politikwissenschaft und Wirtschaft als "Hilfswissenschaften der Geschichte"(22) gesehen werden und so miteinander verbunden sind, dass man sie nicht voneinander trennen kann.(23)

Ich möchte diesen kurzen Aufsatz mit den Worten des großen Historikers A. J. Toynbee abschließen. Seiner Ansicht nach ist die Arbeit Ibn Khalduns, "der eine einzigartige Art und Weise hatte, die Philosophie der Geschichte zu verstehen, ohne Zweifel das größte Werk, das jemals realisiert wurde."(24)


Anmerkungen

(1) H. Corbin, Storia della Filosofia Islamica, Adelphi Milano 1991, S. 290
(2) Ibn Khaldoun, Muqaddima, I, S. 66 (Übersetzung von De Slane in Y. Lacoste, Ibn Khaldoun, F. Maspero, Paris 1966, S. 119)
(3) M. Talbi, Ibn Khaldun, in der E.I., S. 825
(4) Ibn Khaldoun, Histoire des Bérberes, IV, S. 180 (Übersetzung von De Slane in Y. Lacoste, Ibn Khaldoun, F. Maspero, Paris 1966, S. 59)
(5) Ibn Khaldun, Ta’rif, 59 zitiert in M. Talbi, Ibn Khaldun, in der E.I., S. 826

(6) Ibn Khaldoun, Ta’rif, 229 zitiert in M. Talbi, Ibn Khaldun, in der E.I., S. 827
(7)
Ibid.

(8) M. Talbi, Ibn Khaldun, in E.I. S. 829. Nach R. Brunschvig, exakte Zeitangaben findet man nur selten, die chronologischen Angaben in seinem Werk stimmen oft nicht überein. (Hafsides, II, S. 392)
(9) Ibid.
(10) Y. Lacoste, Ibn Khaldoun, F. Maspero, Paris 1966, S. 124

(11) L. Baeck, The Mediterranean Tradition in Economic Thought, Routledge, London 1994, S. 115

(12) Ibid. S. 117. Die folgenden Worte Ibn Khalduns erläutern diese Wirtschaftstheorie: "Die offensichtlichen Unterschiede, die man im Verhalten zweier Generationen wiederfindet, sind ausschließlich Ausdruck der wirtschaftlichen Unterschiede, die sie (in ihrem wirtschaftlichen Leben) voneinander trennen."  (Übersetzung eines Zitats der Muqaddima aus M. Talbi, Ibn Khaldun, in E.I.S. 830). Dieser Satz wurde, im Kontext des Marxismus nicht selten als Einleitung des dialektischen Materialismus aufgefasst.

(13) Y. Lacoste, Ibn Khaldoun, F. Maspero, Paris 1966, S. 134-135
(14) S. Noja, Breve storia die popoli dell’Islam, Arnoldo Mondatori Editore, Milano 1997, S. 154

(15) Zitat von E. Rosenthal aus dem Aufsatz "Ibn Khalduns Gedanken über den Staat"  in Y. Lacoste, Ibn Khaldoun, F. Maspero, Paris 1966, S. 134
(16) S. Noja, Breve storia die popoli dell’Islam, Arnoldo Mondatori Editore, Milano 1997, S. 155

(17) Ibn Khaldoun, Muqaddima, I, S. 325 (Übersetzung von De Slane in Y. Lacoste, Ibn Khaldoun, F. Maspero, Paris 1966, S. 120)
(18)
L. Baeck, The Mediterranean Tradition in Economic Thought, Routledge, London 1994, S. 116. Dank dieser Thesen interessierten sich einige moderne und zeitgenössische Vertreter des Liberalismus für Ibn Khaldun. In den Muqaddima steht diesbezüglich folgendes geschrieben: "Eine unterdrückende Regierung ruiniert den Wohlstand einer Gesellschaft. Wenn man der Bevölkerung ihr Gut und Habe nimmt, nimmt man ihr auch den Willen für mehr Gut und Habe zu arbeiten, da ihr klar ist, dass ihr am Ende nichts bleiben wird." (Ibn Khaldoun, Muqaddima, I, S. 106 mit Übersetzung von De Slane in Y. Lacoste, Ibn Khaldoun, F. Maspero, Paris 1966, S. 113)

(19) Ibn Khaldun schreibt: "Ich habe mich an einem einzigartigen Plan gehalten, da ich nach einer neuen Methode gesucht habe, mit der man die Geschichte beschreiben kann. […] Auf diese Art und Weise werden die Ursachen der Ereignisse verständlicher…" (Ibn Khaldoun, Muqaddima, I, S. 10 mit Übersetzung von De Slane in Y. Lacoste, Ibn Khaldoun, F. Maspero, Paris 1966, S. 197)
(20) Y. Lacoste, Ibn Khaldoun, F. Maspero, Paris 1966, S. 187

(21) H. Corbin, Storia della Filosofia Islamica, Adelphi Milano 1991, S. 288
(22)
M. Talbi, Ibn Khaldun, in E.I.S. 830

(23) Es scheint angebracht, hier einen kurzen Aufsatz von Ibn Khaldun aufzuführen, in dem er die Arbeit eines Historikers beschreibt: "Ein Historiker muss unbedingt die Grundsätze der Kunst des Regierens, den echten Charakter der Ereignisse, die Unterschiede der einzelnen Nationen, Länder und Epochen, in denen er die Sitten und Gebräuche, das Verhalten, die Glaubensrichtungen und ihre Bedeutung, die äußeren Umstände, die auf die Gesellschaft einwirken, kennen." (Ibn Khaldoun, Muqaddima, I, S. 57 mit Übersetzung von De Slane in Y. Lacoste, Ibn Khaldoun, F. Maspero, Paris 1966, S. 197)
(24)
Zitat von A. J. Toynbee über sein monumentales Werk "A study of History",  das  Y. Lacoste in seiner Monographie über Ibn Khaldun aufführt. (Y. Lacoste, Ibn Khaldoun, F. Maspero, Paris 1966, S. 7-8)


Bibliographie

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Ibn Khaldun
( von M. Talbi)
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