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Sibirien schmilzt

Das größte Eistorfmoor der Welt schmilzt, sein Boden taut auf. Der Permafrost
Westsibiriens, ein Gebiet, das sich über eine Million Quadratkilometer erstreckt, beginnt,
sich in eine Landschaft aus flachen Seengewässern zu verwandeln. Das behaupten
zumindest russische Wissenschaftler, die kürzlich aus der Region zurückkehrten.

Von Fred Pearce
(17. 08. 2005)


     Die Nachricht über die dramatischen Veränderungsprozesse in einer der unberührtesten Landschaften der Welt kommt von Sergei Kirpotin, Botaniker an der staatlichen Universität von Tomsk und Judith Marquand, von der University of Oxford.

Das plötzliche Schmelzen eines Gebiets so groß wie Deutschland und Frankreich zusammen, könnte Milliarden Tonnen Methangas in die Atmosphäre freisetzen. Methan gehört zu den potentiellen Treibhausgasen.

Kirpotin spricht von einem "wahrscheinlich irreversiblen ökologischen Erdrutsch, der ohne Zweifel etwas mit der globalen Erwärmung zu tun hat". Laut Kirpotin taut die gesamte subarktische Zone Westsibiriens erst "seit drei oder vier Jahren" auf nicht früher.

     Bis vor kurzem war dies noch eine konturenlose Frostlandschaft. Jetzt beginnt sich die Region in eine Seenlandschaft zu verwandeln. Manche dieser Seen haben einen Durchmesser von mehr als einem Kilometer. Kirpotin vermutet, dass ein bislang unbekannter Schwellenwert kritisch überschritten wurde und so die Schmelze ausgelöst hat.

In Westsibirien vollzieht sich die globale Erwärmung rascher als in (fast) allen anderen Regionen der Erde. In den vergangenen 40 Jahren war hier ein durchschnittlicher Temperaturanstieg von etwa 3 Grad Celsius zu verzeichnen. Man geht davon aus, dass eine Kombination verschiedener Ursachen schuld an der Erwärmung in Westsibirien ist. Zum einen spielt der menschengemachte Klimawandel eine Rolle, zum anderen eine zyklische Veränderung der arktischen Zirkulation, die sogenannte Arctic Oscillation (AO). Zudem wirke sich auch die Eisschmelze auf die Region aus, da durch sie Bodenoberfläche und ein Teil des Ozeans freigelegt wird (Erd- und Wasseroberflächen absorbieren die Sonnenstrahlen besser als Schnee oder weißes Eis).

Vergleichbare Erwärmungsphänomene werden auch aus Alaska gemeldet. So hat Jon Pelletier von der University of Arizona in Tucson diesen Frühsommer von einer massiven Zunahme der Seen am nördlichen Ausläufer (North Slope) des Arktischen Ozeans berichtet.

     Die Forschungen in Westsibirien erfolgten, nachdem zwei Monate zuvor in einem Report auf das Verschwinden tausender Seen in der ostsibirischen Region hingewiesen wurde. Das Seensterben habe sich über die vergangenen 30 Jahre vollzogen. Auch für dieses Phänomen wird der Klimawandel verantwortlich gemacht (New Scientist vom 11. Juni 2005, S. 16). Nur scheinbar ein Widerspruch, denn beide Phänomene sind gegensätzliche Extreme ein- und desselben Prozesses, des sogenannten ‘Thermokarsk‘.

Das Ganze vollzieht sich folgendermaßen: Eine zunehmende Erwärmung der Luft erzeugt zunächst einen sogenannten "Frost-Haufen". Die flache Permafrostlandschaft verwandelt sich in eine Ansammlung (Salsas) aus Höhlen und Eishügeln. Beginnt der Dauerfrost zu schmelzen, sammelt sich Oberflächenwasser. Es entstehen Tümpel, deren Wasser nicht ablaufen kann, da der darunter liegende Sumpf gefroren ist. Diese Tümpel vereinen sich zu immer größeren Seen. Ist der letzte Permafrost geschmolzen, kann das Wasser endlich abfließen, und die Seen verschwinden.

     Die sibirische Torfmoorlandschaft entstand gegen Ende der letzten Eiszeit vor rund 11.000 Jahren. Seit damals erzeugt die Landschaft Methangas. Die meisten Methangas-Vorkommen liegen eingeschlossen im Dauerfrost (manche sogar noch tiefer in den Eisstrukturen, den sogenannten Clathraten) Larry Smith von der University of California in Los Angeles schätzt, dass allein unter Westsibirien 70 Milliarden Tonnen Methangas liegen was einem Viertel des weltweiten Methanvorkommens (im Boden) entspräche.

Seine Kollegin Karen Frey erklärt, dass dann, wenn Sümpfe bei ihrer Erwärmung austrocknen, Methan oxidiere und sich als Kohlendioxid in die Luft verflüchtige. Falls die Sümpfe aber, so wie in Westsibirien, feucht bleiben, gelange das Methan direkt in die Atmosphäre. Dabei ist Methan ein um das Zwanzigfache potenteres Treibhausgas als Kohlendioxid.

Im Mai 2005 sprach Katey Walter von der University of Alaska in Fairbanks in Washington auf einer Versammlung des Arctic Research Consortium of the US. Walter erklärte, sie selbst sei in Ostsibirien auf sogenannte Methan-Hotspots gestoßen. Das Gas dieser Hotspots sei mit solcher Geschwindigkeit aus dem tauenden Permafrost gesprudelt, dass die Erdoberfläche selbst mitten im Winter nicht gefrieren konnte.

     Eine internationale Forschungsgemeinschaft (Global Carbon Project) fand bereits Anfang des Jahres heraus, dass das Schmelzen des Permafrosts (Treibhausgase werden in die Atmosphäre freigesetzt) eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Wechselwirkungsfaktoren spielt, die das Phänomen des Klimawandels beschleunigen könnten: "Mehrere hundert Milliarden Tonnen Kohlenstoff könnten freigesetzt werden", so Pep Canadell von CSIRO, der Divison of Marine and Atmospheric Research in Canberra, Australien. Er ist der leitende Wissenschaftler des Forschungsprojekts.

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(Dieser Text wurde uns freundlicherweise von zmag.de zur Verfügung gestellt.
Die Übersetzung stammt von Andrea Noll.)


 

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