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Ein Plädoyer für die Willensfreiheit
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Von Bernd Ehlert

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Dipl.-Ing. Bernd Ehlert
(B.Ehlert@web.de),

46 Jahre alt, hat nach einem abgeschlossenen Studium Vermessungswesen noch einige Semester Religionswissenschaft und Philosophie studiert. Sein Interesse lag dabei in einem philosophischen Vergleich des menschlichen Seinsverständnisses im ursprünglichen Buddhismus und bei Meister Eckehart. Später kam zu diesem Vergleich (und im Sinne des Wahrheitskriteriums von William Whewell) noch das menschliche Seinsverständnis in evolutionärer Hinsicht hinzu. Aus dieser vergleichenden Sicht des menschlichen Bewusstseins ist auch der Beitrag über die Willensfreiheit abgeleitet, wobei hier jedoch hinsichtlich des menschlichen Bewusstseins und Geistes ausschließlich naturwissenschaftlich aus der evolutionären Perspektive heraus argumentiert wird.

Bisherige Veröffentlichungen:
Marburger Forum (http://www.marburger-forum.de/) unter der Rubrik "Diskussionen": "Das einfache Nichts - Der Gottesbegriff bei Meister Eckhart und die aktuelle Gehirnforschung."

 

    In den vergangenen Jahren erschienen neben mehreren Büchern auch viele Interviews in Zeitungen und Zeitschriften, in denen führende deutsche Neurobiologen aufgrund ihrer Hirnforschungen den freien Willen auch in der breiten Öffentlichkeit als Illusion verkündeten. Vom Neurobiologen Gerhard Roth etwa wurde diese Erkenntnis "als Entthronung des Menschen als frei denkendes Wesen" und als eine erneute Kopernikanische Wende bezeichnet1. Auf die SPIEGEL-Frage2: "Müssen Sie dann nicht das Prinzip von Schuld und Sühne über Bord werfen?" antwortete Wolf Singer, Direktor des Frankfurter Max-Planck-Instituts für Hirnforschung: "Ja, ich halte dieses Prinzip für verzichtbar."

Die Neurobiologen fordern in ihren Veröffentlichungen eine Berücksichtigung ihrer Erkenntnisse in unserem Erziehungs- und Strafrechtssystem. Wolf Singer diskutierte dabei u.a. mit Verfassungsrichtern in Karlsruhe, doch die zeigten sich von seinen Argumenten zu einer Änderung unseres Schuld- und Strafrechtsverständnisses unbeeindruckt3. Dabei räumt gerade Wolf Singer trotz seines großen öffentlichen Engagements für ein neues Menschenbild4 gewisse Zweifel ein, die sich nicht nur an der folgenden Stelle in einem ZEIT-Interview5 bemerkbar machen:

"Unser gesamtes System von Verantwortung, Schuld und Strafe baut auf dem Gedanken der persönlichen Verantwortung auf. Diesem Konflikt kann sich auch ein Hirnforscher nicht entziehen. Obwohl er nicht an den freien Willen glaube, so gestand Wolf Singer unlängst in einem Gespräch mit der ZEIT (Nr. 50/00) ein, "gehe ich abends nach Hause und mache meine Kinder dafür verantwortlich, wenn sie irgendwelchen Blödsinn angestellt haben, weil ich natürlich davon ausgehe, dass sie auch anders hätten handeln können".


Praktische Bedenken gegen die Forderung der Neurobiologen

     Der Grundgedanke bei der Anwendung der neurobiologischen Erkenntnisse auf unser Erziehungs- und Strafrechtssystem ist der, dass der Mensch für seine Taten nicht mehr verantwortlich gemacht werden kann, wenn sein Wille nicht frei, sondern vollkommen determiniert ist. Es erscheint logisch und einleuchtend, dass es bei vollständig determinierten Hirnprozessen keinen freien Willen und im Zuge dessen konsequenterweise auch keinen Schuldbegriff, keine Verantwortung und kein Gewissen mehr geben kann, bzw. dass diese Phänomene lediglich den Status einer nichtssagenden und hinsichtlich unserer Normen und Gesetze irrelevanten Illusion besitzen. Im Verständnis der Neurobiologen gibt es so keinen wirklichen Unterschied in normativer Hinsicht mehr zwischen einer aufgrund einer psychischen Krankheit begangenen Tat und einer aufgrund einer berechnenden und verstandesmäßigen Überlegung begangenen Tat. Kriminelle können nach den Vorstellungen der Neurobiologen notfalls auch weiterhin weggesperrt werden, aber nicht zur Verbüßung einer Strafe, sondern nur zum Schutz der Gesellschaft.

Doch allein schon aus psychologischen Gründen kann das neue Menschenbild in der Praxis nicht funktionieren, da diese Auffassung im wahrsten Sinne des Wortes eine universelle Ent-Schuldigung für alle Vergehen darstellen und geradezu dazu einladen würde, jeglichen niederen Wünschen und Instinkten nachzugeben. Da jede Tat nicht mehr moralisch verwerflich wäre, würde das Begehen einer Straftat dann eher der Rolle und dem Wesen eines Lotteriespiels gleichkommen, bei dem man einen Einsatz wagt und entweder gewinnt (das Vergehen wird nicht entdeckt) oder verliert (indem man die wertneutralen Konsequenzen oder Kosten zur Verhinderung dieses Verhaltens tragen muss).

     Es kann auch deshalb in der Praxis nicht funktionieren, weil sich die Determiniertheit eines psychisch kranken Menschen sehr wohl von der eines normalen Straftäters unterscheidet, denn beim normalen, verstandesmäßig und berechnend handelnden Menschen macht die moralische und auch die verstandesmäßige Bewertung eines Vergehens, egal ob sie wahr oder illusionär ist, einen Großteil der Determiniertheit aus, und es kommt zu Rückkopplungen. Anschaulich werden diese Rückkopplungen im Fall der fernöstlichen, religiösen Karmalehre, die in einer ähnlichen Weise von der Determiniertheit oder Vorherbestimmtheit allen weltlichen Geschehens ausgeht, und deren extreme Anhänger etwa fortan nicht mehr nach rechts und links schauen, wenn sie eine vielbefahrenen Straße überqueren. Sie sagen sich, dass es sowieso schon determiniert und vorherbestimmt ist, ob sie überfahren werden oder nicht, ignorieren dabei jedoch völlig den Einfluss ihrer eigenen verstandesmäßigen Einstellung bei dieser Vorherbestimmtheit oder Determiniertheit, d.h. sie greifen allein durch diese Überzeugung in ihre Determiniertheit ein. Selbst wenn also letztendlich objektiv alles vorherbestimmt wäre, könnte der Mensch (subjektiv) nicht nach dieser Erkenntnis handeln, da er Teil des Systems und nicht eine unabhängige, übergeordnete Instanz ist. Der Mensch müsste beim Überqueren einer Straße subjektiv dann immer noch davon ausgehen, dass das Geschehen nicht vorherbestimmt ist, obwohl er vielleicht gleichzeitig sicher wüsste, dass es objektiv vorherbestimmt ist. (Er bräuchte nur dann nicht zu schauen, wenn für ihn in jedem Augenblick restlos alle Vorgänge in der Welt bekannt, bewusst und berechenbar wären).

Die Frage, ob sich unser Rechtssystem jetzt durch die neurobiologischen Erkenntnisse mehr oder weniger als ein Unrechtssystem erweist, das seit Jahrhunderten unter der Annahme der Freiheit die Menschen für etwas verurteilte und bestrafte, wozu sie gar nichts konnten, ist schon allein aus praktischen Erwägungen eindeutig mit nein zu beantworten. Dass und wieso darüber hinaus auch die Aussage der Neurobiologen, dass "wir" (als geistiges Wesen) keinen freien Willen (mit realer und normativer Relevanz) haben, nicht richtig ist, obwohl unser normales Verhalten in der strengen, naturwissenschaftlichen Objektivität der neuronalen Prozesse vollständig determiniert ist, soll nachfolgend begründet werden.

      An den unmittelbaren neurobiologischen Forschungsergebnissen der Determiniertheit der Hirnprozesse ist nicht zu zweifeln, aber diese objektiven Erkenntnisse der neuronalen, körperlichen Ebene können nicht ohne weiteres auf die geistige, kulturelle Ebene unseres Seins übertragen werden. Der Rechtswissenschaftler Björn Burkhardt von der Universität Mannheim lehnt die neurobiologischen Forderungen an unser Rechtssystem mit geisteswissenschaftlichen Argumenten ab6, indem er sich in erster Linie auf Kant beruft. Gerhard Roth sagte in diesem Zusammenhang über Kant:

"Kant war sich dabei der Tatsache voll bewusst, dass eine solche Vorstellung dem neuzeitlichen Kausalitätsdenken radikal widerspricht: Willenshandlungen sind entsprechend für Kant nur der Idee nach, nicht aber empirisch frei. Daraus folgt für Kant, dass der Versuch, Willensfreiheit empirisch nachweisen zu wollen, absurd ist. Willensfreiheit gibt es, weil es sie aus sittlich/ethischen Gründen wie auch wegen unseres subjektiven Erlebens, in unseren Willensakten frei zu sein, geben muss."7

Es muss die Willensfreiheit für uns geben, weil sie in einer gesetzmäßigen Weise mit der Ich-Vorstellung bzw. den Selbst-Sinn verknüpft ist. Diese These soll nachfolgend mit naturwissenschaftlichen Argumenten untermauert werden.


Der Gegensatz von Determiniertheit und Ich-Vorstellung bzw. Selbst-Sinn

     Die Argumente der Befürworter der These, dass wir aufgrund der neurobiologischen Erkenntnisse keinen freien Willen haben, werden in der folgenden einfachen logischen Aussage auf den Punkt gebracht: "Allein aus der Determiniertheit der im Gehirn ablaufenden Entscheidungsprozesse folgt unwiderlegbar, dass die Vorstellung einer 'Freiheit' dieser Entscheidungsprozesse unsinnig ist". Doch lässt sich dieses komplexe Geschehen in der Verbindung von neuronalen Prozessen mit geistigen Phänomenen mit einer einfachen logischen Aussagen erfassen?

Nachfolgend werden wie gesagt nicht die unmittelbaren neurobiologischen Erkenntnisse auf der neuronalen Ebene bestritten, d.h. alle unsere Gehirnprozesse sind in der Regel determiniert (eine wichtige Ausnahme soll als eine besondere Form der Willensfreiheit am Schluss zur Sprache kommen). Doch das Entscheidende, was hierbei übersehen wird, ist, dass in der oben genannten Aussage das Wort "Freiheit" genauso gut durch den Begriff des "Ichs" ersetzt werden kann. Determinierte Prozesse sind in ihrer Determiniertheit definitionsgemäß vorbestimmt und damit grundsätzlich vorhersagbar. Sie sind nicht durch einen freien oder zufälligen Willen verursacht, sondern durch unpersönliche (Natur)Gesetzmäßigkeiten wie im Fall der Gehirnprozesse durch die physikalisch-chemischen Gesetzmäßigkeiten der neuronalen Zellprozesse oder wie im Fall eines Computers durch elektronische Gesetzmäßigkeiten. Ich-Vorstellung und Freiheits-Vorstellung sind dabei untrennbar miteinander verbunden, und beide widersprechen dem Wesen determinierter Prozesse. Die Ich-Vorstellung als ein vollkommen determiniertes Geschehen ist ebenso paradox wie es die Willensfreiheit ist.

     Sollen wir, nachdem uns die Neurobiologen gesagt haben, dass in unserem Gehirn auf der neuronalen Ebene nur determinierte Prozesse ablaufen, so auch auf unsere Ich-Vorstellung und unsere Personalität verzichten und uns nur noch als eine Anhäufung organischer Materie verstehen, die kausalen Naturgesetzmäßigkeiten unterliegt? Spätestens hier wird deutlich, dass die Sache komplexer ist, d.h. dass die Erkenntnisse der neuronalen Ebene nicht so ohne weiteres direkt auf unser geistiges Sein übertragen werden können. Vor allem ist dabei das Wesen und die Entstehung der Ich-Vorstellung mit zu berücksichtigen.

Die Problematik der Ich-Vorstellung bzw. des Selbst-Sinns steht im Mittelpunkt der Arbeiten des amerikanischen Neurobiologen Antonio Damasio. Dieser teilt die Neurobiologie des Bewusstseins allgemein dabei zunächst in zwei Probleme auf. Das erste spiegelt sich im philosophischen Qualia-Problem wider, also den Empfindungen, die im Gehirn als einfache mentale Muster oder Vorstellungen aus den neuronalen Mustern der Sinnesorgane entstehen, wie etwa das Empfinden oder Erleben einer Farbe oder eines Klanges. Dieses Problem, nämlich wie aus etwas Materiell-Körperlichen eine Vorstellung wird (Damasio bezeichnet es als Entstehung des "Films-im-Gehirn"), skizziert Damasio in seinem Buch "Ich fühle, also bin ich" jedoch nur kurz. Er wendet sich dem zweiten Problem als dem eigentlichen Thema seines Buches zu, nämlich wie aus den entstandenen unpersönlichen mentalen Mustern oder Vorstellungen Selbst-Sinn oder begriffliche Ich-Vorstellung entsteht. Der Frage um die Willensfreiheit enthält Damasio sich zwar in seinem Buch gänzlich (er sagte jedoch in einem ZEIT-Interview8, dass er die Willensfreiheit nicht für eine Illusion hält), doch indem er den Selbst-Sinn thematisiert und vor allem relativiert, bietet sich die Verbindung von Willensfreiheit und Selbst-Sinn in der Bewusstseinsfrage geradezu an. Für Damasio ist dieser Selbst-Sinn oder diese Ich-Vorstellung wie alle mentalen Muster konstruiert, d.h. der Selbst-Sinn ist nicht einmal in einem früheren Stadium der Repräsentation mentaler Muster im Gehirn existent. Damasio äußert sich zu dem Phänomen der Entstehung des Selbst-Sinns folgendermaßen:

"Die Lösung dieses zweiten Problems setzt voraus, dass wir verstehen, warum ich, während ich schreibe, mich selbst fühle, und dass Sie, während Sie jetzt lesen, sich selbst fühlen, und warum wir fühlen, dass das private Wissen, das wir in diesem Augenblick vor unserem geistigen Auge sehen, von einer bestimmten Perspektive geprägt ist -derjenigen des Individuums, in dem sie sich formt - und nicht von einer allgemeinen Allerweltsperspektive. Die Lösung setzt weiterhin voraus, dass wir verstehen, warum die Vorstellungen von einem Objekt und von der komplexen Matrix aus Beziehungen, Reaktionen und Plänen, in die es eingebunden ist, als die unverkennbaren geistigen Eigenschaften eines automatischen Eigentümers empfunden werden, der immer ein Beobachter, ein Wahrnehmender, ein Erkennender, ein Denkender und ein potentiell Handelnder ist. Besonders schwierig ist das zweite Problem, da der Vorschlag, der herkömmlicherweise zu seiner Lösung unterbreitet wird - ein Homunkulus, der für die Erkenntnis zuständig ist -, offenkundig falsch ist. Es gibt keinen Homunkulus, weder metaphysisch noch im Gehirn, der als Zuschauer im cartesianischen Theater sitzt und darauf wartet, dass die Objekte ins Licht treten. Mit anderen Worten, um das zweite Problem des Bewusstseins zu lösen, müssen wir die biologischen Grundlagen der merkwürdigen Fähigkeit entdecken, über die wir Menschen verfügen, der Fähigkeit, nicht nur die mentalen Muster eines Objekts zu konstruieren - die Vorstellungen von Personen, Orten, Melodien und von ihren Beziehungen, kurz, die zeitlich und räumlich integrierten Vorstellungen des Zu-Erkennenden -, sondern auch die geistigen Muster, die wir automatisch und natürlich erzeugen, den Selbst-Sinn im Akt des Erkennens. Bewusstsein im üblichen Sinn ist von der basalen bis zur kompliziertesten Ebene das vereinheitlichte mentale Muster, durch welches das Objekt und das Selbst zusammengeführt werden.

So sieht sich die Neurobiologie des Bewusstseins zumindest zwei Problemen gegenüber: der Frage, wie der Film-im-Gehirn erzeugt wird, und der Frage, wie das Gehirn das Gefühl erzeugt, dass es einen Eigentümer und Beobachter dieses Films gibt."9

Die zwei Probleme der Bewusstseinsforschung sind durch zwei nicht durch die Logik unserer Erklärungen überbrückbare "Lücken" bedingt. Zu der ersteren Lücke schreibt Damasio:

Rätsel und Erkenntnislücken bei der Entstehung von Vorstellungen

Bezüglich der Frage, woher Vorstellungen stammen, gibt es keine Rätsel. Vorstellungen erwachsen aus der Aktivität von Gehirnen, und diese Gehirne gehören zu lebenden Organismen, die mit einer physikalischen, biologischen oder sozialen Umwelt interagieren. Genauer, Vorstellungen entstehen aus neuronalen Mustern oder neuronalen Karten, die in Populationen von Nervenzellen oder Neuronen gebildet werden. Diese schließen sich zu Schaltkreisen oder neuronalen Netzen zusammen. Rätselhaft hingegen ist die Frage, wie Vorstellungen aus neuronalen Mustern entstehen. Wie ein neuronales Muster zu einer Vorstellung wird, ist eine Frage, die die Neurobiologie noch nicht beantwortet hat.

Viele Neurowissenschaftler haben ein gemeinsames Ziel und eine gemeinsame Hoffnung: Sie möchten irgendwann umfassend erklären können, wie aus jenen neuronalen Mustern, die wir gegenwärtig mit den Werkzeugen der Neurobiologie beschreiben - von der Ebene der Moleküle bis hin zu der der Systeme - die vieldimensionale, Raum und Zeit vereinigende Vorstellung wird, die wir in diesem Augenblick erleben. Vielleicht sind wir eines Tages in der Lage, alle Schritte, die vom neuronalen Muster zur Vorstellung führen, befriedigend zu erklären, doch dieser Tag ist noch nicht gekommen. Wenn ich sage, dass Vorstellungen von neuronalen Mustern oder neuronalen Karten abhängen oder aus ihnen entstehen, statt zu erklären, sie seien neuronale Muster oder Karten, dann falle ich nicht unwissentlich in den alten Dualismus zurück - hier neuronales Muster und dort immaterielles Cogitum. Ich sage lediglich, dass wir noch nicht in der Lage sind, alle biologischen Phänomene zu beschreiben, die stattfinden zwischen (a) unserer gegenwärtigen Beschreibung eines neuronalen Musters auf verschiedenen neuronalen Ebenen und (b) unserer Erfahrung einer Vorstellung, die aus der Aktivität in der neuronalen Karte erwächst. Es klafft eine Lücke zwischen unserer Kenntnis der neuronalen Ereignisse auf molekularer, zellulärer und systemischer Ebene einerseits und der Vorstellung, deren Entstehungsmechanismen wir gerne verstünden, andererseits. Diese Lücke gilt es mit noch nicht erkannten, aber wahrscheinlich erkennbaren physikalischen Phänomenen zu füllen. Die Größe der Lücke und das Ausmaß, in dem sie sich in Zukunft aller Voraussicht nach überbrücken lässt, ist natürlich strittig. Wie dem auch sei, ich möchte nur deutlich machen, dass ich neuronale Muster für Vorläufer jener biologischen Gegebenheiten halte, die ich Vorstellungen nenne.

Die eben beschriebene Lücke ist einer der Gründe, warum ich in diesem Buch überall zwei Beschreibungsebenen gewahrt habe, eine für den Geist und eine andere für das Gehirn. Diese säuberliche Trennung ist einfach eine Frage gedanklicher Hygiene und nicht, das sei noch einmal betont, das Ergebnis irgendeines Dualismus. Wenn ich die Beschreibungsebenen auseinander halte, will ich damit nicht andeuten, es gebe separate Substanzen, die eine geistiger und die andere biologischer Art. Ich trage einfach dem Umstand Rechnung, dass der Geist ein komplexer biologischer Prozess ist, der eine eigene Beschreibungsform braucht und verdient, weil er nur privat in Erscheinung tritt und weil sein Erscheinen die fundamentale Realität ist, die wir erklären möchten.10

     Von den beiden Bewusstseinsproblemen, die Damasio beschreibt, bezeichnet er das erstere als eine fundamentale Lücke, die trotz aller Fortschritte der Neurobiologie weiterhin existiert. Das Problem ist nach den Worten von Gerhard Roth die "Neutralität des neuronalen Codes", d.h. die Paradoxie, dass im Gehirn keine Farben, Formen, Töne, keine Gedanken und Erinnerungen entdeckt werden, sondern ausschließlich Nervenzellen bzw. Verbände von Nervenzellen und ihre (kausalen) physikalisch-chemischen Aktivitäten. Die neuronalen Grundbausteine sind bei allen Lebewesen gleich und dasselbe gilt für die Grundstruktur des Gehirns bei den höher organisierten Lebewesen, d.h. auch ein Frosch hat einen Neocortex, einen Hippocampus usw. Nur durch die besondere Zusammenschaltung dieser Grundbausteine entstehen völlig neue Effekte, die wir subjektiv als Empfindung oder als Geist erfahren, letztlich auch dieses "wir", die Ich-Vorstellung. Es gibt dabei keine geistigen Neuronen und nicht einmal ein besonderes Zentrum, das als Sitz des Ichs oder des Geistes angesehen werden kann. Auf jeden Fall sind die geistigen Phänomene, was die enge Korrelation mit den neuronalen Gehirnprozessen auch nahe legt, als rein natürliche Prozesse zu betrachten (in diesem Zusammenhang weist Damasio in dem ZEIT-Interview8 zu Recht darauf hin, dass auch die Frage noch nicht endgültig und zufriedenstellend geklärt ist, was Materie eigentlich ist).

Die Abhängigkeiten zwischen den neuronalen Prozessen im Gehirn und den geistigen Empfindungen dürfen trotz aller Regel- und Gesetzmäßigkeiten nur als Korrelationen bezeichnet werden, und deswegen müssen die beiden Beschreibungsebenen gewahrt werden, also die objektive Dritte-Person-Perspektive, in der die neuronalen Aktivitäten existieren und die Erste-Person-Perpektive, in der wir einen Schmerz empfinden, eine Farbe sehen oder einen Gedanken haben. Das heißt aber auch gerade hinsichtlich der Frage um die Willensfreiheit, dass Erkenntnisse der neuronalen Ebene nicht ohne weiteres (über die "Lücken" hinweg) auf die geistige Ebene übertragen werden können.

     An dieser Stelle möchte ich nun einen Lösungsvorschlag aus einem anderen naturwissenschaftlichen Bereich einbringen, der sich mit der Problematik der natürlichen Entstehung des Geistes befasst hat, nämlich der Stammesgeschichtsforschung von Konrad Lorenz. Mit diesem Ansatz findet die Widersprüchlichkeit von determinierten Prozessen und den daraus entstehenden Phänomenen von Freiheit und Geist bzw. finden die "Lücken" eine natürliche Erklärung, und zwar einfach dadurch, dass diese (Erklärungs)Lücken nicht beseitigt werden können und dürfen. In diesen Lücken offenbart sich vielmehr eine Eigenart der evolutionären Entwicklung, nämlich dass diese Entwicklung nicht immer stetig und gleichförmig fortschreitet, sondern dass es darin "Sprünge" gibt, bei denen "blitzartig" neue Phänomene entstehen, die sich in ihrer Gesetzlichkeit und Ausformung von dem vorherigen Zustand nicht nur unterscheiden, sondern diesem geradezu widersprechen.

Der vorherige Zustand ist als Grundlage aber weiterhin gültig, d.h. es bilden sich Schichten des Seins und wegen der Geschichtetheit und der Gegensätzlichkeit dieser Schichten kann dieses komplexe Geschehen oder Sein nicht mit einer einfachen Logik erfasst werden und Gesetzmäßigkeiten der einen Ebene können nicht über die "Sprünge" oder Lücken hinweg auf die höhere Ebene übertragen werden. Die Lücke von der Damasio spricht bzw. die beiden Lücken der zwei grundsätzlichen Bewusstseinsprobleme erhalten dadurch eine recht einfache, natürliche und disziplinübergreifende Erklärung, und es wird deutlich, wie sehr Geist, Selbst-Sinn und Willensfreiheit zusammengehören. Gerade der Widerspruch von Selbst-Sinn und Willensfreiheit zu der Determiniertheit der zugrundeliegenden Prozesse erhält durch diesen Ansatz eine Erklärung innerhalb eines größeren Zusammenhangs und einer komplexen umfassenderen, allgemeingültigen Gesetzmäßigkeit. Es wird darin auch deutlich, dass es in der Frage der Willensfreiheit im Grunde um die Frage der Geistentstehung geht.


Die Geschichtetheit des Seins und die Eigengesetzlichkeit dieser Schichten

     Konrad Lorenz greift bei der Lösung seines Problems in der evolutionären Stammesgeschichtsforschung auf eine Erkenntnis des Philosophen Nicolai Hartmann zurück. Dabei sind Selbst-Sinn, Willensfreiheit und Geist als zusammengehörige Aspekte der Schicht oder des Systems anzusehen, in dem "wir" als geistige Wesen existieren:

2 Nicolai Hartmanns Lehre von den Schichten des realen Seins

In der realen Welt, in der wir leben, sagt Nicolai Hartmann, finden wir Schichten vor, deren jede besondere Seinskategorien oder Gruppen von Seinskategorien hat, durch deren Besitz oder Nichtbesitz sie sich von anderen absetzt. »Es gibt gewisse Grundphänomene unüberbrückbarer Andersheit im Stufengange der Realgebilde«, und »eine phänomengerecht angelegte Kategorielehre muss diese Einschnitte ebenso sehr berücksichtigen wie die Seinszusammenhänge, die über sie hinweggreifen ... « Diese Seinszusammenhänge greifen nun immer in einseitiger Weise über die Einschnitte hinweg, durch die sich die vier großen Schichten des realen Seins - das Anorganische, das Organische, das Seelische und das Geistige -voneinander absetzen. Die Seinsprinzipien und Naturgesetze, die im Anorganischen gelten, obwalten uneingeschränkt auch in den höheren Schichten. Hartmann schreibt: »So erhebt sich die organische Natur über der anorganischen. Sie schwebt nicht frei für sich, sondern setzt die Verhältnisse und Gesetzlichkeiten des Materiellen voraus; sie ruht auf ihnen auf, wenn schon diese keineswegs ausreichen, das Lebendige auszumachen. Ebenso bedingt ist seelisches Sein und Bewusstsein durch den tragenden Organismus, an und mit dem allein es in der Welt auftritt. Und nicht anders bleiben die großen geschichtlichen Erscheinungen des Geisteslebens an das Seelenleben der Individuen gebunden, die seine jeweiligen Träger sind. Von Schicht zu Schicht, über jeden Einschnitt hinweg, finden wir dasselbe Verhältnis des Aufruhens, der Bedingtheit >von unten< her, und doch zugleich der Selbständigkeit des Aufruhenden in seiner Eigengeformtheit und Eigengesetzlichkeit.

Dieses Verhältnis ist die eigentliche Einheit der realen Welt. Die Welt entbehrt bei aller Mannigfaltigkeit und Heterogenität keineswegs der Einheitlichkeit. Sie hat die Einheit eines Systems, aber das System ist ein Schichtensystem. Der Aufbau der realen Welt ist ein Schichtenbau. Nicht auf die Unüberbrückbarkeit der Einschnitte kommt es hier an - denn es könnte sein, dass diese nur >für uns< besteht -, sondern auf das Einsetzen neuer Gesetzlichkeit und kategorialer Formung, zwar in Abhängigkeit von der niederen, aber doch in aufweisbarer Eigenart und Selbständigkeit gegen sie.«11

Das Auftauchen neuer Eigenschaften und Gesetzlichkeiten mit einer höheren, neuen Schicht ist dabei der entscheidende Vorgang, den Lorenz Fulguration (Fulguratio = Blitzstrahl) nennt:

Die Entstehung neuer Systemeigenschaften

1 Die Unzulänglichkeit des Vokabulars

Wenn man versucht, den Vorgang des großen organischen Werdens zu schildern und dabei dessen Natur gerecht zu werden, so findet man sich immer wieder dadurch behindert, dass der Wortschatz der Kultursprache zu einer Zeit entstand, in der die Ontogenese, d. h. das individuelle Werden der Lebewesen, die einzige Art von Entwicklung war, die man kannte. Die Wörter Entwicklung, Development, Evolution usw. besagen ja etymologisch alle, dass sich etwas entfaltet, das schon vorher in eingewickeltem oder zusammengefaltetem Zustande vorhanden gewesen war, wie die Blume in der Knospe oder das Hühnchen im Ei. Auf diese ontogenetischen Vorgänge treffen die genannten Ausdrücke in befriedigender Weise zu. Sie versagen aber geradezu kläglich, wenn man versucht, dem Wesen des organischen Schöpfungsvorganges gerecht zu werden, das eben darin besteht, dass immer wieder etwas völlig Neues in Existenz tritt, etwas das vorher einfach nicht da war. Selbst das schöne deutsche Wort Schöpfung besagt etymologisch, dass etwas bereits Vorhandenes aus einem ebenfalls vorhandenen Reservoir herausgeschöpft werde. Einige Philosophen der Evolution, die der Unzulänglichkeit all dieser Wörter innegeworden waren, griffen nach dem noch schlimmeren Wort Emergenz, das sprachlogisch die Vorstellung erweckt, etwas Präformiertes tauche plötzlich auf, wie ein luftholender Wal an der Oberfläche des Meeres, das eben noch, bei buchstäblich oberflächlicher Betrachtung, leer zu sein schien.12

Wenn z.B. zwei voneinander unabhängige Systeme zusammengeschaltet werden, wie das nebenstehend abgebildete, dem Buche von Bernhard Hassenstein entnommene einfache elektrische Modell dies veranschaulicht [Kondensator-Spulen-Schaltung, die durch die Zusammenschaltung elektrische Schwingungen hervorruft], so entstehen damit schlagartig völlig neue Systemeigenschaften, die vorher nicht, und zwar auch nicht in Andeutungen, vorhanden gewesen waren. Genau dies ist der tiefe Wahrheitsgehalt des mystisch klingenden, aber durchaus richtigen Satzes der Gestaltpsychologen: »Das Ganze ist mehr als seine Teile.«13

Alles was moderne systemgerechte Stammesgeschichtsforschung über die Entstehung neuer Systemeigenschaften und über die einseitige Beziehung zwischen verschieden hohen Integrationsebenen ans Licht gebracht hat, lässt deutlich erkennen, dass eine den Systemeigenschaften eines lebenden Systems gerecht werdende Kausalanalyse zu Ergebnissen führt und an Methoden gebunden ist, die denen von Hartmanns phänomengerechter Kategorialanalyse nahe verwandt sind. Ja, man darf behaupten, dass die systemgerechte Kausalanalyse es erst verständlich macht, warum die von Hartmann gerügten Grenzüberschreitungen so böse in die Irre führen. Wir verstehen genau, warum es unmöglich ist, die Eigenschaften des höher integrierten Systems aus denen des niedrigeren zu deduzieren (s.S. 55), und ebenso, warum es blanker Unsinn ist, bei den einzelnen Untersystemen einer Ganzheit oder bei einfacheren Vorfahren höherer Lebewesen nach Eigenschaften und Leistungen zu fahnden - geschweige denn solche zu postulieren -, die erst mit dem schöpferischen Akt höherer Integration in Existenz getreten sind.14

     Die Neurobiologie untersucht die Funktionen der körperlichen Nervenzellen, der organischen Ebene. Doch die Gesetzmäßigkeiten dieser Ebene, hier konkret die Determiniertheit ihrer Prozesse, "obwaltet uneingeschränkt auch in der höheren Schicht", nämlich der geistigen, d.h. das Verhalten des Menschen ist objektiv gesehen (in der Regel) determiniert. Aber trotz dieser "Bedingtheit >von unten< her" findet sich in der höheren Schicht "zugleich die Selbständigkeit des Aufruhenden in seiner Eigengeformtheit und Eigengesetzlichkeit". Die Eigengeformtheit ist die des Ichs, das es in rein determinierten Prozessen gar nicht geben dürfte, und die Eigengesetzlichkeit ist die Willensfreiheit, ohne die das geistige Ich als solches nicht existieren kann. Diese Willensfreiheit existiert zwar nicht objektiv (bis auf die einzige Ausnahme, die am Schluss zur Sprache kommen soll, die darin jedoch einen entscheidenden Einfluss auf die subjektive Willensfreiheit ausübt), aber sehr wohl subjektiv für das Ich und bildet darin als geistiges System und Selbstbewusstsein die höhere Schicht des menschlichen, geistigen Seins. Für die Ich-Vorstellung ist die Willensfreiheit real, relevant und keine Illusion.

Das Verhältnis und die Abhängigkeit der Gesetzmäßigkeiten der determinierten Prozesse mit den entgegengesetzten Gesetzmäßigkeiten der höheren, geistigen Schicht lässt sich gut mit dem Phänomen des Fliegens vergleichen. Unter normalen Umständen lässt sich analog der Aussage der deutschen Neurobiologen, dass es in determinierten Prozessen kein Ich-Bewusstsein und keine Willensfreiheit (als reales und normatives Element) geben kann, sagen, dass kein Körper, dessen spezifisches Gewicht größer ist als das der Luft, in der irdischen Atmosphäre fliegen kann. Das ist eine Naturgesetzlichkeit (der Schwerkraft) und darin eine einfache, logische und zweifellos richtige Aussage, und die deutschen Neurobiologen würden entsprechend sagen, dass das Fliegen daher unmöglich ist.

     Doch wenn ein Körper, dessen spezifisches Gewicht größer ist als das der Luft, eine ganz bestimmte Struktur (insbesondere in der Flügelform) aufweist, dann ist es sehr wohl möglich, dass sogar tonnenschwere Metallgebilde sich entgegen der zugrundeliegenden Naturgesetzlichkeit in die Luft erheben und fliegen können. Das Fliegen bringt dabei eigene Gesetzmäßigkeiten hervor, die ein Flugzeug oder einen Vogel in die Lüfte steigen lassen, obwohl das zugrundeliegende Naturgesetz der Schwerkraft weiterhin eine uneingeschränkte Gültigkeit besitzt.

Das Fliegen ist nicht durch einen besonderen Stoff bedingt, sondern lediglich durch eine besondere Struktur eines im Grunde beliebigen Stoffes. Ebenso ist Geist und seine Eigengesetzlichkeit nur durch eine besondere Struktur oder ein besonderes Zusammenspiel der determinierten Prozesse bedingt, und in den determinierten (Gehirn)Prozessen als solche wird man daher das Geheimnis des Geistes nicht finden. Dort ist es auch nicht in Ansätzen vorhanden.

Dieser Vergleich lässt sich auch noch hinsichtlich der Erkenntnis und Forderung der Neurobiologen fortführen, dass wir aufgrund der zugrundeliegenden Gesetzmäßigkeiten der Determiniertheit keinen freien Willen haben können, dass wir daher für unsere Taten nicht verantwortlich zu machen sind und uns nun (bezüglich unseres Rechtssystems) dementsprechend verhalten sollen. Es würde darin einem Flugzeuginsassen gleichen, der anfängt sein "fliegendes Sein" zu untersuchen, der dabei die zugrundeliegende Gesetzmäßigkeit feststellt, dass leichtere Körper besser fliegen, und der deshalb auf die Idee kommt, während des Fluges die Flügel abzumontieren, da sie ja gemäß der entdeckten Gesetzmäßigkeit nur nutzloser Ballast sind. Er würde dabei genauso die besondere Struktur und Bedeutung dieser Flügel für das Fliegen verkennen wie die Neurobiologen die Bedeutung der von dem Ich empfundenen Willensfreiheit für das Selbstbewusstsein, den Geist und über das Verantwortungsbewusstsein für die moralische und soziale Ordnung in der Gesellschaft verkennen. Ohne die Flügel existierten die Gesetzmäßigkeiten der höheren Schicht nicht mehr, denn diese waren nur durch die besondere Struktur der materiellen Form bedingt. Dann herrschte nur noch die zugrundeliegende Gesetzmäßigkeit der Schwerkraft und das Flugzeug würde am Boden zerschellen.

Die Phänomene der Ich-Vorstellung und der Willensfreiheit existieren erst durch eine besondere Struktur oder Eigenart der zugrundeliegenden determinierten Hirnprozesse, genauso wie auch alle unsere Empfindungen, etwa das Farbempfinden. Im strengen, naturwissenschaftlichen Objektivitätsverständnis (als Dritte-Person-Perspektive) sind alle diese Phänomene nicht vorhanden bzw. nicht nachweisbar. Sie existieren nur in der subjektiven Erste-Person-Perspektive, sind dort für "uns" aber sehr real, weil wir mit unserer Ich-Vorstellung und unserem Persönlichkeitsempfinden selbst zu diesen Phänomenen gehören.


Die subjektive Willensfreiheit

     Beim Menschen ist das starre, angeborene und instinkthafte Reiz-Reaktionsschema des Tieres grundsätzlich aufgehoben bzw. gelockert (es ist nicht verschwunden). Das hängt vor allem damit zusammen, dass der Mensch das sinnhaft wahrgenommen Sein abstrahiert, er bildet Begriffe von allen in der Welt sinnhaft wahrgenommenen Vorgängen. In den Begriffen dieser Abstraktion, die im Grunde nur aus systematischen Verknüpfungen (von Sinneswahrnehmungen, Empfindungen, mentalen Mustern usw.) bestehen, kann er geschehene Vorgänge in der Welt als Erfahrung abspeichern und wieder abrufen, und er kann noch nicht geschehene Vorgänge in der Welt aufgrund seiner abgespeicherten Erfahrung nur in diesen Begriffen vorwegnehmen und in mehreren, verschiedenen Möglichkeiten einer späteren Verwirklichung planen.

Diese Denkprozesse und Reflexionen werden dabei auch selbst wieder reflektiert. Das Denken und Reflektieren nimmt sich so selbst wahr. Das kann aber nur dadurch geschehen, dass dem Denkprozess selbst ein Begriff zugeordnet wird, und zwar der Begriff eines "Ichs". Dadurch sind die Denkprozesse und Reflexionen nicht nur determinierte Prozesse, die einfach nur ablaufen, sondern dadurch erhalten die grundlegenden, determinierten Prozesse eine bewusstseinsfähige und kommunikationsfähige Struktur mit einer eigenen, den einfachen zugrundeliegenden determinierten Prozessen entgegengerichteten Gesetzmäßigkeit. Die Prozesse strukturieren sich auf dieser Ebene der mentalen Muster nicht in der Form eines "Es denkt", sondern eines "Ich denke". Die wichtigste und unabdingbare Eigenart dieser Ich-Vorstellung ist dabei das Selbstverständnis, dass das Denken von dem Ich selbst ursprünglich verursacht ist, d.h. frei verursacht ist und es sich gerade nicht nur als ein rein determiniertes Geschehen versteht.

     In der Reflexion seines immer auf sich selbst bezogenen Denkens und Handelns bildet sich ein dynamischer Begriff des Ichs (wobei es sich aufgrund der Flexibilität der Begriffsbildung und des Denkens auch in gewissen Grenzen in das Sein eines anderen Wesens hineindenken kann). Diese Begriffsbildung, ihre Speicherung und die daraus resultierende Vorstellung eines eigenen Ichs und einer eigenen Identität in Vergangenheit (durch die Speicherung des Erlebten) und vorweggenommener Zukunft (durch die Planung und das Herstellen von Entwürfen in den Begriffen) ist dann nichts anderes als das autobiographische Selbst bei Damasio. Er schreibt dazu:

"Die Veränderungen, die sich während des individuellen Lebens im autobiografischen Selbst vollziehen, gehen nicht nur auf die bewusste und unbewusste Modifizierung der gelebten Vergangenheit zurück, sondern auch auf das Anlegen und Modifizieren der antizipierten Zukunft. Nach meiner Überzeugung ist ein Schlüsselaspekt der Selbst-Entwicklung das Gleichgewicht zweier Einflüsse: der gelebten Vergangenheit und der antizipierten Zukunft. Persönliche Reife bedeutet, dass die Erinnerungen an die Zukunft, die wir für die vor uns liegende Zeit antizipieren, in jedem Augenblick großes Gewicht für das autobiografische Selbst haben. Die Erinnerungen an die Szenarien, die wir als Hoffnungen, Wünsche, Ziele und Verpflichtungen speichern, wirken zu jedem Zeitpunkt nachdrücklich auf das Selbst ein. Zweifellos spielen sie auch eine Rolle bei der bewussten oder unbewussten Modifizierung der gelebten Vergangenheit und bei der fortlaufenden Erschaffung der Person, als die wir uns sehen.

Nicht zuletzt resultieren unsere Einstellungen und Entscheidungen aus den Eigenschaften der Personalität, die der Organismus in jedem flüchtigen Moment erschafft. Kein Wunder also, dass wir Launen und Wünschen nachgeben, Eitelkeit und Verrat erliegen, beeinflussbar und manipulierbar sind. So hat ein jeder das Potential, in seinem Inneren seinen eigenen Hamlet, Jago und Falstaff zu erschaffen. Unter geeigneten Umständen können Facetten dieser Charaktere bei uns allen auftreten, kurz und flüchtig, wie zu hoffen ist. In gewisser Hinsicht ist es fast erstaunlich, dass die meisten von uns nur einen Charakter haben, obwohl es, wie gesagt, gute Gründe für diese Einzigartigkeit gibt. Die Tendenz zu einheitlicher Kontrolle beherrscht unsere Entwicklungsgeschichte, wahrscheinlich weil ein einzelner Organismus verlangt, dass es nur ein einziges Selbst gibt. Nur so lässt sich die Aufgabe, das Leben zu erhalten, erfolgreich bewältigen - mehr als ein Selbst pro Organismus ist kein gutes Überlebensrezept. Die rege Vorstellungstätigkeit unseres Organismus fertigt »mehrere Entwürfe« für das Lebensskript unseres Organismus an - um einen Gedanken von Daniel Dennett aufzugreifen. Doch die Schatten des zutiefst biologischen Kernselbst und des autobiografischen Selbst, das sich unter seinem Einfluss ständig ausweitet, drängen auf die Auswahl von »Entwürfen«, die mit einem einzigen einheitlichen Selbst in Einklang stehen. Ferner misst der präzise arbeitende Selektionsmechanismus unserer Vorstellung die Wahrscheinlichkeit von Wahlentscheidungen an unserem gleich bleibenden, historische Kontinuität bewahrenden Selbst. Eine Woche lang können wir Hamlet sein, einen Abend lang Falstaff, doch dann kehren wir in der Regel zu uns selbst zurück. Wären wir ein Genie wie Shakespeare, könnten wir die inneren Kämpfe unseres Selbst dazu benutzen, das ganze Personal des abendländischen Theaters zu erschaffen - oder, wie Fernando Pessoa, vier verschiedene Dichter mit einer Feder schreiben zu lassen. Doch am Ende ist es derselbe Shakespeare, der sich ruhig nach Stratford zurückzieht, und derselbe Pessoa, der in einem Lissabonner Krankenhaus Vergessenheit im Alkohol sucht. Kurzum, dem einheitlichen, kontinuierlichen und einzelnen Selbst sind Grenzen gezogen, wie Whitehead in seinen Kommentaren zum Selbst-Bewusstsein in Prozess und Realität anmerkt. Menschliches Scheitern und das seltsame Leiden der multiplen Persönlichkeit zeugen vom Vorhandensein solcher Grenzen. Die Tendenz zu einem einzigen Selbst und seine Vorteile für den gesunden Geist sind nicht zu leugnen."15

Der interessante Aspekt hinsichtlich der Willensfreiheit liegt nun gerade in der Fähigkeit des Anlegens von mehreren Entwürfen oder Planungen des (zukünftigen) Verhaltens, was auch nur möglich ist, wenn das vergangene Verhalten und die vergangenen Erfahrungen protokolliert und gespeichert worden sind. Ich möchte diesen Aspekt anhand eines einfachen Beispiels darstellen.

     Angenommen ein Mensch soll sich zwischen einer Tasse Kaffee oder einer Tasse Tee entscheiden. Der Kaffee ruft nun im Gegensatz zum Tee ein Wohlgefühl in ihm hervor. Er wird dann ohne Nachdenken den Kaffee wählen. Diese Entscheidung ist (wie auch alle instinktiven Verhaltensweisen) eindeutig durch seine Empfindungen bedingt und determiniert, obwohl er auf der geistigen Ebene in der Abstraktion, Protokollierung und Bewertung dieser Handlung es so begründen würde, dass er diese Entscheidung gewollt oder zumindest zugelassen habe. Die Ich-Vorstellung besteht ja nicht nur als Begriff des Denkprozesses, sondern damit werden auch die körperliche Erscheinung des Menschen und seine instinktiven Verhaltensweisen abstrahiert und verknüpft.

Sein Arzt verbietet ihm nun aber den geliebten Kaffee aus gesundheitlichen Gründen. Dann würde er nach einer kurzen Überlegung und Reflexion statt des Kaffees den Tee wählen. Diese Entscheidung wäre nicht von der Empfindung her, sondern begrifflich und geistig bedingt, aber es wäre darin in der Logik der begrifflichen Gedanken ebenfalls ein determiniertes Verhalten, obwohl dieser Mensch sagen würde, dass es seine freie Entscheidung war. Denn er weiß, dass er sich nur aus einer Laune heraus anders entscheiden kann. Das ist für ihn nicht nur eine fiktive Möglichkeit, sondern das weiß er aus früheren Erfahrungen, die in seinem Gehirn abgespeichert sind und die für ihn als solche Erfahrungen und als Wissen ebenso real sind wie der Rat des Arztes und das Wissen um seine Gesundheit.

     Problematisch aber interessant wird es, wenn der Mensch sich aufgrund verschiedener und sich teilweise widersprechender emotionaler und begrifflicher Gründe nicht entscheiden kann. Er weiß dann um die emotionalen Vor- und Nachteile und die begrifflichen und logischen Argumente sowohl der einen als auch der anderen Entscheidung, die er auf der begrifflichen und geistigen Ebene seiner Überlegungen durchspielt. Beide oder mehrere Entscheidungen sind für ihn möglich und denkbar, und darin genauso real wie sein Denken und die begriffliche Vorstellung von sich selbst, und allein mit diesen verschiedenen Entwürfen und dem Wissen um ihre Realisierbarkeit ist schon das Freiheitsempfinden verbunden, das gerade in den Situationen der Unentschiedenheit konkret erfahren wird. Dieses (subjektive) Freiheitsempfinden ergibt sich im Grunde allein schon aus der Ich-Vorstellung und dem Denken (verschiedener Handlungsmöglichkeiten oder Entwürfe) und gehört darin zu den Systembedingungen des neuen geistigen Systems mit seinem begrifflichen, ichbezogenen Denken.

Nun werden die Neurobiologen, die diesen schwierigen Entscheidungsprozeß vielleicht auf der neuronalen Ebene in den dortigen Aktivitäten verfolgt haben, sagen, dass derselbe Prozess, den das denkende und entscheidende Ich subjektiv als freie Wahl empfunden hat, auf der neuronalen Ebene ein rein determiniertes Geschehen gewesen ist. Sie werden sagen, dass sie daher bei Kenntnis aller maßgeblichen Zustände im Gehirn der beobachteten Person und aller maßgeblichen Einflüsse des Umfeldes darauf, die Entscheidung hätten voraussagen können. Angewendet auf das obige Beispiel mag der die Entscheidung schließlich herbeiführende Grund vielleicht eine gerade im Radio laufende Kaffeewerbung oder eine aufsteigende Erinnerung an ein schönes Erlebnis im Zusammenhang mit einem Kaffeegenuss sein. Die Neurobiologen werden also alle ablaufenden Denkvorgänge in ihrer Determiniertheit nachvollziehen können und letztlich den speziellen Aspekt bestimmen können, der schließlich die Entscheidung determiniert herbeigeführt hat.

     Doch hat die betreffende Person damit auch die Gewissheit, dass sie keinerlei Freiheit in ihren Entscheidungen besitzt? Nein, denn sie weiß, dass sie sich grundsätzlich hätte trotzdem anders entscheiden können. Vielleicht ändert sie ihre ursprüngliche Entscheidung, nur um zu zeigen, dass sie frei ist. Doch der Neurobiologe wird daraufhin bemerken, dass er diese Änderung aufgrund der Zustände in ihrem Gehirn vorausgesehen hat. Das mag so weit gehen, dass ein (zukünftiger) Neurobiologe sämtliche neuronalen Zustände im Gehirn eines Menschen (aufgrund immenser Fortschritte der Neurobiologie) in ihren Korrelationen zu den Empfindungen und geistigen Vorgängen erkennen und deuten kann. Wenn jede Empfindung und jeder Gedanke systematisch mit einer bestimmten neuronalen Aktivität einhergeht, müsste das zumindest theoretisch möglich sein, vielleicht mit Hilfe eines besonderen Gerätes, eines sogenannten Zerebroskops. Dieser Neurobiologe könnte dann immer exakt voraussagen, was die Person im nächsten Augenblick tun oder denken wird. Damit wäre es möglich, einem Menschen anschaulich vorzuführen, dass er objektiv gar keine Freiheit besitzt, sondern dass all sein normales Verhalten determiniert und vorherbestimmbar ist.

Doch was wäre, wenn dieser zukünftige Neurobiologe das Zerebroskop nun auf sein eigenes Gehirn richten würde, um die Determiniertheit seiner eigenen Gedanken direkt und umfassend zu erkennen? Er würde also bei jeder Erkenntnis immer wieder sofort erkennen, wodurch sie bedingt und determiniert gewesen ist. Darin würde er erkennen, dass alle Erkenntnisse determiniert sind, doch auch diese Erkenntnis würde aus nichts weiter als der Erkenntnis und Erfahrung der Determiniertheit bestehen. In diesem umfassenden Bewusstsein würde es kein Freiheitsempfinden mehr geben - aber auch keine Ich-Vorstellung. Da wären nur noch unpersönliche, reflexhafte Prozesse, die aufgrund innerer oder äußere Einflüsse und Gesetzmäßigkeiten funktionierten und abliefen. Die Vorstellung "Ich bin diese Person mit der und der Identität" wäre in einem solchen Bewusstsein wie alle anderen Vorstellungen und Gedanken nichts als durch Erfahrungen bestimmte, determinierte Gehirnaktivitäten, und die Erkenntnis und konkrete Erfahrung, dass es nur eine determinierte Gehirnaktivität ist, wird wiederum nur als eine bestimmte Gehirnaktivität erkannt und erfahren und so fort. Das ist nichts anderes als die Erkenntnis des Kybernetikers H. v. Foerster, nach der keine Beobachtung sich selbst beobachten kann, es sei denn mit Hilfe einer neuen Beobachtung, für die dann wieder dasselbe gilt.

     Ein umfassendes Bewusstsein kann es daher nicht geben, weil darin kein Bewusstsein, keine Personalität und keine Identität mehr Bestand hätte, da wären nur noch determinierte Prozesse mit niedriger oder höherer Abstraktion. In diesem Zustand wäre wohl weder eine Kommunikation mit anderen Wesen noch eine Bildung von sozialen Gruppen möglich. Das Geheimnis des Ichs besteht so in der Unvollkommenheit seines Bewusstseins und einer bestimmten Verzögerung der determinierten Prozesse, mit anderen Worten, in einer bestimmten Struktur der determinierten Prozesse.

"Wir" existieren nicht in einer absoluten Weise, sondern nur in einem bestimmten Bereich oder einem bestimmten System. Außerhalb dieses Bereiches erweist sich unser geistiges und persönliches Sein nur als eine Illusion. Das geistige System, in dem "wir" existieren, besitzt dabei eine bestimmte Struktur und funktioniert nach bestimmten Gesetzmäßigkeiten, die diese Struktur schaffen und aufrechterhalten. Diese Struktur ist eine "Ich-Struktur", d.h. die in diesem System existierende Person glaubt, dass sie es ist, die denkt, entscheidet und handelt, und zwar frei. Geist kann dabei nur unter der Struktur oder Idee des Ichs und der Idee der Freiheit existieren.

     Die Neurobiologen haben einerseits recht, alle Gehirnvorgänge sind determiniert. Doch diese Determiniertheit ist in einer besonderen Weise strukturiert, wodurch innerhalb oder oberhalb des zugrundeliegenden (determinierten) Systems ein eigenes System mit eigenen Gesetzmäßigkeiten entsteht. Das neue System existiert dabei nur so lange, wie es auch in sich, in seinem Selbstverständnis und seinem Tun, diese Strukturierung und ihre Gesetzmäßigkeiten beibehält und beachtet. Wenn die Phänomene des höheren Systems nicht mehr die Gesetzmäßigkeiten dieses höheren Systems befolgen, sondern die des zugrundeliegenden Systems, so fallen sie ganz einfach entsprechend der Konsequenz dabei in dieses System zurück, in dem "sie" als die Phänomene des höheren Systems allerdings dann irgendwann nicht mehr existieren. Entsprechend kollabiert das soziale System, wenn in juristischer oder pädagogischer Hinsicht gesetzmäßig davon ausgegangen wird, dass der Mensch keinen freien Willen hat und für seine Vergehen nicht verantwortlich gemacht werden kann. Die psychologischen Gründe, anhand derer dieser Kollaps allein schon vorausgesagt werden kann, haben so durchaus ihre tieferen Ursachen.

Um unser geistiges System aufrecht zu erhalten, in dem wir als Ich, Person und Gesellschaft existieren, müssen wir in diesem System stets davon ausgehen, dass wir als Person existieren und darin auch einen freien Willen haben. Diesen haben wir in der besonderen Struktur dieses geistigen Systems dabei tatsächlich, d.h. die Willensfreiheit, die wir in unserem Denken und Handeln empfinden, ist ebenso wenig eine Illusion wie unser Farbempfinden, sondern sie ist exakt genau so real wie unsere Ich-Vorstellung und unser Denken selbst. Unsere Freiheit ist an unsere Ich-Vorstellung gebunden, und daher können "wir" uns nur als frei verstehen – ansonsten sind "wir" nicht. Auch Kant sagt nicht, dass die Willensfreiheit etwas ist, das absolut und in jeder Hinsicht besteht und "an sich selbst frei ist". Er sagt vielmehr:

"Ich sage nun: Ein jedes Wesen, das nicht anders als unter der Idee der Freiheit handeln kann, ist eben darum, in praktischer Rücksicht, wirklich frei, d.i. es gelten für dasselbe alle Gesetze, die mit der Freiheit unzertrennlich verbunden sind, eben so, als ob sein Wille auch an sich selbst, und in der theoretischen Philosophie gültig, für frei erklärt würde.
Der Mensch handelt nach der Idee von einer Freiheit, als ob er frei wäre, und eo ipso ist er frei."

Diese Willensfreiheit ist allerdings nur subjektiv, d.h. auf der neuronalen Ebene erkennt sie ein Neurobiologe nur als determinierten Prozess und bei Kenntnis aller systematischen Zustände und beteiligten Faktoren würde sich diese subjektive Willensfreiheit als determiniert und voraussagbar erweisen. Im strengen, naturwissenschaftlichen Objektivitätssinn ist sie ebenso wenig vorhanden wie eine Farbempfindung, wie unser Geist und unser Ich. Doch daneben gibt es auch noch eine objektive Willensfreiheit.


Die objektive Willensfreiheit

     In dem zuvor angeführten Beispiel wurde ein längerer Zustand angenommen, in dem sich die betreffende Person nicht entscheiden kann. Ein solcher Zustand ist in der Auseinandersetzung mit anderen Wesen und der Umwelt ein nachteiliges Verhalten, für das die Evolution mit Sicherheit Vorkehrung getroffen hat. Es ist daher sehr vorteilhaft, wenn der Mensch sich in solchen Situationen rein zufällig entscheiden kann. Zufall kann hierbei einfach als das Verhalten definiert werden, dass sich nicht aus den für eine bestimmte Situation vorgesehenen Verhaltensweisen innerhalb der Systematik des betreffenden Wesens ergibt, wobei ein systematisches Geschehen, Reagieren oder Verhalten darin immer determiniert ist. Es ist dabei egal, durch was dieses zufällige Verhalten letztlich bedingt wurde, es darf in dieser Bezeichnung nur nicht durch die (genetisch oder gelernt, unbewusst oder bewusst) als normal und richtig erkannten und gespeicherten systematischen Verhaltensreaktionen bedingt sein. Zufall ist so das, was außerhalb der wirkenden Systematik, Logik oder Gesetzmäßigkeit (hier des betreffenden Wesens) liegt. Wir als Menschen handeln in unserem normalen Verhalten immer systematisch, egal ob diese Systematik unbewusst durch emotionale, instinkthafte Einflüsse oder bewusst durch die Logik des begrifflichen Denkens bedingt und determiniert ist.

Diese Art von zufälligem Verhalten kann so schon von der Definition her nicht zur (systematischen) Regel werden, denn damit würde jegliche Systematik der Lebenserhaltung aufgegeben werden und das Verhalten und Sein des Menschen im Chaos versinken. Bei genauerer Betrachtung verbirgt sich hinter dieser Möglichkeit einer zufälligen und darin wirklich freien Entscheidung aber ein interessanter Aspekt. Es lassen sich nämlich sehr starke Parallelen zu einem anderen zufälligen Vorgang erkennen: Den der Mutationen, ohne die es die Evolution der Lebewesen nicht gegeben hätte. Spielen die zufälligen Willensakte des Menschen auf der kulturellen Ebene dieselbe oder eine ähnliche Rolle wie die zufälligen Mutationen auf der genetischen Ebene seines _Seins? Die Ähnlichkeiten dabei sind jedenfalls frappierend.

     Die Mutationen sind geringfügige Fehler in der Übertragung der genetischen Information zwischen den Generationen. Doch gerade diese die Perfektion der genetischen Übertragung störenden Fehler sind es, die die Evolution überhaupt erst ermöglicht haben. Da sie zufällig und chaotisch sind, dürfen sie ein bestimmtes, sehr geringes Maß nicht überschreiten. In wohl weit über 90% der Fälle sind diese Fehler zudem unbrauchbar und stören nur die Perfektion der Übertragung. Doch in einigen wenigen Fällen „passen" sie (auf bestimmte oder neue Umweltsituationen), verbessern die genetische Information und Anpassung und ermöglichen dadurch die Weiterentwicklung. Ähnliches spielt sich nun wahrscheinlich auf der kulturellen und mentalen Ebene des menschlichen Seins in der Tradierung bewährter Normen und Verhaltensweisen ab. Doch auch hier dürfen diese (zufälligen) Abweichungen in der Tradierung der bewährten Normen nicht zu groß sein.

Der Wert dieser Freiheit zu einem zufälligen, chaotischen und nicht durch die bisherigen gespeicherten systematischen Eigenschaften bedingten Verhalten macht sich auch direkt in der Hervorbringung neuer Ideen bemerkbar, vor allem im schöpferischen Denken des Menschen. Nicht umsonst wurden viele Erfindungen zufällig gemacht, die Erfinder suchten eigentlich (in ihrer Determiniertheit und Zielgerichtetheit) nach etwas ganz anderem. Wir ähneln in diesem objektiven freien Willen dem ersten Menschen, der, gerade von den animalischen Instinktketten etwas befreit, etwa einen Stock nimmt und diesen in einer völlig chaotischen, zufälligen und sinnlosen Weise benutzt. Bis er auf einmal im wahrsten Sinne des Wortes (sich) merkt, dass in dieser Sinnlosigkeit auch einige sinnvolle und effektive Bewegungen enthalten sind, was dann den ersten Werkzeuggebrauch ergab.

     Wahrscheinlich hat die Zufälligkeit dieses Verhaltens direkt etwas mit der Lockerung der Instinktketten zu tun. In Verbindung mit der begrifflichen Abstrahierung, Erkenntnis und Speicherung von individuellen Verhaltensweisen war die Erkenntnis und Speicherung eines erfolgreichen zufälligen Handelns dann möglich. Dadurch bildete sich neben dem alten System der evolutionären Entwicklung, das der Mutation und Selektion, ein völlig neues und anderes System heraus, das gegenüber dem alten eine ungemeine Effektivität aufwies, aber das in der Systematik seiner Erkenntnis, Speicherung und Anwendung wieder wie das genetische System determiniert ist. Mit diesem neuen System ließen sich neue Verhaltensweisen und Anpassungen des Verhaltens viel schneller erwerben. Eine Verhaltensanpassung, zu der das alte System des stammesgeschichtlich über Genmutationen veränderten Verhaltens vielleicht einige Tausend oder gar Millionen von Jahren benötigte, war mit dem neuen System im Idealfall innerhalb von Sekunden zu verwirklichen. Konrad Lorenz schreibt darüber:

"Während all der gewaltigen Epochen der Erdgeschichte, während deren aus einem tief unter den Bakterien stehenden Vor-Lebewesen unsere vormenschlichen Ahnen entstanden, waren es die Kettenmoleküle der Genome, denen die Leistung anvertraut war, Wissen zu bewahren und es, mit diesem Pfunde wuchernd, zu vermehren. Und nun tritt gegen Ende des Tertiärs urplötzlich ein völlig anders geartetes organisches System auf den Plan, das sich unterfängt, dasselbe zu leisten, nur schneller und besser.
...Es ist daher keine Übertreibung zu sagen, dass das geistige Leben des Menschen eine neue Art von Leben sei."16

Die zufällige Entscheidung ist nicht voraussagbar und damit eine objektive Freiheit, die allerdings nur in einem sehr begrenzten und angemessenen Umfang möglich und sinnvoll ist, denn andernfalls würde diese wahre Willensfreiheit im wahrsten Sinne des Wortes zum Irrsinn führen. Zudem ist diese Willensfreiheit ihrer Zufälligkeit entsprechend immer mit einer großen Unsicherheit verbunden, weshalb wir sie in unserem normalen Verhalten, in dem wir (systematisch) immer bestimmte Ziele und Werte verfolgen, möglichst vermeiden. Die übermäßige Veränderung oder gar gänzliche Aufgabe sinnvoller und angepasster Normen zugunsten eines zufälligen und darin auch objektiv freien Verhaltens würde zur Zerstörung oder Aufgabe des menschlichen Seins führen (genauso wie ein übermäßiges Auftreten von Mutationen). Aber andererseits ist der freie und zufällige Wille genauso lebensnotwendig wie die zufälligen Mutationen, denn die Welt hat nun einmal die Eigenschaft, dass sie sich laufend verändert und weiterentwickelt, und dass das, was gestern noch richtig war, heute schon überholt und falsch sein kann.

     Dabei stellt die Gewissheit, dass der Mensch grundsätzlich die Freiheit hat, völlig zufällig, launisch und chaotisch zu handeln, selbst einen Wert dar. Allein deshalb, weil der Mensch um diese Möglichkeit weiß, auch wenn er diese Freiheit nur sehr selten oder überhaupt nicht bzw. nur in spielerischen Situationen nutzt. Diese Gewissheit verleiht so auch dem subjektiv empfundenen freien Willen eine gewisse objektive Realität.

 

Anmerkungen:


1) SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT, Oktober 2000
2) DER SPIEGEL 1/2001
3) GEHIRN&GEIST 04/2002
4) siehe auch: "Ein neues Menschenbild?", Wolf Singer, suhrkamp taschenbuch wissenschaft 1596, Frankfurt/M. 2003
5) DIE ZEIT, 38/2001
6) etwa in dem Artikel "Und sie bewegt uns doch: die Freiheit", erschienen in der Zeitschrift des Wissenschaftszentrums NRW "Das Magazin" 2/2003, S. 21
7) "Fühlen, Denken, Handeln", Gerhard Roth, Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. 2001, S. 430
8) DIE ZEIT, 41/2000
9) "Ich fühle, also bin ich", Antonio R. Damasio, List-Taschenbuch, München 2002, S. 22-23
10) Damasio, Seite 387, 388
11) "Die Rückseite des Spiegels", Konrad Lorenz, dtv, München 1987, S. 57, 58
12) Lorenz, S. 47
13) Lorenz, S. 49
14) Lorenz, S. 60, 61
15) Damasio, S.271-272
16) Lorenz, S. 217


 

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