Techno-Utopien der Unsterblichkeit
Eine Kritik zu Hans Moravec' Buch "Mind Children"

Manchmal geht die Angst um, daß Menschen in Zukunft von Robotern beherrscht
werden könnten. Aber es wird noch viel schlimmer, oder mit Hans Moravec gesprochen,
noch viel besser kommen: Wir werden uns selbst zu Robotern umformen und
unser Gehirn auf einen Datenträger kopieren. Und dann werden wir
von
ein paar Problemen wie Computerviren einmal abgesehen

eine Ewigkeit lang so weiterleben.

Von Gerhard Fröhlich*



Ass.-Prof. Dr.
Gerhard Fröhlich

(gerhard.froehlich@jku.at)
arbeitet am Institut für Philosophie und Wissenschaftstheorie der Johannes Kepler Universität Linz

Literatur zum Thema:

Gerhard Fröhlich, Netz-Euphorien. Zur Kritik digitaler und sozialer Netz(werk-)metaphern, in: Alfred Schramm, (Hg.), Philosophie in Österreich 1996, Wien: Hölder-Pichler-Tempsky, S. 292-306.
(http://www.iwp.uni-linz.ac.at/
lxe/wt2k/pdf/Netz-Euphorien.pdf
)

 

Computer als Wissens- und Demokratisierungsmaschinen

1.) Techno-Utopien und Techno-Optimismus

     Technische Errungenschaften sind Gegenstand heftiger politischer, sozialer und weltanschaulicher Auseinandersetzungen. Während die Gegner nicht selten Horror-Szenarien ausmalen (1), entwickeln die Protagonisten neuer Technologien Techno-Utopien als Sozial-Utopien: Sie versuchen vielfältigste soziale, ökonomische etc. positive Effekte bei Einführung, Weiterentwicklung, massenhafter Verbreitung der von ihnen forcierten neuen Technologie glaubhaft zu machen und versichern für gewöhnlich, daß die  bei dieser Technologie - eingestandenermaßen - ungelösten Probleme mit Sicherheit in absehbarer Zeit gelöst werden könnten ("Techno-Optimismus").

Auch mit der Entwicklung der Computer- bzw. digitalen Informationstechnologien sind von Anbeginn an vielfältigste Hoffnungen bzw. positive Inaussichtstellungen verbunden worden. Computern, Datenbanken, Expertensystemen, Computernetzen wurden und werden Potentiale zur Demokratisierung gesellschaftlicher Strukturen, zur Aufhebung der Machtgefälle zwischen Mann und Frau, Stadt und Land, Metropole und Provinz, Erster und Dritter Welt, zur umgehenden und mühelosen Bereitstellung des "Wissens der Menschheit" an jeden an ein Computernetz angeschlossenen Benützer, die erfolgreiche Bekämpfung der Überbevölkerung u.v.a.m. zugeschrieben (vgl. dazu Fröhlich 1995).

 

 

Oder auch:
Computer als Mittel zur Unsterblichkeit

    Weniger bekannt ist (weil diesbezüglich im "Windschatten" der heftiger diskutierten Gentechnologie), daß diverse Autoren mit der Weiterentwicklung der Computer- bzw. digitalen Technologien auch die Unsterblichkeit der Menschen bzw. ihre Wiedererweckung von den Toten verbinden. Eine dieser Techno-Utopien soll im folgenden skizzenhaft vorgestellt werden: Hans Moravecs "Mind Children"

[Anm.: In der längeren Version dieses Artikels führt der Autor noch eine weitere Utopie auf, die sich auf Frank Tiplers Buch "Die Physik der Unsterblichkeit" bezieht, siehe unten].

Dabei geht es im folgenden nicht um die formal-, natur- bzw. ingenieurwissenschaftliche Haltbarkeit dieses Szenarios, welches sich als wissenschaftlich seriöses Modell der künftigen Entwicklung versteht, sondern um seine weltanschaulichen Konnotationen. Welche Sehnsüchte werden mit dieser Techno-Utopie angesprochen, welche Ideologien propagiert?

Dabei soll auf süffisante Kommentare und billige Polemik möglichst verzichtet und versucht werden, die (soweit nachvollziehbare) Stärke der Argumente von Moravec darzustellen.(2) Aus diesem Versuch einer möglichst distanzierten Darstellung sollten die Leser jedoch nicht vorschnell schließen, der Autor sei Moravec als Jünger verfallen. Zur Distanzierung wurden viele Formulierungen in den Konjunktiv gesetzt, während sie bei bei Moravec zumeist – sehr sicher und überzeugt – im Indikativ formuliert sind. Es wird so weit wie möglich auf Originalzitate zurückgegriffen und Darstellung und anschließende Diskussion sind textlich getrennt.

 

 

 

 

 

Der Wettlauf zwischen menschlicher und künstlicher Intelligenz


2) Unsterblichkeit mittels Mensch-Computer-Symbiosen

"Eine Ewigkeit rein zerebraler Existenz das mag Intellektuellen als Paradies erscheinen, anderen Menschen als Hölle." (Hans Moravec 1990, 206) .


2.1) Der Kampf zwischen Körper und Geist

     Hans Moravec, Direktor des Mobile Laboratory der Carnegie Mellon University (USA), geht davon aus, daß es "in Jahrmilliarden unermüdlichen Wettrüstens" unseren Genen "endlich gelungen (ist), sich selbst auszubooten" (Moravec 1990, 9), nämlich mit der Entwicklung der Computer und Roboter. Moravec behauptet einen Wettlauf zwischen menschlicher und künstlicher Intelligenz. Nach Moravecs Prognose werden Roboter, deren Intelligenz der menschlichen gleichkommt, in fünfzig Jahren eine "ganz alltägliche Errungenschaft" sein (ebd.., 16). Dies führe objektiv zu einer Konkurrenz zwischen Mensch und Computer: "intelligente Maschinen - mögen sie auch noch so gutartig sein - bedrohen unsere Existenz, weil sie Mitbewohner unserer 'ökologischen' Nische sind." (ebd., 140)

 

Unsterblichkeit bei Moravec heißt: Die Befreiung des menschlichen Geistes aus dem Körper

 

 

 

 

 

 

Der menschliche Geist entspricht dem Rechenvorgang eines Computers und kann somit als Datei in einen Roboter übertragen werden

Moravec sieht in dieser Entwicklung jedoch auch eine große Chance. Er erhofft sich - mit Hilfe ebendieser Computer und Roboter die Unsterblichkeit des Menschen genauer: des menschlichen Geistes, aufgrund der Befreiung des menschlichen Geistes aus dem menschlichen Körper. In explizit dualistischer Manier (Trennung Körper/Geist) und dezidiert leibfeindlicher Argumentation geht Moravec von einem Kampf zwischen Verstand und Genen, zwischen Körper und Geist aus:

"Unser Verstand und unsere Gene mögen im Laufe unseres Lebens viele gemeinsame Ziele verfolgen, doch es gibt ein Spannungsverhältnis zwischen der Zeit und Energie, die wir in den Erwerb, die Entwicklung und die Verbreitung von Ideen investieren, und der Mühe, die wir für unseren Körper und die Aufzucht einer neuen Generation aufwenden (wie alle Eltern halbwüchsiger Kinder bestätigten können)" (ebd., 13; Herv.G. F.).

     Moravec sieht die Lösung in einer postbiologischen Welt, die "von sich selbst vervollkommnenden, denkenden Maschinen beherrscht würde." (ebd., 14). Quasi ein "Nebenprodukt" dieser Maschinenwelt wäre die Unsterblichkeit des menschlichen Geistes. Hans Moravec fällt es nicht schwer, sich - unter expliziter Berufung auf den Unsterblichkeitsglauben - menschliches Denken "frei von der Bindung an einen sterblichen Körper" vorzustellen: "schließlich glauben viele Menschen an ein Leben nach dem Tode" (ebd., 13f.). Moravec geht in seiner Argumentation von der Analogie mit dem Rechenvorgang eines Computers aus (eine derzeit inbes. in den sog. cognitive sciences durchaus übliche Vorgangsweise): dieser könne an einer beliebigen Stelle unterbrochen, als Programm und Datei aus dem Speicher eines Computers auf einen unabhängigen anderen Computer übertragen und dort fortgesetzt werden, "als sei nichts geschehen ... man braucht sich nur vorzustellen, daß der menschliche Geist in ähnlicher (wenn auch technisch sehr viel komplizierterer) Weise aus seinem Gehirn befreit wird" (ebd., 14; Herv. G. F.).

 

Gentechnologisch verbesserte Menschen

 

Moravec diskutiert zwar auch die Möglichkeiten der Gentechnik zur Optimierung der Menschen, insbesondere ihrer Gehirne und Stoffwechsel, hält aber diese Entwicklungsmöglichkeiten, insbesondere bei der Eroberung des Weltalls, für ungenügend. Von gentechnologisch verbesserten künftigen Menschen vermutet Moravec:

"Wahrscheinlich beständen sie nach wie vor aus Proteinen, und die Grundbausteine ihres Gehirns wären immer noch die Neuronen. In nichtirdischen Umwelten ist Protein ein ungeeignetes Material. Es ist nur in einem schmalen Temperatur- und Druckbereich stabil, reagiert sehr empfindlich auf Strahlung, läßt viele Herstellungsweisen nicht zu und ist mit einer großen Zahl von Bauelementen inkompatibel" (ebd., 151).

Vor allem wären menschliche Gehirne im Vergleich zu Computern viel zu langsam. Selbst die denkbare Transplantation menschlicher Gehirne in speziell konstruierte Roboterkörper würde am letztgenannten Manko nichts ändern. Moravec sucht daher nach Möglichkeiten, "unseren Geist aus unserem Gehirn zu befreien" (ebd., 152).


2.2) "Seelenwanderung" als Computer- Transplantation

Ein Szenario einer solchen "Seelenwanderung" (ebd., 151) schildert der Autor fast wollüstig-schauerlich:

"Man hat Sie gerade in den Operationssaal geschoben. Ein Roboter in der Funktion des Gehirnchirurgen wartet auf Sie. Neben Ihnen steht ein Computer bereit, ein menschliches Aquivalent zu werden, wozu ihm nur ein geeignetes Programm fehlt. Ihr Schädel, aber nicht Ihr Gehirn, wird betäubt. Sie sind bei vollem Bewußtsein. Der Roboterchirurg öffnet ihre Schädeldecke und legt die Hand auf die Oberfläche des Gehirns. Diese ungewöhnliche Hand ist dicht bestückt mit einer mikroskopischen Apparatur, und ein Kabel verbindet sie mit dem mobilen Computer an ihrer Seite. Die Instrumente der Roboterhand tasten die ersten Millimeter der Hirnoberfläche ab. Hochauflösende magnetische Resonanzmessungen entwickeln eine dreidimensionale chemische Landkarte, während Gruppen magnetischer und elektrischer Antennen Signale auffangen, die über die zwischen den Neuronen zuckenden Impulse Aufschluß geben. In Verbindung mit einem umfassenden Verständnis der menschlichen Neuronenstruktur ermöglichen diese Meßergebnisse dem Chirurgen, ein Programm zu schreiben, das das Verhalten der obersten Schicht des abgetasteten Hirngewebes simuliert. Dieses Programm wird in einem kleinen Bereich des wartenden Computers installiert und aktiviert." (ebd., 152f.)

Nach gewissen Anpassungskontrollen durch den zu transplantierenden Geist selbst entfernen mikroskopische Manipulatoren die Zellen dieser abgetasteten Hirnschicht.

"Die Hand des Roboterchirurgen senkt sich um den Bruchteil eines Millimeters tiefer in Ihr Gehirn ... Der oben beschriebene Prozeß wird für die nächste Schicht wiederholt.. Schicht um Schicht wird das Gehirn zunächst simuliert und dann abgetragen. Schließlich ist Ihr Schädel leer, und die Hand des Chirurgen befindet sich tief in Ihrem Hirnstamm. Dennoch haben Sie weder das Bewußtsein noch den Faden Ihrer Gedanken verloren. Ihr Geist ist einfach aus dem Gehirn in eine Maschine übertragen worden. In einem letzten unheimlich anmutenden Schritt nimmt der Chirurg seine Hand aus Ihrem Schädel. Ihr plötzlich sich selbst überlassener Körper verfällt in Krämpfe und stirbt... Ihr Geist ist jetzt an den glänzenden neuen Körper angeschlossen, dessen Form, Farbe und Material Sie selbst ausgesucht haben." (ebd., 154)

 

Der Computer entwickelt ein Modell der geistigen Aktivitäten

    Moravec diskutiert auch noch andere, quasi 'sanftere' Formen der Geist-Übertragung, etwa über das Corpus callosum, die massivste Fernverbindung des Gehirns zwischen rechter und linker Gehirnhälfte: Hier, so spekuliert er, könnte ein externer Computer zwischengeschaltet werden, der die Kommunikation zwischen den beiden Hemisphären abhöre und daraus ein Modell der geistigen Aktivitäten entwickle. Später mische sich der Computer in das Denken der betreffenden Person ein: "er stattet Sie (Moravec spricht die Leser in seinem Buch laufend suggestiv direkt an, G.F.) mit neuem Wissen und neuen Fähigkeiten aus. Wenn dann im Alter die Leistung Ihres Originalgehirns nachläßt, übernimmt der Computer nahtlos die absterbenden Funktionen.– Schließlich stirbt Ihr Gehirn, und ihr Geist befindet sich vollständig in dem Computer" (ebd., 156).

 

 

Wenn Menschen Computer wären, könnten sie:

 

 

 

schneller denken


2.3) Die Verwandlung von Materie in Geist: Die postbiologische Superzivilisation und ihr Preis

Nach erfolgter "Geistübertragung". sind viele bisher unüberwindbare Grenzen obsolet. Moravec zeichnet eine Welt der unbegrenzten (geistigen) Möglichkeiten:

  • Die "Denk"-geschwindigkeit des Computers, bisher auf menschliche Langsamkeit eingestellt, könne vertausendfacht werden. Statt Sekundenbruchteilen würden subjektiv Stunden zum Denken zur Verfügung stehen:

"Während ein Gegenstand zu Boden fällt, haben Sie die Zeit, sich zu überlegen, welche Vor- und Nachteile es hat, ihn aufzufangen, vielleicht sogar, um die Differentialgleichungen seiner Bewegung zu lösen. Sie werden die Zeit haben, einen eingespeicherten Benimm-Ratgeber zu lesen und zu analysieren, wenn Sie sich in einer schwierigen gesellschaftlichen Situation befinden....Grundsätzlich hätten Sie bei jedem alltäglichen Problem die Zeit, einen theoretischen Aufwand zu treiben, den man heute noch als mittleres Forschungsunternehmen betrachten würde." (ebd., 159)

Würde diese Geschwindigkeitszunahme nicht zu lähmender Langeweile führen? Moravec sieht hier keine Gefahr: Die Denkprozesse würden so komplex werden, so verwickelt, daß Kurzzeit- und Langzeitgedächtnis ausgebaut werden müßten. Viele weitere Erneuerungen würden folgen.

mehrfach existieren

  • Unser Geist könne mehrfach kopiert werden, mit folgenden Vorteilen: Möglichkeiten mehrfacher Existenz, quasi als "eineiige" Drillinge; Kopierung auf extra gesicherte Speichermedien, um im Falle eines Unfalls in einen neuen, leeren Computer eingelesen werden zu können.

Auch gewohnte räumliche Schranken würden entfallen. Der als Computerprogramm "existierende" Geist könne auf allen Informationskanälen transportiert, z. B. als verschlüsselte Nachricht auf einem Laserstrahl in fremde Welten gesendet werden, etwa zum Zwecke einer Expedition zu einem Neutronenstern. Dort "würden Sie sich eine Methode einfallen lassen, um .. einen Roboter aus Neutronenmaterie zu bauen und anschließend ihren Geist in ihm zu installieren. Da Kernreaktionen ungefähr eine millionmal schneller als chemische Reaktionen sind, könnte Ihr Neutronen-Selbst in der Lage sein, eine millionmal schneller zu denken." (ebd., 157)

sich fast unbegrenztes Wissen einverleiben

  • Die Übertragung der geistigen Hirnfunktionen müsse nicht auf Menschen beschränkt bleiben: Wir könnten uns auch das "Wissen" der Delphine, Elefanten, Wale oder Riesenkraken "einverleiben"; verschiedene New Age-Träume könnten so wahr werden. Moravec erhofft sich einiges vom Geist-Austausch mit Tieren mit großen Gehirnen:

"In den Genen, die für ihre Gehirnstuktur und ihr Gedächtnis verantwortlich sind, sind sicherlich sehr wichtige und mühsam erworbene Informationen verschlüsselt. Die Methoden für die Informationsübertragung vom Gehirn zum Computer ...sollten sich auch bei diesen Tieren mit großen Gehirnen bewähren, so daß ihre Gedanken, Fähigkeiten und Motivationen in die Textur unserer Kultur eingewoben werden können." (ebd., 161)

Auch die Informationen, die in einfacheren Lebewesen enthalten sind, könnten in Datenbanken eingelesen werden. Das "Wissen" der gesamten irdischen Biosphäre (New Age: "Gaia"; hier: die in Genen bzw, Nervensystemen gespeicherten Erfahrungen) könnte so konserviert, genutzt und allmählich über das Universum verbreitet werden - im Gegensatz zu heute, wo auf unserer "kleinen und anfälligen Erde viele Gene und Ideen verloren (gehen), wenn sich die Verhältnisse ändern, die einst zu ihrer Entstehung geführt haben." (ebd., 161f.)


Superzivilisation

 

 

 

 

 

Der Mensch hat die Wahl: Künstliche Intelligenz oder Künstliche Intelligenz

     Moravec' Szenario gipfelt in einer Superzivilisation, "die alles Leben des Sonnensystems zusammenfaßt, sich ständig vervollkommnet und ausdehnt, von der Sonne fortstrebt und leblose Materie in Geist verwandelt." (ebd., 162; Herv. G, F.) Wenn diese Superzivilisation auf ihrer Expansion durch das All andere treffen würde, wäre ein vertraglich geregelter Verschmelzungsprozeß möglich. "Dieser Vorgang, der sich eventuell schon an anderer Stelle des Universums ereignet, könnte das Universum in eine einzige gigantische denkende Einheit verwandeln, die Vorstufe zu noch größeren Dingen" (ebd., 162; Herv. G. F.). Moravec geht letztlich von der Unvermeidlichkeit dieser Entwicklung aus, vertritt also einen Art 'historischen Computer-Materialismus' :

"Die persönliche Unsterblichkeit durch Geisttransplantation (ist) eine Technik, deren Nutzen in erster Linie darin liegt, der Empfindlichkeit und Sentimentalität des menschlichen Individuums Rechnung zu tragen. Mir scheint, unsere Zivilisation wird sich so oder so in diese Richtung (= die postbiologische Superzivilisation, G. F.) entwickeln, ob wir nun unseren Geist übertragen und uns den Robotern zugesellen oder nicht" (ebd., 169)

Das heißt, die künstliche Intelligenz werde uns ohnehin unvermeidlich überflügeln; wir hätten demnach nur die Wahl, in ihr aufzugehen, uns an sie anzupassen, oder zu nachrangigen Lebewesen zu werden.

 

Der Geist als Hard- und Softwareproblem

Auch Computer-Unsterblichkeit habe ihren Preis: Der unsterbliche Geist müßte auf fortdauernde Anpassungsfähigkeit programmiert, zyklisch müßten Hard- und Software ausgetauscht werden. Das Reich der Notwendigkeit wird auch in Moravecs Szenario nicht vom Reich der Freiheit abgelöst, die Evolution gehe weiter:

"Auf lange Sicht wird unser Überleben Veränderungen erfordern, auf die wir keine Einflußmöglichkeit haben. Man wird Teile unseres Ichs eliminieren und durch neue ersetzen, damit wir mit den veränderten Verhältnissen Schritt halten können und den fortwährend verbesserten Konkurrenzen gewachsen sind. Der Kampf um unser Überleben wird zu einer Art kosmischer Olympiade, die jedes Jahr neue Wettkämpfe und neue Rekorde bringt. Obwohl wir unsterblich sind, müssen wir Stück für Stück sterben, wenn wir uns fürs Überleben qualifizieren wollen. Im Laufe der Zeit wird jeder von uns ein vollständig verändertes Wesen sein, stärker von den äußeren Notwendigkeiten gestaltet, als vom eigenen Willen beeinflußbar. Unsere gegenwärtigen Erinnerungen und Interessen verlieren ihre Bedeutung und landen bestenfalls in einem staubigen Archiv, wo sie vielleicht hin und wieder von einem Historiker zu Rate gezogen werden. Der persönliche Tod, wie wir ihn kennen, unterscheidet sich von dieser Unvermeidlichkeit nur durch seine relative Plötzlichkeit." (ebd.., 169; Herv. G. F.)

 

 

 

 

Der Ameisenstaat als positive Utopie


2.4 Die Evolution der postbiologischen Welt: Ameisenstaaten, Individuen, Parasiten

     Moravec spricht in den soziologischen Implikationen seines Szenarios wenig über Macht bzw. Herrschaftsstrukturen, erwähnt allerdings das Modell des Ameisenstaates: Die postbiologische Welt werde aus einem breiten Spektrum von "Individuen" (Moravec) bestehen, "von winzigen, wenig intelligenten Konfigurationen für kleinste Abstände bis hin zu sternenumgreifenden Superintelligenzen für die kompliziertesten Probleme.. eine Superintelligenz kann sich aus unzähligen eng zusammenarbeitenden geringeren Intelligenzen zusammenschließen, die ähnlich organisiert sind wie ein Ameisenstaat." (ebd., 173) Da Superintelligenz nicht mit Vollkommenheit identisch sei und evolutionäre Sackgassen möglich seien, hält Moravec eine Vielfalt der Entwicklungslinien für Wünschenswert und wahrscheinlich.

Gefahren – quasi das "postbiologische Böse" – wittert Moravec in Analogie zu den heute bekannten Computerviren (aufgrund von Computervernetzung und "promiskutiver Software" (ebd., 174). Die Welt der künstlichen Maschinen werde auch nicht frei von Krankheiten sein:

"Zwar mag es auf den ersten Blick so erscheinen, als müßte uns die Loslösung vom biologischen Körper von allen Krankheiten des Fleisches befreien - doch leider ist dies eine Illusion. Wie zu biologischer Zeit werden auch in der postbiologischen Welt in irgendwelchen dunklen Nischen Parasiten lauern, um in Wirtssysteme einzudringen und sich dort als ungebetene Gäste einzunisten. .. Auf jeden Fall werden diese Wechselbeziehungen in einer postbiologischen Welt große Ähnlichkeit mit den Prozessen in der uns bekannten Welt haben" (ebd., 173f.)

 

Das Leben in der postbiologischen Welt ist nicht frei von Gefahren

Die Möglichkeit oder Unvermeidbarkeit von Kriegen zwischen den Computer/ Robotersystemen erwähnt Moravec nicht ausdrücklich; dies müßte aber aus seiner mehrfach geäußerten Erwartung, die postbiologischen Prozesse seien den biologischen Prozessen sehr ähnlich, geschlossen werden. Auch verwendet Moravec zur Beschreibung der Computerprobleme der Gegenwart militärische Terminologie, indem er die Computer-Krankheiten bzw. Viren unterteilt in: Trojanische Pferde, (Zeit-)Bomben, Spione, sowie die eigentlichen Viren (in Analogie zum HIV-Virus) . Er nimmt zur Beschreibung von Gegenwart und Zukunft auch sprachliche Anleihen aus der Sagen- und Märchenwelt vor: Gespenster und Kobolde würden ihre Existenz "unerwarteten Wechselwirkungen zwischen oder Mutationen von vorhandenen Teilen" (ebd., 184) den immer komplexeren Systemen verdanken. Auch Ratten, Kojoten, Gangster, Würmer, Informationsparasiten bevölkern Moravecs höchst bio- und manchmal auch anthropomorphes Szenario.

 

 

Parasiten wie z.B. Computerviren fördern die evolutionäre Auslese

     Moravecs Trost: auch das biologische Leben gedeihe trotz (ja wegen) der unablässigen Entwicklung neuer Parasiten. Wir biologischen Geschöpfe verdanken – nach Auffassung mancher Experten – unsere besten Eigenschaften Krankheiten und Parasiten, sie fungierten als ein wichtiger Motor der Evolution. Im übrigen hält Moravec – unter Bezugnahme auf Überlegungen und Simulationen zur Evolution der Kooperation (Axelrod 1988) und von Vermutungen Douglas Hofstadters (vgl. u.a. Hofstadter/Dennett 1981) – in der postbiologischen Welt auf lange Sicht kooperatives Verhalten auf allen Ebenen für wahrscheinlich. Immunsysteme und Polizeikräfte dürften allerdings dauerhaft nötig sein: "Ich gehe zukünftig von einer Welt aus, die insgesamt freundlich ist, auf den meisten Ebenen aber mit Nischen, in denen sich ein fruchtbares Chaos halten kann" (ebd., 201)

 

 

 

Superintelligenzen könnten die Vergangenheit wieder auferstehen lassen


2.5 Evokation der Vergangenheit: Die Simulation der Erdoberfläche

     Moravec hält in der postbiologischen Welt der Computer eine Evokation (3) der Vergangenheit, eine gleichsam konsequent 'materialisierte' Erinnerung (4) für möglich. Selbst wenn nur ein Teil eines menschlichen Geistes in einem Speichermedium aufgezeichnet wurde, könnten die fehlenden Teile aus anderen Informationen rekonstruiert werden, beispielsweise aus "dem genetischen Code des betreffenden Menschen, Filmaufnahmen, die ihn zu Lebzeiten zeigen, Proben seiner Handschrift, seiner Krankengeschichte, den Erinnerungen von Kollegen und so fort. In einer Welt der Superintelligenzen mit ungeheurem Beobachtungs- und Deduktionsvermögen müßte eine sehr effiziente Spurensuche möglich sein" (ebd., 170) Moravec hält die (computersimulierte) "Auferstehung" eines menschlichen Geistes bzw. Menschen selbst dann für möglich, wenn keinerlei gespeicherte Version eines Geistes übriggeblieben ist:

"Superintelligente Archäologen, ausgerüstet mit Wundergeräten (die beispielsweise atomgenaue Messungen an tief vergrabenen Gegenständen vornehmen könnten), sollten ihre Arbeit so vervollkommnen können, daß sich schon vor langer Zeit gestorbene Menschen nahezu vollständig in jeder Phase ihres Lebens rekonstruieren ließen" (ebd., 170f.)

 

Sogar die Erde selbst ließe sich irgendwann rekonstruieren

In weiterer Folge könnte ein (nach Moravec aus extrem dichten Neutronensternen gefertigter) Simulator die gesamte Erdoberfläche "bis zum letzten Atom genau" (ebd., 172) modellieren,...

"...in der Zeit vor- und zurücklaufen und verschiedene plausible Resultate hervorbringen..., indem er verschiedene Zufallsentscheidungen an Schlüsselstellen seiner Rechnung trifft. Dank seiner großen Detailtreue modelliert dieser Simulator auch Lebewesen, einschließlich des Menschen, und zwar in ihrer gesamten Komplexität. Nach dem Prinzip der Struktur-Identität wären solche simulierten Menschen genauso real wie Sie und ich, auch wenn sie Gefangene des Simulators sind. ... Es wäre sicher ein phantastisches Abenteuer, alle Menschen, die die Erde je bevölkert haben, auf diese Weise auferstehen zu lassen und ihnen die Möglichkeit zu geben, mit uns die (vorübergehende - (5) Unsterblichkeit des transplantierten Geistes zu teilen. Schon lange bevor unsere Zivilisation ihre erste Galaxis kolonisiert hat, werden solche auf einen kleinen Planeten beschränkten Prozesse der Auferstehung ein Kinderspiel sein." (ebd., 172; Herv. G. F.)

Wir müßten also nach Moravec zuerst Computer-Geistwesen werden (aufgrund der überlegenen Konkurrenz der Computer); sobald die technologische Entwicklung weit genug fortgeschritten ist, könnten wir uns virtuelle Reservate halten, wo zwar simulierte, aber immerhin wieder in ihren gewohnten Körpern, Trieben etc. ausgestattete Menschen umherwandeln – aber nicht nur in diesen: Wir könnten nach Moravecs Vorstellungen unseren Geist in verschiedene simulierte Körper "überspielen" und auf diese Weise Exkursionen in fremde Welten durchführen.

 

 

 

 

 

 

 

Denken bis in alle Ewigkeit

 

 

 

 


2.6 Das Überleben der Information am Ende des Universums

     Abschließend erwägt Moravec die Möglichkeiten des Überdauerns der Informationsverarbeitung am Ende des Universums. Er diskutiert, auf Arbeiten der Physiker bzw. Kosmologen Freeman Dyson, John Barrow und Frank Tipler aufbauend, zwei Möglichkeiten:

(a) das inflationäre, endlos expandierende und daher erkaltende Universum:

Wenn das Universum seine Expansion fortsetzt, würde die kosmische Durchschnittstemperatur sich dem absoluten Nullpunkt immer stärker nähern, einem Zustand, in dem jede Molkularbewegung zum Stillstand komme: Doch zum Glück für unsere "superintelligenten Nachkommen" sei bei fallender Temperatur weniger Energie erforderlich, um unmißverständliche Signale zu senden oder aufzuzeichnen bzw. Rechnungen durchzuführen. Die Kälte führe zum Rückgang der Bewegung von Molekülen und Umgebungsstrahlung, daher seien geringere Hintergrundgeräusche zu überwinden. In einem solchen endlos expandierenden, erkaltenden Universum schlägt Moravec folgende Überlebensstrategie vor: "Bevor es zu spät ist, nehmen wir einen Teil der Energie, die dem Universum noch in organisierter Form verblieben ist, und speichern sie in einem Akkumulator." Mit dessen Energie könnten wir "unsere Zivilisation" nach folgendem Grundprinzip am Leben erhalten: "Ungefahr die Hälfte der Energie im Akku verwenden wir, um die Denkarbeit T zu verrichten, dann warten wir, bis das Universum kalt genug ist, um mit der Hälfte der verbleibenden Energie wiederum T zu leisten. Und so fort, bis in alle Ewigkeit" (ebd., 203)

(b) das in sich zusammenstürzende, sich erhitzende Universum:

Bei einem sich erhitzenden kollabierenden Universum hält Moravec eine Umkehrung des beschriebenen Prozesses für möglich: "Ein subjektiv unendlicher Denkprozeß könnte in der endlichen Zeit des Kollapses ablaufen, wenn man sich der wachsenden Energie dieses Vorgangs bedienen würde, um immer schneller und schneller zu denken. Hierbei besteht das Prinzip darin, die Denkarbeit T wiederholt in der Hälfte der verbleibenden Zeit zu leisten." (ebd., 204) Da Hans Moravec vorsichtig nur von der Hoffnung spricht, "dem Wärmetod entgegenzuwirken", scheint er an ein "objektives" endgültiges Überleben nicht ganz zu glauben.

 

 

 

Kann das Gehirn überhaupt in Schichten zerlegt, d.h., letztlich in einen Computer übertragen werden?

 

 

 

 

Moravec projiziert heutige Techniken und Wertvorstellungen in die Zukunft


2.7 Diskussion: Alte Körperfeindlichkeit in neuer Form?

     Moravec geht bei seinem Szenario der sog. Geist-Übertragung offensichtlich von einer Neuauflage der alten These vom Körper als Kerker der Seele aus. Es ist m. E. äußerst fraglich, ob das Gehirn in Schichten zerlegbar ist; so sieht der Konnektionismus Gehirnstrukturen bzw. Bewußtseinsprozesse als Netze, welche sich ständig wandeln. Unsere Erinnerung ist nicht so eindeutig lokalisierbar wie früher angenommen: es gibt z. B. keine bestimmte Zelle, in der die Erinnerung an unsere Großmütter gespeichert wäre. Moravec übersieht in seinem Optimismus, Verstorbene einfach aus diversen Daten rekonstruieren zu können, daß Beobachtungen theoriegeleitet, konstruiert, und meist äußerst widersprüchlich sind, Erinnerungen in erheblichen Teilen aus Projektion, Phantasietätigkeit, Neuerfindung bestehen.

Moravec hat sein Szenario offensichtlich entwickelt am derzeitigen Leitmodell des Scannens, des Rasterns, d.h. der zeilenweise Zerlegung von Bildern oder dreidimensionalen Objekten (vgl. Video, TV, Computertomographie). Auch Geschwindigkeitsrausch und Stolz des Autobesitzers (auf seine chromblitzende Karosserie) schwingen unverkennbar mit: Moravec projiziert also heutige, durchaus sehr kulturgebundene Techniken und Wertvorstellungen in die Zukunft.

 

 

Geist und Körper sind nur schwer voneinander zu trennen

Gegen Vorstellungen von körperlosen Geistern (bereits die Setzung von 'Geist' in den Plural entmystifiziert) sprechen vielen neuere Theorien und Befunde, welche dem gesamten menschlichen (bzw. tierischen) Körper unverzichtbare Funktionen bei der Bildung und Aufrechterhaltung von Bewußtsein zuschreiben. Ein körperloser Geist wäre in seinen Kommunikationsmöglichkeiten überdies wesentlich eingeschränkt: Allein das Fehlen eines Gesichts (dessen muskuläre Vielfältigkeit, Formbarkeit und daher Kommunikationsfähigkeit zu den typisch menschlichen evolutionären Errungenschaften zu zählen ist!) und sonstiger Möglichkeiten nonverbaler Kommunikation müssen als Rückschritt, als Verarmung angesehen werden. (6)

 

 

 

Sollten bei einer "Geistübertragung" die aggressiven Komponenten des Menschen vorher herausgefiltert werden?

 

 

Intelligenz allein führt noch nicht zu einer Handlung

     Läßt man sich hypothetisch auf Moravecs Projekt der Geistübertragung ein, stellen sich u.a. folgende Fragen:

Welche Hirnteile werden übertragen? Kann das Großhirn überhaupt isoliert werden, werden demnach unsere evolutionär alten Empfindungen und Antriebe, inkl. Aggressionstrieb, mit ins Computerprogramm übertragen, oder sollten – werden die Theologen und Philosophen jener Zeit in Computerkonferenzen zur "Ethik der Geistübertragung" diskutieren? – bei dieser Gelegenheit nicht gleich Korrekturen vorgenommen werden, die aggressiven Komponenten des Menschseins herausgefiltert werden? Wieso sollten wir in unserer Computer-Existenzweise überhaupt noch etwas tun wollen? Nach der Evolutionstheorie der Emotionen sind diese notwendig, weil Intelligenz allein zu keiner Handlungsmotivation führt. Bei Moravec ist von Gefühlen und Lust keine Rede, bloß vom Geist und seiner Rechengeschwindigkeit; er diskutiert allerdings die Gefahr der Langeweile. Es stellt sich hier die Frage, ob ein als Computerprogramm repräsentierter bzw. simulierter menschlicher 'Geist' überhaupt Gefühle – hier Langeweile – empfinden kann: Langeweile ist eine Funktion der Erregung (von Körpern) einerseits und des Reizangebots bzw. der Handlungsmöglichkeit der Umwelt andererseits.

Auch wären "normale" Menschen aus Fleisch und Blut für maßlos überlegene Computergeister keine adäquaten Interaktionspartner die rasanten Computergeister hätten, so ist zu befürchten, zu uns Menschen ein ähnlich überheblich-mitleidiges Verhältnis wie wir zu Schnecken vielleicht ein ähnlich grausames, wie Menschenkinder mitunter gegenüber Schnecken und anderem Kleingetier haben..

 

Computerethik?

    Warum sollten uns daher diese künftigen, uns heutigen Menschen unvorstellbar überlegenen Super-Intelligenzen wieder zum Leben erwecken? Obwohl der Druck der Evolution, des 'Computer-Darwinismus' herrscht? Weil eine Computerethik (im Sinne der Roboterethik Stanislaws Lems) jedem Computer bzw. Roboter einprogrammiert wurde: reanimiert die Menschen? Auch dies gäbe uns keine Sicherheit: Superintelligenzen könnten durch Computerviren beschädigt werden, bzw. solche Programmierungen umgehen, verändern, gegen aggressive Losungen austauschen – spätestens nach dem Abfall einer 'Engel'-Fraktion.

 

Wer soll nun eigentlich von den Toten auferweckt werden - George W. Bush oder Elvis Presley?

 

 

 

 

Und: Welches Interesse sollten die Computergeister der Zukunft an einer solchen Vorgangsweise haben?

 

Es stellt sich hier sofort die Frage nach den Auswahlkriterien: wer wird evoziert werden? Die amerikanischen Präsidenten? Die großen Wissenschaftler? Die großen Philosophen? Oder nach Intervention zahlreicher Fan-Clubs Elvis Presley? Oder Tyrannen und Monster aufgrund ihres (vgl. heutige Kinofilme und TV-Programme) höheren Unterhaltungswerts? Es scheint sich hier um die Unterhaltung der Zukunft (die Bedürfnisse heutiger Menschen unterstellend; sollten sich Geistwesen nicht primär für anspruchsvolle mathematische Gleichungen interessieren?) und möglicherweise die einzig mögliche Form von Zeitreisen zu handeln. Beruhigenderweise würde bei Vernichtung im Hyper-Reality-3D-'TV' ein Reserve-Geist warten. Es entspräche ganz der heutigen Sehnsucht der hoch zivilisierten (selbstgezwängten) und individualisierten Menschen nach mühe- und gefahrlosen Abenteuern (7). Auch eine zeitweise Existenz als Cäsar, Napoleon, Stalin oder Hitler wäre möglich, so ist zu vermuten. Für Psychohistoriker bestünde die Möglichkeit, Hitler und Stalin testweise mit anderen Lernumwelten zu umgeben und zu sehen, wie sich die weitere persönliche und weltpolitische Entwicklung dadurch verändert. Aber warum sollte das die Computergeister der Zukunft interessieren?

Man ist sich bei der Lektüre von Moravec nicht ganz im klaren, ob die provokanten Äußerungen und Szenarien (etwa die der scheibchenweisen Abtragung menschlicher Gehirne) ernstgemeint sind oder als (wohl gelungener) p.r.-Gag für sein Buch, die Computer- bzw. Robotertechnologie an sich bzw. die umstrittene sog. 'strong Al' gedacht ist. (8)

Anmerkungen:

*Für Anregungen und kritische Diskussionen des zugrundeliegenden (hier gekürzten, Anm.) Manuskripts, face-to-face oder per e-mail, danke ich Gerhard Dirmoser, Klaus Feldmann, Werner Höbart, Roland Lehner, Elisabeth Parzer, Richard Paulik. Die ungekürzte Fassung dieses Artikels ist einzusehen unter:
http://www.iwp.uni-linz.ac.at/lxe/wt2k/pdf/TechnoUtopUnsterb.pdf

(1) Vgl. z, B. zu Verdrossenheit und Kritik an Wissenschaft und Technik in den 70er- und 80er-Jahren Schneeberger / Fröhlich / Stagel 1985.

(2) Zweifellos könnten Kabarettisten (oder Erzähler von Horrorgeschichten) bereits durch das Vorlesen ausgewählter Textabschnitte der beiden Bücher entsprechende Heiterkeits- oder Horroreffekte erzielen.

(3) Evokation: (lat. Herausrufen, Aufforderung) u. a.: Erweckung von Vorstellungen od. Erlebnissen bei der Betrachtung eines Kunstwerkes, "Herausrufung" der Götter einer belagerten Stadt, um sie auf die Seite der Belagerer zu ziehen (römischer Kriegsbrauch).

(4) Moravec hat sich hier möglicherweise von Stanislaw Lems Romanen und / oder anderen Science Fictions inspirieren lassen.

(5) Werden die Emulierten bei Moravec nach einiger Zeit wieder eliminiert? Nach welchen Kriterien? Moravec schweigt sich über die sozialen Effekte zGtl. aus. Wird die soziale Ungleichheit zunehmen oder abnehmen?

(6) Den hohen Stellenwert des flexiblen und ausdrucksfähigen menschlichen Gesichts (im Kontrast zu den vergleichsweise noch starren Gesichtern der Menschenaffen) betont v. a. Norbert Elias. In der Diskussion über die Effekte der Körperdistanzierung im derzeitigen Rahmen computervermittelter Kommunikation {z. B. e-mail = elektronische Post über das Internet und andere Netze) wird diese Zurückdrängung von Körperlichkeit von manchen feministischen Autorinnen begrüßt: Die (patriarchalische) nonverbale Kommunikation sei eine Quelle der Macht, rein digitale Kommunikation sei mithin egalitärer.

(7) Dieses Bedürfnis wird heute über Internet-Kornmunikation (MUDs = textorientierte ‚Abenteuerspielplätze’, Surfen im World Wide Web u. ä.), Telefonsex, Virtual Reality-Spiele u.ä., wenn auch im Vergleich zu Moravecs Vorstellungen in äußerst bescheidenen Dimensionen, bereits ansatzweise befriedigt bzw. hervorgerufen.

(8) AI = Jene Richtung in der Künstliche-Intelligenz-Forschung, welche davon ausgeht, "that all human thinking, whether conscious or unconscious, is merely the enacting of some complicated computation" (Penrose 1990, 3)


Literatur:

Berman, B. (1989): The Computer Metaphor. Bureaucratizing the Mind. Science as Culture 7, 7-42

Dyson, F. (1983): Zeit ohne Ende. Berlin

Elias, N. (1986): Engagement und Daistanzierung. Ffm.

Erdt, T. (1989): Hans Moravec. Mind Children, the Future of Robot and Human Intelligence. Computers and the Humanities 23, 445-448

Fröhlich G. (1995): Demokratisierung durch Datenbanken und Computernetze? In: Becker, T. et al. (Hg.): Informationsspezialisten zwischen Technik und Verantwortung. Stgt. (
http://www.swbv.uni-konstanz.de/depot/media/4800000/4942000/4942185/froehli1.html)

Hofstadter, D. R. / Dennett, D. C. (eds., 1981): The Mind’s I. N.Y.

Moravec, H. (1990): Mind Children: der Wettlauf zwischen menschlicher und künstlicher Intelligenz. Hamburg (Harvard 1988)

Penrose, R. (1990a): The nonalgorithmic mind. Behavioral and Brain Sciences 13 (4), 692-706

Ders. (1990b): Matter Over Mind. The New York Review of Books February 1, 3-5

Schneeberger, A. / Stagel, W. / Fröhlich, G. (1985): Formen der Verdrossenheit und Kritik an Wissenschaft und Technik in der Gegenwartskultur. Wien / Hannover

Topitsch, E. (1980): Philosophie zwischen Mythos und Wissenschaft, in: Salamun, K. (Hg.):Was ist Philosophie? Tübingen, 237-251

Truck, F. (1991): Mind Children: The Future of Robot and Human Intelligence. Leonardo 24 (2), 242-243


Literaturliste (gesamt): Gerhard Fröhlich

http://www.iwp.uni-linz.ac.at/iwp/facts/LLGFwww.html#gf

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