Wir sind doch keine Kohlköpfe!

Von Hermann Maier


Omnis determinatio est negatio
(Spinoza)

     Was ich damit meine, wenn ich sage, dass wir keine Kohlköpfe sind? Hmmm. - Z.B. die Frage Robs am Beginn von "High Fidelity": Hören wir Popmusik, weil wir mies drauf sind oder sind wir mies drauf, weil wir Popmusik hören? Da geht’s doch im Grunde darum, ob unsere Handlungen von uns ausgehen oder nur irgendwelche absehbaren Reflexe sind; ob wir uns machen oder, wie es oft heißt: bloß durch die Umstände gemacht werden; mit einem Wort: um die "Richtung" des menschlichen Daseins... –

Ich selbst bin davon überzeugt, dass wir auf das, was passiert, aktiv Einfluss nehmen können und, Sartre formuliert das sehr schön, der Mensch etwas ist, der sich subjektiv lebt, anstatt nur ein Schaum zu sein oder eine Fäulnis oder ein Blumenkohl. – Das heißt nun aber nicht, dass ich Vorstellungen wie die, dass es gewisse soziale Bedingungen äußerst schwierig machen, "anständig" zu bleiben, gänzlich bestreiten möchte. –

     Jemand hat mir mal von diesen beiden Liverpooler Jungen erzählt, einer 10, einer 11, die ein zweijähriges Kind entführt, gequält und schließlich getötet haben. Der reinste Wahnsinn; und trotzdem ein "gutes" Beispiel für etwas, wo man die Hintergründe sehen muss. Die kamen doch beide aus ziemlich zerbrochenen Verhältnissen; alles voller Schmutz: Der Vater des einen war Alkoholiker, die Familie des andern völlig kaputt. Ich weiß nicht mehr, was ich damals davon gehalten habe; heute denke ich mir, dass ihre Tat mit keiner Faser notwendig, aber doch irgendwie naheliegend gewesen ist. "Naheliegend", das beschreibt vielleicht am besten, worum es mir geht: Niemand, der sich Gewaltvideos reinzieht oder einen Schläger in der Familie hat, muss selbst gewalttätig werden. Umgekehrt werden solche Dinge nicht spurlos an einem vorübergehen. (Wie übrigens auch jemandes Sanftheit nicht spurlos an einem vorübergeht.) Wer andauernd Gewalt sieht und erfährt, der wird sie in seine Überlegungen miteinbeziehen: Er wird sie ablehnen, unterdrücken, als äußerstes Mittel erwägen; er wird ihr eine andere Möglichkeit vorziehen oder einfach zuschlagen; in jedem Falle aber taucht die Gewalt als eine Art "Vorschlag" vor ihm auf und er muss sich mit ihr auseinandersetzen.

Tatsache ist: Man hätte immer anders handeln können. Die zwei Liverpooler Jungs hätten sich beispielsweise Cantona (als Spieler freilich und nicht als Säufer) zum Vorbild nehmen und ihre Freizeit auf dem Fußballplatz verbringen können, wie so viele englische Buben in ihrem Alter auch. - - "Man hätte können", aber vielleicht nur mit größten Schwierigkeiten; möglicherweise war da nie jemand, der sich ernsthaft bemüht hat, auf dieses Andere hinzuführen; vielleicht hatte man sein Verhalten schon so weit verinnerlicht, dass man gar nicht auf die Idee kam, es auch anders machen zu können. - - Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass man immer eine Wahl hat; und selbst wenn man sich in die Enge getrieben fühlt, ist es so, wie wenn man mit dem Auto dem Lauf der Straße folgt: Es bestünde, um beim Bild zu bleiben, jederzeit die Möglichkeit, den Weg zu verlassen.

     Nun hat man in den letzten zwei Jahrhunderten von verschiedenen Seiten darauf hingewiesen, dass der Mensch in seinem Denken und Handeln determiniert ist. Man hat sich viel mit dem beschäftigt, was ihn "bedingt", und ihm dadurch vieles nachgesehen. Und man ist schließlich so weit gegangen, die Eigenständigkeit des Bewusstseins* ) und, damit verbunden, den freien Willen überhaupt als Irrtum abzutun. – Meiner Meinung nach ist die Idee, dass ALLES, was wir tun, ALLES, was wir denken, und ALLES, was wir fühlen, nur ein passiv-notwendiges Dann auf eine Reihe von Wenns sei, nichts weiter als Unsinn. (Jedenfalls unsinniger als es ist, einen freien Willen anzunehmen und mit DIESER "Rätselhaftigkeit" konfrontiert zu sein.)

So wissenschaftlich sich die deterministische Theorie auch gebärdet, so unwahrscheinlich ist sie mir. Nicht bloß grundsätzlich, weil ich glaube, dass Hitlers Angriff auf die Sowjetunion oder das reihenweise Hinmetzeln der Tutsi in Ruanda "unnotwendig" waren und die Zukunft in jeder Situation offen ist. Nicht bloß erfahrungsgemäß, weil ich mich tagtäglich als Individuum erlebe, das sich frei für das oder das entscheiden kann. Nein, vor allem deshalb, weil ich ihre Argumente und die Schlussfolgerungen aus diesen Argumenten nicht teilen kann. Z.B. die schon erwähnte Autofahrt: Ganz egal ob der Fahrer nach rechts oder links lenkt oder vor einer roten Ampel stehen bleibt, egal ob er abzweigt, jemanden überholt oder, was wir natürlich nicht hoffen wollen, seinen Wagen in den Straßengraben setzt, werden die Deterministen von ihm mit La Mettrie behaupten, dass er einer unausweichlichen Notwendigkeit unterworfen ist und in Wirklichkeit gar nicht anders handeln kann. Etwas, sagt man, "zwingt" ihn genau zu dieser Reaktion: Die rote Ampel zum Anhalten, die Straßenführung zu einem bestimmten Lenkmanöver usf. Schon der Wortlaut ist verräterisch: "Etwas zwingt ihn dazu". Wer so argumentiert, der führt alles auf die gegebene Situation und nichts auf das Subjekt zurück. Er macht uns zu passiven, willenlosen Marionetten der Umstände. (Jeder Autofahrer wird mir allerdings bestätigen, dass das Autofahren keine "mechanische" Tätigkeit ist, nichts, was "von selbst" geht, sondern vielmehr etwas, bei dem man als Lenker permanent gefordert ist und andauernd Entscheidungen treffen muss.)

      Für die Deterministen (und viele Wissenschaftler sind heute Deterministen) ist das Bewusstsein einem Lichtsensor vergleichbar, der auf einen Reiz, in dem Fall eine gewisse Lichtstimmung, mit dem Öffnen oder Schließen eines bestimmten Schaltkreises "reagiert". Es ist ihm Empfänger, Übersetzer und Weiterleiter und damit basta! - - Prüft man nun die deterministische Theorie und ihre Hypothese, dass unsere Vorstellungen letztlich auf die "äußeren Umstände" zurückzuführen und also nur das im Menschenkopf umgesetzte und übersetzte Materielle (Marx) sind, dann wird man ihr mit Vorbehalten zustimmen, solange es sich dabei um Reize wie die Farbe Grün oder Hitze handelt. Völlig unannehmbar ist dahingegen der Gedanke, dass die Dinge auch Reize wie <schön> oder <unfair> oder <bürgerliche Lebensweise> enthalten und "ausstrahlen" sollen.

Als ob man darauf nicht schon in aller Ausführlichkeit hingewiesen hätte: Kein faktischer Zustand, wie er auch sei (politische, wirtschaftliche Struktur der Gesellschaft, psychologischer "Zustand" usw.) kann von sich aus irgendeine Handlung motivieren. Kein faktischer Zustand kann das Bewusstsein dazu bestimmen, ihn als Negativität oder Mangel zu erfassen. (Sartre) - - Weil die Deterministen dem Menschenkopf aber nicht zutgetraut haben, den Sinn der Welt zu erfinden, haben sie den Sinn in die Dinge verlagert und sind dadurch in die materialistische Falle getappt. Sie versuchen Notwendigkeiten und Qualitäten "in" oder "hinter" diesen festzustellen, die es dort nicht gibt. So sind aus erklärten Gegnern der Metaphysik wieder Metaphysiker geworden...

     Wozu tragen wir den einen Kopf? Wohl dazu, uns und der Welt eine Richtung, einen Sinn zu geben; und wohl dazu, uns nach Belieben zu "steuern". - - NATÜRLICH ABER auch zu dem Zweck, evolutionäres Erbe bzw. "angeborene" Verhaltensmuster aufzubewahren; jeder weiß, dass ein Lebewesen einigen Trieben und Zwängen unterliegt – und damit einer gewissen Determination. Das zu bestreiten, ist einfältig. Genauso einfältig wie es ist, zu übersehen, dass sich "dazwischen", d.h. innerhalb dieser groben Definition des Mensch-Seins, ein unabsehbarer Raum für die Freiheit auftut.

Nehmen wir mein Hungergefühl: Wenn ich kein Asket bin oder mich gerade im Hungerstreik befinde, werde ich meinem Nahrungstrieb folgen. So weit bin ich determiniert. Nun habe ich aber ein breites Spektrum an Möglichkeiten, aus dem ich wählen kann, um diesen Hunger zu stillen. Ich kann im Wald nach Pilzen suchen, mir Gemüse in einem Garten ziehen oder mich als Journalist verdingen und mit dem dabei verdienten Geld im Supermarkt einkaufen. - Und jede dieser Hunderten Möglichkeiten kann wieder auf Hunderte Arten ausgeführt werden: Ich kann beim Pilzesammeln diesen oder jenen Weg wählen, ich kann mein Gemüse mit oder ohne Chemie produzieren, ich kann meine Artikel mit Schreibmaschine, Computer oder Bleistift schreiben usf. Kurz und gut halte ich jede Bemühung, die alles und jedes als "notwendig" zu erweisen versucht, für absurd und vergebens.

     Wenn wir uns fragen, WARUM jemand etwas tut, ist es "in diesem weitesten Sinne" freilich immer richtig, auf die Umstände oder die genetischen Programme hinzuweisen: Hat nicht Freud mal behauptet, dass Kunst nur die "Sublimierung" des zu kurz gekommenen Geschlechtstriebes und insofern nur eine andere Form von Sex sei? Bestimmt lassen sich da Ähnlichkeiten feststellen: Ein Künstler macht sich durch seine Kunstwerke einen Namen und damit "unsterblich". Er lebt in seinen Büchern oder Bildern weiter; ebenso wie einer durch seine Gene "weiterlebt", wenn er sich fortpflanzt.

Allein diese Hinweise genügen nicht, um ein Handeln zu erklären. Man wird, wenn man es zu verstehen versucht, auf das stoßen, was die Philosophen Willen, Subjektivität oder Freiheit nennen. Man wird erkennen müssen, dass mein Wunsch, mit dem Fahrrad durch Italien zu fahren, seinen Ursprung ganz wesentlich in mir (meinem Kopf) hat und nicht in den Umständen, den Genen oder gar in Gott: ICH fahre gerne mit dem Fahrrad, das ist alles.

     Überhaupt haben sich die Deterministen in ihre Vorstellungswelt verrannt und sehen dadurch die einfachsten Dinge nicht mehr. - - Z.B. die verblüffende Tatsache, dass es in der Natur offensichtlich keine überflüssigen Entwicklungen gibt: (Etwas kann zugegebenermaßen seine Funktion verlieren, d.h. aber nicht, dass es allzeit unnütz gewesen wäre.) Ihr langer Hals sichert der Giraffe das Überleben. Die Kuh weiß sich mit ihrem Schwanz der Fliegen zu erwehren usw.

Nichts, kein Phänomen, ist in seiner Bedeutung aber auch nur annähernd vergleichbar mit der Hervorbringung des bewussten Seins; es scheint mir nicht übertrieben, diesbezüglich vom großen Coup der Evolution zu sprechen. Mit dem bewussten Sein ist etwas entstanden, das nicht mehr völlig den äußeren Zwängen ausgeliefert ist (und daher auch nicht mehr völlig durch diese erklärbar ist), sondern Handlungsspielraum besitzt: Bewusstes Sein hat die Fähigkeit, Situationen wahrzunehmen und darauf mit der besten Alternative zu reagieren, die ihm in den Sinn kommt. Das ist zweifellos ein Fortschritt zu einem Stein oder einem Stück Holz, das von einem Fluss oder einer Lawine mitgerissen wird und keinen Einfluss darauf hat, was mit ihm geschieht.

     Aber was will uns "die Wissenschaft" eigentlich beweisen? Dass wir gefallene Engel und von den Tieren kaum unterscheidbar sind? (Tatsächlich entsprechen 98,4 % unseres Erbguts dem der Schimpansen.) Dass wir ganz und gar sterblich und möglicherweise "nachbaubar" sind? Dass wir das Schicksal der Sterne teilen und unsere Zukunft geheimnislos ist? - - Ohne Zweifel ist der Mensch nicht die "große Ausnahme", für die er allzugerne gehalten wird; und vieles, was die Wissenschaft heute behauptet, wird morgen Wirklichkeit sein. ABER: So viele Unterschiede auch verschwimmen mögen, etwas wird dem Menschen (und meines Erachtens allem Beseelten) immer bleiben: der Wille, die Subjektivität, die Freiheit. Vielleicht sollte man darauf wieder energischer hinzeigen. Fatalismus ist schließlich kein Ziel. Das Ziel eines Lebens kann nur darin bestehen, die Summe von Freiheit und Verantwortung, die in jedem Menschen und in der Welt liegt, zu vergrößern. (Camus) Und was überhaupt kann man an einem Menschen lieben und respektieren, wenn nicht seinen Willen und den Zweck, den er sich gegeben hat?


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