Woran leidet das leidende Ich?

Eine freiwillige Diagnose zum unfreien Willen

Der folgende Essay unseres Autors ist unter einem Zwang entstanden. Der Essay
hat unseren Autor dazu gezwungen, ihn zu schreiben. Womit der unten stehende
Text gewissermaßen von selbst und in einem Akt der vollautomatischen
Datenverarbeitung in den Computer eingegeben wurde, von einem "Selbst",
welches im Endeffekt gar nicht anders konnte, als diesen Artikel
zu verfassen. Oder etwa doch?

Vasile V. Poenaru



(c) privat

Vasile V. Poenaru (bardaspoe@rogers.com),
Germanist und Autor (geb. 1969), mehrjährige Tätigkeit als Journalist für kanadische Zeitungen, derzeit Doktorand an der Universität Toronto.

Veröffentlichungen:

Literaturwissenschaftliche Abhandlungen, Essays, Kurzgeschichten, Kurztheater, Lyrik, Theaterkritiken,
Buchrezensionen und Übersetzungen in Rumänien, Deutschland, Österreich, Kanada und USA.

     Die Diskussion um das Thema Selbst wurde bereits mit großem Lärm vom weltweiten Arsenal der künstlichen Datenverarbeitung eingeholt. Nicht nur terminologisch, sondern auch empathisch, vor allem durch die zwingend anmutende Oberhand einer unmittelbar materiellen Bedingtheit geistiger Bezüge, vor allem dadurch, daß wir uns in einem ungeheuerlich anwachsenden Maße dessen unklar werden, was noch natürlich, was noch selbstverständlich ist, oder besser gesagt was noch verständlich ist von dem, was noch selbst ist.

Aber eben auch terminologisch. Die wortkarg sachliche, mitunter leidenschaftliche oder gar wollüstige Debatte naturwissenschaftlicher wie schöngeistiger Geister erweist, daß es anhand des aktuellen computerbiologischen Erwartungshorizonts auf erkenntnistheoretischer Ebene nicht mehr ausreicht, Überlegungen zur Berufung des Menschlichen auf Erden und/oder sonstigen Orten in den Raum zu stellen, wie es früher einmal so dinglich hieß, sondern man muß sie unbedingt ordnungsgemäß und sauber in ein vorgegebenes Programm einbetten, das auf Nullen reduzierbar sei.

Einseitigkeit schadet den Dichotomien. Deswegen sollte jede vernünftige Diagnose eines leidenden Ich an die gebührend bedachte Physiologie und Hygiene eines entsprechenden tätigen Ich anknüpfen, zu dem es genesen könnte. Was schwerfällt, soweit sich die Diskussion dem reinen philosophischen Gedankengut entziehen will (mag).

 

Ein dem Stand der Technik angepaßtes Subjekt

     Dem quantentheoretischen Freiheitsbegriff Beifall zollen macht eine Haltung aus, die heutzutage leicht fällt und bestimmt nicht fehl am Platz dünkt, wenn es gilt, eine dem Stand der Technik angepaßte funktionstüchtige Perspektive des sinnierenden Subjekts zu erschließen und das Bild von der eigentlichen Berufung des Menschen in neuer begrifflicher Anschaulichkeit adäquat zu setzen. Daß jetzt die Urtümlichkeit des Seins innerhalb der Zweckgebung selbst anhand der Bestimmungsfähigkeit biologischer und sonstiger rationell operierender Einheiten computergestützt modelliert wird, darf zum wenigsten als eine semantisch betrachtet sehr dankbare Gymnastik der Psyche gelten, die freilich den Horizont eines subjektiven Bezugsystems nicht unbedingt expandieren läßt.

 

Der Mensch als Diskette?

Und mit seiner These von den bald zu erwartenden unsterblichen Bewohnern einer postbiologischen Welt entwirft Hans Moravec, Direktor des Mobile Lab der Carnegie Mellon University, gleichsam den Menschen als Diskette, als Informationsträger (als Bedeutungsträger?) eines vorbestimmten Ablaufs von Sequenzen, die wir zur Zeit noch Gedanken nennen und in der Regel als unser eigen bezeichnen. Geistiges Eigentum wird ja sogar noch patentiert! Jede Reihe von Reflexionen gehört wem. Unter Umständen. Was aber aus den syntagmatischen Bezügen sujektiv entäußerter Gedankenzüge herausspringt, dasjenige, von dem wir nicht intuitiv sagen würden, daß es wem gehört, darf freilich gerne dem Gemeingut intellektueller Leistungskultur zugeschrieben werden: dem Seienden als Sammelbegriff abdankender Holistik.

 

Wurde die Ent-Biologisierung der Welt bereits längst vollbracht?

 

 

 

 

"Vielleicht gibt es uns gar nicht, vielleicht hat es uns nie gegeben?"

     Spekulationen einer postbiologischen Gesellschaft, einer postbiologischen denkenden Universaleinheit bzw. einer sinnstiftenden Datenverwaltung als Zentralbank seiender Befunde lassen freilich auch die These zu, daß eine Ent-Biologisierung der Welt bereits längst vollbracht wurde, ohne daß der reflektierende Mensch als kleinstes Rädchen im Geriebe kosmischer Gleichungen etwas mitbekommen hätte. Woher wissen wir, daß unsere (mehr oder weniger angenehm) empirisch empfundene Welt auch tatsächlich von ihrer objektiven Veranlagung her als solche vorhanden ist und nicht etwa rein technisch erfaßt eine an sich aus "unserer" Perspektive betrachtet eher virtuelle Wirklichkeit ausmacht (Entschuldigung für das anmaßende Plural - dazu noch in erster Person!). Aber wenn wir Menschen eigentlich in einer "unwirklichen" Kategorie des Seins stecken würden, so könnten wir davon offensichtlich nicht viel merken, sondern immer noch denken, die Wälder, die um uns rauschen, und die Satelliten die um uns sausen, in ihrer besten Realität wahrzunehmen und nicht etwa als bloße Biogramme unserer inwendig ersinnten Schrift, die darüber hinaus keine ontologischen Ansprüche stellen dürfen.. Vielleicht gibt es uns ja gar nicht, vielleicht hat es uns nie gegeben.

 

 

Was der freie Wille für seinen Eigensinn hält, ist in Wahrheit bloß ein Trieb, und der wiederum eine sich selbst genügende Software

Oder vielleicht doch. Vielleicht leben wir wirklich in der bestmöglichen Welt und hegen die bestmöglichen Gedanken und erfreuen uns der bestmöglichen ontologischen Dienstleistungen, freier Wille mit einbezogen? Ein Ich spürt jedenfalls den Trieb, Fragen loszuwerden, Texte in die Welt zu setzen, Bedeutungen zu entfesseln oder einfach durch die geistige Landschaft kreisen zu lassen, die unsereiner Bewußtsein heißt (und damit sei nun bereits zum zweiten Mal pluralistisch gesündigt). Wessen Trieb es ist, dem sich der womöglich unfreie Wille fügt, indem er seinen Eigensinn durchzusetzen meint, dies wird vielleicht sehr bald eine in sich geschlossene selbstgenügende weltweite Software an den Mann, an die Frau, an das Kind bringen: und an alle weitere Variabeln, die sich anmaßen, zu sein und zu werden und Sein und Werden zu definieren.

 

 

Gedanken als Rohstoff der Informationstechnologie

     Doch wenn wir schon allesamt an der Datei, an der Diskette kleben, mit all unseren sogenannten Taten, mit vielen fleißigen grauen Zellen und so viel Sinn und Eigensinn und Unsinn, mit unserer nur wenig disziplinierten Angehungsweise erschütternder Obsessionen wie etwa der Erkenntnis des Guten und Bösen, mit all unserer Lust und Unlust, mit unserem Behagen und Unbehagen und beiweilen sogar mit unserer Andacht: Gibt es, gab es den Sprung raus aus der Kiste, raus aus der Diskette? Nein, nur im Gedanken. (Sagen wir vielleicht drei Kilobyte lang, oder höchstens fünf Megabyte lang oder so?). Gedanken machen aber den Rohstoff der Informationstechnologie aus. Impulse. Ideen. Wörter. Innerhalb eines solchen, der Einfachheit halber Diskette genannten Universums, muß sich das Sein darauf beschränken, oder besser gesagt, darauf emporstilisieren. Das kommt: Ein Sprung hinaus hat im Gedanken bereits das allerhöchste Ausmaß an Wirklichkeit erreicht, das ihm nach bestem informationstechnologischen Wissen und Gewissen zusteht. Der Person beschert dies Kopfweh, der Gemeinde hingegen Weltschmerz.

 

Nicht bloß tun, was man will, sondern wollen, was man will

Nicht bloß tun, was man will, sondern wollen, was man will: Die interaktive Sackgasse spontaner Ideendämmerung ist schon bei Schopenhauer die zwingende Herausforderung eines anfälligen Freiheitsbegriffs. Wie weit kann einer in die Genealogie seiner eigenen Urteilskraft zurückblicken und –greifen, wie weit kann einer in die tiefere Kausalität der Gedanken eindringen, die er hegt? Nicht weit genug, meint das leidende Ich, und leidet weiter. Freiwillig. Weil das Los schon beschieden sei. Weil aus aller Wirklichkeit linguistischer Personalien, Universalien und Marginalien die bestmögliche als Indefinitpronomen daliegt, in ihrer transzendenzentleerten Reichweite des pragmatisch intendierten Hauches beständigen Mehrseins.

 

 

Ein Teufelskreis

     Eine Diagnose des leidenden Ich, die vom leidenden Ich selbst durchgeführt wird, würde den Teufelskreis vielleicht schon in seinen Ansätzen brechen. Doch wäre eine solche Diagnose wirklich freiwillig? Es gibt eine Antwort, für die gegenwärtig kaum jemand die richtige Frage stellt. Sie wartet im vernachlässigten Rettungsvehikel der Ästhetik.

Doch wenn alles determiniert ist, dann wird wohl folgerichtig mit determiniert sein, daß wir irgendwann auf den Gedanken kommen. Was heißt, der Determinismus wurde seinerseits mit peinlicher Genauigkeit auch an uns allen mit determiniert. Und mein kurzer Essay hier ist sozusagen ganz auf sich selbst gestellt (ganz auf das Selbst? ganz auf ein Ich?). So hat es denn keinen Sinn mehr, ihn zu schreiben, denn ich werde ihn ja sowieso schreiben, selbst wenn ich ihn nicht schreibe. Oder doch.

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