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Das Gipfeltreffen der G8: Zirkus und Betrug

Derzeit kommen auf jeden Dollar Afrika-"Hilfe" drei Dollar, die dem Kontinent durch
westliche Banken, Regierungen und Institutionen entzogen werden.

Von John Pilger
(22. 07. 2005)


     Die Schlagzeile des London Observer vom 12. Juni lautete: "Der Schuldendeal über 55 Milliarden mit Afrika (wird) ein 'Sieg für Millionen'". "Sieg für Millionen" ist ein Geldof-Zitat. Bob Geldof sagt: "Wenn morgen 280 Millionen Afrikaner erwachen, sind sie zum erstenmal in ihrem Leben weder dir noch mir einen Penny schuldig..." Nichts als atemberaubender Schwachsinn. Dabei hat es den Lesern schon längst den Atem verschlagen - angesichts der impertinenten Sophisterei von Leuten wie Geldof, Bono, Blair oder von Blättern wie dem Observer.

Die afrikanische Tragödie und die imperialistische Plünderung des Kontinents werden zu einer Zirkuskomödie gemacht. Nutznießer dieses Zirkus sind die sogenannten G8-Führer, die sich nächsten Monat in Schottland treffen. Ein Zirkus ist es aber auch für jene unter uns, die nichts dagegen haben, sich von den Marktschreiern des Spektakels (den etablierten Medien und deren "gefeierten Stars") ablenken zu lassen. Es wird die Illusion erzeugt, die Popstars führten einen Kreuzzug gegen das Establishment an - eine kultivierte und kontrollierte Rebellion. Diese Illusion soll unsere große, zornige, politische Bewegung verwässern. Ein G8-Gipfel nach dem andern, und nicht eines der maßgeblichen "Versprechen" wurde eingelöst. Genauso wird es auch dem "Sieg für Millionen" ergehen. Alles Betrug - im Endeffekt sogar ein Rückschritt für die Armutsbekämpfung in Afrika. Das "Paket" wird eng gekoppelt sein an jene üblen, in Misskredit geratenen Wirtschaftsprogramme von Weltbank und Internationalem Währungsfonds. Das Paket wird dafür sorgen, dass die "auserwählten" Länder noch tiefer in die Armut abgleiten.

     Kein Wunder, dass Blair und Schatzkanzler Gordon Brown den Deal unterstützen, ebenso George Bush. Selbst im Weißen Haus wird von einem "Meilenstein" gesprochen. Im Grunde ist das Ganze nur eine willkommene Fassade für sie - und die Naiven, die Berühmten und die Ahnungslosen sorgen für die Aufrechterhaltung dieser Fassade. Nachdem er ausführlich über Blair schwadroniert hatte, beschrieb Bob Geldof George Bush als "leidenschaftlich und ehrlich", wo es um die Bekämpfung der Armut geht. Bono nennt Blair und Brown zwei wie "John (Lennon) und Paul (McCartney) auf der Bühne der globalen Entwicklung". Hinter den Kulissen dieser Bühne gelingt es einer Raubmacht, das Leben von Millionen Menschen im Interesse der totalitären Konzerne "umzuorganisieren" - damit die Konzerne die Kontrolle über die Weltressourcen erlangen.

Keine Verschwörung. Das Ziel ist nicht geheim. Gordon Brown gesteht es in jeder seiner Reden ein. Allerdings pflegt der liberale Journalismus die Sache zu ignorieren und zieht die Spin-Version vor. Auch das Kommunique der G8, das den angeblichen "Sieg für Millionen" ankündigt, lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. In einem Abschnitt des Kommuniques, mit der Überschrift 'Vorschläge der G8 zur Streichung von HIPC-Schulden', heißt es, der Schuldenerlass solle armen Ländern nur unter der Bedingung gewährt werden, dass sie "diese Summe an die an sie fließenden Bruttohilfen anpassen". Mit anderen Worten, die erlassenen Schulden werden mit der Entwicklungshilfe verrechnet und zwar Eins zu Eins. Die armen Länder gewinnen also nichts. In Paragraph 2 heißt es, "es ist unabdingbar", dass die armen Länder "die Entwicklung des privaten Sektors vorantreiben". Sie hätten sicherzustellen, dass "Hindernisse für inländische und ausländische Privatinvestitionen aus dem Weg geräumt werden".

     Die Summe von "55 Milliarden", die der Observer nennt, dürfte sich in Wirklichkeit auf kaum 1 Milliarde belaufen - für 18 Länder. Und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wird diese Summe nochmals halbiert werden. Was anschließend herauskommt, ist ein Betrag, der niedriger sein wird als die Schuldenrückzahlungen von 6 Tagen. Zu der Halbierung wird es vermutlich aus folgendem Grund kommen: Blair und Brown wollen, dass der IWF seinen Anteil an der "Hilfe" über eine Neubewertung der eigenen (gewaltigen) Goldreserven finanziert. Der "leidenschaftliche und ehrliche" Bush hingegen lehnt ab. Zwei Tatsachen werden in diesem Zusammenhang verschwiegen. Erstens, dieses Gold wurde einst aus Afrika geraubt. Die zweite unausgesprochene Tatsache: Ab kommendem Jahr sollen die Schuldenrückzahlungen massiv angehoben werden, bis 2015 auf mehr als das Doppelte. "Kein Sieg für Millionen" also, vielmehr der Tod von Millionen.

Derzeit kommen auf jeden Dollar Afrika-"Hilfe" 3 Dollar, die dem Kontinent durch westliche Banken, Regierungen und Institutionen entzogen werden (ganz zu schweigen von den Profiten transnationaler Konzerne, die zurück ins Mutterland fließen). Beispiel Kongo. Der Kongo ist ein extrem verarmtes Land - aber reich an Mineralien. Die Ausbeutung des Kongo liegt in der Hand von 32 Konzernen, alle aus G8-Ländern. Im "Verlauf" eines zweihundertjährigen Imperialismus verloren im Kongo mehrere Millionen Menschen ihr Leben. Zweites Beispiel, die Elfenbeinküste. In diesem Land kontrollieren 3 G8-Unternehmen 95% des Kakaoexports und der -verarbeitung. Kakao ist die wichtigste Ressource des Landes. Drittes Beispiel: Mozambique. Das Bruttosozialprodukt des Landes liegt um 1/3 niedriger als zum Beispiel die Profite der in Afrika seit langem agierenden britischen Firma Unilever. Viertes Beispiel: Südafrika, wo der berüchtigte Genkonzern Monsanto, mit Sitz in den USA, 52% der Futtermaisproduktion kontrolliert.

     Nein, Blair schert sich einen Dreck um die Menschen in Afrika. Ian Taylor, von der University of St Andrews, fand - unter dem Freedom of Information Act - heraus, dass Blair zwar öffentlich davon spricht, "Armut Geschichte" machen zu wollen, gleichzeitig baut seine Regierung heimlich Stellen in der Afrikaadministration ab, und sein Entwicklungshilfe-ministerium, das "Department for International Development" (DfID), setzt in Ghana heimlich und durch die Hintertür die Wasserprivatisierung durch. Nutznießer sind britische Investoren. Das DfID erhält seine Befehle von der internen "Business Partnership Unit". Deren Aufgabe ist es, "Wege zu finden, wie das DfID ein positives Umfeld für produktive Auslands-investitionen schaffen" kann "und einen Beitrag für den Finanzsektor leisten".

Und was ist mit der Bekämpfung der Armut? Nichts - natürlich. Das Ganze ist eine Charade zur Förderung unserer modernen Imperialideologie - 'Neoliberalismus' genannt. Leider wird darüber in dieser Form nur selten berichtet, keine Verbindungen hergestellt. In derselben Ausgabe des Observer, in der der "Sieg für Millionen" verkündet wurde, war auch ein Artikel über britische Waffenverkäufe nach Afrika zu lesen. Diese Waffenverkäufe hätten inzwischen die Milliarden-Schwelle überschritten. Ein guter Kunde in Afrika für britische Waffen ist Malawi - ein Staat, der mehr für seine Schulden aufbringt als für seinen Gesundheitssektor. Dabei sind 15% der Bevölkerung HIV-positiv. Gordon Brown nennt Malawi gern als Beispiel, "warum wir Armut Geschichte machen sollten". Aber Malawi wird keinen Penny vom Schuldenerlass des "Siegs für Millionen" sehen.

     Das Ganze ist eine Charade - ein Geschenk an Blair, der alles unternimmt, damit die Öffentlichkeit "einen Schritt nach vorne tut". Noch ein Punkt, über den nicht gesprochen wird: Blairs Verwicklung in den größten Politskandal in moderner Zeit - sein Verbrechen im Irak. Blair ist in erster Linie Opportunist, das beweisen seine Lügen. Aber er präsentiert sich auch gerne mal als guter Imperialist, als eine Art Rudyard Kipling (Autor des 'Dschungelbuchs' - Anmerkung d. Übersetzerin). Blairs "Vision für Afrika" ist ausbeuterisch und von oben herab. Es ist eine Bühne, auf der weiße Popstars tanzen (und neuerdings auch ein paar schwarze Vorzeigeeinsprengsel). Blair klang geradezu messianisch, als er davon sprach, "das Kaleidoskop" gewisser Gesellschaften (Gesellschaften, von denen er so gut wie keine Ahnung hat) "zu schütteln" und "zuzuschauen, wie die Stücke (an ihren neuen Platz) fallen". Bislang lief dieses Schütteln auf 7 gewaltsame Auslandsinterventionen hinaus - mehr, als jeder andere britische Premier in den letzten 50 Jahre vorzuweisen hat. Und Bob Geldof, der zum Ritter geschlagene Ire, schweigt.

Die Demonstranten beim G8-Gipfel in Gleneagles sollten sich von dem ganzen Zirkus nicht beirren lassen. 'Direkte Aktion' funktioniert - das beweisen die mächtigen Volksbewegungen Lateinamerikas, die sich gegen die 'total locura capitalista' (den totalen kapitalistischen Irrsinn) wenden. Diese Bewegungen können uns eine Quelle der Inspiration sein. Sehen Sie sich nur Bolivien an, das ärmste Land Lateinamerikas, wo gerade eine indigene Bewegung Blairs und Bushs Konzernkumpels in die Flucht schlägt. Oder schauen Sie auf Venezuela - das einzige Land auf Erden, in dem der Ölreichtum der Mehrheit zugute kommt. Schauen Sie auf Uruguay und Argentinien, Ecuador, Peru, auf die Landlosenbewegung Brasiliens. Überall in Lateinamerika erheben sich die einfachen Leute, sie wehren sich gegen die alte (von Washington gesponserte) Ordnung. "Que se vayan todos!" (raus mit ihnen allen) rufen die Massen auf den Straßen.

     Die Propaganda, die bei uns Nachrichten heißt, verfolgt häufig das Ziel, die Menschen zu pazifizieren und ruhigzustellen. Sie sollen gar nicht erst auf die Idee kommen, sich mit den Mächtigen anzulegen. In dieselbe Kerbe schlägt dieses ganze Gebrabbel von 'Europa', das für keinen Journalisten einen Sinn ergibt. Die "Nein"-Entscheidungen der Franzosen und Holländer sind Teil der Bewegung - das heißt, Teil jener Bewegung, die wir in Lateinamerika sehen. Mit dieser Bewegung kehrt die Demokratie dahin zurück, wohin sie gehört: Die Mächtigen müssen dem Volk - nicht etwa dem "freien Markt" oder der Kriegspolitik wildgewordener Schläger - Rechenschaft ablegen. Und das ist erst der Anfang.

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(Dieser Text wurde uns freundlicherweise von zmag.de zur Verfügung gestellt.
Die Übersetzung stammt von Andrea Noll.)


 

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