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Der Krieg gegen Kinder
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Am 23. Mai 2006 wurde vom US-Repräsentantenhaus mit 361 zu 37 Stimmen
die Sperrung der Hilfsgelder für NGOs genehmigt, die das humanitäre Rettungsseil für
das besetzte Palästina darstellen. Israel hält palästinensische Steuern zurück, die sich auf
60 Millionen $ im Monat belaufen. Solch eine kollektive Strafe, die nach den Genfer
Konventionen als Verbrechen gegen die Menschheit betrachtet wird, erinnert an
die Strangulierung des Warschauer Gettos durch die Nazis und die amerikanische
Belagerung des Irak in den 90er Jahren. Dies ist der Preis, den die Palästinenser
f
ür ihre demokratischen Wahlen im Januar zahlen müssen.

Von John Pilger



(c) John Pilger

John Pilger
gehört zu den einflussreichsten Journalisten und Filmemachern im englischsprachigen Raum. Das zeigte sich eindrucksvoll am 28. September 2002, wo er bei der Demonstration gegen den Irak-Krieg vor geschätzten 150 000 – 350 000 Menschen gesprochen hat.

Der in Australien geborene und in London lebende Pilger wurde für seine Arbeit mit zahlreichen Preisen und Ehrungen ausgezeichnet, unter anderem nahm er schon zweimal den höchsten Journalistenpreis Großbritanniens ("Journalist of the year") entgegen. Im Laufe seiner mittlerweile mehr als vierzigjährigen Laufbahn hat Pilger für viele wichtige Zeitungen geschrieben (u.a. Daily Mirror, The Guardian, The Independent, New Statesman, The New York Times, The Los Angeles Times) und zahlreiche Bücher verfasst.


Buchtipps
 

John Pilger.
Verdeckte Ziele. Über den modernen Imperialismus. Zweitausendeins, 2004. 348 S. ISBN:
3861506327

 

John Pilger (Hg.)
Tell Me No Lies. Investigative Journalism and Its Triumphs. Vintage, 2005. 656 S. ISBN:
0099437457

 

Weitere Informationen
und Texte:

 http://www.johnpilger.com

 

 

 

Jahrelang haben Palästinenser es vermieden, in den Abgrund eines Bürgerkrieges zu fallen, wohl wissend, dass es genau dies ist, was Israel wünscht.

 

 

 

 

 

 

 

 

Seit dem 2. Weltkrieg haben die USA an Israel 140 Milliarden Dollar überwiesen, den größten Teil für die militärische Ausrüstung.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Mord an Zarqawi und die Mythen über seine Bedeutung lenken auch von den Massakern der US-Soldaten ab, wie das in Haditha.

 

 

 

 

 

 

 

Im Britisch besetzten Basra ist die Kindersterblichkeit um 30 % angewachsen, verglichen mit der Saddam Hussein-Ära.

    Arthur Miller schrieb: "Nur wenige von uns können den Glauben aufgeben, dass die Gesellschaft irgendwie einen Sinn hat. Der Gedanke, dass der Staat seinen Verstand verloren hat und dabei ist, so viele unschuldige Menschen zu strafen, ist unerträglich. Also muss der Beweis dafür intern geleugnet werden."

Millers Wahrheit wurde am 9. Juni im Fernsehen flüchtige Realität, nachdem israelische Kriegsschiffe auf Familien, die am Strand von Gaza picknickten, geschossen und 7 Menschen getötet hatten, einschließlich drei Kindern und drei Generationen. Dies stellt – das Problem der Palästinenser betreffend
schließlich eine Lösung (final solution) dar, die mit den USA und Israel abgestimmt ist. Während die Israelis Granaten auf palästinensische Picknicker und Häuser in Gaza und in der Westbank abschießen, lassen beide Regierungen sie außerdem aushungern. Die Opfer werden vor allem Kinder sein. Am 23. Mai wurde vom US-Repräsentantenhaus mit 361 zu 37 Stimmen die Sperrung der Hilfsgelder für NGOs genehmigt, die das Rettungsseil für das besetzte Palästina darstellen. Israel hält palästinensische Steuern zurück, die sich auf 60 Millionen $ im Monat belaufen.

    Solch eine kollektive Strafe, die nach den Genfer Konventionen als Verbrechen gegen die Menschheit betrachtet wird, erinnert an die Strangulierung des Warschauer Gettos durch die Nazis und die amerikanische Belagerung des Irak in den 90er Jahren. Wenn die Täter ihren Verstand verloren haben, wie Miller denken lässt, scheinen sie ihre Barbarei zu verstehen und ihren Zynismus zu entfalten, wie z.B. Dov Weißglas mit der "Idee, die Palästinenser auf Diät zu setzen ." Er ist Berater des israelischen Ministerpräsidenten, Ehud Olmert.

Dies ist der Preis, den die Palästinenser für ihre demokratischen Wahlen im Januar zahlen müssen. Die Mehrheit wählte die "falsche" Partei, die Hamas, die die USA und Israel als Terroristen beschreiben im Sinne von "ein Esel schimpft den andern einen Esel". Doch Terrorismus ist nicht der Grund für die Aushungerung der Palästinenser, dessen Ministerpräsident Ismail Haniyeh bestätigt hat, dass Hamas sich verpflichtet, den jüdischen Staat anzuerkennen, wenn Israel sich an das Völkerrecht hält und die Grenzen von 1967 respektiert. Israel verweigert dies, weil es wie die im Bau befindliche Apartheidmauer deutlich macht – andere Absichten hegt: immer mehr palästinensisches Land zu übernehmen und ganze Orte, ja schließlich auch Jerusalem, zu umzingeln.

    Der Grund, warum Israel Hamas fürchtet ist der, dass Hamas wahrscheinlich kein vertrauensvoller Kollaborateur sein wird, der sein eigenes Volk im Auftrag Israels unterwirft. Tatsächlich war die Stimme der Wähler für Hamas eine Stimme für den Frieden. Die Palästinenser hatten die Nase voll vom Versagen und der Korruption der Arafat-Ära. Nach dem früheren US-Präsidenten Jimmy Carter, dessen Carter-Zentrum den Hamas-Wahlsieg beglaubigte, zeigten "die Meinungsumfragen, dass 80% der Palästinenser ein Friedensabkommen mit Israel wünschen."

Es ist schon ironisch, wenn man den Aufstieg der Hamas betrachtet, der dank geheimer Unterstützung Israels zustande kam, da dieses mit den USA und den Britten wollte, dass Islamisten den säkularen Arabismus und dessen "moderate" Träume von Freiheit unterminieren. Hamas weigerte sich, dieses Macchiavellische Spiel mitzuspielen und hielt trotz der vielen israelischen Angriffe 18 Monate lang seine Feuerpause ein. Das Ziel des israelischen Angriffs auf den Strand von Gaza war offensichtlich die Sabotage der Feuerpause. Das ist eine uralte Taktik.

    Nun findet Staatsterror in der Art einer mittelalterlichen Belagerung statt und trifft die Schwächsten. Für die Palästinenser ist ein Krieg gegen ihre Kinder kaum etwas Neues. Eine 2004 veröffentlichte Feldstudie in einer britisch medizinischen Zeitschrift berichtet, dass in den letzten vier Jahren "Zwei Drittel der (von Israelis) getöteten 621 Kinder an Checkpoints, auf dem Weg zur Schule oder in ihren Häusern durch kleine Waffen starben, die zur Hälfte auf den Kopf, den Hals und die Brust gerichtet waren – es sind Wunden von Scharfschützen. Ein Viertel der palästinensischen Kinder unter fünf sind akut oder chronisch unterernährt. Die israelische Mauer wird 97 (Primary-)Gesundheitskliniken und 11 Krankenhäuser von der Bevölkerung trennen, der sie dienen sollten."

Die Studie beschreibt "einen Mann in einem jetzt eingemauerten Dorf nahe Qalqilia, als er sich mit seiner schwer kranken Tochter im Arm einem Tor näherte und die Soldaten darum bat, ihn passieren zu lassen, damit er sie ins Krankenhaus bringen könne. Die Soldaten verweigerten dies.

    Gaza, das nun wie ein Gefängnis abgesperrt ist und vom Lärm einer die Schallgeschwindigkeit durchbrechenden Knallerei der israelischen Luftwaffe terrorisiert wird, hat eine Bevölkerung, die zur Hälfte unter 15 Jahre alt ist. Dr. Khalid Dahlan, ein Psychiater, der einer Kinderklinik vorsteht, erzählte mir: "Nach der Statistik, die für mich unerträglich ist, sind 99,4 % der Kinder, mit denen wir es zu tun haben, traumatisiert ...99,2 % erlebten, wie ihr Haus bombardiert wurde, 97,5 % waren Tränengas ausgesetzt; 96,6 % waren Zeugen als geschossen wurde; ein Drittel sah, wie Familienmitglieder oder Nachbarn verletzt oder getötet wurden."

Diese Kinder leiden unvermindert an Alpträumen und "Nachtterror", und sie müssen sich weiterhin mit eben diesen Situationen auseinandersetzen. Einerseits träumen sie davon, Doktor und Krankenschwester zu werden, "damit sie andern helfen können"; andrerseits wird dieser Wunsch von einer apokalyptischen Vision überholt, dass sie die nächste Generation der Selbstmordattentäter seien. Sie machen konstant nach israelischen Angriffen diese Erfahrung. Für einige Jungen sind nicht mehr Fußballspieler die Helden, sondern eine Verbindung des palästinensischem "Märtyrer" mit dem Feind, "weil israelische Soldaten stärker sind und Apache-Kanonenboote haben."

Dass diese Kinder nun darüber hinaus noch weiter gestraft werden, mag menschlichen Verstand übersteigen, aber da liegt eine gewisse Logik drin. Jahrelang haben Palästinenser es vermieden, in den Abgrund eines Bürgerkrieges zu fallen, wohl wissend, dass es genau dies ist, was Israel wünscht. Indem sie nun ihre gewählte Regierung zerstören, versuchen sie, eine parallele Regierung um den palästinensischen Präsidenten Mahmoud Abbas aufzubauen...die Folge: eine anarchistische Gesellschaft, beherrscht von verzweifelten Milizgruppen, Banden, religiösen Ideologien, zerbrochen in ethnische und religiöse Clans und Kollaborateure. "Schauen wir auf den Irak von heute: das ist es, was Sharon für uns auf Lager hatte", schrieb der Oxforder Akademiker und Palästinenser Karma Nabulsi.

    Der Kampf in Palästina ist ein amerikanischer Krieg, der von Amerikas schwer bewaffneter Militärbasis, Israel, aus geführt wird. Wir im Westen sollen über den israelisch-palästinensischen "Konflikt" nicht in dieser Weise denken, so wie wir über die Israelis als Opfer, aber nicht als illegale und brutale Besatzer denken sollen. Doch ohne F-16-Bomber und die Apache-Hubschrauber und die Milliarden Dollar von amerikanischen Steuerzahlern hätte Israel längst mit den Palästinensern Frieden gemacht. Seit dem 2. Weltkrieg haben die USA an Israel 140 Milliarden Dollar überwiesen, den größten Teil für die militärische Ausrüstung. Nach dem Kongress-Forschungsdienst waren in demselben "Hilfsbudget" 28 Millionen Dollar "Hilfe für palästinensische Kinder eingeschlossen, die unter dieser Konfliktsituation leiden", um ihnen mit "grundlegender erster Hilfe" beizustehen. Diese Hilfe wurde jetzt auch gestrichen.

Karma Nabulsis Vergleich mit dem Irak ist treffend, denn dieselbe "Politik" wird dort angewandt. Die Aufbringung von Zarqawi war ein wunderbarer Medien-Event. Die Philosophin Hanna Arendt nannte dies eine "Aktion als Propaganda" und hat wenig mit der Realität zu tun. Die Amerikaner... haben ihren Dämon in die Luft gesprengt. Die Wahrheit ist, das Zarqawi größtenteils ihre Schöpfung war. Seine offensichtliche Tötung diente einem wichtigen Propagandazweck, der uns im Westen vom amerikanischen Ziel, den Irak wie Palästina in eine ohnmächtige Gesellschaft von ethnischen und religiösen Clans/Stämmen umzuwandeln, ablenken soll. Todesschwadronen, die von Veteranen der CIA in Zentral-Amerika ausgebildet und trainiert werden, sind dafür wichtig. Der Mord an Zarqawi und die Mythen über seine Bedeutung lenken auch von den Massakern der US-Soldaten ab, wie das in Haditha. Sogar der Marionetten-Präsident Al-Maliki beklagt das mörderische Verhalten der US-Truppen als tägliches Geschehen.

Dies ist als "Befriedung" bekannt. Die Asymmetrie eines befriedeten Irak und eines befriedeten Palästina ist klar. Wie in Palästina geht der Krieg im Irak gegen Zivilisten, meist gegen Kinder. Nach UNICEF war der Irak einmal das Land mit dem höchsten Indikator für das Wohlbefinden der Kinder. Heute leidet ein Viertel aller Kinder im Alter zwischen 6 Monaten und 5 Jahren an akuter oder chronischer Unterernährung, schlimmer als in der Zeit der Sanktionen. Armut und Krankheit nehmen mit jedem Tag der Besatzung zu.

    Im Britisch besetzten Basra ist "die Kindersterblichkeit um 30 % angewachsen, verglichen mit der Saddam Hussein-Ära" (nach Saving Children from War, einer EU-Hilfsagentur). Sie sterben, weil die Krankenhäuser keine Ventilatoren haben und das Wasser verschmutzt ist. Die Kinder werden Opfer von nicht explodierten britischen und US- Clusterbomben. Sie spielen in Gegenden, die von abgereichertem Uran verseucht sind (was Krebs bzw. Leukämie verursacht). Im Gegensatz dazu bewegen sich britische Überwachungsteams dort nur mit vor Strahlung schützenden speziellen Ganzkörper-Anzügen mit Gesichtsmasken und Handschuhen. Das Verteidigungsministerium nennt dies einen "vollen biologischen Test."

Hatte Arthur Miller recht? Wird dies alles intern dementiert? Oder hören wir auch auf entferntere Stimmen? Bei meinem letzten Aufenthalt in Palästina wurde ich beim Verlassen von Gaza mit einem Schauspiel palästinensischer Flaggen von innerhalb des ummauerten Gebietes belohnt. Kinder waren dafür verantwortlich. Keiner hatte sie dazu aufgefordert. Sie machten Fahnenstangen aus zusammengebundenen Stöcken, kletterten auf eine Mauer und hielten die Fahnen ruhig zwischen sich. Wohl im Glauben, dass sie der Welt erzählen werden.
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(Dieser Text wurde uns freundlicherweise von zmag.de zur Verfügung gestellt.
Er erschien zuerst
in "New Statesman".)


 

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