Ohnmacht und Nebel
Böse Schattierungen der praktischen Vernunft

Auf Teufel komm raus haben sich die westlichen Potentaten in den Kampf
gegen den Terrorismus gestürzt, um Freiheit und Demokratie zu verteidigen.
Mehr und mehr zeichnet sich jedoch ab, daß nicht politische Ziele und die
Wahrung der Menschenrechte, sondern militärische Ideologie und pures
Machtstreben jene obersten Werte sind, für die hier tatsächlich gekämpft wird.

Von Vasile V. Poenaru



Vasile V. Poenaru
(bardaspoe@rogers.com),
Germanist und Autor (geb. 1969), mehrjährige Tätigkeit als Journalist für kanadische Zeitungen, derzeit Doktorand an der Universität Toronto.

Veröffentlichungen:

Literaturwissenschaftliche Abhandlungen, Essays, Kurzgeschichten, Kurztheater, Lyrik, Theaterkritiken,
Buchrezensionen und Übersetzungen in Rumänien, Deutschland, Österreich, Kanada und USA.

       Jeder ist gerne gesund, vor allem körperlich, vorzugsweise aber auch psychisch. André Malraux meinte, das 21. Jahrhundert wird entweder religiös sein oder aber gar nicht. Auf einem angeblich ungefälschten Foto des brennenden Word Trade Center haben die weltweit sensationslüsternen Medien ihrem ebenartigen Publikum im September nichts weniger als den Teufel selber präsentiert. Da man nur seinen Kopf durch den Qualm vernehmen konnte, fiel es schwer nachzuvollziehen, wie er sich vor Freude die Hände rieb, was sowohl die Good Guys als auch die Bad Guys zwar zurzeit nicht beweisen, dafür aber immerhin vermuten können. Ob der Teufel nun gegen uns, mit uns oder in uns ist, scheint keine Frage zu sein, denn ungleich dem objektiv selbstbewußt zumutenden Betrachter dieser Welt im Bild befindet sich die subjektiv konventionelle Verkörperung des Übels innerhalb der bedachten Bildoberfläche einer ethisch-pragmatischen gängigen Veranschaulichung angeprangerter Negativität. Klar identifizierbar als eine separate, an sich schlechte Radikaleinheit der reinen Unvernunft. Keine Kritik soll den festumrissenen Rahmen dieser unheimlichen Vorstellung überschreiten: Der Teufel scheint nicht zu wollen, daß das 21. Jahrhundert religiös wird. Wir hingegen scheinen es zu wollen.

 

Um die Macht der
"Big Players" zu beschränken, ist die Mitbestimmung aller gefordert

Wenn wirklich ein Drache am11. September 2001 sein Unwesen am World Trade Center getrieben hat, so heißt der Held, der ihn überwältigen will, wohl George W. Nehmen wir aber als Arbeitshypothese einmal an, daß von den sechs Milliarden zur Zeit auf der Erde lebenden Menschen die meisten an sich eher gut sind als schlecht. Dann gibt es eine ganze Menge von unschuldigen Betroffenen, die nur kleinlaut zustimmen dürfen, wenn technisch einwandfrei zuckende Messer im düsteren Vorhof der internationalen Gerechtigkeit geschliffen werden. Mehr denn je zuvor hat das breite Publikum heutzutage Zugang zu Bildung und Information. Vielleicht sollten deswegen ausnahmsweise mal nicht nur die Big Players dazu bestellt sein, mitzuentscheiden, wie das Jahrhundert aussehen wird. Wir haben ein Anrecht darauf, zu begutachten, was Erwählte anstellen, denn höchstwahrscheinlich werden wir ja alle unsere Konsequenzen ziehen, wenn erhitzte Staatsmänner sich ungelenk karrieristisch daran machen, das Chaos zu ordnen. Und wirklich: Viele wollen sich an dem überregionalen Geschehen einer Hi-Tech-Vielvölkerschlacht beteiligen, viele glauben sich daran zu beteiligen. Die Bereitschaft ist da, die Mittel sind da. Nur an Urteilskraft fehlt es noch.

 

Der perfekte Soldat gleicht in mancher Hinsicht dem perfekten Terroristen

Werden die den menschlichen Verhaltensweisen innewohnenden psychologischen Hemmungen kriegskorrekt zweckmäßig abgebaut, so leistet der perfekte Soldat einen perfekten Job. Schwerer ist es, nach der Ermordung aller Feinde die nun überholt dünkenden, in Friedenszeiten dafür immerhin durchaus nötigen Hemmungen der Gewalttätigkeit wieder anzulernen. Von der Austauschbarkeit zwischen dem perfekten Soldaten und dem perfekten Terroristen wissen manche Insider ein Lied zu singen. Schließlich war ja Bin Laden bis zum Golfkrieg für das C.I.A.-Volk unser Mann in Afghanistan. Neblig. Sehr neblig. Da gibt es in der Tat viele Schattierungen. Ich ein Terrorist? Selber Terrorist!


Rüstungsindustrie:
Dein Wille geschehe!

 

 

 

 

"Sterbende Flüchtlinge
im eingegrenzten Konzentrationsraum"

Unser ungestüm sublimierter Säuberungselan, der gehaltvolle, wenngleich etwas formlose Elan unserer Killerkommandos hat viel mehr mit dem Krampus zu tun als mit dem Nicolo. Das 21. Jahrhundert sieht soweit auf Anhieb kaum religiös aus. Kriegsfreunde reichen sich weltweit die Hände und schwingen ihre Kanonen voller stolz unter Berufung auf unabdingbare Selbsterhaltungstriebe und hausgemachte Ideale. Endlich ist ein ausschlaggebender Vorwand da, um tüchig weiterzurüsten! Die lukrativen Erzengel der Vernichtungsindustrien haben das Sagen. Wir werden tun, was immer sie wollen. Und wir werden es Freiheit nennen (auch Justiz und Strafe). Und die kümmerliche, systematisch beargwohnte Wahrheit anderer mit unserer multifunktionalen Flagge verschleiern, wenn wir uns hemmungslos dem einen Basic Instinct hingeben. Ideologie. Propaganda. Selbstgefälligkeit. Heldentum. Gepriesene Eintönigkeit im unbegrenzten Sinn. Sterbende Flüchtlinge im eingegrenzten Konzentrationsraum.

 

 

Gerechtigkeit = Krieg?

 

 

 

 

Statt politischer Ziele militärische Ideologie

Auf terminologischer Ebene wirkt es zumindest verwirrend, daß Begriffe wie Feind, Ankläger, Urteilsvollstrecker und (last and least) Richter auf den selben allmächtig empfindenden Aktanten der Großartigkeit zurückfallen. If we cannot bring our enemies to justice, we will bring justice to our enemies. Wir werden den Krieg über ganze Regionen bringen, hatte der konfuse Präsident sagen wollen, aber es kam eben wieder anders raus. Justiz kann Bush nämlich schlecht von Krieg auseinanderhalten, und daß ein Richter die Angeklagten prinzipiell nicht von vornherein anfeinden darf, scheint ihm alles andere als klar zu sein. Die verfängliche Voraussetzung, daß man starke Worte wie Bomben aufs Geratewohl hinschmeißen kann, zeugt nicht nur von einer fraglichen allgemeinen natur- wie geisteswissenschaftlichen Bildung der spracharmen Kraftkerle mit apokalyptischen Ambitionen, denen Beifall zu zollen uns als höchstes Imperativ der Stunde, ja der Epoche anempfohlen wird, sondern auch von einer folgenschwer symptomatischen Verfehlung der bisweilen etwas nebligen politischen Ziele unserer Schicksalmacher, die sich freilich nicht selten auf die ganz konkrete Verfehlung militärisch-ideologischer Ziele auswirkt. Hunderttausende müssen elend verkommen, weil ein paar wenige Spitzenpolitiker nicht den Verstand aufbrachten, ihren Horizont über ein Sicherheitskonzept der Stacheldrahtkultur hinweg zu erweitern. Wenn man Thomas Mann gelten läßt, sind wir alle mit schuld . Denn wir haben es kommen sehen.


Wer den Krieg ablehnt, wird zum Verräter an Freiheit und Demokratrie

 

 

 

 

"Those folks have chosen their own destruction!"
George W. Bush

 

 

 

 

 

Macht kommt vor
dem Recht

Ein amerikanischer TV-Regisseur, der zu behaupten wagte, daß der Einsatz moderner risikofreier Made in Amerika Ermordungstechnologien gegen die zivile Bevölkerung unzivilisiert dünkender Länder feig ist, wurde gleich mit Wut und Haß als Verräter an Freiheit, Demokratie und Göttertum gebrandmarkt. Zwar haben sogar wir nämlich auch Fehler begangen, hieß es, aber es sei um Gottes Willen jetzt doch nicht anständig, von den Greueltaten fortschrittlicher westlicher Demokratien zu sprechen! Jetzt darf nur von den Terroristen im Nahen Osten gesprochen werden! Wir stimmen für den Krieg, meinten viele Patrioten, aber nur solange keine Menschen umkommen müssen (gemeint sind natürlich unsere Leute). Die den bekannterweise sehr unpräzisen Bomben der Gerechtigkeit in den Weg stehen, kann man leicht als Unmenschen abstempeln, und jedenfalls als unpatriotisches Gesindel. Solche stilistische Feinheiten sind wohl gemeint, wenn das selbsternannte Kriegsgenie aus Texas von Diplomatie und Intelligenz spricht. Those folks have chosen their own destruction! Das Wort Inquisition wurde bis jetzt noch nicht ausgesprochen, jedenfalls nicht auf höchster Ebene, aber da die tatsächlichen Täter der Terroranschläge es offensichtlich zu klug angepackt haben, um erwischt zu werden, steht zu erwarten, daß die jüngste Definition von Begriffen wie Terrorist und Terror unreflektiert prompt aufgrund der so sehr beklatschten handgrifflichen Hokuspokusphilosophie Gut/Böse gegeben wird. Wir können nur hoffen, daß sich im Laufe des Krieges (Strafkampagne? Kreuzzug wurde zurückgenommen. Infinite Justice auch) genug Beweismaterial ansammelt, um den Krieg dann wenigstens nachträglich dem Schein halber zu rechtfertigen. Wir denken von uns selber, daß wir aufgeschlossen und jedenfalls mündig sind. Wir schreiben Geschichte. Wir sehen fern. Und wenn es sein muß, dann schreiben wir die Geschichte um. Wir klammern uns - sei es nun inbrünstig oder eher verlegen - an ein paar wandelnde Konstanten pragmatischer Sittlichkeit, die manchmal auch Moral heissen: Macht geht vor Recht. Wer das nicht einsieht, gilt als blöd.

 

 

Geheime Dienste

Das ist kein gewöhnlicher Krieg, das ist ein Krieg mit vielen Schatten. Diese Leute verstecken sich gerne, versucht Bush ein schlaues Wort in den Raum zu stellen, als ob es eine Neuigkeit wäre, daß Widersacher (und erst gar Todfeinde) einander nicht gleich die volle Brust als Ziel darbieten. Schatten sind ja ohnehin in der Welt der speziellen Angestellten eher die Regel, woher auch das Prinzip der Beschattungen stammt. Deswegen sollten sich die Geheimdienste nicht mehr so sehr über Schatten und Schattierungen beschweren, denn würde sich alles im Tageslicht abspielen, dann hätten sie keinen Job. Stellen Sie sich vor, wir haben Bin Laden aufgesucht, um ihm den Garaus zu machen, aber er war nicht zu Hause. Unbekannt verzogen? Wer hätte so etwas erwartet? Nicht seine Verfolger. Bill Clinton war ehrlich genug, zu gestehen, daß auch er schon spezielle Einsatzkommandos zwecks der Ermordung von Bin Laden trainieren ließ: Nur war er dann nicht zu finden.

 

 

"Un-konventionelle" Maßnahmen im Kampf gegen den Terrorismus

 

 

 

 

 

 

Wo sind eigentlich
die Beweise?

Die Terroristen sind neuerdings in getrennte Zellen organisiert, und diese Zellen kommunizieren gar nicht miteinander (eigentlich unverschämt), weswegen es so schwer ist, die Kerle zu schnappen. Was leider weitgehend als kluge Erklärung akzeptiert und kritiklos (wie sonst?) wiederholt wurde. Diese Entschuldigung deutet an, daß sich zumindest die Sprecher (wenn nicht auch die Täter) mehr oder weniger geheimgehaltener Dienste bisher in bezug auf die Grundregeln der Konspirativität im Unklaren waren. Auch sind die Grundregeln des Krieges von Anfang an unklar gewesen. (Ach wie gut, dass niemand weiss?…) Nur soviel steht fest: Konventionen brauchen von nun an nicht eingehalten zu werden, denn das ganze Muskelkraftgetue der Racheoperationen wurde ja als eine unkonventionelle Angelegenheit translegaler Jurisprudenz relativiert. Tag um Tag kam die Öffentlichkeit dank der parteilichen Berichterstattung fügsamer Medienleute der Einsicht näher, daß sich der bessere Teil des blauen Planeten dem schlechteren gegenüber keine Blöße geben sollte. In gebrochenem Englisch maßen sich die Taliban an, Beweise zu verlangen, was zwar strenggenommen wenigstens auf legaler Ebene an sich einleuchtet, dabei jedoch aus politisch-kriegerischen Gründen als unerhörte Frechheit zurückgewiesen wurde. Die Beweise haben wir uns vertraulich angeschaut, was der Rest der Welt davon denkt, geht uns nicht an, meinten ein paar strafgewaltige Mitmacher. Tony Blair zum Beispiel war ganz Feuer und Flamme. Die im Bewußtsein der Menschheit zum Teil bereits archivierte Idee des britischen Imperiums blitzt gewaltig in ihm. Verteidigung hin und Verteidigung her: Es geht hier um Macht und Kuchenaufteilung, ganz weit über das bitterarme Afghanistan hinweg. Berlusconi ließ sich von ein paar seiner amtierenden Kollegen zur leichtfertigen Behauptung hinreissen, daß die Kultur des Abendlandes eben besser sei als diejenige des Morgenlandes (Tschuldigung, ich hab nur ganz unwillkürlich im Parlament vor mich hingeredet und mir nichts dabei gedacht).


PR-Strategien

Assassination Mission. Bin Laden Wanted: Dead or alive. Die harmlosere Variante: Unsere Burschen sind nur eine Art Pfadfinder, sie wollen die Region ein bißchen genauer kennenlernen und so. (Operieren die übrigens schon in Afghanistan? Dumm! Hätten wir wissen sollen.) Beide Varianten der Verwirklichung eines mal großmäuligen, mal leisetreterischen politisch-streitkräftigen Diskurses hören sich gut an. Aber wie hieß nun wirklich die Aufgabe der Special Units: Tourismus oder Mord?

Beide Seiten führen ihren Kampf - im Geheimen

Die FBI-CIA-Folterknechte greifen zu traditionellen Methoden. Bei Nacht sind alle Katzen grau. Wenn der Feind im Nebel kämpft, dann kämpfen wir auch im Nebel. Dieses eine Schlagwort außenpolitischer Gerissenheit läßt die ihrerzeit bestimmt ernsthaft gemeinten Paragraphen des internationalen Rechts sehr überholt erscheinen. Im Schatten des ab-gewählten Golfkriegspräsidenten wächst der unerfahrene Bush zu einem ehrgeizigen Strategen heran. An seiner gepriesenen Raubtiermethodologie kann nichts angefochten werden, denn er hält sie gerne geheim. (Wir müssen annehmen, daß auch die prophezeiten Erfolge eine Sache der Vertraulichkeit bleiben). Die Menschheit ist freilich nicht so gut dran, aber für George W. Bush kommen interessante Lehrjahre. Weltweite Experimente und eine entsprechende Persönlichkeitsentfaltung sind in Sicht. (Sogar der Nobelpreis winkt!) Eins kann man von ihm zur Zeit allerdings kaum sagen: Dieser Mann hat Klasse.

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