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Mob Flash: Zeitgeist zum Mitnehmen
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Die erste Veranstaltung dieser Art fand offensichtlich im Mai 2003 in Manhattan statt.
Auf einmal tauchen zum Beispiel hundert Leute (die Flash Mob) in einem Laden, in einer
Mall, in einer Gemeinschaft auf und tun etwas Verrücktes. Mob Flash wird das Ereignis
genannt. Oder sie tun etwas Normales. Wenn sie es alle zugleich tun, erscheint
es verrückt. Ein paar Minuten später sind sie weg.

Von Vasile V. Poenaru


     ...Getrennt oder zusammen? In London, in Berlin oder in Toronto? Weil sie es so wollen oder weil sie es sollen? Und ist das womöglich irgendeine raffinierte Art von vorprogrammiertem kollektiven Individualismus oder vielmehr eine gleichsam spontan freigesetzte Manifestation gesellschaftlicher Instinkte? Ist das ein Anfang oder schon das Ende? Ist was da, wenn nichts da ist?

Viele Mobbler stellen sich diese Fragen nur mit äußerster Spärlichkeit und erleben vielmehr die flüchigen Momente des unwahrscheinlichen Beieinanderseins ihrer kaum umrissenen Community am liebsten "einfach so hin". Andere wiederum meinen die Antworten dazu im Sack zu haben - oder doch wenisgtens im Sinn. Nur verwehren sie sich jeder terminologischen Festlegung.

     Das sozio-kulturelle Experiment der Mob Flash wird nun schon seit mehr als einem Jahr an zahlreichen Orten dieseits und jenseits des Atlantischen Ozeans betrieben. Die erste Veranstaltung dieser Art fand offensichtlich im Mai 2003 in Manhattan statt (Zwei Monate später war Wien an der Reihe). Im Handumdrehen wurde ein Begriff daraus. Allem Anschein nach macht Mobben Spaß, denn die begeisterten Nachahmer ließen nicht auf sich warten und entwickelten daraus schnell ein globales Phänomen, im World Wide Web entsprechend dokumentiert.

An Definitionen ist man zur Zeit noch arm. Das Wenigste passiert. Auf einmal tauchen zum Beispiel hundert Leute (die Flash Mob) in einem Laden, in einer Mall, in einer Gemeinschaft auf und tun etwas Verrücktes. Mob Flash wird das Ereignis genannt. Oder sie tun etwas Normales. Wenn sie es alle zugleich tun, erscheint es verrückt. Ein paar Minuten später sind sie weg.

Die Beschreibung ihrer Aktion fällt nicht schwer. Die Deutung jedoch verfängt sich freilich leicht ins Ungefähre. Worum genau handelt es sich hier? Handelt es sich hier überhaupt um etwas Spezifisches? Ist es ein Versuch der Kommunikation? Eine belanglose Erscheinungsform großstädtischer Subkultur? Eine Neudefinition des Begriffs Masse? Ein Zeitvertreib? Ein Zeitgewinn? Eine große Sinnlosigkeit oder ein großer Sinn? Leuchtet etwas ein, wenn die Menge blitzt?

     Der produktionstüchtige Halbgott, dem wir als ahnungslose oder eben ahnungsvolle Exponenten einer informatisierten Gesellschaft weitgehend frönen, ist ein gleichsam unendlich kompliziertes digitales Geschöpf mit einer erstaunlich unkomplizierten Gebrauchsanweisung, basierend auf zwei absolut beschreibbaren Grundeinstellungen: Null und Eins. Da sein und nicht da sein. Ein und Aus. Ja und Nein. Licht und Dunkelheit.Von diesem kulturellen Hintergrund her muss man die einschlägige Dynamik blitzartiger kollektiver Einzeltriebe untersuchen, anhand derer auf den ersten Blick eher unwillkürlich gewissermaßen in den Bereich des Kaum-Seins entrückte und dort aufgehobene Sinnbilder des Zeitgeistes "geschossen" werden, denn ohne eine entsprechende grundlegende Mentalität, die wohl irgendwo um den Begriff Generation Pop herumschwebt, könnte die Idee der Mob Flash ja überhaupt nicht existieren.

In allen Großstädten der Welt ist diese skurille Merkwürdigkeit der Postmoderne gut angekommen, gerade weil dadurch gewisse ins Unterbewusstsein gejagte Komponenten unseres erweiterten Selbstverständnisses im Zeichen der Informationsgesellschaft zum Ausdruck kommen. Weil es überall genug Leute gab, die meinten, das sei toll. Und weil sich dagegen eben zur Zeit kein schlagfertiges Argument durchsetzen lässt. Und wenn schon, dann wird es eben nicht wahrgenommen.

      Smart Mob ist bereits seit Jahren eine u.a. bei Antiglobalisierungsaktivisten beliebte und gängige Organisationsform der Proteste. Teilnehmer werden da einfach per Email benachrichtigt. Das Web bietet ihnen ein virtuelles Forum, das sich zielgerichtet und pragmatisch erweist. Die neuen elektronischen Kommunikationswege erleichtern zweifellos das Zusammentun Gleichgesinnter, und der logistische Vorteil des verstärkten Synchroniserungspotentials ist nicht zu überschätzen. Ihr gemeinsames Objektiv steht für alle fest, das Mittel ihres politisch motivierten Strebens nach Aufmerksamheit erscheint diesbezüglich durchaus sinnvoll. Die kluge Menge weiß, was sie will, oder besser gesagt sie weiß, weshalb sie da ist.

Flash Mob jedoch hat im Gegensatz zu Smart Mob auf Anhieb keinen Sinn, oder eben doch nur sehr wenig Sinn. Ist darüber hinweg nichts mehr dran an der Sache? Muss man sich etwas dazudenken? Gibt es etwa doch noch einen tieferen Grund dafür, dass gewisse Menschen spontan das tun, was andere Menschen mehr oder weniger spontan von ihnen verlangen? Unvernünftig klingt es auf jeden Fall. Cool finden es viele. Notiz davon nahmen alle.

     Anders als die kluge Menge weiß die Flash-Menge nicht, weshalb sie da ist und ausgerechnet das tut, was sie tut. Doch sie hat dabei wenigstens eines im voraus: Sie weiß ganz genau, wann das Ganze wieder vorüber ist. In ein paar Minuten. Und dass es (voraussichtlich) friedfertig vor sich geht. Und dass die ganze Sache möglicherweise keinen Sinn hat, merken unter Umständen viele gar nicht. Und dass die ganze Sache möglicherweise eben doch noch einen Sinn hat, merken unter Umständen viele ebenso wenig. Denn was hat heutzutage überhaupt noch Sinn? Was hat keinen Sinn? Und wie wichtig ist das, was wir als einzelne Aktanten oder Konsumenten der Aktion an sich davon halten? In welchem Verhältnis steht das, was wir tun, zu dem, was wir bewirken?

Mitunter werden in diesem Zusammenhang künstlerische Ansprüche erhoben. Dann kann das Endziel ins Transzendentale entrückt werden. Oder in die ästhetische Dimension. Oder zu neuen Algorythmen der Rezeption greifen. Auch kann die Mode der Mob Flash als eine raffinierte Form der Manipulation verwendet werden. Das flüchtige Ineinandergehen der Gemüter erfolgt ja schließlich nicht aus sich selbst heraus, sondern durch Vorabrede. Und weil jede Person als Sub-Element des Ganzen sich strikt auf die eine genau bestimmte, vorgeschriebene, meist ungenügend reflektierte minimale Rolle beschränkt, wird der Gedanke an eine - auf phänomenologischer Ebene der zentral einschlagenden Blitz-Idee sinngemäß obliegenden - vereinfachende Ent-Humanisierung des Vorgangs nahegelegt.

     Die Einseitigkeit der Handlung, die Einseitigkeit der Haltung macht jedenfalls ein wesentliches Moment der Mob Flash aus. Zum einen wird nämlich systematisch unter den Teilnehmern in keiner Weise differenziert, zum anderen wird dazu noch die Rolle eines jeden Einzelnen (und somit die Rolle aller) jeweils auf ein einziges kennzeichnendes Element reduziert. Im Unterschied etwa zum Theater, wo gerade aus der Vielseitigkeit der Handlungen, Rollen und Perspektiven Menschlichkeit und Lebendigkeit in den Prozess der dramatischen Inszenierung einfließen, entwickelt sich hier die Person gleichsam zurück zu einer elementaren bio-funktionellen Einheit: dem kleinstmöglichen Sub-System mit dem kleinstmöglichen Aufgabenfeld und der kleinsmöglichten Willensfreiheit.

Auf semantischer Ebene erscheint es nur dann sinnvoll, den versteckten Bedeutungen in der grundlegenden Idee von Mob Flash nachzuspüren, wenn die einzelnen Ereignisse als solche nicht nur an und für sich betrachtet werden, sondern vielmehr zweckmäßig in ihren jeweiligen gegenseitigen Bezügen und Zusammenhängen mit Hinblick auf die mögliche Auswertung ihrer syntagmatischen und paradigmatischen Anordnung als strukturelle Teilchen einer folgerichtigen Reihe von Sequenzen in einen umfassenderen Erwartungshorizont der computergesteuerten Gemeinde treten.

     Mob Flash, schon der Name sagt es, muss etwas mit dem Erstarren der Zeit zu tun haben. Jedes Ereignis macht ein Bild aus, anhand dessen ein jeweiliger spezifischer Aspekt des Zeitgeistes durch den digitalen Prozess der Ent-Humanisierung und Reduktion in der ganzen Prächtigkeit oder Banalität eines jeweiligen Augenblicks festgehalten wird. Drehen sich alle Bilder um die zentrale Mob-Flash-Idee, so ensteht eine sinnstiftende Bewegung weitgehend abstraktisierter Aktanten, ein Flow, ein Metatext, dem der „"eser" unter Berücksichtigung relevanter digitaler Techniken Bedeutungen abgewinnen mag.

Es treten hier nämlich ganz klar erkennbar die zwei Grundeinstellungen aller digitalen Systeme auf: Ein und Aus, Getrennt und Zusammen. Flash und Abwesenheit des Flash. Mob und Abwesenheit der Mob. Das aktive Prinzip und das passive Prinzip.

Menschliche Kollektivitäten agieren als minimale Informationseinheiten. Kaum waren noch alle da, und schon sind alle weg. Dadurch wird erst einmal eindeutig prinzipiell die Anwendung und/oder Interpretation des Flash Mob Gewebes als ein binär operierendes System ermöglicht.

     Die Flash Mobs werden in Instanzen sichtbar, genauer gesagt in Instanzen der Mob Flash, wobei das Prinzip des Zusammentuns begriffsmäßig wie ein überpersönliches, wie ein intermenschliches Stroboskop agiert, um gleichsam auf sozialer Ebene das Fragmentarische aus dem Kontinuierlichen hervorzugreifen und zu gestalten. Daraus wird ein Diskurs. Ein absurder Monolog, ein vernünftiger Dialog? Eine selbstgenügende Gewachsenheit des Ganzen oder eine aufbegehrende Zerissenheit des Einzelnen? Früher verwendeten die Indianer immer Rauchzeichen um Bedeutungen von einem Ort zum anderen zu tragen. Jetzt aber sind unbrechbare Geheimcodes Mode. Wir leben in einer sehr technischen Gesellschaft, die vielleicht nicht von ungefähr zugleich eine sehr mythische Gesellschaft ist - oft genug durch den totgeglaubten Spuk wandelnder Zeitgeister erschüttert. Die neuen Mythen der Großstadt lassen sich kaum auf Anhieb in die richtige Kiste legen. Wenn nämlich Mythen entstehen, sind kollektive Regungen der Mentalitätsproduktion am Werk, an denen der digitalisierte Mensch des dritten Jahrtausends oft vollkommen unbewusst und ziellos kaut.

April, April, der macht, was er will, diesseits wie jenseits der Mobbler Community. In San Francisco etwa haben sich Anfang April 2004 an die 660 Teilnehmer – mitsamt ihren Computern – zu einer Mob zusammengetan, um durch deren spontane Vernetzung die Idee einer "Demokratisierung von Supercomputern" in den Vordergrund der Betrachtungen zu rücken. Das Informationszeitalter in Griffweite? Kraftkerl-Technologie für einen wie du und ich? Gemeinsam brachten sie es immerhin auf 180 Gigaflops, was sozusagen schon fast super ist. Für den angestrebten Vorstoß in die Liste der 500 stärksten Supercomputer der Welt was das zwar nicht genug, doch ihr Rufzeichen zum Thema Gerechtigkeit in der virtuellen Welt blitzte für einen kurzen Augenblick in aller Öffentlichkeit unverkennbar auf.

     Dass die Flash Mobs in San Francisco, New York und sonstwo auf der Welt nicht unabhängig voneinander auftreten, sondern in einem (freilich eher losen) Zusammenhang stehen, liegt auf der Hand. Dass der Zusammenhang ein sinnvoller sein bzw. werden könnte, ist grundsätzlich auch nicht abzutun. Und dadurch gewinnen die Flash-Bilder von ihrem bedeutungsproduktiven Potential her ganz gewaltig an Bildhaftigkeit. Macht jede Veranstaltung an sich und für uns eine Informationseinheit aus, ein Bit (ein Bio-Bit, oder besser gesagt ein Mob-Bit?), dann muss allerdings voraussichtlich noch geraume Zeit über das weltweite Web der Mobbler vergehen, ehe sich eine aufschlussreiche Menge an Zeitgeist in allen möglichen Kombinationen der menschlichen Leutchwürmchen mitsamt deren Weltanschauungen darin verfängt. Gegenwärtig haben wir uns immerhin bereits eine Kostprobe gefallen lassen.


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