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Ahornsaft und Tulpenduft
Im Schwerpunkt kanadischer Sinne

"Colonel By Drive" ist eine Straße, an deren Etymologie sich einer lange den Kopf
zerbrechen mag. Man wundert sich. Man ärgert sich. Man flucht über die verheerenden Folgen
der neuen Rechtschreibreform, vor denen einer wohl nicht einmal jenseits des Altantischen
Ozeans sicher ist. Man will das Straßenschild korrigieren. Den Bürgermeister anrufen.
Man fragt sich, was damit gemeint sei. Doch ein Standbild in Major's Hill Park klärt die
Dinge auf und beruhigt die Gemüter. Es leuchtet ein, dass By keine Präposition ist,
sondern ein Name, genauer gesagt, der Name des Mannes, der einst
die Stadt Ottawa gründete. Colonel John By.

Von Vasile V. Poenaru



(c) privat

Vasile V. Poenaru
(bardaspoe@rogers.com),
Germanist und Autor (geb. 1969),
mehrjährige Tätigkeit als Journalist
für kanadische Zeitungen,
derzeit Doktorand an der
Universität Toronto.
Erhielt 2006 den Social Sciences and Humanities Research Council of Canada (SSHRC) Award als Anerkennung seiner Forschungsarbeit an der Universität Toronto.

 

 

 

An die 45.000 kanadische Soldaten starben im zweiten Weltkrieg. Die Schilder rufen ihr Opfer in Erinnerung: Lest we forget.

 

    Weil die englische Königin nicht in Kanada, sondern in England wohnt, lässt sie sich jenseits des Atlantischen Ozeans gerne vertreten. Dazu gibt es Rideau Hall, die offizielle Residenz der kanadischen Generalgouverneurin. Von hier aus kann man sich in aller Gemütlichkeit das Ottawa-Parlament ansehen und dessen Beschlüsse dann der Form halber in aller Majestätshaftigkeit bewilligen. An der Spitze des freilich längst unabhängigen Ahornlandes steht dem schönen Schein zuliebe nämlich immer noch die Krone. So will es die politische Überlieferung in der ehemaligen Kolonie (Selbst wenn die Queen nicht mehr da ist, ist die Queen noch da). Gar nicht weit entfernt spielen drei berüchtigte Flüsse miteinander, die viel mehr als nur Kanadas Hauptstadt ausmachen: Ottawa, Rideau und Gatineau. Dadurch wird vieles verbunden.

Es führen nicht alle Wege nach Ottawa, doch irgendwo muss das Zentrum eines zentralisierten Staates immer liegen. Dass die Vorstellung eines einheitlichen Landes nördlich der Großen Seen vor nur hundertfünfzig Jahren weitgehend als ein eher gewagtes Unterfangen anmutete, ist heutzutage durchaus nicht ohne weiteres nachvollziehbar. Wenn man von Toronto nach Ottawa fährt, so geht es etwa drei Stunden lang immer der Nase nach östlich über die Highway 401 und dann vierzig Minuten lang die Highway 416 rauf: die Veterans Memorial Highway. Diese Autobahn, auf der man sozusagen der Vergangenheit gedenkt, indem man in die Zukunft schießt, gibt es erst seit 1999. Bis dahin musste man sich mit Highway 16 begnügen, auf dem es freilich weniger prompt zugeht. An die 45.000 kanadische Soldaten starben im zweiten Weltkrieg. Die Schilder rufen ihr Opfer in Erinnerung: Lest we forget. Im Vorbeifahren besinnen wir uns der Heldentaten unserer Vorfahren. Die Autos sausen alle ein bisschen schneller als erlaubt. Im Radio ertönt schon der angenehm diplomatische (aristokratische?) Klang des Französischen. Weiter nördlich ahnt man das Ziel einer Reise. Schließlich führt dann einen die 417 direkt nach Ottawa. Von hier aus wird das zweitgrößte Land auf Erden regiert. Die kanadische Hauptstadt wirkt dabei allerdings keineswegs etwa einschüchternd, sondern vielmehr erwartungsgemäß anständig und ruhig. Our nation’s capital will niemanden aufregen.

 

 

 

 

 

Im Frühjahr wird in Ottawa das berühmte Tulpenfestival veranstaltet. Die Stadt blüht auf, und alle Welt saust herbei, um sich an ihr satt zu sehen.

    Peace Tower: So heißt der Turm des kanadischen Parlaments. Er ist fast hundert Meter hoch und hieß früher einmal eigentlich Victoria Tower. Die Krieger des Stammes der Ottawa haben aber schon lange nicht mehr die Streitaxt ausgegraben. Dafür kann sich jeder Besucher in den Giftshops eine mittelgroße Friedenspfeife kaufen und bei Gelegenheit dicke Rauchwolken der Verständigung von sich geben. Im Frühjahr wird hier nun immer das berühmte Tulpenfestival veranstaltet. Die Stadt blüht auf, und alle Welt saust herbei, um sich an ihr satt zu sehen. Das natürlich-kunstvoll orientierte Fotografieren will kein Ende nehmen. Man denkt wie auf Kommando zurück an das Ende des zweiten Weltkrieges, als kanadische Truppen die Niederlande befreiten. Man schaut sich die Kanonen an. Man freut sich des Lebens. Lest we forget. Die Tulpen verwandeln Gefühl in Farbe. 1945 kamen die ersten 100.000 Blühten direkt aus Holland. Jetzt sind es Millionen. Eine malerische Ode an die Freiheit. Dank u well.

Es dauert nur ein paar Minuten bis zum mal verstaubten, mal aufblühenden Wahrzeichen der britischen Krone. Innerhalb der Grünanlagen bei Rideau Hall darf sich jeder gesprächsfreudige Besucher mit dem ersten kanadischen Gouverneur, Lord Charles Stanley Monck, und dessen charmanter Gattin, Lady Monck, über das Königshaus, über die Tagesordnung oder eben bloß über das Wetter und die Tagesordnung unterhalten. Die Kamera erfasst den Tatendrang und die Anschaulichkeit des neunzehnten Jahrhunderts. Cheese! Ein rückblickendes Foto wird geschossen. Befindet sich auch der Peace Tower darauf, dann um so besser. Erinnerungen werden lokalisiert, wachgerufen, aufgemöbelt, produziert. Auf einmal steckt man sozusagen erstaunlicherweise mitten drin in einem alten Dokument, das sich wie von selbst anhand seiner zeitlich geprägten Rezeption bewahrheitet. Dadurch wird der Einzelne – freilich erst nachträglich – zum Teil der Geschichte. Kultureller Tourismus wird das genannt. Small Talk und Big Talk verkaufen sich besonders gut, wenn es darauf ankommt, die Gesinnung der Menschen in ein interaktives Gefüge einzubinden. Überregionale Politik fängt nämlich immer bei kleinen Dingen an. Und manchmal führt sie zur Gründung eines großen Landes.

 

 

Erst 1867 hat das moderne Kanada strenggenommen angefangen zu existieren. Den Tag der kanadischen Einheit feiern die Leute jedes Jahr mit Jubel und Feuerwerk.

    Bis zum ersten Juli 1867 (Canada Day) war Lord Monck Governor General of British North America. Er hat dann nicht nur sozusagen die Konföderation geschafft, sondern aus seiner außerordentlichen strategischen und diplomatischen Begabung heraus auch einen – nachdem 1812 die amerikanische Invasion vereitelt werden konnte – geradezu unvermeidlich scheinenden neuen Krieg mit den Staaten im Süden weggezaubert.

Die Entstehung des kanadischen Dominions machte einen folgenreichen Schwerpunkt des internationalen königlichen und kaiserlichen Dominionspiels aus. Leicht unterliegt einer der Versuchung, sich in frühere Verhältnisse einzufühlen, wenn er sich dem kanadischen Kulturding zuwendet. Wie alt ist das alte Zeug im Downtown? Wie alt ist dieses Land? Die Antwort treibt auf Kanälen, etwa auf dem Rideau-Kanal. Erst 1867 hat das moderne Kanada ja strenggenommen angefangen zu existieren. Den Tag der kanadischen Einheit feiern die Leute jedes Jahr mit Jubel und Feuerwerk. Mit Sonnenbrand und Wasserlust. Persönlichkeiten aus der Vergangenheit gesellen sich zu denen der Gegenwart und bedenken den dankbaren Paradigmenwechsel auf politischer Ebene. Hut ab. Monck sieht gelassen aus, seine Frau spricht lebhaft anmutend. Die Schauspieler wirken uneigentlich altmodisch, an ihrer Kleidung haftet der erhabene Hauch des so prächtigen und doch in mancher Hinsicht auch so miserablen neunzehnten Jahrhunderts. Ihre Gesten sind tadellos einstudiert, der angebrachte Wortschatz mitsamt aussagekräftiger akustischer Masken anhand einschlägiger historischer Unterlagen wohl recherchiert worden. Noblesse oblige. Man lässt sich Arm in Arm mit dem politisch korrekten britischen Adel verewigen, um ein schickes historisches Bild aus der kanadischen Hauptstadt mit nach Hause zu nehmen. Man denkt sich hinein in globale Aspekte: Kanada wurde auf Kanus erobert. Un, deux, Trois Rivieres. Man bucht eine Bootsfahrt. Doch nein, Trois Rivieres ist der Name einer Stadt, die zwischen Montreal und Quebec City liegt. Wir aber wollen zu den drei Flüssen in Ottawa, von denen einer Ottawa heißt.

 

Par ici, si’l vous plait.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es kostet jährlich an die 40 Millionen Dollar, den Hofstaat der Frau Governor General zu unterhalten. Als aber ein Schüler sich während eines Klassenbesuches 2005 respektlos kritisch zu den aus öffentlichen Mitteln bestrittenen Ausgaben der damaligen ersten Dame des Landes äußerte, wurde die ganze Klasse kurzerhand aus Rideau Hall hinausgeschmissen.

    Beaucoup d’eau. Ein gebührendes Verständnis der Heimatkunde im Land des indianischen Sommers ist ohnehin ohne die französische Hälfte der kanadischen Vergangenheitsbewertung wohl kaum denkbar. Samuel de Champlain, erster Gouverneur de la Nouvelle France, hat deswegen seinerseits ein Bild im Rideau Hall hängen. Par ici, si’l vous plait. Die Führungen sind zweisprachig. Entsprechend variieren die Perspektiven. Was war es, das wir nie vergessen wollten? Wohin geht es mit diesen multi-touristischen Gedanken, die ja so viel mehr sind als nur multi-touristisch? Wer hat mehr Anspruch darauf, das Wort zu führen? Dem Bild mehr Inhalt zu geben?

Es ist jedenfalls toll, ein Foto mit dem Governor General und sich selbst zu haben, denken zwei kulturelle Touristen, ein Großvater und sein Enkel, wie sie gerade bildungsfroh, zweisprachig, bedachtsam und munter von Tulpe zu Tulpe wandern, um zu erkunden, wie es früher so war. Die Zeugnisse belegen: Früher war es nicht immer so elegant. Und es duftete nicht nur nach Tulpen. Um den Gestank seiner unsanierten Hauptstadt zu meiden, fuhr Lord Monck vor ungefahr hundertfünfzig Jahren am liebsten mit dem Kanu den Ottawa River entlang bis Parliament Hill, wenn er dort Geschäfte zu erledigen hatte. Jetzt aber gibt es überall modernste Entsorgungstechnik. Das Zentrum legt erbauliche Sauberkeit und Rechtschaffenheit an den Tag. Es stinkt nicht, und schon gar nicht im wörtlichen Sinne.

    Ob Groß-, Klein- oder Sonntagspolitiker: aufs Image hält jeder. Sich mit der jetztigen Governeurin abzubilden, würde allerdings schon um einiges schwerer fallen, obgleich man immerhin an manchen Tagen die Chance hat, sie unerwarteterweise vor Gesicht zu bekommen. Es kostet jährlich an die 40 Millionen Dollar, den Hofstaat der Frau Governor General zu unterhalten. Als aber ein Schüler sich während eines Klassenbesuches 2005 respektlos kritisch zu den aus öffentlichen Mitteln bestrittenen Ausgaben der damaligen ersten Dame des Landes äußerte, wurde die ganze Klasse kurzerhand aus Rideau Hall hinausgeschmissen. Das war mehr als nur ein harmloser Zwischenfall. Über die Zweckmäßigkeit der Beibehaltung der formalen Bezüge zur Monarchie in der aktuellen Form ist man sich in Kanada alles andere als einig. Form und Stil gehören ebenso zur Debatte wie Glaubwürdigkeit und Opportunität..

 

 

 

 

 

True Patriot love in all thy sons command.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Colonel John By: Diesen Royal Engineer hat das britische Imperium im Jahre 1826 berufen, den Ottawa Fluss durch einen zweihundert Kilometer langen Kanal mit dem Ontario-See zu verbinden.

In den warmen Sommernächten, wenn jeder sich gerne was träumen lässt, dient der zentrale Block des Parlaments als Bildschirm für das patriotische Sound and Light Festival. Ein einstündiger Dokumentarfilm zum Thema Ländermachen wird gezeigt. Und wie wird so ein Land gemacht? Natürlich mit dem Feuerross. Das Versprechen der Instandsetzung einer Zugverbindung mit dem restlichen Kanada hat zum Beispiel die Provinz British Columbia überhaupt erst dazu bewogen, der Konföderation im Jahr 1871 beizutreten – ganz ohne Bismarcks Hilfe. Überall fährt nun die Eisenbahn hin: from coast to coast to coast. Man sitzt im Gras, blickt auf das Symbol dieses Landes und sieht auch wirklich das ganze Land vor den Augen. Beim Schlafengehen taucht dann die Frage auf, inwiefern ein Wahrzeichen sich selbst Zeichenträger ist. Man merkt, dass man sich beim Sound-and-Light-Genuss unversehens politische und sonstige Ansichten einstecken ließ. Und irgendwie ertönt immer noch die Nationalhymne im Ohr. True Patriot love in all thy sons command.

    Im nahen Byward Market kauft man sich Obst und Gemüse. Dann folgen Orientierungsversuche. Colonel By Drive ist eine Straße, an deren Etymologie sich einer lange den Kopf zerbrechen mag. Man wundert sich. Man ärgert sich. Man flucht über die verheerenden Folgen der neuen Rechtschreibreform, vor denen einer wohl nicht einmal jenseits des Altantischen Ozeans sicher ist. Man will das Straßenschild korrigieren. Den Bürgermeister anrufen. Man fragt sich, was damit gemeint sei.

Doch ein Standbild in Major's Hill Park klärt die Dinge auf und beruhigt die Gemüter. Es leuchtet ein, dass By keine Präposition ist, sondern ein Name, genauer gesagt, der Name des Mannes, der einst die Stadt gründete. Colonel John By: eine wichtige Persönlichkeit für die Geschichte der kanadischen Mobilität. Diesen Royal Engineer hat das britische Imperium im Jahre 1826 berufen, den Ottawa Fluss durch einen zweihundert Kilometer langen Kanal mit dem Ontario-See zu verbinden, um der Drohung einer möglichen Blockade des Lorenz-Stroms durch die amerikanischen Truppen entgegenzuwirken, sollten mal wieder Zeiten kommen, die nicht so friedlich, sondern vielmehr siegreich seien. Ganz nebenbei entstand die Ortschaft an den drei Flüssen, die zuerst einmal natürlich nicht Ottawa, sondern Bytown genannt wurde. Bezeichnenderweise war damals Kingston die Haupstadt des Landes, das freilich noch kein Land war. Doch die Hauptstadt ließ sich im Falle eines amerikanischen Angriffs nicht verteidigen. Deswegen wurde sie an ihre heutige Stelle versetzt, um neue Situationen der Macht zu zeitigen. Aus strategischen Gründen fiel die Wahl auf Ottawa, weil die Stadt ein derartig niedriges Profil hatte, dass sie im Ernstfall von einer feindlichen Armee schwer zu finden war. Dem Gründer der Stadt wird heutzutage schon fast mehr Beifall gezollt als dem Herrscherhaus. Hier die Stadt des Königs, da die Stadt des By? Aus viel Wasser und südlicher Bedrohung wurde allmählich ein Land. Die Entstehung des modernen Kanada ist von dem Bau des Rideau-Kanals nicht wegzudenken, auf dem man im Sommer mit dem Boot fährt und im Winter Schlittschuh läuft. Wie viele Bauarbeiter in jenen glorreichen Jahren der "Kanalisierung" an Malaria umkamen, wurde freilich nie bekannt gegeben.

 

 

 

Wenn sich die MPs (Members of Parliament) nicht benehmen, werden sie vom Speaker zurechtgewiesen. Aber meistens tagt das Parlament ja gar nicht. Überhaupt passiert in Ottawa gewöhnlich strenggenommen nicht so viel.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wie die Leichen der ermordeten Soldaten zurückgebracht werden, darf die Presse jetzt nicht mehr zeigen. (It’s not good for the mission.)

    Zwischen Ottawa und Hull gibt es mehrere Brücken, von denen besonders die dem Parlament nächstgelegene einen prächtigen Anblick über die lichterlohen Spiegelbilder der Stadt bietet. Auf der anderen Seite muss man sich in Acht nehmen. Bei Rot rechts abbiegen ist nämlich in der Provinz Quebec – anders als in Ontario – nicht erlaubt. In den geschmeidigen Streifenwagen fluchen die Ordnungshüter abwechselnd auf Englisch und Französisch. Die entsprechend zweisprachigen Zettel liegen bereit.

Ein paar Minuten dauert die Fahrt bis zum Parc Gatineau. Unterwegs kann man sich ein bisschen im Musée des Civilisations aufhalten, etwa um die Totem Poles der alten Indianer oder die Kanus der ersten Voyageurs zu bewundern, die vor ein paar Jahrhunderten Kanadas unendliche Wasserwege für den neugierigen und geschäftstüchtigen europäischen Blick erschlossen. Jenseits des Ottawa Flusses sieht man Parliament Hill. Wenn sich die MPs (Members of Parliament) nicht benehmen, werden sie vom Speaker zurechtgewiesen. Aber meistens tagt das Parlament ja gar nicht. Überhaupt passiert in Ottawa gewöhnlich strenggenommen nicht so viel. Dafür haben die Leute mehr Muße, am Ufer entlang zu laufen oder sich der Wälder ringsherum zu freuen.

    Die Biberfelle aus der Zeit Chingachgooks und seines Sohns Uncas glaubt man noch irgendwo an der Wand hängen zu sehen – inmitten all der oft literarisch und sozio-kulturell verklärten geschichtlichen Deutungen der Zivilisation, die überall feilgeboten werden. Den letzten Mohikaner glaubt man gerade noch im Vorbeigehen erhascht zu haben. Vielleicht will auch er bald Parc Gatineau besuchen. Den vorletzten, den letzten, den allerletzten Premier glaubt man gerade vor einem skandallüsternen Rudel Journalisten abhauen zu sehen. Sponsorship scandal. Gun registry scandal. Canadian Steamship Lines. Western allienation. Schulterschluss mit der kriegführenden Rechten im Süden. Aufschraubung der militärischen Doktrinen. Verstärkter Truppeneinsatz, größere Verluste. Keine Trauer mehr, wenn Soldaten umkommen (Wird von nun an alles am 11. November, am Remembrance Tag, getan, so die neue konservative Führung). Die vorwurfsvollen Fragen der Familienangehörigen kleben am Ohr, die feinen political arrangements der Parteiangehörigen kleben am Image. Die Zügel sind straff – es geht nun angeblich wo hin. Der neue Premier hält sich tapfer im Sattel, sein Gewissen sei rein, er ist ein "Westerner" aus Alberta – nicht unbedingt sprachfreudig, aber immerhin tatkräftig. Nun hat er die zentralen Provinzen erobert. Und er will sich gern einen Namen machen, etwa einen Namen, der in die amerikanische Geschichte eingehen könnte. Nahen Journalisten, so bleibt er stumm wie ein Fisch. Die newspaper men wollen aber immer wissen, was es damit auf sich habe, wenn an höchster Stelle Versteckenspielen groß geschrieben wird. Wie die Leichen der ermordeten Soldaten zurückgebracht werden, darf die Presse jetzt nicht mehr zeigen. (It’s not good for the mission.)

 

 

Und verteidigen wollen wir uns jedenfalls bis auf den letzten Mann, schon allein deswegen, weil uns ja keiner angreift.

Der Premier fährt schnell zu seiner Residenz an der Sussex Drive und denkt daran, dass während seiner Amtszeit die Korruption ja eigentlich vergleichsweise gar nicht so arg wuchert. Dafür wurde das kriegsscheue Kanada nun endlich auf Linie gebracht. Und verteidigen wollen wir uns jedenfalls bis auf den letzten Mann, schon allein deswegen, weil uns ja keiner angreift. Unter den Liberalen sei zum Beispiel die kanadische Armee auf den Hund gekommen, aber jetzt heißt es wieder brav Rüsten. Ein bisschen rechtskonservativ sein: Ja, warum auch nicht? Die Zeiten sind halt so, und aus dem Süden weht ein frischer, nein, ein aufschlussreicher Wind. Erdöl stinkt nicht, um das mal so auszudrücken. Die historische Perspektive, ja fast jede Perspektive geht im Mitläuferzwang freilich leicht verloren.

    Question period in the Parliament: Wo steht Ottawa eigentlich? Wer gibt die Töne zum Marsch an? Wo liegt die Wahrheit, wo liegt die Unwahrheit einer Formulierung? Was für ein Krieg ist ein guter Krieg? Wo kommt die Zukunft her, wo will die Vergangenheit hin? Wem gehören die Geschicke einer Nation? Wieviel Wasser fließt zwischen Kanada und den USA? Woran denken die Fahrer, wenn sie Gas geben?

Mit allen Wassern gewaschen sein, ist Teil der Politik. In den Rückspiegel blicken, ist Teil jeder Fahrt. Sauberkeit ist ein polisemantisches Wort. Vom Badezimmer aus kann der Premier Rideau Hall in zwei Minuten erreichen, falls er Lust auf eine Führung hat. Und wenn nicht, dann streift er einfach durch Rockcliff Park herum, wo der Hang allerdings recht steil ist. Da kann er die drei Flüsse bestaunen, und sein Land, das darauf basiert.

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