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Austrokanadisches Schnitzel
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Servus in Kanada! Natürlich brauchen Österreicher auch jenseits (diesseits) der
großen atlantischen Wasserfläche wohlzubereitete Nahrungsmittel und entsprechend
bedachtsam destillierte Getränke, um hundertprozentig zu überleben.

Von Vasile V. Poenaru



(c) privat

Vasile V. Poenaru (bardaspoe@rogers.com),
Germanist und Autor (geb. 1969), mehrjährige Tätigkeit als Journalist für kanadische Zeitungen, derzeit Doktorand an der Universität Toronto.

Veröffentlichungen:

Literaturwissenschaftliche Abhandlungen, Essays, Kurzgeschichten, Kurztheater, Lyrik, Theaterkritiken,
Buchrezensionen und Übersetzungen in Rumänien, Deutschland, Österreich, Kanada und USA.

 

 

Canadian Austrian Society of Toronto

     Wo schmeckt das nordamerikanische Schnitzel tatsächlich wie ein Schnitzel? Wie lange braucht die Donau von Wien bis Toronto? Und wieviel bleibt da noch von der Donau übrig? Weshalb tanzen die Tiroler ums Lagerfeuer? Seit wann dienen Austrokanadier der Queen und nicht dem Kaiser? In welchem Jahr wurde der Taler zum Dollar? Wie viele Bestandteile hat eine Nation?

Derart überregionale k.und k. Fragen müssen unwillkürlich auftauchen, wenn sich einer daran macht, die kanadischen Austrians in ihrer mehr oder weniger traditionellen Tracht und Gemütsfracht zu zählen. (Es sind ihrer ziemlich viele, wochenlang waren alle meine Computer ständig damit beschäftigt, ihre ausgesprochen nationalen und sogar internationalen Töne einzufangen. Dabei entstand eine gemischte Hymne.)

    Beim Aufzählen soll’s nicht bleiben. Eine gruppenübergreifende Darlegung, eine völkerverbindende Standortbestimmung, mehr noch, ein Portrait soll her!
Ich hab die Österreicher in Toronto mit behutsam kritischem Blick gemustert. Manche unserer Mitmenschen behaupten, sie seien geizig. Für mich aber ist das kein Fehler: Wer den Groschen nicht ehrt, ist den Taler nicht wert. Und übrigens finden sich bei den Austrokanadiern (in höherem Maße als bei sonstigen unkanadischen Kanadiern) durchaus rare und bewundernswerte Eigenschaften, die unter anderem in gastronomischen wie geistigen Gefilden vorzüglich freigesetzt werden, wenn's der feierlichen Alpengaumenfreude gilt, sei es nun zur festlichen Veranstaltung des Österreichischen Nationalfeiertags von seiten des hiesigen Generalkonsulats oder etwa zum frühjährlichen Gala-Ball der Canadian Austrian Society of Toronto, die sehr tätig ist, weil sie österreichisch ist, aber nicht zu hektisch: weil sie eben österreichisch ist. Und da ich zwar nicht unbedingt bestechlich bin, die zusprechende Freundlichkeit und stimmungsvolle Lebenslust der alpenländischen Gemeinde in der nordamerikanischen Multi-Metropole jedoch mehr als ein Mal durchaus zweck- und gefühlsmäßig brav genossen habe, war mein behutsam kritisches Urteil verständlicherweise alles andere als unvoreingenommen ausgefallen. Vielleicht auch deswegen, weil die Österreicher mitunter Österreichisch sprechen, was ich an sich lobenswert finde. (Weil es gut klingt.)


Servus in Kanada!

 

 

 

 

 

Jodeln in Toronto

Servus in Kanada! Land des CN-Turms, Land des Skydoms, Land der Seen, Land der Mindesttemperaturen: True patriot love in all thy sons command. Viele Gewerbe aus der lieben alten Heimat sind hier vertreten, viele Künste, viele Flucht- oder Geschäftswege kräftiger Unternehmer mit interkontinentaler Veranlagung. Salzburg Furniture of Toronto darf man zum Beispiel in den Yellow Pages lesen. Holz gibt es nämlich überall, wo Bäume wachsen. Bäcker backen tüchtige Jagdschnitten nördlich vom Hafen, und die kundigen Nacheiferer goldener Zeitalter schmieden Gold, schmieden Pläne für eine volle rot-weiß-rote Zukunft in einer Metropole, die mehr sein will als die bloße Summe ihrer Bauten.

    Gemütlichkeit: Wer kennt dieses Wort nicht? Manchmal strahlt es mitten in der Stadt. Ja manchmal wird am Fuße der Wolkenkratzer sogar leise oder aber auch laut gejodelt! Meist wird jedoch gearbeitet, in Wien ist man ja schließlich auch immer früh auf den Beinen. Und viele haben ihren Beruf mitgenommen, als sie sich ins transatlantische Kanu stürzten, um die entgegengesetzte Seite der Welt in trauter Andersheit zu erleben!

 

 

 

 

"Hans aus den Alpen"

Es wäre jetzt bestimmt verkehrt, das inwendige Biogramm österreichischer Paradigmen im unendlichen Land der Wasserwege allein auf einen Beschäftigungsbereich zu begrenzen. Wenn ich aber an das Donauvolk in Toronto denke ( irgendwie zähle ich mich insgeheim hinzu), taucht jedoch ebenfalls gleich der Begriff Schokolatier-Meister auf, das ist bestimmt etwas ganz, ganz, oder eben doch fast ganz Subjektives, denn schließlich bauen die Österreicher ja auch Autoteile in Ontario, ohne daß ich gleich an Reifen, Blech und Stoßzangen denke.

    Aber bei den Süßigkeiten ist man so richtig dran, genußmäßig, gemütsmäßig, geographisch und auch sonst: Auf jeder Alpenmichschokolade sind die Alpen abgebildet, und daß die Alpen irgendwo liegen, ist selbst in Nordamerika für breite Schichten der Bevölkerung mitunter fast vollkommen klar. (Handeln doch die besten Witze in der Neuen Welt von Hans aus den Alpen!) Andacht wird bestimmt viel angesagt sein, nur, wenn ein Berg oder ein Wolkenkratzer sehr weit in die Höhe schießt, beginnt unwillkürlich das Sinnieren. Und wenn sich einer recht besinnt, wenn einer richtig lange nachdenkt, dann taucht freilich auch irgendwann einmal die Frage auf, was die Österreicher denn überhaupt in Toronto treiben, wo doch der CN-Turm kein Großglockner und der Skydom kein Stefansdom ist, wenigstens nicht strenggenommen.

Mehr als 100.000 österreichstämmige Kanadier finden sich nördlich der Großen Seen

Mehr als hunderttausend österreichstämmige Kanadier weilen nördlich der Großen Seen, darunter volle zehntausend allein in Toronto (wie viele davon "echt" sind und was hier "echt" heißt, ist eine Frage, die man angesichts der vielfalls ethnisch-historisch gefärbten, stilistischen und gegebenenfalls linguistisch-musikalischen perspektivischen Bedingtheit äußerst differenziert betrachten mag). Die ersten Austrians zog es bereits im siebzehnten Jahrhundert her, als sie hörten, daß in der Nouvelle France die Streitaxt ausgegraben wurde. Schon damals hat man die Verteidigungskriege sehr weit von der Heimat weg geführt. (Gewonnen. Verloren. Wiedergefunden.) Die letzten kamen von wegen der New Economy. Manche gingen aber auch wieder heim.

     Ein Austria-Town gibt es in Toronto nicht, ein kleines Österreich schon gar nicht. Dann vielleicht ein großes? In gewisser Hinsicht schon, soweit man sanfte Paradigmen des Gemüts gelten läßt. Die altdeutsche Idee des Imperiums ist nämlich in Österreich nie gut angekommen, ebensowenig wie der amerikanische Imperialismus in Kanada beliebt ist. Es wird manchmal behauptet, daß sein Nachbarland für einen Amerikaner immer so aussieht, als seien die Kanadier gerade mitten im faulsten Walzer begriffen. Und Eleganz wird leicht als Schlamperei mißdeutet.

Das vielgeliebte kleine Überbleibsel des musikalischen Kaiserreichs und das große unbevölkerte Land unter dem Nordpol haben Einiges gemeinsam

Die zahlreichen Österreicher im Großraum Toronto haben sich gewöhnlich schnell in die kulturellen Bilder und Sinnbilder des Ahornblatts integriert, was vielleicht gar kein so großes Wunder ist. Das vielgeliebte kleine Überbleibsel des musikalischen Kaiserreichs und das große unbevölkerte Land unter dem Nordpol haben Einiges gemeinsam: die Schwierigkeit, ethnisch "sauber zu sein", ein gewisses Unbehagen gegenüber prompter "Strenge" überheblicher Kultusleute und die Fähigkeit der Menschen, sich im Nu anzupassen.

    Man braucht keinen deutsch klingenden Namen, um Österreicher zu sein, sind doch oft genug die Groß- und Urgroßeltern der österreichischsten Österreicher eigentlich einst Angehörige fremder Völker gewesen. Freilich heißen die meisten Kanadier John und Mike oder so, doch tun sie es nur deswegen, weil man sich in Nordamerika nie einen Namen merkt, besonders dann, wenn er mehr als zwei Silben hat. Die vielen Johns und Mikes kommen aus allen Ländern der Welt und sind im Englischen nicht unbedingt bewandert. Aber wenn man jetzt fragt, würde strenggebommen wohl keiner mehr wissen, daß zum Beispiel der berühmte kanadische Pianist Anton Kuerti eigentlich ein Österreicher ist - oder war, wie dem auch sei...

Jede kanadische Stadt besitzt zumindest einen österreichischen Club oder Verband

Speck und Brot: keine Hungersnot. Natürlich brauchen Österreicher auch jenseits (diesseits) der großen atlantischen Wasserfläche wohlzubereitete Nahrungsmittel und entsprechend bedachtsam destillierte Getränke, um hundertprozentig zu überleben. Jede kanadische Großstadt hat wenigstens einen österreichischen Club oder Verband oder sonstige einschlägige Möglichkeiten, die grüne Seite der Existenz in erbaulicher Gemeinsamkeit wahrzunehmen.

    Wo immer auch die Mokassins hinzielen: Gesellige Landsleute finden ist kein Problem. Den berühmten Donauschwaben-Club in Toronto (auch Blue Danube genannt) etwa muß man zwar nicht direkt österreichisch heißen, aber man darf’s. Freilich gibt es in Toronto dazu noch so viele "echt" österreichische Verbände, daß bald jedes Bundesland mehrfach vertreten ist. Ein Blick auf die Liste nimmt Wunder:

Austrian Alpine Singer, Austrian-Canadian Congress, Burgenländer Club Inc., Burgenländische Gemeinschaft - Sektion Toronto, Club der Kärntner in Toronto, Continental Austrian Club Inc., Mixed Choir Edelweiß , Steirer Klub Toronto, Toronto Kärntner Bund Ontario, Yahoo Club Austria.


Austrokanadische Quatsch- und Eßkultur

 

 

 

 

 

 

 

 

"Welcome to Schnitzel House"

Die bekömmliche kilokalorische Offenbahrung einer kanadisch gefärbten Quatsch- und Eßkultur kann sich auch mitten drin in der Wildnis ereignen. Das größte Land auf Erden hat nämlich dichte Wälder. Und ich fuhr mit meiner Familie quer durch den Algonquin Park (Ontario), wo einer sich übrigens stets auf Braunbären, Grizzlybären und Elche gefaßt machen muß, die das weite Gebiet dieseits wie jenseits der Landstraße gerne ihr eigen nennen und manchmal sogar sowas wie Fremdenhaß an den Tag legen, um einen Begriff der Territorialpolitik zu gebrauchen. Wir hatten nichts Böses vor, jedenfalls nicht in den eindringlicheren Schichten des Bewußtseins, doch unbarmherzig überkam uns allmählich ein heimtückisches Gefühl jenseits der Rippen, von dem die weisen Indianer rund um die Wigwams von alters her behaupteten, daß es sich durch einen anständigen Braten für volle sechs Stunden stillen lasse.

    Land der Wiener Schnitzel, Land der Apfelstrudel....Vielgeliebtes Kanada, wo darf man sich totfressen? Als wir uns also an sich (oder soll ich sagen an uns?) eher unbekümmert und im gewissen Maße gedankenfrei, wenngleich nicht echt gedankenlos durch die Wildnis des neuen multikulturellen Kontinents entlangschlichen, wobei wir entsprechend positive und gewissermaßen geradezu gemütliche Ideale hegten, ohne im eigentlichen Sinne der Wortschaft an Österreich und die Österreicher zu denken, schoß auf einmal aus trautem Ungefähr vielfacher Eßbarkeit ein schmuckes Schild auf uns zu, ein gar unbekleckertes Schild, auf dem vollkommen lesbar und grammatikalisch tadellos ein versprechendes Kennzeichen alpenlänischer Anständigkeit zu bejubeln war: "Welcome to Schnitzel House." Wieder mal ein österreichisches Restaurant! Hoch lebe die Queen!


"It’s a good thing to preserve Austrian culture"

Grüß Gott!  freuten wir uns, Lederhosen und Almhütten im Gedanken. Sorry, we don’t speak German. Muß nicht sein, das Schnitzel schmeckt trotzdem. And anyway, it’s a good thing to preserve Austrian culture. Ich mußte an den in Deutschland geborenen und später mit seinen deutschen Eltern nach Kanada gerutschten Peter denken, der mir gesagt hatte: Though I don’t speak any German, I am proud of my German heritage, I really am. So leicht geht was verloren, so leicht bleibt was.

    Stolz muß einer schon sein, das ist klar. Aber ob’s mit dem Stolz allein getan ist? Von Wien hat jedenfalls alle Welt gehört, und auch von der UNO. Gerne wird hierzulande freilich Austria mit Australia verwechselt. Es gibt nämlich zwar keine Känguruhs in den Aplen, dafür immerhin Gemsen. Und schließlich leben ja auch in Australien Österreicher. (So the Austrians have no trouble learning German?)


Kanada - ein k. und k. Vielvölkerstaat?

 

 

 

 

 

 

 

Toronto ist ein großes Österreich, nur eben sehr viel kleiner

Konditoreien und Walzer machen stabile kulturelle Werte aus, die gemeinsam mit anderen Produkten des Gemüts für eine großzügige Anschauung der Dinge stehen, die aufs bekömmliche Detail zurückgeht. Über den beständigen Genuß munterer Apfelstrudel und das flüchtige Ärgernis momentaner Schreipolitik hinweg reicht die österreichische Idee menschlichen Miteinanderseins in Toronto allerdings weit in das kollektive Unterbewußtsein einer Gemeinde, die dem k. und k. Vielvölkerstaat in seiner tieferen Veranlagung als Brennpunkt des von Produktivität und Antagonismus geprägten Zwielichts bunter Werdung nicht unbedingt ferne liegt. Die Vielvölkerstadt umschließt mit ihren Asphaltschlingen eine schlicht anempfohlene Idee vom sinnvollen Austausch und freilich manchmal auch die ungenierte Verwirklichung sinnloser Triebe eines mutierenden Identitätsparadigma. (Servus, man!)

Dom oder Turm. Taler oder Dollar. Kongreßstadt Wien versus Kongreßstadt Toronto. Darum geht es nicht, sondern eher um Wiener Schnitzel und gute Laune. Auch nicht? Dann wohl um die nationale, um die internationale Identität der Österreicher? Zugegeben, es wird wohl mehr drin sein. Die Salzburger Getreidegasse etwa ist nicht lang, doch sie führt wo hin. Und Toronto darf man in gewissem Maße als ein großes Österreich bezeichnen, nur eben sehr viel kleiner. Am Ontario See läßt sich manchmal die Sehnsucht nach seinem Selbst widerspiegeln. So leicht bleibt was.

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